1888.
Nr. 2O4L Samstag den 1. September
Gießener Anzeiger
Aults- und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Bureau r Schulstraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,
Amtlicher HHeit.
Betreffend: Die Gestattung von Erntearbeiten an Sonn« und Feiertagen bei schlechtem Emtewetter.
Bekanntmachung.
Auf Ersuchen des landwirthschastlichen Provinzialvereins bringen wir die nachstehende Verfügung Grobherzoglichen Ministeriums der Innern wiederholt zur öffentlichen Kenntniß. , r
Gießen, den 29. August 1888. Großherzogltche» Kreisamt Gießen.
Betreffend: Wie oben. Darmstadt, am 22. October 1856.
Das Größtmögliche Ministerium des Innern
an die Großherzoglichen Kreisamter. r k e
Nach Art. 224 des Polizeistrafgesetzes sind öffentliche oder geräuschvolle Handthierungen und Arbeiten der Landwrrche, Fabrikanten, Handwerker und sonstigen Gewerbsleute, sowie dergleichen Waldarbeiten, dringende Fälle — wie Erntearbeiten bei ungünstiger Witterung und bei beginnender Weinlese — ausgenommen, an Sonn- und Festtagen gänzlich untersagt. c r w x r .
Qur Vornahme landwirthschaftlicher oder gewerblicher Arbeiten der bezeichneten Art an Sonn- und Festtagen m dringenden Fallen ist die vorgängige Einholung einer polizeilichen Erlaubniß hierzu nicht erforderlich. Die Landwirthe, Fabrikanten re., welche solche Arbeiten an Sonn- und Festtagen vornehmen oder vornehmen laffen, haben aber genügend nachzuweisen, daß ein dringender Fall wirklich vorgelegen habe. In deren eigenem Interesse scheint es daher als gerathm, daß dieselben in Fällen der fraglichen Art von der beabstchtigten Arbeit der Polizeibehörde in Voraus die Anzeige machen und deren Zustimmung zur Vornahme der Arbeit erwirken, um sich hierdurch gegen eine polizeigerichtliche Verfolgung zu sichern.. Mr diesen M wollen rote gestatten, daß von der betreffenden Localpolizeibehörde, wenn sich dieselbe durch sorgfältige Prüfung der Verhältnisse von der Dringendheit der beabsichtigten Arbeü überzeugt hat d e Erlaubniß zu deren Vornahme, jedoch in der Regel nur für einzelne Fälle und nicht für einen längeren Zeitraum, erthellt werde. Die Fälle, « welchen die Vornahme von Arbeiten an Sonn- und Festtagen als gerechtfertigt anzusehen ist, laffen sich wegen der Verschiedenartigkeit der hierbei m Betracht kommenden Verhältnisse nicht genau bezeichnen. Wir beschränken uns deßhalb darauf, Ihnen in dieser Beziehung Folgendes zu bemerken: ,
1) die Vornahme öffentlicher oder geräuschvoller landwirthschaftlicher oder gewerblicher Arbeiten an Sonn« und Festtagen kann dann niemals als entschuldigt angesehen werden, wenn durch eine paffende Geschäftseinrichtung die Vornahme dieser Arbeiten an Werktagen möglich gemacht werden kann;
2) wenn wirklich ein dringender Bedürfniß der Vornahme einzelner Arbeiten an Sonn- und Festtagen vorliegt, so dürfen doch immer nur diese, nicht aber auch andere Arbeiten, welche einen Aufschub erleiden können, vorgeirommen werden; .
3) wenn Gewerbtreibende mehr Arbeitsbestellungen annehmen, als sie mit ihren Arbeitern an Werktagen innerhalb der bedungenen Lieferungsfrist vollenden können, so kann dieses die Vornahme von Arbeiten an Sonn-und Festtagen nicht rechtfertigen.
Was die Arbeiten anbelangt, welche ihrer Natur nach nicht unterbrochen werden können, z. B. die Arbeiten auf den Schmelzhütten, an den Kohlen- meilern rc so ist — nach Absatz 2 des Art- 224 des Polizeistrafgesetzes — deren Vornahme auch an Sonn- und Festtagen nicht verboten, die Polizeibehörden haben jedoch darüber zu wachen, daß in den Kreis dieser Arbeiten keine solche gezogen werden, welche nicht wirklich dahrn gehören.
9 1 Sie wollen die Ihnen untergebenen Polizeibehörden in diesem Sinne geeignet instruiren, sowie auch sich selbst bei der Beurtheilung der an Sie
gelangenden Anzeigen von der Vornahme verbotener Arbeiten an Sonn- und Festtagen hiernach bemeffen.
v- Dalwigk. Nnorr-
Politifche Rundschau
Gießen, 31. August.
König Oscar von Schweden gedenkt noch bis diesen Sonntag der Gast unseres Kaisers zu sein und kann sein verhältnißmäßig lange währender Gegenbesuch am Berliner Hofe als ein neuer Beweis für die so herzlichen Beziehungen zwischen unserem Katserhause und dem schwedischen Königshause betrachtet werden. Em anderer gekrönter Gast des Berliner Hofes, König Georg von Griechenland, welcher anläßlich seiner Heimreise von Petersburg nach Athen Anfang dieser Woche in Berlin weilte, hat am Mittwoch früh die Reichshauptstadt wieder verlassen, um zunächst am Hofe von Kopenhagen noch einen Besuch abzustatten.
Der Kaiser ist in jüngster Zeit theils durch die Truppenübungen des Gardecorps, theils durch die Besuche einer Reihe von auswärtigen Fürstlichkeiten in der Reichshauptstadt ungemein in Anspruch genommen worden. Trotzdem hat er es sich nicht nehmen lassen, den s ä ch st s ch e n M a j e st ä t c n ven eintägigen Bissuch vom Montag in deren Sommerresidenz Pillnitz abzustatten, welcher allerdings wesentlich dem Zwecke galt, den König Albert und die Königin Carola zur Uebernahme der Tauspathenschast bei dem jüngsten kaiserlichen Prinzen einzuladen; daß aber der kaiserliche Herr ungeachtet seiner so sehr in Anspruch genommenen Zett diese Einladung persönlich überbrachte, verleiht ihr selbstverständlich einen besonderen Werth.
Die Besichtigungen bet den Truppentheilen des Gardecorps werden mit der an diesem Samstag stattfindenden großen Herbstparade deS GardecorpS — der ersten großen Parade preußischer Truppen vor Kaiser Wilhelm II. — ihren glanzvollen Abschluß erreichen. Es folgt nun die eigentliche Manöverzeit, deren Glanzpunkt die Kaisermanöver der Garde und des dritten Armeecorps bilden, nach deren Abschluß der allerhöchste Kriegsherr noch den Flottenübungen vor Danzig beizuwohnen gedenkt. Nach kurzer Pause wird dann die zweite große Reisezeit für unfern Kaiser beginnen, in deren Verlauf der Monarch zunächst die Höfe von Karlsruhe, Stuttgart und München besuchen will. Hierauf wird er sich jedoch nicht nach Wien, entgegen den bisherigen Annahmen, sondern dircct nach Rom begeben, um erst auf der Rückreise von Italien am kaiserlichen Hofe in Wien vorzusprechen. Ueber den Zeitpunkt des Antrittes dieser Katserreisen müssen jedoch noch endgültige Nachrichten abgewartet werden. , , ,, „ . . r , t.
Aus den inneren deutschen Angelegenheiten liegt eine sehr be- merkenswerthe Meldung vor: Der Landesdirector von Hannover, Rudolf von Bennigsen, ist laut einer Mittheilung im officiellen „Reichsanzeiger" zum O b e r- präsidenten d er P r o v i n z H a n n o v e r ernannt worden. Ob in dieser Ernennung nur der Vorläufer zu einer Berufung desselben auf einen noch wichtigeren Posten zu erblicken ist, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls hat man es hier aber mit einem Ergebnisse der Friedrichsruher Besprechungen zwischen dem Kanzler und Herrn von Bennigsen zu thun und sicherlich werden an den Eintritt Bennigsens in den dtrecten preußischen Staatsdienst die verschiedensten Commentare geknüpft, Inwieweit
dieser Schritt Bennigsen's auf die künftige politische Haltung der nationalltberalen Partei, vorerst in Preußen, von Einfluß sein und in welcher Weise sich letzterer äußern wird, bleibt vorerst abzuwarten. — Als ein weiteres Ereigniß sind die am Dienstag und Mittwoch in Fulda unter dem Vorsitze des Kölner Erzbischofs stattgefundenen Conferenzen der preußischen Bischöfe heroorzuheben; da indessen die betreffenden Verhandlungen streng vertraulich geführt wurden, so läßt sich über deren Ergebnisse vorläufig auch noch nichts Näheres mittheilen. — In Berlin fand am Donnerstag im sechsten Wahlkreise die Ersatzwahl für den Reichstagsabgeordneten Hasencleoer statt, bet welcher sich vier Candidaten gegenüberstanden: Holtz, der Can- didat der Conservatioen und aller gemäßigten Elemente des Wahlkreises, Dr. Förster, der Candidat der Antisemiten, Knörcke, der Candtdat der Freisinnigen und Liebknecht, der Candidat der Arbeiterpartei, alias der Socialdemocraten. — Wie der Telegraph meldet, wurde Liebknecht mit 26067 von 41791 abgegebenen Stimmen gewählt. — Die Wahlbewegung zu den preußischen Landtagswahlen nimmt allmälich einen intensiveren Charakter an, doch wird sie ihren eigentlichen Höhepunkt erst mit der officiellen Bekanntgabe des Wahltermtns erreichen.
Das Attentat, welches ein Individuum, Namens Garnier, in der deutschen Botschaft in Paris beging, indem Garnier auf den Kanzleibeamten Tournouer einen glücklicher Weise fehlgehenden Revoloerschuß abgab, ist in seinen eigentlichen Beweggründen noch immer unaufgeklärt. Die Einen geben politische Motive an, die Andern bezeichnen die That Garnter's einfach als die eines Wahnsinnigen; die gerichtliche Untersuchung muß daher erst vollständig abgewartet werden.
Die zu einer gewissen Berühmtheit gelangte Räuberbande Von Bellova hat den Sitz ihrer Thätigkeit von bulgarischem Boden weg- und theils nach Macedonien, theils nach Serbien verlegt. Wenigstens sagte ein von der bulgarischen Polizei glücklich gefangen genommener „Brigant von Bellova" aus, daß ein Theil der Bande sich nach Macedonien, ein anderer nach Serbien, wo sie herstamme, gewendet habe; vermuthlich ist es den Banditen in Bulgarien doch zu heiß geworden. Der Gefangene selbst ist vor ein Kriegsgericht gestellt worden, das mit ihm vermuthlich wenig Federlesens machen wird.
Deutschland.
Darmstadt, 29. August. Der kommandirende General v. Schlotheim, welcher heute u. a. die 49. Infanterie-Brigade besichtigte, verabschiedete sich vom Ojficiercorps derselben mit dem Bemerken, daß er dieselbe zum letzten Male insptcire. Sein körperlicher Zustand zwinge ihn, binnen Kurzem den Abschied zu nehmen.
Berlin, 29. August. Die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Potsdam nach Charlottenburg oder Berlin wird erst Anfangs November erwartet und bleibt von dem Stande der Bauarbeiten abhängig, welche in beiden Residenzschlössern vor- gcnommen werden.


