Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
1888.
ptt. 78 Viertes Blatt.
Sureau > S ch u l st r a ß c 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Zrciö vierteljährlich 2 Mark 20 Ps mit Bringerlobn.
—im ml, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Hheil.
Nr. 13 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 26. d. M., enthält:
(Nr. 1782.) Gesetz, betreffend die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie vom 21. October 1878. Vom 18. März 1888.
(Nr. 1783.) Gesetz, betreffend die Abänderung des Artikels 24 der Reichsverfassung. Vom 19. März 1888.
(Nr. 1784.) Gesetz, betreffend den Schutz von Vögeln. Vom 22. März 1888.
(Nr. 1785.) Gesetz, betreffend die Abänderung des Gesetzes über den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenständen vom 25. Juni 1887. Reichs-
Gesetzbl. S. 273). Vom 22. März 1888.
Gießen, tm 29. März 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_______________ vr. Boekmann.
Politische Wochen-Ueberficht.
Gießen, den 31. März 1888.
Der Kaiser hat seit einigen Tagen auf Anrathen der Aerzte eine Massagecur begonnen, welche vornehmlich den Ersatz für die fehlende Körperbewegung bieten soll. Im Uebrigen wird über das Befinden des Kaisers gemeldet, daß die letzten Nächte des hohen Herrn noch immer zu wünschen übrig ließen, daß dagegen aber der Auswurf sich am Dienstag zum ersten Male seit der Operation als frei von blutigen Beimengungen erwies. Der Appetit des Dionarchen ist fortgesetzt ein sehr reger und die Ernährung, auf welche die behandelnden Aerzte großen Werth legen, zufriedenstellend. Bezüglich der signalisirten Uebersiedelung des Kaiserpaares nach dem Neuen Palais bei Potsdam sind noch keine definiriven Dispositionen getroffen.
Die Bewegung zur Errichtung von Denkmälern .für Kaiser WUHelm nimmt immer größere Dimensionen an und die Zahl der Städte in den verschiedensten Gauen Deutschlands, deren Vertretungen die Errichtung von Kaiser-Wilhelm-Denkmälern beschlossen haben, beläuft sich bereits in die Hunderte. So ancrkennenswerth nun aber auch der dieser wirklich nationalen Bewegung zu Grunde liegende pietätvolle Zug ist, so muß doch anderseits berücksichtigt werden, daß nur verhältnißmäßig wenige Städte über diejenigen reichlichen Mittel verfügen, welche die. Herstellung eines würdigen Denkmals für den verewigten Heldenkatser doch erfordert, während in den meisten Fällen die Ausführung eines solchen Denkmales tir Anbetracht der zur Verfügung stehenden Mittel wohl kaum eine zweckentsprechende, würdige werden könnte. Es ist daher in der Tagespresse der Gedanke angeregt worden, es möchten sich die deutschen Städte, welche die Errichtung von Kaiser - Wilhelm - Denkmälern planen, zur Herstellung eines einzigen imposanten Denkmales einigen, für welches dann allerdings noch der geeignete Platz ausfindig zu machen wäre, da ja in Berlin, dem Mittelpunkte des Reiches, selbst bekanntlich ein nationales Denkmal für Kaiser Wilhelm aus Reichsmitteln gebaut werden soll. Jedenfalls ist der erwähnte Vorschlag einer ernsten Discussion werth.
Es wird in Berliner politischen Kreisen sehr bemerkt, daß die beiden hervorragendsten Führer der nationalltbcralen Partei, die Herren v. Bennigsen und Dr. Miquel, auch nach Schluß der Reichstagssession noch einige Tage in der Reichshauptstadt verweilten. Der Unterredung, welche Herr von Bennigsen nach der denkwürdigen Reichstagssitzung vom 9. März mildem Reichskanzler hatte, sind seitdem weitere Besprechungen gefolgt. Es kann nicht fehlen, daß sich hieran allerlei Ver- muthungen knüpfen, die indeß zur Zeit eben nur Vermuthungen sind — wie das „B. T." sehr richtig bemerkt.
Die Nachrichten aus den großen deutschen Ueberschwemmungsgebieten lauten noch immer ernst genug. Speciell dehnt sich die Ueberschwemmung in der Marienburg - Elbinger Niederung auf ein zwölf Quadratmeilen großes Gebiet aus und sind 77 Ortschaften mit 30,000 Einwohnern in Mitleidenschaft gezogen. Wohl sind auch in der Elbniederung unterhalb Wittenberge's meilenweite Flächen Landes überschwemmt, und das hierdurch hervorgerufene Elend ist wahrlich groß genug, dennoch erweisen sich Noth und Elend in den Uebcrschwemmungsdistrikten von Weichsel und Nogat noch weit größer, als in jenen der Elbe und dürsten daher bei Spendung von Hilfe die westpreußischen Ueberschwemmungsgebiete am meisten zu berücksichtigen fein. Auch die Warthe ist aus ihren Ufern getreten und hat sie in Posen einen großen Theil der Unterstadt, sowie die Vorstädte Schrodka, Städtchen und Wallischei vollständig unter Wasser gesetzt. Von der Berliner Stadtverordneten-Versammlung sind 15,000 Jü zur augenblicklichen Linderung der Noth der Ueberschwemmten bewilligt worden und ist der Oberbürgermeister ermächtigt, diese Summen den Bürgermeistereien der betroffenen Gemeinden zuzutheilen. — Die Kaiserin Augusta überwies dem Vaterländischen Frauen-Verein 1000 JL als Beitrag zur Sammlung des Vereins für die Ueberschwemmten.
In Italien beschäftigt der Zwischenfall mit dem „Solförino" die öffentliche Meinung in ungewöhnlichem Grade. Die Erklärung des französischen Ge- schwader-Eommandanten, die Schüsse des Geschwaders seien nach einer ganz anderen Richtung als nach dem „Solförino" hin abgefeuert worden, wird von der italienischen Presse einstimmig als ganz ungenügend bezeichnet, und verlangen alle Blätter, daß die Regierung in Paris auf schleunige und befriedigende Aufklärung bringe, was denn auch seitens des römischen Cabinets schon geschehen sein soll. In Genua ist seitens des dortigen Hafencapitäns die Schiffsmannschaft des „Solförino,, nebst den Passagieren vernommen worden und sollen die Aussagen das Verhalten des französischen Ge- schwadercommandanten bei der Affaire in ein höchst bedenkliches Licht stellen.
Beim Empfange des Prinzen Hohenlohe, des Spezialabgesandten Kaiser Friedrichs an den italienischen Hof, durch König Humbert ist auf's Neue von beiden Seiten der ungeänderten Fortdauer der ausgezeichneten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien Ausdruck verliehen worden und veröffentlicht die „Gazeta uffiziale" den Wortlaut der hierbei gewechselten Reden.
Die unlängst wieder aufgetauchten Gerüchte über neuerliche Truppenverschiebungen in Rutzlanv nach der West- und Südgrenze zu, werden von russischer Seite consequent dementirt. Erft dieser Tage wieder hat der russische Botschafter : in Constantinopel v. Nelidoff', den dortigen Diplomaten und den türkischen Staats- I
männern gegenüber bestimmt erklärt, daß die Meldungen über Truppenzusammen- ziehungen oder anderweitige kriegerische Vorkehrungen in Südrußland absolut grundlos seien. Im Einklang mit dieser hochoffiziellen Versicherung steht auch die private Petersburger Meldung, wonach zwei Infanterie-Divisionen, die nach Westen zu vorgeschoben werden sollten, Gegenbefehl erhalten haben und in ihren bisherigen Stellungen verbleiben sollen.
In der rumänischen Hauptstadt hat die Oppositionspartei, die soeben erst in unziemlichster Weise vor dem königlichen Palais demonstrirte, neue Ausschreitungen begangen. In der Kammersitzung vom 27. März scandaltrten eine Menge Personen, die erst durch Oppositionsmitglieder eingeführt worden waren und fiel aus der scan- dalirenden Gruppe sogar ein Schuß, durch welchen der Thürfteher tödtlich verwundet wurde. Herbeigezogenes Militär stellte die Ordnung wieder her: in Folge der wegen dieser Vorgänge angestelltcn Verhöre wurden die Deputirten Flera und Philippesco nebst einigen oppositionell gesinnten Journalisten verhaftet, und ist eine eingehende Untersuchung eingeleitet worden. Dieselbe wird hoffentlich Licht in das nichtswürdige Treiben der rumänischen Opposition bringen, die ihrem Aerger und ihrer Enttäuschung darüber, daß das Ministerium Bratianu doch am Ruder geblieben ist, nun in so pöbelhafter Weise Luft macht.
Berlin, 29. März. Der Kaiser machte heute Mittag eine Ausfahrt in der Richtung nach dem Westend.
— In einer heute im Rathhause stattgehabten Versammlnng hoher Beamter, Abgeordneter, Vertreter angesehener Firmen und Vertreter der Presse konstitutrte sich ein ComitS unter Vorsitz des Oberpräsidenten Achenbach behufs Sammlung von Geldmitteln für die Linderung der Noth in den überschwemmten Landestheilen.
Berlin, 29. März. Die Nachrichten aus den Ueberschwemmungsgebieten, die heute hier vorliegen, lauten namentlich von der Weichsel und Warthe immer bedrohlicher. Wie allgemein diesmal in sämmtlichen Stromgebieten der Wasserzufluß ist, mag aus der fast komisch klingenden Thatsache hervorgehen, daß sogar die vielberufene durch Berlin fließende Pauke derart angeschwollen ist, daß sie Heute tatsächlich auf einem Grundstück im Norden Berlins, auf der Schulzendorferstraße einen Stall und eine Werkstatt weggerissen hat. Ein daran grenzendes Wohnhaus ist derartig bedroht, daß es von den Bewohnern geräumt werden mußte. In der Sitzung, die heute im Rathhaus unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten stattfand und zur Constituirung eines Hilfscomitä's führte, theilte Herr v. Forckenbeck mit, daß ihm der Minister o. Putt- kamer als Augenzeuge das Unglück im Ueberschwemmungsgebtet der Elbe als namenlos geschildert habe und leider werde sich das Unglück noch steigern. Der Staat werde thun, was er könne, aber die Privatwohlthätigkeit müsse mithelfen, deßhalb sei er (Herr v. Forckenbeck) von Herrn v. Putlkamer aufgefordert worden, die Bildung eines Central- Nothstands-Eomitä's für Berlin zu veranlassen. Auch der Oberbürgermeister von Danzig, Herr v. Winter, habe geschrieben, daß das Unglück im Gebiete der Weichsel die schlimmsten Erwartungen übertreffe, von einer Ernte in jenen Gegenden könne keine Rede sein.
Berlin, 29. März. Aus Elbing wird gemeldet: Das Hochwasser ist seit gestern um einen Fuß gestiegen, jetzt sind bereits 80Ortschaften überschwemmt. Pioniere sprengen das Haffeis. Rach der „Altpreußischen Zeitung" ist der Eisenbahndamm bei Güldenboden unterspült, die Züge nach Königsberg werden nicht mehr abgelassen, Elbing ist völlig isolirt und ohne jede Bahnverbindung, in den umliegenden Orten ist die Noth sehr groß.
Berlin, 29. März. Das königliche Eisenbahn-Betriebsamt macht bekannt: In letzter Stacht ist durch vom Karauscheu-See bis Stöwen ausgegangene Wassermassen die Strecke zwischen Schönlanke und Schneidemühl auf 600 Meter Länge überschwemmt. Der Güterverkehr ist ganz unterbrochen. Der Personenverkehr wird von Kreuz über Posen geleitet.
— Dem Berliner Frauenarzt Dr. I. Großmann gebührt das Verdienst einer gesundheitstechnischen Erfindung für Frauen, welche die Aufmerksamkeit der Aerzte sowohl als auch namentlich die der Frauen und Mädchen in bestimmten Altersgrenzen in hohem Maße in Anspruch nehmen wird. Die Erfindung des genannten Arztes besteht in einem hygienischen Beinkleid aus Trieot, welchem eine Bandage mit Sublimatgazekissen beigefügt ist, deren Anwendung der Damenwelt in Zukunft aus vielfachen Gründen unabweisbar erscheinen wird. Das Dr. Großmann'sche hygienische Beinkleid wird die Damen nicht nur von vielen Unbequemlichkeiten befreien, sondern auch in gesundheitlicher Hinsicht von der wohlthätigsten Wirkung sein. So bietet es z. B. den wirksamsten Schutz gegen Erkältungen, welche ganz besonders den weiblichen Organismus zu bestimmten Zeiten bedrohen. Der Gebrauch des Beinkleides und des beigegebenen einfachen sinnreichen Apparates ist überaus bequem; er genirt in keiner Weise und verleiht den Trägerinnen das angenehme Gefühl der größten Sicherheit. Aerztliche Autoritäten, wie die Professoren Fritsch, Gusserow und Werth, sowie hervorragende medieinische Fachblätter haben sich in anerkennendster Weise über das hygienische Beinkleid ausgesprochen. — Es sei noch bemerkt, daß dasselbe in der elegantesten wie in der einfachsten Form hergestellt wird, so daß es nicht nur der vornehmen Damenwelt, sondern auch den Frauen der ärmeren Volksklassen zur^ Wohlthat dienen kann. Der Vorzug der alleinigen Herstellung dieser hygienischen Schutzvorrichtung ist der Firma ©umbrecht & Prokasky, Berlin N., Oranienburgerstraße 75, von dem Erfinder Dr. Großmann zugewiesen worden, welche ihrerseits wie überall auch hier Niederlagen errichtet hat. (S. das Inserat in unserer Zeitung.)


