Ar. 2S2 Samstag den 29. October 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Vrrrearrr Schulftraße 7.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 28. October.
Der Kaiser ist nebst seiner Begleitung am Mittwoch Abmd von den Zigden bei Wernigerode im besten Wohlsein wieder in Berlin eingetroffen, dem greisen Monarchen dieser sein erster heuriger Jagdaurflug trotz der m Montag und Dienstag herrschenden ungünstigen Witterung so gut bekommen K, so scll bereits an diesem Freitag ein fernerer Jagdaurflug nachsolzen, den Kaiser nach der Schorsheide zu unternehmen gedenkt; es heißt, dem Äron- Minzen Rudolf von Oesterreich sei hierzu eine Einladung zugegangeu.
Die bevorstehende Abreise der Czarensamilie von Fredeurborg, msp. Kopenhagen nach Petersburg, hat das sommerliche Gerücht von einer Zu« isammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Czaren zum so und so vielten Male m auffeben taffen. Wenigsten« ersährt die in bestimmter Form gebrachte Mit« 'theitung der Kopenhagener „National-Tidende", die Abreise dec russischen Herr- Men würde über deutschen Boden erfolgen und sei der Hoszug der Czaren Ümits von der Grenzstation Wirballen nach Fridericia beordert worden, vielfach uim Auslegung dahin, daß bet dieser Gelegenheit der russische Herrscher am !Mner Hose einen Besuch abstatten werde. Diese Annahme erscheint säst Mverständlich und dennoch deutet das soeben genannte dänische Blatt noch .: üfae andere Möglichkeit an, nämlich, daß die Rücksicht aus seine kaum von den Masern genesenen Kinder den Czaren veranlaffen könnte, von einem Aufenthalt in Berlin abzustehen. Freilich gebraucht die „National-Tidende" eine andere Wendung, indem sie schreibt, die Czareniamilie könne bei einer Rücksahrt über veutschlaud in aller Bequemlichkeit nach Hause gelangen, ohne hierbei nöthiz pl haben, Die „warmen Wagen" öfter zu verlassen, als ihr selbst beliebe, aber mn darf hierin wohl eine Andeutung erblicken, daß Kaiser Alexander durch die ! Rücksicht auf die Gesundheit seiner Kinder bewogen werden könnte, die kürzeste Route nach Petersburg, also über Fridericia nach Lübeck «Stettin-Kreuz u. s. w., W machen und von dem Umwege über Berlin abzusehen. Es könnte hierfür ! wenigstens kein anderes Motiv angenommen werden, als das angedeutete und .1 Miet diesem Gesichtspunkts würde man es auch in Berlin entschuldbar finden, wenn der Czar auf der Heimreise über deutschen Boden von einem Besuche de« * Berliner Hofes absteht, was sonst ein ganz auffälliger Verstoß gegen den unter ; »en Höfen üblichen Höflichkeits-Codex wäre. Ein Drittes ist auch nicht ausge- . Waffen, daß nämlich der Kaifer die Czarensamilie auf einer Station ihrer Heimreise, etwa in Stettin, durch den Prinzen WUhelm begrüßen läßt — etwas
' ! Weiteres erscheint aber vollständig ausgeschlossen 1
Endlich sind dem Bundesrathe die ersten Theile des Reichshaus. Halts-Etats zugegangen und zwar die Etats-Entwürfe für die Reichskanzlei, die Relchsjusti,-Verwaltung, das Reichseisenbahnamt und den Rechnungshos. Specielle Daten liegen indessen noch nicht vor und wird nur gemeldet, daß die ' einmaligen Ausgaben um 450,000 JL In Folge Minderbedarses für den Bau idei Reichsgerichtsgebäudes zurückgegangen seien. Indessen dars man jetzt hoffent« stich einer baldigen Veröffentlichung des gesammten Etats entgegensehen, während Hinsichtlich des Standes der übrigen Vorarbeiten zur Herannahenden Reichstags« Besston noch immer eine merkwürdige Stille herrscht und es wäre doch wahr« saftig Zeit, daß auch hierüber endlich etwas Näheres verlautete, da nach allge« meiner Annahme die Einberufung Des Reichstages in spätestens 4 Wochen zu «märten stehl.
Der am kommenden 31. December ablausende deutsch-österreichische Handelsvertrag soll nach einer dem österreichischen Bbgeordnetenhause zuge- !,anzenen Vorlage bis zum 30. Juni 1888, also aus ein halbes Jahr, vertäu« M werden. Was nach Ablauf diese« Provisorium« werden soll, scheint man bii jetzt weder in Berlin noch in Wien zu wissen.
Unter den den Kammern unterbreiteten Vorlagen befinden sich auch die >"glisch.französischen Conventionen wegen de« Suezkanals und der Reuen Hebriden. Beide Abmachungen bedeuten nach ihrem inzwischen bekannt gewordenen Inhalte bemetkenswerthe Erfolge der Diplomatie des Herrn Flau« - ras und die „Times" beeilt sich daher, dieselben möglichst zu verkleinern. Da« Londoner Weltblatt meint nämlich etwa« sarkastisch, die hierbei zu Tage gelte» , lene versöhnliche Stimmung Frankreichs dürste wohl auch durch die Erwägung seroorgerusen sein, daß Frankreich in Europa nicht zu viel Freunde habe — l «in- Pille, die man in Pari« mit sehr gemischten Gefühlen hinunter- ! Nucken wird.
In die Stille, welche hinsichtlich der bulgarischen Angelegenheiten ' wirscht, wird jetzt von russischer Seite eine amüsante Abwechslung gebracht.
•6« heißt nämlich, Graf Lamsdorf, der Director der diplomatischen Kanzlei im - privat,Cabinet de« Czaren, soll bei der Rückkehr von Kopenhagen, wohin er ? non seinem kaiserlichen Herrn zur Berichterstattung beordert worden war, nach " Petersburg dem dortigen Cabinet einen mündlichen Befehl Kaiser Alexander« iiberbracht haben, woraus unverzüglich eine Lösung der bulgarischen Frage zu Mat sei. Eine Lösung der bulgarischen Frage aus „höheren Beseht' — da« «re gar nicht so übel schade nur, daß sich die Conflicte aus dem Welttheater 5 I W in so einfacher Weise au« dem Wege schaffen lassen. Ferner schlagen * ‘Js panslavistischen Blätter ernstlich vor, Rußland möge sich vorn Berliner Vec-
«ge in aller Form lossagen, damit e« in Bulgarien vollständig freie Hand Womme. Die Herren Panflavisten scheinen jedoch ganz zu vergessen, daß die Übrigen Mächte einem solchen Schritte sofort folgen würden und es ist vorläufig
nicht ersichtlich, wie die russische Politik ihre Stellung in der bulgarischen Affaire durch die Vernichtung de« Berliner Vertrage« verbessern sollte.
Die neue Afrika-Expedition der Italiener hat bereit» ihren Anfang genommen, indem sich General Marzano, der Oberbefehlshaber der Expedition, om Donnerstag mit feinem Stabe in Neapel auf dem Dampfer „Amerika" nach Maffauah einschiffte. Das insgesammt 25,000 Mann starke Corps wird in vier Abteilungen nach Ostanika transporttrt werden, deren letzte gegen Mitte November abgeht. Die Expedition ist in jeder Beziehung auf da« Sorgfältigste ausgerüstet, bte Truppen sind voll Eifer, die Niederlage ihrer Kameraden bei Dogalr und Saati wieder wett zu machen und so steht man denn in Rom dem Rachefeldzuge gegen die Abysstnier mit großen Hoffnungen entgegen — ob denselben der Verlauf der Dinge entsprechen wird, muß noch dahingestellt bleiben.
Die Kämpfe zwischen den serbischen Grenzposten und den Ar- nauten, wovon in letzter Zett wiederholt berichtet wurde, haben einstweilen einen Notenwechsel zwischen Belgrad und Konstantinopel zur Folge gehabt. Der serbische Ministerprästdent, Herr Ristics, drohte der Pforte, größere Truppen- kräfte an die Grenze zu entsenden, wenn die Einfälle der Arnauten in da« serbische Gebiet seitens der Pforte nicht verhindert würden. Von der türkischen Regierung ist dem Vernehmen nach diese Drohung bereits in einer Note beantwortet worden, über deren Inhalt jedoch noch nichts Näheres verlautet.
Die Gerüchte, es seien im Schooße de« Ministerium» Rtsttc» ernste Differenzen entstanden, werden von der „Polit. Corresp." als jeder Begründung ent* behrend bezeichnet.
Darmstadt, 27. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 18. Octbr. den Lehrer an dem Gymnastum zu Mainz Jos. Kempf auf sein Nachsuchen au« dem Staatsdienste zu entlaffen.
Darmstadt, 27. October. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 26. d. Mt». den Oberförster der Obersörsterei Hainbach Friedrich Bücking in gleicher Dienstetgenschast in die Obersörsterei Romrod zu versetzen — und
den Forstaffeffor Hermann Kutsch aus Lich zum Oberförster der Ober- sörsteret Hainbach mit Wirkung vom 1. November d. I«. zu ernennen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorresponderrr * Brrrearr«
Berlin, 24. October. Se. Majestät der Kaiser wohnte gestern Abend der Vorstellung im Opernhause bet und empfing heute Vormittag die Vorträge Albedyll's und des Kriegsministers, sowie militärische Meldungen. Nachmittags empfing der Kaiser den Gouverneur von Kamerun, Herrn v. Soden, und den Minister Puttkamer und machte darauf eine Spazierfahrt.
Berlin, 27. October. Se. Majestät der Kaiser empfing heute Nachmittag den Staatssecretär Grafen Bismarck zu längerem Vortrage.
— Der Bundesrath genehmigte die Entsendung eines Reichs-Commissars zur Ausstellung nach Melbourne und die Uebernahme der dadurch, sowie durch Ausschmückung und Beaufsichtigung der deutschen Ausstellungsräume entstehenden Kosten auf das Reich.
— Dem Vernehmen nach ist der Termin der Anmeldung von Ausstellungsgegenständen für die Melbourner Ausstellung bis zum Ende des Jahres verlängert worden.
Berlin, 27. October. Das Seminar für orientalische Sprachen wurde heute Mittag in Anwesenheit des Grasen Bismarck, des Ministers Goßler, der Herren Greiff, Lukanus, Homeyer, des bayerischen Militärbeoollmächtigten, des Polizeipräsidenten, des gesammten Lehrercollegiums und von Vertretern der Kunst und Wissenschaft, darunter Virchow, Mommsen und Helmholtz, feierlich eröffnet. Goßler gab einen Ueberblick über die Entstehung der Anstalt, legte den Zweck der Sprachen für die Praxis dar, übergab das Institut Namens des auswärtigen Amtes der Universität und erklärte das Seminar für eröffnet. Nach der Uebernahme durch den Rector Schwenderer dankte der Direktor des Seminars Sachau, gab einen Ueberblick sämmtlicher zu lehrender Sprachen und versprach Pflege der Wissenschaft im Seminar und Förderung des deutschen Geistes. Namens des Reiches begrüßte Staatssecretär Bismarck die Anwesenden und sprach den Wunsch aus, das Seminar möge bei den hohen dafür gewonnenen Kräften bald anderen Anstalten würdig zur Seite stehen.
Berlin, 27. October. Die „Norddeutsche Allgem. Ztg." weist auf die lebhafte Befriedigung der französischen und der englischen Presse über den Abschluß des Abkommens bezüglich des Suezkanals und der Neuhebriden hin und sagt: Auch hier liegt kein Grund vor, diese Verständigung anders als sympathisch zu begrüßen, da dieselbe, wenn sie erst perfect geworden sein wird, dazu angelhan ist, ein weiteres Unterpfand für die Erhaltung des europäischen Friedens zu bieten und. eine der Schwierigkerlen, welche den Frieden gefährden, zu beseitigen.
Pari», 27. October. Wilson bestätigte einigen Journalisten gegenüber, daß er sein Mandat nicht niederlegen werde. Der heutigen Abtheilungs - Sitzung werde er beiwohnen, um für die Untersuchung zu stimmen, welche ihm Gelegenheit zur Recht- ferttgung bieten werde. t
Paris, 27. October. Herr Flourens empfing heute Vormittag den Grafen Montebello, der sich demnächst auf seinen Posten in Konstantinopel zurückbegibt.
— Die Vorsitzenden der verschiedenen Gruppen der Rechten erklären die Gerüchte von Meinungsverschiedenheiten für unbegründet. ,,
London, 27. October. Der Engländer Mr. Wilfried Blunt, welcher in Woodford ein verbotenes Meeting abzuhalten versuchte und dabei mit der Polizei in Eoufuct gerieth, ist zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt worden.
Sofia, 27. October. Die Sobranje wurde heute eröffnet. Dre Thronrrae des Fürsten sagt: „Nach den Ereignissen, die das Vaterland überlebt hat, bin ich glücklich, in der Hauptstadt die Vertreter meines vielgeliebten Volkes zu begrüßen, die vcauf-


