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Amts- und AnWßebsatt für den Kreis Gietzen.

Nr. 23«

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Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzoge zum Provinzialdirector der Provinz Oberhessen und Kreisrath des Kreises Gießen ernannt, habe ich diese Functionen heute angetreten.

Gießen, am 1. October 1888.

v. Gagern.

Politische Rundschau.

Gietzen, 1. October.

Die Angelegenheit der Veröffentlichung des angeblichen Tagebuches Kaiser Friedrichs hat mit dem officiellen Eingreifen des Reichskanzlers eine ganz neue und für die Urheber der Veröffentlichung nichts weniger als angenehme Wendung genommen. Der Bericht, welchen Fürst Bismarck in dieser Sensationsaffaire dem Kaiser noch unmittelbar vor dessen Abreise von Potsdam erstattete, erklärt bekanntlich das Tagebuch in positiver Form für unecht und entwickelt hierbei der Reichskanzler in überzeugender Weise die Gründe, welche ihn zu seiner Anschauung bestimmen.^ Da alsdann der Reichskanzler zu dem Schluffe kommt, dah die Aufzeichnungen Verläum- dungen und Beschimpfungen der hochseligen Kaiser Wilhelm und Friedrich, sowie auch anderer Personen enthalten, aber selbst im Falle ihrer Echtheit eine strafbare Preisgabe von Staatsgeheimnisfen bedeuten würden, so hat er vom Kaiser die Genehmigung zur strafrechtlichen Verfolgung der Urheber der Veröffentlichung durch das preußische Justiz­ministerium erbeten und auch erhalten. Die weitere Entwickelung der peinlichen An­gelegenheit liegt demnach in den §änben des Strafrichters und man kann nur wünschen, daß die gerichtliche Untersuchung baldigst Licht in dieses Spiel bringen wird. - Die politische Stellung des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm erfährt in dem Bismarck'schen Berichte eine neue Beleuchtung und ist namentlich die Erklärung von Interesse, daß der Kronprinz 1870 außerhalb aller politischen und geschäftlichen Ver­handlungen gestanden habe und deutlich läßt der Bericht durchblicken, daß dies vom König Wilhelm selbst so gewollt worden s i. Selbstverständlich ist es, daß die bereits angekündigte Veröffentlichung weitererAuszeichnungen" Kaiser Friedrichs unterbleibt, nachdem sich nunmehr die Staatsanwaltschast der Sache bemächtigt hat.

An demselben Tage, an welchem dcr Bismarck'sche Bericht zur Veröffentlichung gelangte, ist endlich auch die amtliche Bekanntmachung des Termins für die preußischen Landtagswahlen erfolgt. Hiernach sind die entscheidenden Urwahlen auf den 30. October anberaumt worden, während die Wahlen der Abgeordneten durch die Wahlmänner eine Woche später statlfinden, am 6. November. Mit der Bekanntgabe des Wahltermins ist die preußische Wahlbewegung in ihr letztes Stadium eingetreten, es ist das Signal für alle Parteien, nunmehr alle Kräfte einzusetzen und die Truppen zu der bevorstehenden großen Wahlschlacht endgültig zu mustern. Auch der Wahl­aufruf der Centrumspartei steht nunmehr zu gewärtigen, wenn das Eentrum mit dieser seiner parteipolitischen Kundgebung zur Stunde nicht schon heroorgetreten ist.

In Kiel ist ein englisches Geschwader, aus vier Kreuzern unter dem Eommodore Markham bestehend, am Freitag Vormittag eingetroffen, lieber die Be­stimmung des Geschwaders verlautet noch nichts Näheres.

Kaiser Wilhelm hat die erste Hauptstation seiner jetzigen grckßen Reise, Stuttgart, hinter sich und zur Stunde dürfte er bereits in den Mauern der bayerischen Hauptstadt eingetroffen sein, aber noch ist der außerordentlich glanzvolle Empfang, den der Schirmherr des Reiches in der schönen Hauptstadt des Schwaben­landes gefunden, in aller Erinnerung. Die Bevölkerung Stuttgarts bethätigte jedoch hierbei zugleich ihre echt deutsche Gesinnung und ihre Kaisertreue in erhebendster Weise und Kaiser Wilhelm hat freudig bewegt seine Genugthuung über den ihm in der württembergischen Residenz bereiteten Empfang wiederholt zu erkennen gegeben. Am Freitag Nachmittag 4 Uhr setzte der Kaiser mit seinem Gefolge die Weiterreise von Stuttgart über Ulm nach der Insel Mainau im Bodensee fort, woselbst die Ankunft in den späteren Abendstunden des Freitag erfolgte. Hierselbst nahm der Kaiser einen mehrtägigen Aufenthalt, zunächst, um sich von den Anstrengungen der bisherigen Reise zu erholen, dann aber, um am gestrigen Sonntag an der Feier des 77. Geburtstages der Kaiserin-Wittwe Augusta theilzunehmen. Zu diesem Feste war die gesammte großherzogliche badische Familie um die greise Fürstin versammelt, mit Einschuß des Herzogs Adolf von Nassau, des Vaters der Elbgroßherzogin Hilda von Baden. Die Zusammenkunft des Herzogs Adolf mit Kaiser Wilhelm auf der Mainau erfährt viel­fach eine politische Deutung und zwar bringt man die luxemburgische Erbfolgefrage mit dieser Zusammenkunft in Verbindung. Am Montag früh verließ der Kaiser die Mainau, um sich über Lindau und Buchloe nach München zu begeben, woselbst die Ankunft gegen Abend erfolgt sein dürfte. Der Prinz-Regent Luitpold war zum Em­pfange seines kaiserlichen GasteS bereits am Freitag Abend von seiner pfälzischen Reise nach München zurückgekehrt, von der Bevölkerung begeistert begrüßt.

Die Einberufung der französischen Kammern ist laut Beschluß eines Ministerrathes auf den 15. October festgesetzt worden. Es wird sich alsdann wohl zunächst zu entscheiden haben, ob die Frage der Abstriche, welche die Budget-Cornrnission an verschiedenen Special-Budgets vorgenommen hat, acut wird, oder sich inWohl­gefallen auflöst"; das erstere ist indessen das Wahrscheinlichere und liegt vom Marine­minister Krantz bereits die entschiedene Erklärung vor, daß er in keine weiteren Strei­chungen bei seinem Budget einwilligen werde. Ueber den dem Parlamente vorzulegenden Entwurf einer Verfassungsreviston ist von der Regierung noch kein Beschluß gefaßt worden.

Ueber die Fortsetzung der russischen Kaiserreise nach dem Kaukasus kommt jetzt endlich wieder einmal eine Meldung. Dieselbe besagt, daß die russischen Herr­schaften ihre Reise von Spala in Polen, woselbst der Czar und die Großfürsten sich über eine Woche dem Jagdvergnügen ergaben, am Abend des 26. September wieder fortfetzten und erwartet man für Anfang dieser Woche die Ankunft der hohen Reisenden In Wladiskaw, am Nordabhange des Kaukasus.

Deutschland.

Darmstadt, 29. September. Das Staatsministerium hat mit Genehmigung des Bundesrachs den seit 11. Februar 1887 über den Kreis Offenbach verhängten kleinen Belagerungszustand Dom 1. October I. Js. ab um ein weiteres Jahr verlängert.

Berlin, 29. September. In dem Marine - Etat werden jedenfalls erhebliche Forderungen tür Ersatzbauten von großen Panzerschiffen eingestellt werden. Es dürfte sich dabei zuerst um 50 Millionen Mark handeln und zwar für vier Schiffe als Ersatz für denGroßen Kurfürst",Hansa",Kronprinz" undFriedrich Carl". Außerdem ist der Bau von zehn Panzer Kanonenbooten in Aussicht genommen, ferner ein Ersatz für Kreuzerfregatten, Kreuzercorvetten, Kreuzer, Kanonenboote und Avisos, was auch zusammen etwa 50 Millionen betragen dürfte. Sonach dürfte die Gesammtsumme mit 100 Millionen nicht zu hoch veranschlagt sein. Das vorstehende Retablissement soll in 5 Jahren durchgeführt werden; es würden demnach jährlich 20 Millionen zu ver­ausgaben fein.

Die9iorbb. Allg. Ztg." bemerkt: DasJournal de St. Petersburg" hat in Betreff der Nachricht desMemorial diplomatique", nach welcher Lord Salisbury vom Fürsten Bismarck und Grafen Kalnoky die Versicherung erhalten hätte, daß sie den Prinzen Ferdinand vor Coburg als Fürsten von Bulgarien unterstützen wollten, fein «Erstaunen darüber ausgesprochen, daß ein ernsthaftes Blatt dergleichen Nachrichten auinchmen könne. Wir unsererseits theilen das Erstaunen desJourn. de St. Peters­bourg", freilich mit der Maßgabe, daß man demMemorial diplomatique" zu viel Ehre erweist, wenn man es für ein ernstes Blatt nimmt.

Berlin, 29. September. Die Deleglrtenoersammlung der deutschen Industriellen becieth heute über den Gesetzentwurf, betreffend die Alters- und Invalidenversicherung. D-*s Dlrectorium beantragte eine Resolution, welche In erster Linie die Errichtung einer Reichsoersicherungtzanstalt fordert, eventuell aber die von der Regierungsvorlage vorgeschlagene Errichtung von territorialen Versicherungsanstalten billigt, unter der Voraussetzung, daß die zu errichtenden Versicherungsanstalten mindestens das Gebiet eines Bundesstaates umfassen. Director Holtz bekämpfte dagegen Namens des Vereins der chemischen Industrie diesen eventuellen Antrag als eine Stärkung des Partlkularismus und wünschte, daß die prinzipale Forderung unter allen Umständen aufrecht erhalten werde. Anderenfalls sei in Uebereinfttmmung mit der vorjährigen Regierungsvorlage die Uebertragung der Alters- und Invalidenversicherung auf die bestehenden Berufs­genossenschaften bei Weltern vorzuziehen. Dieser Antrag wurde von Dr. Martins (Berlin), Dlttmar (Mainz) und Dr. Kunheim unterstützt, fand aber nicht die Majorität der Versammlung. Dieselbe nahm vielmehr die Resolution des Direc- toriums an.

Berlin, 29. September. Nach den neuesten Meldungen über den Aufstand an der ostafrikanischen Küste sind die Beamten der deutsch - ostasrlkanischen Gesellschaft in den Häfen Lindt und Miktndani zur Räumung ihrer Stationen gezwungen und haben sich unversehrt nach Zanzibar gerettet. In Dar-es-Salaam und Bagamoyo herrscht augenblicklich Ruhe. Panganl und Kilwa befinden sich noch in den Händen der Aufständischen, welche die Autorität des Sultans nicht anerkennen und dm nach dort entsandten arabischen Gouverneuren desselben dm Gehorsam verweigern. Den In­surgenten will jedoch Geld und Munition ausgehen, so daß ein baldiges Ende der Unruhen erwartet wird.

München, 29. September. Der Prinzregent ist von der Reise durch die Pfalz gestern Abend 7 Uhr zurückgekehrt. Bei der Ankunft auf dem Bahnhofe, wo eine Ehrencompagnie aufgestellt war, wurde derselbe von den Mitgliedern des königlichen Hauses, den Ministern, der Generalität, den beiden vollzählig erschienenen Stadt- collegien und dem Polizeipräsidenten begrüßt. Der Bürgermeister Wledenmayer hielt eine Ansprache, welche er mit einem Hoch auf den Prinzregenten schloß. Der Prinz­regent dankte für den ihm bereiteten Empfang und begab sich sodann unter den enthusiastischen Jubelrufen der Bevölkerung durch die prächtig erleuchteten Straßen, in welchen die Vereine Spalier bildeten, nach dem Residenzschlosse.

Sigmaringen, 29. September. Se. Majestät der Kaiser traf gestern Abend 8 Uhr von Stuttgart hier ein, wurde am Bahnhofe von dem Fürsten, der Fürstin und den Prinzen von Hohenzollern begrüßt und setzte nach einoiertelstündigem Auf­enthalt die Reise nach Mainau fort. Die von allen Seiten herbeigeeilte Bevölkerung brachte dem Kaiser in enthusiastischen Kundgebungen ihre Huldigung dar.

Constanz, 29. September. Der Kaiser kam Nachmittags 3 Uhr in Constanz an, um den Besuch des Herzogs von Nassau, welcher den Kaiser im Laufe ves Vor­mittags auf der Insel Mainau besuchte, zu erwidern. Auf der Fahrt durch die prächtig geschmückten Straßen nach dem Jnselhotel, wo der Herzog abgestiegen war, wurde der Kaiser enthusiastisch begrüßt. Beim Jnselhotel empfing der Herzog den Kaiser an der Treppe und geleitete ihn in seine Gemächer.

Bremen, 29. September. Der Senator a. D. August Nebelthau ist heute Nachmittag gestorben.

Kesternich.

Wien, 29. September. Sr. Majestät dem Kaiser Wilhelm werden wahrend Seines Aufenthalts in Oesterreich zum Ehrendienst commanbtrt werden: Der General der Cavallerie Baron v. ßamberg, der Oberst von Pokorny und der diesseitige Militär- bevollmächtigte in Berlin, Oberstlieutenant Baron v. Steininger.

Wien, 29. September. In dem niederösterreichischen Landtag erstattete Kopp über den bekannten Antrag von Vergani und Genossen, betreffend die Betheiligung des Landtags an den zu Ehren Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm zu veranstaltenden Festlichkeiten, Bericht. Der Ausschuß beantragte den Uebergang zur Tagesordnung. Vergani sprach vom antisemitischen Standpunkte und stellte folgenden mobifictrtui An­trag: Der Lanbmarschall werbe beauftragt, bem Kaiser Franz Joseph, sowie bem Kaiser Wilhelm bie ergebenste Hulbigung unb die herzinnigste Freube bes Landtags über das aufrichtige Freundschaftsbündniß beider Staaten auszufprechen. Referent