Ausgabe 
29.12.1887 Erstes Blatt
 
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Ur. 302 Erstes Blatt. Donnerstag den 29. December 1887.

Hieß euer Anzeiger

Amts- und Anzcigcblatt für dm Kreis Gieße».

vurcan - Schul st raße 7. Erscheint täglich mit «nSnohm- d-S M°nt«gs. g**

Amtlicher Hheiü

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß im Frühjahre und Herbste künftigen Jahres je ein Fohlen- und Pferdemarkt zu Darmstadt abgehalten wird und daß mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz mit diesen beiden Märkten Verloosungen von Fohlen und Pferden, dann von Pferdegeschirren, landwirthschaftlichen Geräthschaften, sowie sonstigen Gegenständen, nach dem vorgelegten Verloosungsplane verbunden werden. Diesem Plane gemäß sind bei jeder der zwei Verloosungen höchstens 20,000 Loose das Loos zu 2 auszugeben und wenigstens

65% der Brutto-Einnahmen zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden. Der Vertrieb der fraglichen Lsose ist für den Umfang des GroßherzogthumS gestattet worden.

Gießen, am 23. December 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Polnische UeSerstcht,

Gießen, 27. December.

Unser erhabenesKaiserpaar hat das Weihnachtsfest in erfreulichem Wohlsein begehen können und namentlich der Kaiser befindet sich zur Zeit bei bester Gesundheit. Wenn etwa» die diesjährige Weihnachtsfeier am kaiserlichen Hofe trüben konnte, so war es der schmerzliche Gedanke an das schwere Geschick des Kronprinzen, welches den hohen Herrn nöthtgte, diesmal das schönste Fest des Jahres fern von den greisen Eltern und der deutschen Heimath zu verleben.

Die Harmonie des Weihnachtsfestes ist, soweit fich die» nach den vorliegenden Meldungen beurtheilen läßt, durch keinen grellen Mißton auf poli­tischem Gebiet gestört worden und speciell scheint die Lage an der galizischen Grenze keine weitere Verschärfung erfahren zu haben. Nachdem Oesterreich- Ungarn durch die Beschlüsse der Wiener Militärconferenzen bekundet hat, daß es vorläufig keine besonderen Maßregeln gegenüber den Truppenansammlungen de» rusfischen Nachbarn ergreifen will, lenkt man an der Newa sogar ein wenig ein. Die PetersburgerBörsenzeitung", welche al» Organ des rusfischen Finanz­ministeriums gilt, glaubt versichern zu können, daß das russische Kriegsministerium keinen besonderen Credit verlangt habe und daß sämmtltche Ausgaben desselben, darunter die für die Truppenverpflegung in den letzten Wochen, die Voranschläge nicht überstiegen hätten.

In der inneren deutschen Politik bildet augenblicklich nur die Frage der Verlängerung des Soctalistengesetzes einen Gegenstand eingehender Besprechungen seitens der Blätter. Obwohl das neue Socialistengesetz vom Bun- desrathe schon seit länger al» eine Woche angenommen worden ist, wartet man noch immer vergeblich auf seine Veröffentlichung, indessen verlautet, daß die über den Inhalt des Entwurfs verbreiteten Gerüchte, wonach eine Verlängerung des Socialisteugesetzes auf 5 Jahre und eine Verschärfung der Ausweisungsbestim­mungen grplant sei, im Allgemeinen der Sachlage entsprächen, lieber die Stel­lung der einzelnen Parteien des Reichstages zu dem neuen Gesetze laufen eben­falls schon eine Menge Gerüchte um. Wollte man denselben glauben, so müßte die Vorlage schon im Voraus als gescheitert betrachtet werden, denn nicht nur die Nationalltberalen, sondern auch die Abgeordneten des Centrum» sollen gewillt sein, in Anbetracht der bedenklichen Verschärfungen des neuen Socialistengesetzes ihre Zustimmung zu demselben zu verweigern und diese oppositionelle Strömung reicht anscheinend bi» in die Reihen der Freiconseroativen hinein. Immerhin wird noch dahingestellt bleiben müssen, ob diese Parteiconstellation gegenüber dem neuen Socialistengesetze bis zur entscheidenden Abstimmung bestehen bleiben wird.

Die meisten Einzellandtage der österreichischen Kronländec haben noch vor Weihnachten ihre Thätigkeit beendigt und nur noch wenige Landtage werden auch tm neuen Jahre noch versammelt sein, unter ihnen der böhmische Landtag. Im btztcren fehlen bekanntlich wiederum die deutschen Abgeordneten, so daß Jungczechen und Altczechen in der Prager Landstube bislang unter fich gewesen find und e» fehlte somit den Verhandlungen der böhmischen Landtages das natio­nale Moment, welches in seinen früheren Sesfionen bei dem Gegensätze -wischen Deutschen und Czechen eine so hervorragende Rolle spielte.

Der PetersburgerRegierungsanzeiger" bestätigt jetzt die Meldung von der Schließung der Universitäten Moskau, Kasan, Odessa und der technolo­gischen Instituts zu Charkow wegen der an den betreffenden Lehranstalten vor- gekommcnen studentischen Tumulte. Dagegen hat fich die Nachricht, auch die Petersburger Universität sei au» gleicher Ursache geschloffen worden, nicht be­stätigt.

lieber die bulgarische Frage sind in den letzten Tagen eine Anzahl Mitthetlungen verbreitet worden, die aber jetzt lammt und sonders widerrufen werden. So soll weder die Einberufung einer Conferenz zur Regelung der bul­garischen Angelegenheit, noch der Erlaß einer Collectivnote an den Fürsten Fer­dinand, mit der Aufforderung, Bulgarien zu verlassen, beabsichtigt sein und sollen überhaupt zur Zeit keinerlei Verhandlungen zwischen den Mächten über die bul­garischen Wirren schweben.

Wien, 26. December. Unter dem Vorsitz de» Kaiser» fand heute in der Hofburg eine militärische Conferenz statt, welcher der Erzherzog Albrecht, t der Kriegsminißer v. Bylandt-Rheydt und der Chef der Generalstaber, Feld- I marschallieutenant v. Beck, beiwohnten. (F. Z.) I

Wien, 27. December. Die hiesige spanische Gesandtschaft wurde bereit» zur Botschaft erhöht. (F. Z.)

Budapest, 27. December. Nachdem Roth tm letzten Augenblick von der Patronenlieferung wegen der Zahlungsbedingungen zurückgetreten ist, schloß die Regierung heute die Lieferung von 15 Millionen Patronen, lieferbar im Monat März, mit der Soctetl anonyme in Brüssel ab. (F. Z)

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eonctspondenz-Brrrearr*

Berlin, 27. December. Se. Majestät der Kaiser nahm im Laufe des Vor­mittags eine Anzahl militärischer Meldungen entgegen, empfing darauf den Vortrag des Obersten Brauchitsch vom Militärcabinet und machte Nachmittags eine Spazier­fahrt. Gestern Abend besuchte Höchstderselbe das Opernhaus und sah dann eine kleine Theegesellschast bet sich, darunter auch Staatsminister v. Bötticher.'

Wien, 27. December. Dr. Zivny, Eigentümer und Redacteur des Wochen- VfttesDer Parlamentär", Schwiegersohn des verstorbenen Deputtrten Skreischowsky, ist wegen Hochverraths, begangen durch panslavtstische Agitationen, in landesgerichtliche Haft genommen.

Rom, 27. December. Der Papst empfing gestern die Mitglieder des diplo­matischen Corps, welche ihm Glückwünsche und Geschenke darbrachten.

Madrid, 27. December. Die amtlicheGaceta" veröffentlicht den königlichen Erlaß, durch welchen die spanische Gesandtschaft in Berlin zum Range einer Botschaft erhoben wird.

San Remo, 27. December. Dr. Mackenzie ist gestern Abend wieder hier an­gekommen.

Lokale-.

Gießen, 27. December. sAus dem Bericht Großh. Handelskammer.) Ueber die Kranken- und Unfallversicherung der Arbeiter wird berichtet, daß die Kammer, um über die Wirkungen dieses Gesetze? ein Bild geben zu können, Nachstehendes aus den Tabellen des Kaiserlichen statistischen Amtes entnommen habe:

Zahl und Umlagen der Krankenkassen tm Jahre 1885:

Kassen

Mitglieder

Etnnabmc «N*

Ausgabe JL

Gemeinde-Kranken-Versicherung .

7024

586584

4613767

4139535

Orts-Krankenkassen.....

3693

1534888

21421981

17465209

Betriebs- (Fabrik-) Krankenkassen .

5473

1261200

25606477

18433989

Bau-Krankenkassen .....

83

12115

427153

307331

Innungs-Krankenkassen ....

224

24879

315384

252251

Eingeschriebene Hülfskassen . . .

1805

730722

11410148

10037429

Andere freie Hülfskassen . . .

471

143785

2305434

2011082

Sämmtliche Krankenkassen

18776

4294173

66100344

52646826

Bei den vorstehenden Angaben sind die in Knappschaften joersicherten Bergleute nicht miteinbegriffen. , t t . _ ., _

Was die Unfallversicherung anlangt, so waren nach den Erhebungen des Reichs- versicherungSamts bis zum 7. April 1885 angemeldet:

180017 Betriebe mit 2 833 208 Arbeitern.

Ferner wurden bis zum 10. November 1885 auf.Grund der Novelle vom 28. Mat 1885 angemeldet:

37 340 Betriebe mit 149 338 Arbeitern.

Im Ganzen sind demnach bis zu jenem Tage beim R.-B.-A. angemeldet worden: 217 447 Betriebe mit 2 982 546 Arbeitern. t

Die Zahl sämmtlicher Versicherter hat sich unterdessen noch bedeutend vermehrt.

Aus den vorstehenden Zahlen ergibt sich, daß ein nicht geringer Procentsatz der Einwohnerzahl des Deutschen Reichs der Wohlthaten der beiden neuen Gesetze genießt.

Da diese Wohlthaten nach der Natur der Sache dem unbemittelten Arbeiterstand vorzugsweise zu Gute kommen und mit verhältnitzmäßig sehr geringen Opfern erkauft sind, so kann das Ergebniß der obigen Zusammenstellung mit Genugthuung betrachtet werben. Die sociale Reform, welche die Hebung und Sicherung des Arbeiterstandes zum vorzugsweisen Gegenstand ihrer Aufgaben gemacht hat, ist hiermit einen beträcht­lichen Schritt weiter vorgerückt. Wenn man nun auch den staatlichen Zwang auf diesem Gebiete im Principe nicht als Norm aufstellen darf, so erscheint er doch praktisch da erforderlich, wo man der freien Wtllensbestimmung des Einzelnen nicht die nothlge Initiative und Energie der Durchführung zuzutrauen in der Lage ist. ^n diesem Sinne ist es auch wünschenswerth, wenn in Verfolgmig des Ausbaues der begonnenen Soctalreform der Kranken- und Unfallsversicherung sich, als nothwendige Ergänzung eine Alters- und Invalidenversicherung anschließen würde, welche da emzusetzen hat, wo uns die Erstere im Stiche läßt. Jedenfalls ist der.Wunsch nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, gerechtfertigt, wenn auch erst langjährige Erfahrungen zeigen müssen, ob das System der Zwangsversicherungen sich bewahren wird, und ob dasselbe nicht insofern günstige Wirkungen nach sich zieht, daß der Sorglosigkeit und Nachlässigkeit des leichtsinnigen Arbeiters auf Kosten seiner arbeitsamen und gewissen­haften Mitarbeiter Vorschub geleistet werde.