Ausgabe 
1.7.1888 Erstes Blatt
 
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Nr. 181 Erstes Blatt. Sonntag den 1. Juli 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Bureau r Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlich er Hßeil.

Gefunden: 2 Strumpfbänder, 1 Hammer, 1 Pferdeteppich, 1 Ledertasche, 1 Regenschirm, 1 Trauerflor, 1 Ballnetz, 1 Kinderschuh, 1 Lesebuch, 3 Taschentücher, 1 goldene Broche, 2 silberne Vorstecknadeln, 1 Schuhmachermesser, 1 Sonnenschirm, 1 Kindersonnenschirm, 1 Handschuh, 1 Spielpserd, 1 Strohhut.

Gießen, 30. Juni 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Rundschau

Gießen, 30. Juni.

Mit dem am Donnerstag Nachmittag in vereinigter Sitzung beider Häuser er­folgten Schlüsse des preußischen Landtages hat zugleich die außergewöhnliche parlamentarische Epoche im Reiche und Preußen anläßlich des abermaligen Thronwechsels ihren Abschluß gesunden. Sie brachte im Reichstage wie in der par­lamentarischen Vertretung des preußischen Volkes jene sich gegenseitig ergänzenden hochbedeutsamen Kundgebungen des Kaisers und Königs Wilhelm II., in denen der jugendliche Monarch sein künstiges Regterungsprogramm nach Außen wie nach Innen entwickelte und diese Erklärungen, sie sind nicht nur von den versammelten Parlamenten, sondern auch vom ganzen Lande mit begeisterter Zustimmung begrüßt worden, während sie sich auch die sympathische Anerkennung des Auslandes errangen." Die ersten Thron­reden Wilhelms II. haben es zudem klar vor aller Welt erwiesen, daß er bei der Voll­kraft der Jugend doch auch ganz erfüllt ist von dem Bewußtsein seines hohen Berufs, ganz gewillt, seine Pflicht zu thun. Kaiser Wilhelm will sich stets das Wort seines großen Ahnen Friedrich gegenwärtig halten, daßder König des Staates erster Diener ist", wie er in der Thronrede vor dem preußischen Landtage erklärte, im Geiste des großen Friedrich wird er die Regierung im Reiche und Preußen führen und somit kann das preußische und deutsche Volk im Vertrauen auf Kaiser WUHelm getrost in die Zukunft schauen.

Während die Frage der Neubesetzung des preußischen Ministeriums des Innern noch immer ihrer Erledigung harrt, hat sich auf einem anderen Mtnisterpdsten ein etwas überraschender Personenwechsel vollzogen. Der Hausmtntfter des preußischen Königshauses, Oberstkämmerer Graf ONovon Stolberg-Wernigerode, ist von diesem Posten zurückgetreten und an seiner Stelle wurde der bisherige Reichstagsprasident Herr v. Wedell-Piesdorf zum königlichen Hausmtnister ernannt. Graf Otto v. Stolberg hatte das Hausministerium seit dem Ableben des Freiherrn o. Schleinitz nur intermistisch geführt und schon wiederholt die Absicht zu erkennen gegeben, von der Leitung desselben zurückzutreten, um sich ganz der Verwaltung seiner Güter widmen zu können. Trotzdem konnte man nicht annehmen, daß sein Rücktritt so plötzlich er­folgen würde und anderseits kommt auch die Ernennung Herrn v. Wedell-Piesdorf's zum Nachfolger des Grafen Stolberg ein wenig überraschend. Jedenfalls besitzt aber dieser Ministerwechsel keinerlei politische Bedeutung, dennMinister des königlichen Hauses" ist nur ein Titel, dessen Träger dem Staatsmtnistelium nicht angehört. Herr v. Wedell-Piesdorf vertritt seit dem Jahre 1884 den Wahlkreis Mühlhausen- Langensalza im Reichstage, dessen Verhandlungen er seit vier Sessionen mit ebensoviel Tact als Umsicht geleitet hat; außerdem ist er Regierungspräsident in Magdeburg. Durch seine Ernennung zum Hausmtnister erlischt sein Mandat und ist es noch un­bekannt, ob sich Herr o. Wedcll-Piesdorf wiederwählen lassen wird.

DerRat. Ztg." zufolge sind abermals Gerüchte über eine bevorstehende Ver­änderung in der Stellung des Chefs der Admiralität o. Caprivi im Umlauf. Worauf dieselben zielen und ob sie begründet sind, muß jedoch abgewartet werden.

In Oesterreich begrüßt man das Project einer Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Czaren mit besonderer Wärme. DiePresse" sieht in dieser eventuell bevorstehenden Begegnung eine hochbedeutsame practische Betätigung der ernsten Friedenspolitik Deutschlands und auch verschiedene der andern tonangebenden Wiener Blätter äußern sich sympathisch über das Project. Diese Sympathie der Oesterreicher ist freilich auch sehr erklärlich, denn eine Begegnung zwischen dem deutschen und dem russischen Kaiser würde vermuthlich auch auf die österreichisch-russischen Beziehungen günstig zurückwirken und in Wien sähe man eine Besserung dieser Be­ziehungen offenbar ganz gern.

Das Ministerium Floquet hat in der Donnerstagssitzung der französischen Depulirtenkammer eine nicht unbedenkliche Schlappe erlitten. Von der Rechten war beantragt worden, daß künftig die Anwesenheit der wirklichen Mehrheit der Mitglieder der Budget-Commission und anderer parlamentarischer Commissionen zur Gültigkeit der Commissions-Abstimmungen erforderlich sein müsse. Obwohl der frühere Cabinetschef Rouvter und auch Floquet selbst den Antrag als eine Verzögerung der parlamentarischen Arbeiten bezeichneten, wurde er schließlich doch angenommen und die Rechte kann hier­mit einen unerwarteten parlamentarischen Triumph über das Ministerium Floquet verzeichnen.

Der französische Nationalfesttag, der 14. Juli, wird in Paris auch diesmal unter besonderen Feierlichkeiten begangen werden. Unter Anderem werden die 2900 Bürgermeister der Hauptcantonsorte von der Regierung eingeladen werden, der üblichen Revue und dann einem auf dem Marsfeld abzuhaltenden großen Banket betzuwohnen. Zu letzterem werden auch alle Deputirten, Senatoren und Gemeinderäthe von Paris Einladungen erhalten.

In der Agitattonskasse der Boulangisien soll bedenkliche Ebbe herrschen und wenn dem Boulangismus der nervös rerum anfängt zu fehlen, dann dürfte es mit diesem Schwindel bald Matthäi am letzten fein.

Vor Kurzem brachten österreichische Blätter zuerst einen Bericht über einen blutigen Kampf, der sich in Lonstantinopel zwischen der arabischen und der arnau- tischen (albanesischen) Leibgarde des Sultans abgespielt haben sollte. Nachfolgende Meldungen aus der türkischen Hauptstadt bestätigten diesen Bericht durchweg und nun­mehr vernimmt man aus Constantinopel, daß dreißig Offiziere der meuterischen Regi­menter verbannt worden sind, weil sie nicht im Stande gewesen waren, die Dtsciplin

unter ihren Mannschaften aufrecht zu erhalten. Das gesammte Personal im Palast des Sultans ist einem strengen Verhör unterzogen worden, da sich der Verdacht ver­breitet hatte, daß zwischen einzelnen der im Palast angestellten Personen und den Meuterern ein gewisses Einverständniß bestanden habe. Selbstverständlich erregte dieses Gerücht im Palast ziemliche Beunruhigung, da das Scharmützel zwischen den Albanesen und den Arabern in diesem Fall den Charakter einer wirklichen militärischen Emeute mit politischem Hintergrund getragen haben würde. Indessen hat das angestellte Ver­hör mit unzweifelhafter Gewißheit ergeben, daß von dem Palastpersonal Niemand um den Zusammenstoß gewußt hat, letzterer war lediglich die Folge einer zwischen den beiden Parteien schon längst bestandenen Spannung.

Telegraphische pepeschen.

Wolff's telegr. Correspondenz. Bureau.

Berlin, 29. Juni. Der Kaiser machte Morgens in Begleitung seines Flügel­adjutanten einen Spazierritt nach Wannsee und nahm Vormittags Vorträge und mehrere militärische Meldungen entgegen. Prinz und Prinzessin Heinrich reisten Nach­mittags nach Kiel. Die Krönung in Königsberg werde als aufgegeben angesehen.

DieNattonalzeitung" bezeichnet die Tage vom 10. bis 15. Juli als wahr scheinltch für die Zusammenkunft des Kaisers mit dem Czaren. Der Ort der Be­gegnung und der Weg des Kaisers Wilhelm stehe noch nicht fest.

Potsdam, 29. Juni. -Der Kaiser und die Kaiserin empfingen Nachmittags Uhr das Präsidium des Herrenhauses. Der Herzog von Ratibor überreichte die ' Adresse des Herrenhauses, welche der Kaiser huldvollst dankend entgegennahm. Der " Empfang dauerte eine Viertelstunde. Hierauf begab sich der Herzog von Ratibor allein nach Friedrichskron, um der Kaiserin - Wiltwe das Beileid des Herrenhauses auszudrücken.

Das Präsidium des Abgeordnetenhauses wurde heute Nachmittag 21/» Uhr vom Kaiserpaar gemeinschaftlich empfangen. Präsident v. Köller überreichte mit einigen Worten die Adresse, die der Kaiser huldvoll entgegennahm, indem er.für den ein­stimmigen Beschluß seinen Dank aussprach. Das kaiserliche Paar unterhielt sich darauf leutselig mit den Mitgliedern. Der Kaiser berührte vor Allem die Ueberschwemmungen und drückte seine Theilnahme über die von dem Leid Betroffenen aus. Er habe theil- wetse selbst das Elend gesehen und hoffe, daß mit Hilfe des Staates und Privater der Noth gesteuert werde. Nach der Verabschiedung begab sich das Präsidium nach Fried­richskron, um der Kaiserin-Wtttwe Victoria das Beileid des Abgeordnetenhauses anläß­lich des Heimganges Kaiser Friedrichs auszudrücken. Die Kaiserin dankte tiefbewegt und gerührt.

Berlin, 29. Juni. Der Reichskanzler begibt sich um 2 Uhr Nachmittags zum Kaiser nach Potsdam.

DieBerliner Polit. Nachr." schreiben: Der Reichskanzler dürfte in nächster Zsstt Berlin verlassen. Wenn einige Zeitungen melden, derselbe würde im Gefolge des Kaisers bei der eventuellen Zusammenkunft mit dem Czaren sich befinden ob und wann eine solche ftattfindet, vermögen wir übrigens nicht zu sagen so widersprechen die getroffenen Dispositionen dieser Angabe. Wenn man erwägt, welche Aufregungen, Mühen und Sorgen, welche schmerzvollen und erschütternden Ereignisse der Reichs­kanzler seit seiner Hterherkunft aus Friedrichsruh durchgemacht hat, bedarf es nicht erst des besonderen Hinweises, daß Fürst Bismarck im 74. Lebensjahre steht, und der Noth- wendigkeit, darzulegen, daß seine Kräfte der Schonung, er selbst der Ruhe dringend bedarf. Ob der Reichskanzler diese Erholung in Varzin oder Friedrichsruh sucht, steht ebensowenig fest, wie seine etwaige Badereise nach Kissingen.

Bern, 29. Juni. Die beiden gesetzgebenden Räthe haben die Uebereinkunft mit dem Vatikan, betreffend den Anschluß von Tessin an die Dtöcese Basel, genehmigt, ebenso den Vertrag mit Italien in Betreff der gegenseitigen Zulassung des an der Grenze wohnenden Medictnalpersonals. Morgen findet der Schluß der dermaliaen Session statt.

London, 29. Juni. Das Oberhaus nahm in seiner heutigen Sitzung den Antrag Wemyß an, welcher die Vorschläge der Regierung für die Landesverteidigung billigt, sowie weitere Maßregeln zur genügenden Sicherung des Reiches, sowie zur Er­weckung des vollen Vertrauens des Landes erwartet. Salisbury acceptirt den Antrag, sowie das darin ausgedrückte Vertrauen. Im Laufe der Debatte widerlegte Salisbury die Ausführungen Wolseley's, daß zur Beförderung einer völlig equipirten Armee von hunderttausend Mann eine Dampferanzahl von insgesammt nur 170,000 Tonnen Rauminhalt nothwendtg seien; der Premier drückte den Wunsch aus, daß Wolseley seine große amtliche Kenntniß eher zur Berathung der Regierung als' zu deren Kritik verwenden möge.

Ehrisiiania, 29. Juni. Der Präsident des Storthings, Steen, beantragte ein Mißtrauensvotum gegen das Ministerium. Wahrscheinlich finden die Verhandlungen darüber am Samstag statt.

Madrid, 29. Juni. Das neue Branntwetnsteuergesetz ist heute nebst Aus- führungsbesttmmungen publtcirl worden.

Belgrad, 29. Juni. Graf Schlieffen überreichte heute Mittag in feierlicher Audienz dem Könige ein Handschreiben Kaiser Wilhelm's, worin die Thronbesteigung angezeigt wird. Am Abend findet zu Ehren Schlieffen's ein Galadiner statt.

Durban, 29. Juni. Einer Meldung desReuter'schen Bureaus" zufolge erhielten sämmtliche disponiblen Truppen in Natal die Ordre, sich zum Marsch in das Gebiet der Zulus bereitzuhalten. Morgen wird ein Bataillon von Kapstadt aus abgehen.

Lokales.

Gießen, 30. Juni. (Delegiertentag des Landeslehreroereins und General- Versammlung der Ludwig- und Alice-Stiftung.) Montag 2. und Dienstag 3. Juli er. werden im Stein'schen Saale hier zwei größere Lehrervcrsammlungen tagen. Am ersten