Ar. L25. Zweites Blatt. Sonntag den 29. Mai 1887.
(fneßenet Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vareau; Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.
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Die unnöthigen Thierquälereien beim Schlachten des Kleinviehes.
Wenn man uns sagte, daß es ein Land gibt, in welchem täglich über hunderttausend Thiere vtvisecirt werden, so würden wir das als eine absurde Erfindung, als etwas Unmögliches bezeichnen. Und doch leben wir selbst in einem solchen Lande und die Massen-Bivisection, von der wir sprechen, ist das Tod mar lern unserer Schlacht- thiere, besonders der kleineren, der Kälber, Schweine, Schafe u. s. m., ohne vorhergehenden Kopfschlag oder sonstige Betäubung.
Die großen Schlachtthiere, welche man nicht so leicht bewältigen kann, werden vor dem Schlachten durch einen Schlag auf den Kopf oder mittelst Schlachtmaske betäubt; nur die kleineren, deren Gegenwehr der Mensch nicht zu fürchten hat, müssen diese Wohlthat entbehren. Von den ca. 130 000 dieser Thiere, welche täglich im Deutschen Reich geschlachtet werden, werden nach einer eher zu hoch gegriffenen Schätzung nur- ungefähr 15 000 betäubt.
Wir haben den Ausdruck Vivisection mit allem Vorbedacht gewählt, weil wir keinen bezeichnenderen kennen für die Art, in welcher bet uns diese kleineren Schlacht- thiere getödtet werden.
Das gewöhnliche Verfahren bei der Schlachtung der Kälber ist, daß dieselben an den Hinterfüßen ausgehängt werden und frei in der Luft hängen. Es werden die starken eisernen Haken zwischen die festgeknebelten Beine gestoßen, was an der so empfindlichen Knochenhaut heftige Schmerzen verursacht. In größeren Schlächtereien werden aus diese Weise zu gleicher Zeit immer mehrere Kälber aufgehängt, oft lange ehe der Schlächter zur Stelle ist. Durch die auf Augenschein beruhenden Darlegungen bei den Thierschutzcongressen wurde constattrt, daß in kleineren Schlächtereien die Kälber nicht selten an den durchschnittenen Sehnen der Hinterbeine aufgehängt werden, was die Schiächter „Aufflechsen" nennen. Da der Kopf abwärts hängt und also das Blut nicht aus dem Hirn entleert wird, so hat das Thier bis zum letzten Augenblick Bewußtsein und die volle Empfindung dieser furchtbaren Marter. Die Schweine werden wohl in den größeren Städten vor dem Stechen betäubt, weil ihr Geschrei belästigt, aber nicht in kleineren Orten und auf dem Lande.
Diele Schlächter sind der Meinung, daß „das Leben das Blut aus dem Körper treibt", man müsse also das Thier möglichst lange lebend erhalten, um das Ausbluten zu bewirken. Es wird deshalb der Schlachtakt möglichst lange ausgedehnt. Zu diesem Vehufe macht der Schlächter nur eine kleine Wunde, hält das Messer in derselben fest und schneidet, wenn das Blut aufhört zu fließen, wieder etwas weiter. In manchen Gegenden herrscht das Vorurtheil, ein Schwein, das beim Schlachten nicht recht lange und stark schreie, sei nicht gesund gewesen. Deshalb darf das Thier vicht schnell getödtet werden, und wenn es zu fett ist, um recht laut schreien zu können, so werden noch besondere „Handwerksvortheile" angewendet, um ihm ein Schmerzgeschrei auszupressen. So ist es ein beliebter Handgriff, den Daumennagel dem Thier hinter den Augapfel einzudrücken. Auch muß auf dem Lande das Geschrei der Schweine als Anzeige dienen, daß es „Schlachtschüffel" gibt.
Am Gräßlichsten ist das Schlachten auf dem Lande durch die Bauern selbst, die des Schlachtens gänzlich unkundig, das Thier buchstäblich zu Tode martern. Ohne die Lage der Blutgefäße zu kennen, stechen und bohren fie, oft mit stumpfen und schartigen Messern, am Hals des Thieres herum, durch die Luftröhre und durch den Schlund. Oft ist der ganze Hals verftochen und immer sind die Hauptadern noch nicht geöffnet; Las Blut fließt schwach und das Thier stößt ein fürchterliches Schmerzgeschrei aus, bis
Pfingsthoffnungen.
Jedes wiederkehrende Pfingstfest erfüllt die Menschheit mit neuer Freude Pfingsten ist ein Fest des Geistes, der auch den schwächsten Körper belebt. Pfingsten ist der Sieg des Lichtes über die Finsterniß, der Freiheit über die Gebundenheit, der Hoffnung.über die Verzagtheit. Es waren einfache Handwerker und Fischer, arm an Menschenweisheit, aber reich an Gotteserkenntniß, die am Pfingstmorgen einmuthig beieinander waren, als schnell ein Brausen vom Himmel geschah, „und man sah an ihnen die Zungen zertheilet, als wären fie feurig". Alles was diese Apostel im jahrelangen Umgänge mit dem Heiland Edles und Wohlthätiges geschaut und was sie von göttlichen Lehren in sich ausgenommen hatten, ohne darüber recht klar zu werden, das wurde ihnen am Pfingsten offenbart. Eine innere Erregung traf ihre Seelen und loste
ihre Zungen zur Predigt über Christi Leiden und Herrlichkeit. Der Herr lebte wahrhaftig in ihnen und gab ihnen Kraft, um sich ganz in den Dienst der Nächstenliebe
zu stellen. , r . , , ,f.
So wie die Jünger des Herrn nicht vergebens auf den ihnen verheißenen heiligen Geist gehofft hatten und durch ihn für ihren Beruf geweiht wurden, so darf auch heute noch jeder aufrichtige Christ auf eine innere Erneuerung unter dem Beistände des Geistes hoffen. Diese individuelle Besserung ist die Voraussetzung der socialen Reform. Innere Arbeit und Entsagung ist die wichtigste Förderung produktiver Thatigkett, weil sie auch zum äußeren Berufe Kraft und Ausdauer gibt. Die besten Gedanken und Entschlüsse kommen aus dem Herzen und sind Inspirationen, welche der Mensch einer tieferen Beschäftigung mit dem Geiste und Gewissen verdankt; sie kommen im Schlummer oder Wachen, oft plötzlich ohne Zuthun, oft erst nach längerem Ringen um die Wahrheit und Gerechtigkeit. ,
So wie am ersten Pfingsttage empfängt die Menschheit noch alliahrlrch ihre Offenbarungen und die Wethe für ideale Bestrebungen, welche unzertrennlich sind von der wirthschaftlichen Wohlfahrt. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele! Die Gegenwart scheint diesen Spruch vergessen zu haben. Fleischeslust und Mammonsdienst, Selbstsucht und Reid machen sich oben und unten geltend und möchten sich die Güter dieser Erde ohne viel eigene Arbeit und Entbehrung auf Kosten der Gesammtheit aneignen. Die einzelnen Völker und die verschiedenen Klassen der menschlichen Gesellschaft rüsten sich zum mörderischen Kampfe gegeneinander. Alte Formen, in denen die Menschheit bisher wandelte, wollen sich lösen in Kirche, Staat und Gesellschaft. Wer wird schließlich die moderne Cultur und die sociale Ordnung retten?
Die Macht des Staates wird dazu kaum ausreichen, wenn nicht die Kraft des Geistes die Menschenherzen wieder verbindet zu freiwilligem Thun und Entsagen für Anderer Wohl, wenn wir nicht dafür sorgen, daß das Feuer, welches Christus auf Erden angezündet hat, wieder überall Licht und Wärme verbreitet und die Leidenschaften der Genußsucht, des Parteihaders und Klassenhasses verzehrt.
Jedes Pfingstfest, an welchem wir in der äußeren Natur alles wieder grünen und blühen sehen und die Stürme des Winters vergessen, erweckt in uns auch Hoffnungen auf eine innere Wiedergeburt der Menschen und auf ein neues Wirken des Gottesgeistes auf Erden. Mögen in allen Ländern Charaktere auftreten wie die ersten Christen, welche eine neue bessere Sitte der Zuchtlosigkeit der Zeit muthig entgegensetzen und sich die Hand reichen zu einem Friedensbunde für Sittenreinheit, Mäßigkeit und Völkerwohlfahrt.
es endlich nach halb- oder dreiviertelstündiger Qual ausgeröchelt hat. Nicht selten schinden mehrere an dem unglücklichen Thiere herum; denn der Junge, kaum ist er dem Knabenalter entwachsen, soll auch das „Schlachten" lernen.
Während das Thier in dieser Weise zu Tode gemartert wird, halten es gewöhnlich Knaben oder Mädchen an den Hinterbeinen fest, drücken es mit den Knieen nieder, zerren und schlagen es; ein Kind hält die Blutpfanne, ein anderes rührt das Blut und die übrige Dorfjugend steht herum und sieht dem widerlichen Schauspiel begierig zu. Welchen Einfluß es auf die Volkssitten hat, wenn die Kinder, kaum können sie auf den Beinen stehen, an solchen Anblick gewöhnt werden, wenn sie später selbst Handreichungen bei diesen gräßlichen Schlächtereien leisten und die rohen Scherze, die bei solcher Gelegenheit gemacht werden, mit belachen, ist wohl jedem Denkenden klar. Wenn in dieser Weise das Gemüthsleben und damit der Boden für alle sittlichen Regungen schon im Kinde verwüstet wird, so darf man sich nicht wundern über die vielen Rohheitsakte und die Angriffe auf das Leben von Menschen, die besonders in manchen ländlichen Gegenden in so erschreckender Zahl begangen werden. Es ist bekannt, daß Tierquälerei immer in ursächlichem Zusammenhang mit Mordlust und Verbrechen gegen Menschenleben steht und so ist es begründet, wenn man die Schlachtfrage eine Frage der Volksmoral genannt hat.
Man sollte es nicht für möglich halten, daß sich ein solcher Zustand bis heute erhalten konnte in einem christlichen Culturstaate, in welchem ungefähr 40,000 Geistliche, 150 000 Volksbildner und ein großer Polizei- und Gesetzgebungsapparat für Förderung von Moral und humaner Bildung, für Aufrechthaltung von Ordnung und Sitte zu sorgen haben.
Man weist vielleicht darauf hin, daß wir einens Gesetzartikel zur Verhütung von Thierquälereten haben; man sagt vielleicht, es sei Sache der Thierschutz-Vereine, die Schlachtstätten zu überwachen und Fälle wie die oben geschilderten zur Anzeige und Bestrafung zu bringen. Wohl steht im deutschen Strafgesetzbuch unter den Ueber- tretungen gegen die öffentliche Ordnung ein Artikel, welcher lautet: „Wer öffentlich oder in Aergerniß erregender Weise Thiere boshaft quält oder roh mißhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 JL oder mit Haft bestraft." Bei den hier verlangten Kriterien: „öffentlich, in Aergerniß erregender Weise, boshaft oder roh" kann zwar Jemand bestraft werden, der ein Pferd oder einen Hund auf öffentlicher Straße schlägt, aber der Richter kann auf Grund dieses Artikels Niemand verurtheilen, der beim Schlachtgeschäft die ärgsten Grausamkeiten begeht. Ist es doch voraekommen, daß Schlächter freigesprochen wurden, die angeklagt und überwiesen waren, daß sie ein noch lebendes Thier abgehäutet hatten!
Um eine bessere Fassung dieses Artikels zu erwirken, haben sich die Thierschutz- Vereine seit Jahren an den Reichstag, an die Partikular-Regierungen und Landtage gewendet, aber ohne Erfolg. Der Verband der deutschen Thierschutz-Vereine hat nun eine Petition an den deutschen Reichstag gerichtet, in welcher er um die Aufnahme eines Artikels in das Reichsftrafgesetz bittet, durch welchen das Tödten unserer Schlachtthiere ohne vorhergehende Betäubung mittelst Schlag oder Schlachtmaske bei Strafe verboten wird.
Dieser Schlachtmcthode stehen keinerlei Hindernisse, keinerlei Verletzung irgend welcher Interessen entgegen. Das Schlachtgeschäft wird durch dieselbe nicht nur nicht erschwert, sondern vereinfacht und erleichtert. Der Beweis hierfür ist erbracht in jenen Orten, wo die Betäubung der Schlachtthiere schon lange in Hebung ist, und besonders durch die allgemein übliche Art der Schlachtung des Großviehs.
Es ist unmöglich, alle die Ursachen, welche Schuld tragen an dem verrotteten Zustand unseres Schlachtwesens, Rohheit, Gewohnheit, mißverstandener Eigennutz, Vorurtheil, zu beheben, aber sie können unschädlich gemacht werden durch eine gesetzliche Vorschrift, welche die Betäubung vor dem Schlachten der Thiere anordnet.
Man muß annehmen, daß es den wenigsten Menschen, besonders in den gebildeten Kreisen, bekannt ist, weich' scheußliche Proceduren mit der Tödtung unserer Schlachtthiere verbunden sind; es wäre sonst unbegreiflich, daß ein solcher Zustand heute noch bestehen kann, unbegreiflich, daß Leute, die mit Entrüstung erfüllt werden, wenn etwa ihr Hund von einem rohen Menschen einen Schlag bekommt, gegenüber dieser Massenfolter gleichgiltig bleiben. Es gibt sehr viele Menschen, die kein Thier tödten sehen können, die es bedauern, daß wir die Thiere zu unserer Nahrung brauchen. Mit dieser Empfindsamkeit ist aber sehr wenig genützt. Wahres menschliches Gefühl muß sich thatkräftig zeigen. Wir müssen dem Jammer nicht aus dem Wege gehen, sondern ihm festen Auges entgegentreten und was an uns ist thun, ihm abzuhelfen. Und hier, in der Schlachtfrage, hier können wir viel thun. Jeder kann in seinem Kreise wirken. Hat er Geistliche, Lehrer, Gemeinde- und Administrativ-Beamte unter seinen Bekannten! so soll er ihr Interesse an dieser Frage zu wecken suchen; viel könnten besonders die Geistlichen auf dem Lande wirken. Bis zur retchsgesetzlichen Regelung der Frage können die Gemeinden durch ortspolizeiliche Vorschriften wenigstens eine Reform des Schlachtens, soweit es durch gewerbsmäßige Schlächter ausgeübt wird, bewirken. Vor Allem aber soll Jeder, der mithelfen will, den grauenhaften Zustand in unserem Schlachtbetrieb zu beseitigen, soviel ihm möglich, auf die gesetzgebenden Factoren, besonders auf die Mitglieder des Reichstages einwirken.
Die geforderte Abhilfe wird nicht länger verweigert werden können, wenn alle Gebildeten ihre Stimme erheben und laut die Beseitigung eines Zustandes verlangen, der bei einem christlichen, cioilisirten Volk ebenso unbegreiflich wie unentschuldbar ist.
Literarische-.
»Erfurter illuftrirte Garterrzeitung*, früher „Erfurter Eultur-Wegweiser". Einem Jeden, der Lust und Liebe zur schönen Gartenkunst besitzt, empfehlen wir aus voller Ueberzeugung die in Erfurt im Verlage von I. Fr oh berg er erscheinende „Erfurter illuftrirte Gartenzeitung". Dieselbe hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon zahlreiche Freunde im In- und Auslande erworben und zählt schon Personen aus allerhöchsten Kreisen zu ihren Abonnenten.
Die „Erfurter illuftrirte Gartenzeitung" hat es sich zur Aufgabe gemacht, mtt- zuhelfen an der Hebung des allgemeinen Interesses für den Gartenbau und mit zu wecken die Liebe zur schönen Gartenkunst. Jedoch nicht allein dem Obstbau will sie sich widmen, nein, alle Gebiete des Gartenbaues, Blumen-, Gemüse-, Obstzucht-, 2-oprj" pflanzencultur rc. will sie gleichmäßig behandeln und somtt jedem Gartenliebhaber etwa bieten, auch wird sie nicht versäumen, öfters interessante Abhandlungen über decorationen zu bringen. , . _____ 1Ins
Die „Erfurter illuftrirte Gartenzeitung" will für Reich und Arm, H Niedrig, für den besser, sowie auch für den weniger Gebildeten bestehen, a ' ein, ihr lernen, Nutzen und Segen davon tragen und wird sie biestrhal hmten- sachen, belehrenden, nützlichen Abhandlungen auch die Wissenschaft! ch
rsurt-r illuftrirte Gartenzeitung" ist ein
nun Blumen-, Obstzucht zu seinem Vergnügen aber zu I-Mem nutzen


