Ausgabe 
2.12.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 283 Erstes Blatt. Sonntag den 2. December 1888.

Weßemr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Gefunden: 2 Armbänder, 1 Griffelbüchse, 1 Vorstecknadel, 1 Pelzkragen, 1 Paar Filzsohlen, 1 Schippe, 1 Fuchsschwanz, 1 Taschentuch, 1 Hemm-

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn«

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

kette, mehrere Schlüssel.

Gießen, am 1. December 1888.

Telegraphisch« Aeprsche».

Ö*I1F* telegr. Lorrespondeirz. Bureau.

Berlin, 30. November. DenPolit. Nachr." zufolge beabsichtigt das Relchs- justizamr eine Vorlage über eine Reform der Proceßkosten oorzuberetten. Gelegentlich der Fortsetzung der Arbeiten für das bürgerliche Gesetzbuch, also nach Auflösung der zur Ausarbeitung eingesetzten Commission, soll weiterhin der Rath dieser Commission eingeholt werden.

Gutem Vernehmen nach dürfte eine Novelle zum Patentgesetz dem Reichstag noch in dieser Session vorgelegt werden.

Berlin, 30. November. Das Armee-Verordnungsblatt veröffentlicht eine kaiser­liche, von dem Staatsminister v. Bötticher gegengezeichnete Cabinetsordre vom 22. ds., wodurch die neue deutsche Wehrordnung, unter Aufhebung aller entgegenstehenden Be­stimmungen und mit vorläufigen Ausführungsbesttmmungen zum Gesetze über die Änderungen der Wehrpflicht vom 11. Februar 1888, genehmigt wird.

Paris, 30. November. Heute früh fand ein Pistolenduell zwischen Reinach und Decoulede auf der Hochebene von Chatillon statt bet 25 Schritte Distanz und zweimaligem Kugelwechsel. Eine Verwundung hatte nicht statt.

Paris, 30. November. Hier verbreiteten Gerüchten zufolge soll Herr Patenotre zum Minlsterresidenten Frankreichs in Tanger ernannt werden.

Zanzibar, 30. November. Gestern verjagte der deutsche Geschwaderchef die Aufständischen, welche sich in Midi (südlich von Bagamoyo) wieder gesammelt hatten, von dort und zerstörte das Dorf, wobei ein Matrose leicht verwundet wurde.

Verhör mit ihm vornahm. Dabei verwickelte sich Dauth in so viele Widersprüche, daß er endlich zugeben mußte, der Verfolgte zu sein. Namentlich wurde er dadurch zum Geständniß gezwungen, daß man bet ihm die sämmtltchen, dem Ermordeten gestohlenen Sachen vorfand. Auch wurden in seinem Besitz 3000 vollzählig vorgefunden. Erft um lV/i Uhr Abends war Dauth mit Bestimmtheit recognoscirt und wurde er dann in Begleitung der beiden Beamten gefesselt zum Bahnhof geführt. Dauth war sehr unruhig, seine Blicke waren unstät, seine Augen blickten finster. Man befürchtete einen Gewaltakt von ihm und wurde er daher zur besseren Sicherheit, wie erwähnt, in Eisen geschlossen. Sein Gesicht hatte, abgesehen von ben erwähnten Ver­änderungen, auch sonst ein ganz anderes Aussehen erhalten, es war stark geröthet und aufgedunsen. Allem Anscheine nach hat Dauth während der Zeit seiner Verfolgung stark getrunken. Bei seiner Verhaftung trug Dauth einen schwarzen Jacket Anzug. Dem erwähnten Officier, wenn derselbe wirklich der erste Veranlasser zur Verhaftung Dauth's gewesen ist, sowie den beiden erwähnten Karlsruher Officianten würde also das Verdienst gebühren, Dauth dingfest gemacht zu haben. Uebrigens verlautet, daß auch ein Bahnbeamter sich um die Verhaftung des Dauth verdient gemacht habe. Dauth führte einen kleinen Reisekoffer bet sich, in welchem man die dem Hülseberg geraubten Sachen vorfand. Außerdem befanden sich in dem Koffer mehrere Stücke Gardinen, welche er nach der Mordthat vom Fenster heruntergerissen hat, sowie eine Spreitdecke. Beides war mit Blut getränkt. Vermuthlich hat er sich mittelst dieser Zeugstücke vom Blute zu reinigen versucht. Weßhalb er diese ihn so leicht verrathenden corpora delioti aufbewahrt und mit sich geführt hat, erscheint unbegreiflich.

Bremen, 28. November. ^Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiff« brüchiger.^ Rettung aus Seegefahr. Der Ortsausschuß der Station Büsum^be­richtet über die Rettung der aus 13 Personen bestehenden Besatzung herauf Bielshöven Sand gestrandeten russischen BarkTurko", Capitain Matthiesohn, mit Holz von Borgo nach Sevilln br ummt, wie folgt:

Am Sonntag den 25. November wurden wir durch einen orkanartigen West- sturm veranlaßt, mit dem SegelrettungsbootBüsum" hinauszufahren, um uns zu überzeugen, ob auf den gefährlichen Außengründen Schiffe verunglückt seien. Um 4 Uhr Morgens fuhren wir aus dem Hafen, kreuzten die Süderpiep aus und trafen sehr viel Holz an. Etwa um 5 Uhr erblickten wir auf Bielshöoen Sand ein gestran­detes Schiff, welches in einer furchtbaren Brandung sehr gefährlich lag. Unsere An­strengungen, das Schiff zu erreichen, wurden durch den niedrigen Wasserstand und durch die hohe Brandung vereitelt. Wir entschlossen uns daher, in der Nähe des ver­unglückten Schiffes zu bleiben, um die Fluth zu erwarten, welche nach etwa 3 Stunden einsetzte. Es gelang uns nun ziemlich nahe an das Schiff heranzukommen, welches bereits halb zertrümmert war. Die Leute an Bord riefen und winkten um Hülfe, doch wurden alle unsere Anstrengungen, um das Schiff zu erreichen, durch die furcht­bare Brandung vereitelt. Erst nach weiteren zwei Stunden gelang es uns mit eigener Lebensgefahr die aus 13 Personen bestehende Besatzung zu retten. Nachmittags um 4 Uhr, nach einer zwölfftündigen Abwesenheit, erreichten wir in erschöpftem Zustande den Hafen, worauf die Geretteten in beste Pflege genommen wurden. Das Rettungs­boot hat sich vortrefflich bewährt." ,

Außer den nach vorstehendem Bericht geretteten 13 Personen sind wahrend der heftigen Stürme in der letzten Woche weitere 18 Personen von 4 gestrandeten Schiffen theils durch Rettungsböte, theils durch Raketenapparate gerettet worden.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

_______ Fresenius.__

Handel und Verkehr.

Wochenbörseribericht,

mitgetheilt von E. Wasser schieben, Bankgeschäft.

Die Börse stand während der größeren Hälfte der abglaufenen Woche vorwiegend unter, dem Einfluß der Ultimo-Regulirung.

Man hatte erwartet, daß ein großer Therl der in schwachen Händen befindlichen Hausse-Engagements gelöst fein würde. Allein bald stellte sich, besonders in Berlin, Stückeüberfluß heraus, die Prolongationssätze, und mit ihnen der Prioat-Discont, zogen an und veranlaßten Realisationen. Hierzu trat noch der Einfluß des ^orEer Marktes, wo eine sehr empfindliche Baisse in Panama-Obligationen dre besten Werthe s^Auch politische Beunruhigungen, besonders die unklaren Zustände in Frankreich, wirkten ungünstig und veranlaßten wettere Verkäufe, die ziemlich bedeutende Cours­abschwächungen, besonders für leitende Bankwerthe, zur Folge hatten. ....

Nach beendigter Liquidation besserte sich die Stimmung, doch konnte, da rede äußere Anregung fehlte, keine einheitliche Bewegung zu Stande kommen.

Ueberhaupt legte sich die Speculation die größte Zuruckhaltung auf. Die be­stehenden Hausse-Engagements sind trotz der Klärung, welche die eben beendete Liqui­dation hervorgebracht hat, immer noch sehr groß. Aber dre Hoffnungen, unter denen dieselben eingegangen wurden, sind geringer geworden. ®lne »ach der anderen von allen den großen Emissionen ist oorübergegangen, ohne dre erwartete Anregung zu bringen. Politische Beunruhigungen, die früher ganz ausgeschlossen schienen, sind hinzu- 0etKtenion größtem Einfluß aber bleibt die Lage des Geldmarktes. Von ihr wird in erster Linie die Entwickelung der Course abhängen. Die Börse fühlt dies sehr wohl, sie beobachtet mit peinlicher Genauigkeit die Schwankungen der Zmssätze und rede geringe Veränderung derselben findet ihren Ausdruck in den Coursen der leitenden Papiere^ Qud) üorerß die Gefahr eines weiteren Goldabflusses nicht zu befürchten, da in der letzten Zeit sogar etwas Gold nach Deutschland geflossen ist, lo wird doch, angesichts der hohen Anforderungen, welche der December an den Geldmarkt zu stellen pflegt Geld seinen Preis behalten, selbst wenn das Ausland kein Gold fordern sollte, ppegr, ^^er schwebt über der Börse die Gefahr erneuerter Goldexporte und bevor btefe Gefahr nicht endgültig abgewandt ist, wird eine einheitliche Besserung der Course nicht zu erwarten sein.

Lokales,

Gießen, 1- December. Gestern Abend mußte die Polizei zu verschiedenen Malen zwischen streitenden Gymnasiasten und Stadtschülern, welche aus den Turnhallen kamen, tn der Südanlage und der Neuenbäue Ruhe stiften.

- r Ein Zimmermann aus Staufenberg, welcher gestern aus Amerika hier zuge­reift kam und in einer Wirlhschaft der Marburgerstraße sein Absteigequartier genommen, suchte mit den anwesenden Gästen anzubinden, wobei er einigen derselben das Boxen auf amerikanische Art begreiflich machte und namentlich einen Wiesecker Sandfuhrmann arg zurichtete indem er demselben mit einem zugelegten Taschenmesser am Kopf und im Gesicht etwa 9 Verletzungen beibrachte. Dem freien Staatsbürger wurde vorläufig Quartier-in der Ostanlage angewiesen.

sNeues Theaters. Am Sonntag kommtDes Lebens Mai", Posse mit Gesang und Tanz in 3 Acten und 6 Bildern von E- Jacobsohn zur Aufführung und können wir allen Theaterbesuchern einen sehr vergnügten Abend versprechen, um so mehr, da die Hauptrolle in den bewährten Händen unseres Directors liegt- Besagte Posse ist in Berlin über hundert Mal hintereinander gegeben worden, sicher ein Beweis, daß dieselbe lebenskräftig und vom Publikum mit Beifall ausgenommen wurde. Wir sind überzeugt, daß sie auch hier sehr gefallen wird. Von den Gesangseinlagen er­wähnen wir einer neuen Composition von R. Förster, ein Walzer, betitelt:Wie süß", welcher sich überall einer großen Beliebtheit erfreute.

sBürgerclubj. Wir sind in der angenehmen Lage mittheilen zu können, daß der Vorstand des Bürgerclubs für die am Samstag, den 8. December stattfindende SoirLe besondere Anstrengungen gemacht hat, seinen Mitgliedern einen vergnügten Abend ru bereiten, er scheut in dieser Hinsicht weder Mühe noch Kosten, so hat er auch dafür aesorat, daß das neueste Lustspiel von Schönthan und KadelburgDie berühmte Frau", welches augenblicklich seinen Triumphzug über die Bühnen Deutschlands macht, und überall mit dem größten Erfolg aufgeführt wird, von den Mitgliedern des neuen Theaters zur Darstellung gelangt. Da die Aufführung dieses Lustspiels mit großen Kosten verbunden ist, und der Vorstand des Bürgerclubs ein namhaftes Honorar für die Aufführung hat zahlen müssen, so verdient dieses Streben alle Anerkennung und hoffen wir, daß die nächste Soiree ein volles Haus zeigen wird.

Vermischte».

s Lollar, 30. November. Zwei Staufenberger Einwohner geriethen vor einiger Zeit mit einander in Streit, im Verlaufe dessen der eine dem andern vorwarf, er habe vor 3 Jahren seine eigene Hoiraithe ungezündet. In der Thal ist bis heute die Ursache des vor 3 Jahren in der Hofraithe des Einen der Streitenden ausgebrochenen Schadenfeuers noch nicht aufgeklärt. Der also Beleidigte strengte Klage an und wurde der Beleidiger denn auch vom Schöffengericht in eine entsprechende Strafe genommen. Der Bestrafte ließ es aber dabei nicht bewenden, sondern richtete gegen seinen Wider­sacher weitergehende Aussagen, infolge deren Letzterer in Untersuchung gezogen wurde.

Karlsruhe, 29. November. Heber die Ergreifung des Mörders Dauth gehen den Hamb Nachr." folgende Angaben zu: Dauth war einem Mädchen, welches früher als Passagierin auf dem DampferHammonia" gefahren war, und mit welchem er auf diesem Schiffe anscheinend sehr vertraut geworden war, nach Karlsruhe gefolgt. Die Ergreifung und Verhaftung des Mörders ist einem Offizier zu danken, welcher Dauth damals auf dem DampferHammonia" gesehen hatte und ihn in Karlsruhe in dem Augenblick antraf, als er das Haus, in welchem jenes Frauenzimmer wohnte, betrat Der Offizier machte hierauf der Poltterbehorde in Karlsruhe von seiner Ent­deckung Mittheilung und erfolgte dann die Festnahme des Dauth. Dauth war in Karlsruhe unter dem Namen Fischer aus Frankfurt a. M. im HotelWeißer Bar abgestiegen. Den übrigen Bewohnern des Hotels und der Dienerschaft war sofort das scheue und finstere Wesen des Gastes aufgefallen. Eines der bedienenden Mädchen in dem Hotel soll sich sogar geweigert haben, sein Zimmer zu betreten. Mittags gmg Dauth aus dem Hotel fort und wurde bann, wre erwähnt, von dem Offizier, wie es beißt einem Schiffsingenieur, gesehen. Die Verhaftung erfolgte durch die Karlsruher Polizeibeamten Schlich und Schweizer welche in die Wohnung des Frauenzimmers eindrangen. Anfänglich leugnete Dauth auf das Entschiedenste, der Verfolgte zu sein. Es war auch vorerst nicht möglich, ihn genau zu recognosziren, denn Dauth hatte sich den Bart abnehmen und das Haar kurz scheeren lassen. Er wurde aus der Wohnung des Frauenzimmers in das Untersuchungsgefangnitz ubergesuhrt, wo man sogleich ein