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Nr. 2S7

Freitag den 2. November

1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

V«r«a«r Schulstraße 7. * ' Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Bürgermeiflerversammlungen. Gießen, den 31. October 1888.

An die Orofth Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Ich lade die Herren Bürgermeister des Kreises, und in ihrer Verhinderung die betr. Herren Beigeordneten zu Besprechungen ein, bei welchen die Versicherung der land- und sorstwirthschastlichen Arbeiter zur Erörterung kommen soll, und zwar

1) die Herren Bürgermeister aus den Amtsgerichtsbezirken Hungeu, Lich, Butzbach und Nidda auf

Dienstag den 6. November d. I., Nachmittags 2 Uhr, nach Hungen (Solmser Hof" bei Herrn Jockel);

2) die Herren Bürgermeister aus dem AmtsgerichtSbeUrk Gießen auf

Freitag den 9. November d. I., Nachmittags 3 Uhr, nach Gießen in den Sitzungssaal des Provinzial-Ausschuffes;

3) die Herren Bürgermeister aus den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Laubach und Homberg auf

Montag den 12, November d. I., Nachmittags 1 Uhr, nach Grünberg (Gasthauszum Hirsch" bei Herrn Hofmann).

v. Gagern, Provinzialdirector.

Deutschland.

Darmstadt, 31. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 24. l. Mts. den Verzicht des Geheimeraths Professors Dr. Wasserschleben in Gießen auf die Rechte eines lebenslänglichen Mit­gliedes der Ersten Kammer der Stände Allergnädtgst anzunehmen geruht.

Telegraphische Depeschen.

BellF# ttUgr. Carrespouderr, - Bureau.

Leipzig, 31. October. Der König von Sachsen und Prinz Georg sind heute Mittag gegen 12 Uhr eingetroffen und von den Spitzen der Behörden am Bahnhof empfangen worden. Sie begaben sich in das Königszimmer und erwarteten daselbst die Ankunft des kaiserlichen Zuges, welcher eine Viertelstunde später eintraf. Der Kaiser stand am Fenster des Salonwagens und grüßte den König bereits von dort aus. Nachdem der Kaiser dem Wagen entstiegen war, küßten und umarmten beide Monarchen sich herzlichst und begaben sich in das Königszimmer, wo die Begrüßung durch die Behörden erfolgte. Auf die Bewillkommnungsansprache des Oberbürger­meisters Georgi erwiderte der Kaiser mit huldvollen Dankesworten. Die Fürsten ver­ließen darauf den Bahnhof, schritten die Front der außerhalb des Bahnhofs ausgestellten Ehrencompagnie ab, bestiegen die Hofequipagen und fuhren unter brausenden Jubel­rufen einer unabsehbaren Menschenmenge durch die reichgeschmückten Straßen nach dem Festplatz. Es herrscht Prachwetter.

Leipzig, 31. October. Der Kaiser fuhr, stürmisch begrüßt, zum Festplatz an das neue Rerchsgertchts-Gebäude. Staattzminister v. Bötticher erbat sich die Erlaubnitz, zu beginnen, und verlas die einweihende Urkunde. Der Gesandte v. Lerchenfeld über­reichte die Kelle, womit der Kaiser den Mörtel an den Schlußstein warf. Der Vize­präsident des Reichstags, Buhl, überreichte den Hammer, worauf der Kaiser, König Albert und die übrigen Herrschaften, die Vertreter der Behörden rc. die Hammerschläge vollzogen. Den Weihespruch sprach Superintendent Pank. Zum Schluß brachte Reichs­gerichtspräsident Simson das Hoch auf den Kaiser und auf den König Albert aus. Hierauf besichtigten die Fürsten das Gewandhaus, welches glänzend beleuchtet war. Als sie eintraten, brachte Bürgermeister Tröndltn ein Hoch auf die Majestäten aus. Die­selben wohnten dem ersten Thetl des von der Stadt gegebenen Eoncertes bei. Beim Verlassen des Saales dankte der Stadtverordnetenvorsteher Schill den fürstlichen Gästen für ihren Besuch und brachte noch ein Hoch auf sie aus. Die Abfahrt des Kaisers vom Bahnhof erfolgte um 3^2 Uhr, nach herzlicher Verabschiedung vom König Albert. Um 6 Uhr wurde im Buchhändlerbaus von der Stadt den geladenen Festtheilnehmern ein Festmahl gegeben.

Potsdam, 31. October. Der Kaiser ist Abmds um 7 Uhr 36 Min. mit einem Sonderzug hier eingetroffen und hat sich alsbald zu Wagen nach dem Marmorpalats begeben.

Kopenhagen, 31. October. Zum Besuch des hiesigen Hofes anläßlich des be­vorstehenden Regterungsjubiläums des Königs sind officiell bis jetzt angemeldet: Se. konigl. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen, der Großfürst-Thronfolger von Rußland, sowie die Kronprinzen Rudolf von Oesterreich, Gustav von Schweden und Constantin von Griechenland. Auch das Eintreffen des Prinzen von Wales wird erwartet.

London, 31. October. Rach Sheffielder Meldungen haben die Besitzer der Kohlengruben in Aorkfhire in einer gestrigen Versammlung beschlossen, den Forderungen der Kohlengrubenarbeiter nachzukommen, da die Arbeitgeber an anderen Orten dies bereits getban hätten, damit die Arbeitseinstellung vollkommen beseitigt werde.

Rom, 31. October. Heute Nacht brach in einem großen mit alten Möbeln gefüllten Parterresaale des Quirtnals eine Feuersbrunst aus, welche sämmtliche Gegen­stände verzehrte, aber in Folge sofortiger Rettungsarbciten auf den Saal lokaltsirt blieb. Die Entstehungsursache ist unbekannt. Der Schaden ist verhältnißmäßig nicht bedeutend. In dem ausgebrannten Saale scheinen sich Fackeln und Pech befunden zu haben. Der anstoßende Saal enthält das Silberzeug und die Bronzen des HofeS im Werthe von einer Million.

Rom, 31. October. Der König und Crispi übersandten dem russischen Kaiser und der russischen Regierung Glückwünsche anläßlich des verhältnißmäßig glücklichen Ausgangs des Bahnunglücks. Der Zar und die russische Regierung antworteten sehr herzlich. Graf Paar überreichte dem Papste sein Abberufungsschreiben. Der Papst überreichte dem Grafen darauf eigenhändig den Christusorden. Die gerichtliche Untersuchung wegen der Entstehuna des Brandes im Qutrinal hat begonnen. Der Schaden wird auf 20,000 Lire geschätzt.

Petersburg, 31. October. Der Minister des kaiserlichen Hauses theilt über die Entgleisung des kaiserlichen Zuges folgende Einzelheiten mit: Der Kaiserzug ging am 17./29. October Mittags aus Taranowka ab und entgleiste zwischen diesem Orte und Borki auf einer durch eine ziemlich tiefe Schlucht führenden Strecke. Während der Entgleisung befanden sich der Kaiser, die kaiserliche Familie und das Gefolge beim Frühstück im Speisewagen. Als der erste Wagen des Zuges entgleiste, entstand ein fürchterliches Schwanken und die folgenden Wagen flogen nach beiden Seiten. Der Speisewagen verblieb zwar auf dem Bahndamm, erhielt aber eine unerkennbare Gestalt, da die Wagenunterlage mit den Rädern herausgeschlagen und die Wände platt gedrückt wurden. Das auf die eine Seite gekehrte Dach bedeckte die im Wagen Anwesenden. Es schien Anfangs, daß bei solcher Verwüstung Niemand unversehrt bletbm könnte,

allein der Kaiser und die kaiserliche Familie verließen unverletzt den Wagen; auch die übrigen Insassen des Wagens wurden gerettet und dieselben hatten nur leichte Stöße und Verletzungen erh-lten. Der Flügelaojutant Schercmetjew ist mehr als die anderen, dber nicht schwer verletzt. Bei dem Sturz der übrigen Theile des zertrümmerten ZugeS sind getodtet worden: Der Stabscapitän des Feldjägercorps Bresch, ein Heilgehülfe, ein Schreiber, ein Offiziant, zwei Couriere, ein Kammerkosak, ein Jäger, fünf Etsenbahnbedienstete und sechs Soldaten des Etsenbahnbataillons. 18 Personen sind verwundet. Der Ober-Jnspector der Eisenbahnen, Stjernval, erhielt einen starken Stoß. Die Kaiserin ordnete persönlich an, wie den Verwundeten Hülfe zu leisten war. Trotz des anhaltenden Regens und schlüpfrigen Bodens stieg der Kaiser mehrmals die Böschung zu den Todten und Verwundeten hinab und suchte den herbeigeholten Reservezug erst auf, als der letzte Verwundete im Sanitäts- train untergebracht war. Di« Verwundeten werden nach Charkow geschafft. Am Orte der Entgleisung blieb ein Offizier zurück, um die Beförderung der Leichen und die Einsammlung der Sachen aus den zerschlagenen Wagen zu beaufsichtigen. Der Kaiser ordnete die Uebersührung der Todten nach Petersburg an, sowie die Ver­sorgung der Hinterbliebenen derselben. Wegen der durch die Entgleisung verursachten Bahnsperre ging der Zug mit der kaiserlichen Familie nach Sosowoje zurück, wo auf kaiserlichen Befehl von der Dorfgeiftlichkett eine Todtenmefse für die Opfer des Bahn­unfalles gelesen und ein Dankgottesdienst anläßlich der wunderbaren Errettung aus großer Gefahr abgehalten wurde. Hierauf lud der Kaiser alle im Zuge Gewesenen, einschließlich der Bediensteten, zum Mittagessen im Stattonssaale ein. Die Untersuchung wird den genauen Grund der Zugentgleisung aufflären, indessen kann kaum von einer bösen Absicht hierbei die Rede sein. DemGrashdanin" zufolge ging der kaiserl. Zug mit einer Schnelligkeit von 65 Werst die Stunde und wurde von zwei Lokomotiven geführt. Die erste Lokomotive bohrte sich in den Bahndamm ein, die zweite wurde zertrümmert. Die nächstfolgenden Wagen waren größtentheils von Hofbediensteten besetzt; der nächste war der Küchenwagen, hierauf folgten die Wagen des kaiserlichen Gefolges und der Speisewagen. Das Gefolge, darunter der Verkehrsminister Possjet und der Oberinspector der Eisenbahnen, Baron Stjernval, befanden sich in einem vorderen Wagen. Anläßlich der wunderbaren Rettung findet allenthalben feierlicher Dankgottesdienst statt. Die Zeitungen tadeln die Eisenbahnverwaltung heftig, welche für die «Sicherheit des Hofzuges hätte besser sorgen müssen.

Petersburg, 31. October. Nach einem Telegramm des Hofministers auS Doelinskaja (Charkow-Nikolajew-Etsenbahn) von Dienstag 3 Uhr 50 Min. Nachmittags passirte die Kaiserfamilte diese Station wohlbehalten.

Charkow, 31. October. Als der russische Kaiser und seine Familie heute Vormittag auf der Durchreise nach Moskau hier anhielten, wurden dieselben von der Bevölkerung mit unbeschreiblicher Begeisterung begrüßt. Die Majestäten besuchten darauf die in den hiesigen Heilanstalten untergebrachten, bei dem vorgestrigen Eisen­bahnunfall verwundeten Personen der kaiserlichen Begleitung. Die Freude der Be­völkerung, als sie den Kaiser und die Kaiserin wirklich unversehrt sah, äußerte sich in der herzlichsten Weise. Der Kaiser, sichtlich gerührt, sagte, er werde diesen Empfang nie vergessen. Unter endlosem Hurrah und feierlichem Gesänge der Voksmenge setzte der Kaiserzug gegen Mittag seine Fahrt fort.

Athen, 31. October. 101 Kanonenschüsse verkündeten heute Morgen um 6 Uhr den Beginn der Festlichkeiten anläßlich des Regierungs-JubiläumS des Königs. Das Wetter ist prächtig, eine ungeheuere Menschenmenge bewegt sich auf den Straßen, die prachtvoll decortrt sind.

Athen, 31. October. Mittags begab sich der König mit sämmtlichen Mit­gliedern der Königsfamilte und allen zur Jubiläumsfeier etngetroffenen fremden Fürstlichkette» zum Tedeum nach der Kathedrale. Auf dem Wege durch die festlich beflaggten Straßen wurde derselbe von einer zahlreichen Volksmenge enthusiastisch begrüßt.

Athen, 31. October. Beim Verlassen der Kathedrale hielt der König eine tiefbewegte Ansprache an die Volksmenge. Er sagte, er habe sein Leben der Größe und dem Wohlergehen Griechenlands geweiht, das er über alles liebe; er dankte der Bevölkerung für die ihm zu Theil gewordenen Kundgebungen ihrer Sympathie und gab seinen wärmsten Wünschen für das nationale Gedeihen Griechenlands Ausdruck.

Washington, 31. October. Einer Meldung des Reuter'schen Bureaus zufolge übermittelte der amerikanische Gesandte in London, Phelps, dem Staatssecretär Bayard die Depeschen, in welchen die Ansichten der englischen Regierung über den Zwischenfall Sackville auseinandergesetzt werden. Die Depeschen sollen dem heutigen Ministerrath unterbreitet werden. Bayard theilte Lord Sackville im Auftrage des Präsidenten Cleve­land mit, daß aus den der englischen Regierung bereits mitgetheilten Gründen sein (Sackoille's) ferneres Verbleiben auf seinem Posten für die Regierung der Vereinigten Staaten nicht mehr annehmbar und deßhalb für die Beziehungen beider Länder nach­theilig sein würde.

Lokales.

Gießen, 1. November. Der gestern Abend in der Aula des Gymnasiums ftatt- gehabte Vortrag des Afrikareisenden Herrn Gerhard Rohlfs hatte ein zahlreiches Publikum herangezogen. In klarer und ungemein verständlicher Sprache erläuterte der Redner das Colonialwesen im Allgemeinen. Er schilderte die Colonien der Eng­länder, Holländer, Portugiesen, Franzosen und das schließlich Deutschlands, dabei betonend, daß eine Colonie nur durch Auswanderung aus dem Mutterlande gedeihen