Nr. 2OA Zweites Blatt. Sonntag den 2. September
Hießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vrrrearrr Schulstraße 7
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Amtlicher Hßeil.
Betreffend: Vertilgung der Blutlaus. Gießen, am 30. August 1888.
Das Großherzoglichc Kreisamt Gießen
an die Großherzogliche« Bürgermeistereien bezw. vrtspoltzeibeamten des Kreises.
Wir bringen die Bestimmung des in rubr. Angelegenheit erlaffenen Reglements vom 3. Februar L 3. — Anzeiger 32 — in Erinnerung, wonach im Monat September der zweite Rundgang der Kommission vorzunehmen ist. Ganz besondere Aufmerksamkeit muß hierbei denjenigen Bäumen geschenkt werden, an welchen im Frühjahr die Blutlaus gefunden wurde. Ihre Berichte über das Ergebniß der Rundgänge erwarten wir innerhalb der ersten Woche des Ottober. Wo bei dem Frühjahrsrundgang die Blutlaus gefunden wurde, ist in den Berichten zu erwähnen, ob sie sich auch jetzt trotz-angewandter Vertilgungsmaßregeln noch gezeigt hat.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf«
Vermischtes.
nn. Darmstadt, 31. August. Das Bestreben der maßgebenden Factoren in unserem Militärbauwesen, die Bauten für die Garnisonen möglichst in der Nähe der Exercierplätze zu haben, scheint nunmehr auch für die neu zu erbauende Kavallerie- taierne sich zu verwirklichen. Wie ich aus sicherer Quelle erfahre, trägt man sich mit der Absicht, auf dem südlichen Thetl des Exercierplatzes eine große Reiterkaserne für unsere zwei Reiterregimenter zu erbauen. Die Pläne für diesen Neubau sind bereits soweit fertiggestellt, so daß sie nur noch der Genehmigung der obersten Krtegsbehorren unterliegen. Es würden dann die zu Butzbach und Babenhausen garnisonirenden Eskadrons ganz nach Darmstadt verlegt werden, obwohl dem Scheiden der Truppen aus den genannten Garnisonen mit Bedauern entgegengesehen wird.
nn. Durch die auf dem Griesheimer Schießplätze stattfindenden pract. Uebungen der preußischen und württembergtschm Festungs-Arttllerie-Regimenter, durch den Bau von Verschanzungen und Geschütz-Emplacements ist seit Langem das Uebungsfeld derartig geschädigt worden, daß es. für die Uebungen der Feld-Artillerie unbrauchbar war. Neuerdings wurde nun von Seiten der Feld-Artillerie-Regimenter, welche alljährlich auf dem Griesheimer Schießplätze üben, über diesen Mißstand Beschwerde erhoben. In Folge dieser Beschwerde wtro nun soeben bei den maßgebenden Factoren die Frage geprüft, ob es nicht thunlich fei, daß für die Folge die Festungs-Artillerie nicht mehr auf dem Schießplätze bei Darmstadt, sondern auf der Wahner Haide bei Köln ihre Uebungen hält.
Kiel, 29. August. Nur langsam ist in letzter Zeit der Bau des Nord-Oftsee- Canals fortgeschritten. Die anhaltend nasse Witterung hat den Schtenendamm gelockert, so daß er bei den Transporten nachgab. Man mußte ihn erst wieder durch Sand, den man von Itzehoe herbeischaffte, festigen, und zwar hauptsächlich an zwei Stellen, bet Eddelack und Brunshüttel. Auch verschiedene Maschinen konnten wegen der Feuchtigkeit nicht aufgestellt werden, was nun demnächst geschehen soll, lieber die Lebensweise der Arbeiter dürften folgende Angaben von Interesse sein. Die Leute stehen unter Aufsicht von Obmännern, die für eine nahezu militärische Ordnung Sorge tragen. Sie wohnen in luftigen, umfangreichen Baracken; ein Lesesaal, der Tagesblätter, einige Zeitschriften?und populäre Bücher enthält, steht ihnen zur Verfügung. TäglichMüssen sie baden. Für Wohnung und Verpflegung werden jedem pro Tag 55 für ein Glas Bier 6 für einen Schnaps 3 angerechnet. Die Lebensmittel werden auf dem Schienenwege herbeigeschafft.
— Unter den Berliner Gerichtsverhandlungen findet sich heute ein Proceß gegen den Commis und den Lehrling eines Bijouteriegeschäfts. Der Commis verführt den Lehrling zu einer Veruntreuung und zwingt den nun einmal in sein Gewebe gekommenen jungen und schwachen Menschen, auf der Bahn des Verbrechens weiter zu gehen, er läßt ihn stehlen und verpraßt die Beute. Als die Entdeckung unausbleiblich ist, hält er seinem Opfer die Größe seines Unrechts vor, verängstigt ihn und treibt ihn in den Tod. „Du darfst die Schande nicht überleben", mit diesen Worten drückt er ihm einen Revolver in die Hand und der Unglückliche zielt auf seine Brust. Nur durch einen Zufall ist er am Leben geblieben. — Wären diese Thatsachen nicht vor einem Gerichtshöfe erhärtet worden, sondern ständen sie in einem Hintertreppenroman, man würde dem Verfasser mit Recht den Vorwurf machen, daß er da wieder einmal'vor der teuflischsten Erfindung nicht zurückgeschreckt sei, um seine Leser gruselig zu machen. Der Schurke, der sein Opfer zwingt, sich selbst aus der Welt zu schaffen, um den einzigen Zeugen seiner Schuld zu beseitigen, er ist leider keine Erfindung, er stand in Fleisch und Blut gestern vor Gericht. Leider hatte der Gerichtshof sich nur mit dem concreten Fall zu beschäftigen, der zur Anklage stand, die unfaßbare Verworfenheit, die wahrhaft teuflische Gesinnung des Verführers konnte nicht unter Anklage gestellt werden. Das Gericht erkannte nur auf 1 Jahr 3 Monate Gefängniß. Es gibt Verbrecher, die solchem Menschen gegenüber noch wie Heilige erscheinen.
— lieber eine Milliarde Mark in Gold- und Silbergeld lagert nach einem der neuesten Ausweise in den Kassen der deutschen Retchsbank. Es ist dies ein so hoher Betrag an Baargeld, wie er bisher in Deutschland wohl noch nie unter einer Kassen- Verwaltung, in Europa überhaupt nur in der Bank von Frankreich vereinigt gewesen ist. Dementsprechend wird der Stand der Deutschen Reichsbank in Börsenblättern als ein sehr starker bezeichnet; die umlaufenden 865141000 Mark Noten sind um 170 630 000 Mark baar überdeckt, eine Thatsache, deren Möglichkeit die Gesetzgeber beim Jnslebentreten des Bankgesetzes schwerlich geahnt haben. Dies ist auch keineswegs ein Verdienst des Bankgesetzes, sondern der überaus rührigen und umsichtigen Bankleitung. In diesem Falle ist bekanntlich der so außerordentlich große Zusammenfluß von Baargeld durch die ebenso kräftige als gewandte Pflege des Check- und Giroverkehrs Seitens der Bank erreicht worden. Dieser Verkehr ist in dem letzten Jahrzehnt in Deutschland zu einer Höhe entwickelt worden, wie ihn weder England noch die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen. . Der Bankier oder Groß-Kaufmann, welcher heute Hunderttausende von Berlin nach München, von Metz nach Königsberg schicken will, rührt dazu keine Note, fein Geldstück an, er überweist die Summe einfach von seinem Giroconto auf das Conto des fernen Geschäftsfreundes und dieser nimmt das Geld auch nicht in Empfang, sondern läßt es einfach auf seinem Conto stehen, um es gelegentlich einem anderen Geschäftsfreund zu überweisen. So wird die Zeit für Zählen, Verpacken. Aufgeben und Verschicken des Geldes, Porto und Versicherung gespart und die Millionen, welche früher regelmäßig unterwegs waren von einem Comtoir zum andern, von einer Stadt zur anderen, sie liegen jetzt ruhig in den Kassen der Reichsbank.
London, 28. August. Eine arge Nachlässigkeit 'ist an Bord des englischen Kriegsschiffes „Carysfort" im Mittelländischen Meere vorgekommen. Zwei Seeleute wurden wegen eines Vergehens gegen die Manneszucht in die Strafzellen gestellt und der Korporal der Wache sollte sie jede Stunde besuchen, um zu sehen, daß Alles in Ordnung sei. Auf einer seiner Runden fand er den einen Gefangenen tobt und den andern in besinnungslosem Zustande vor. Die Zellen, in denen sie sich befanden, sind im heißesten TheUe des Schiffes, in dichter Nähe der Maschinen und unter allen Verdecken gelegen. Die Matrosen waren erstickt.
— sWas kein Verstand der Verständigen sieht :c.J Der berühmte Orientalist Prosesior Zancker erhielt eines Tages die Copic einer Inschrift zugesandt, die ein Verehrer von ihm in einem mittelalterlichen Buche gesunden haben wolltz. Der' Einsender bat um Entzifferung der rätselhaften Inschrift und versprach, das alte werthvolle Manuscript etnzuschicken, sowie er dasselbe von einem Verwandten, bet dem es sich befand, erhalten hatte. Die Inschrift lautete:
nenhi se theg eiw roaseforp rieh gat netng.
' Drek Tage lang zerbrach sich der Professor den Kopf, ohne einen Sinn herauszubekommen. Da geräth sein Söhnchen, ein Quartaner, in sein Studirzimmer und findet das Blatt mit der Inschrift auf Papas Tisch. Nachdem er eine Weile die Schrift betrachtet, fragt er seinen Vater, feit wann er sich mit Rückwärtsschreiben beschäftige. — „Wieso denn?" fragt der Professor ganz erstaunt. — „Nun," antwortet sein Söhnchen, „wenn man das rückwärts lieft, heißt es:
Guten Tag, Herr Professor, wie geht es Ihnen?“
— Wie eine angehende „Sparfrau" furirt wurde, erzählt ein Mitarbeiter des „B. T." recht anschaulich: Der Amtsrichter X. war des Junggesellen- und Gasthauslebens endlich müde geworden und hatte ein holdes junges Weib heimgeführt. Die äußeren Verhältnisse waren günstig und alle Bedingungen zu einem,1 behaglichen sorgenfreien Leben vorhanden. Doch schon in der ersten Woche des Honigmonats tauchte ein Schatten auf, der die Harmonie der jungen Gatten zu stören drohte. Der jungen Frau waren während ihres Brautstandes so viele verkehrte Rathschläge in Betreff wirthschaftlicher Sparsamkeit ertheilt worden, daß sie nunmehr als Hausfrau Gefahr lief, eine „Sparfrau" erster Klasse zu werden, was der Gemahl fast bei jeder Mahlzeit bitter bereuen mußte. Mit Seufzen kaute er an dem zähen Rindfleisch, dem dürren Huhn, schaudernd verschluckte er den ölig duftenden Mokka, schwieg aber vorläufig still, Trost bet seiner Ctgarre suchend und Besserung von der Zukunft erhoffend. „Frauchen", sagte er eines Tages, „Du kommst auf Deinem Wege doch bei Kaufmann Y. in der Friedrichstraße vorbei, da bringe mir doch ein Dutzend Cigarren von meiner Sorte mit, sie kosten eine Mark zwanzig Pfennig." — „Eine Mark zwanzig Pfennig für zwölf Cigarren, das ist doch schauderhaft viel Geld!" dachte das Frauchen, „da muß- ich wirklich mal mit A. ein ernstes Wort reden, ob er sie nicht billiger liefern kann." — Und Herr Y. war kein Unmensch. Wenn die gnädige Frau gleich tausend Stück auf einmal nehmen wollte, so sei er bereit, den Preis auf 90 zu ermäßigen. Der Handel wurde perfekt. — „Zehn Mark verdient", frohlockte glückstrahlend die junge Frau, sich schon im Voraus auf den lebhaften Handel freuend, der sich nun zwischen ihr und ihrem Herrn Gemahl entfpinnen würde. Die zwölf Cigarren werden von dem eigenen Lager entnommen und dem Gatten mit dem triumphirenden Bewußtsein ein- gehändigt: zwölf Pfennig verdient! Und kaum kann die Ungeduldige den Zeitpunkt erwarten, bis die letzte in Rauch auf gegangen; ja, um diesen Proceß zu beschleunigen, offerirt sie sogar — selbstverständlich aus dem Vorrathe des Gatten — dem Briefträger ein Exemplar des theuren Krauts. Endlich ist der ersehnte Augenblick da. — „Wie ist es, Männchen, die Cigarren find auch zu Ende, soll ich Dir nicht wieder ein Dutzend mitbringen ?" fragte sie schmeichelnd, sich zum Ausgehen rüstend. — Doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft sie die kühle Antwort: „Nein, laß nur, Kind, ich will mir das theure Rauchen ganz abgewöhnen, ich sehe, Du schränkst Dich in der Wtrthschast auch nach Möglichkeit ein, da will ich denn nicht hinter Dir zurück- stehen." — Was blieb der Armen zu thun übrig? Unter Thränen flüchtete sie an des Gatten Brust und beichtete schluchzend den wahren Sachverhalt, der Jenem übrigens nicht mehr ganz unbekannt war. — „Das ist freilich ein schlimmer Fall", meinte der Schalk mit der ernsthaftesten Miene, „doch ich will Dir einen Ausweg Vorschlägen: gib Du Dein Sparsystem in der Wirthfchaft auf, so verspreche ich Dir, auch alle Deine Cigarren aufzurauchen." — Der Vertrag wurde geschlossen und aus der „Sparfrau" eine wirthschaftliche Hausfrau.
— ^Religiöser Wahnsinn.) Der Jahrestag der Geburt Muhamed's, welcher mit der Rückkehr der Pilger zufammenfällt, wird in Kairo durch eine jener grausigen Zeremonien gefeiert, wie sie allein der Geist des Bösen einzugeben vermag. Der „Imam der heulenden Derwische" reitet im Galopp über die Leiber von fanatischen Moslemin hin, die hart aneinander gedrängt platt mit'dem Gesicht auf dem Boden liegen. Dieser Ritt ist ein allgemeines Fest für die ganze Stadt, und die Europäer wohnen zahlreich jener wilden empörenden ecene bei, die sie nicht zu verhindern vermögen. Man läßt ihnen sogar absichtlich die ersten Plätze, denn die Muselmäimer bilden sich gerne ein, daß dieser religiöse Act auf die „Ungläubigen" einen sehr tiefen und heilsamen Eindruck zu machen geeignet sei. Am festgesetzten Tage begaben sich die Derwische um die Mittagsstunde zu dem Platze, wo sich die Fanatiker befanden, welche sich durch das Martyrium zu heiligen beabsichtigten; der größte Theil bestand aus Fellahs aus der Umgegend, Esel- und Kameeltreibern und ähnlichen Leuten. Man hatte sie mit Haschisch berauscht, so daß sie wie von Wahnsinn befallen waren. Die von Menschen gebildete Reitbahn dehnte sich über eine Strecke von etwa 150 Meter aus. Auf das durch den Tambour der Derwische gegebene Zeichen sprang der Imam, hoch auf einem weißen Roß sitzend, in vollem Galopp auf die Leiber der Märtyrer.


