Nr. 42S Drittes Blatt. Sonntag den 29. Mai 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
Schu,str°ß°7.^schein, .-.-ich ml. «m. M Mon.ags.
Amtlicher HHeil.
Betreffend: Aufsicht über das Fasselvieh. Gießen, am 27. Mai 1887.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der nachbenannten Orte.
Die Besichtigung der Gemeinde-Zuchtstiere und Zuchteber durch die für Ihren Bezirk von dem landwirthschaftlichen Bezirksverein gewählte Commission wird an folgenden Tagen stattfinden:
Mittwoch den 1. Juni: In Garbenteich, Hausen, Watzenborn-Steinberg, Grüningen, Holzheim, Ober-Hörgern, Eberstadt und Dorf-Gill.
Donnerstag den 2. Juni: In Steinbach, Albach, Annerod, Oppenrod, Burkhardsfelden, Hattenrod, Ettingshausen, Münster, Ober- Bessingen, Nieder-Besstngen und Lich.
Sie wollen die Bullen- und Eber-Halter anweisen, daß sie zur angegebenen Zeit zu Hause sein müßten, um die Thiere der Commission vorzusühren. Auch empfehlen wir Ihnen selbst, zur Hand zu sein, um etwa verlangt werdende Auskunft zu ertheilen.
Dr. Boekmann.
Wochen - Ueberskcht.
Gießen, 28. Mai.
Unter den Nachrichten von unserem erhobenen Kais er Hause erregten diesmal diejenigen über das Befinden des Kronprinzen besondere Theilnahme. Das Allgemeinbefinden des hohen Herrn ist allerdings vollständig befriedigend, dagegen macht ihm sein altes, auch durch die Emser Brunnenkur nicht behobenes Kehlkopf-Leiden noch immer Beschwerden. Es haben daher in jüngster Zeit »viederholte Conferenzen der den Kronprinzen behandelnden Aerzte, unter denen sich berühmte Specialisten für Halsleiden befinden, die Frage einer Operation erörtert, da festgestellt worden ist, daß sich bet dem hohen Patienten eine entzündliche Neubiloung am Stimmbande in der Größe einer Linse zeigt. Jndeffen lind die Aerzte einstimmig zu dem Beschlüsse gelangt, daß ein operatives Eingreifen zur Entfernung dieser Neubildung nicht nothwendig sei, daß vielmehr iregelmäßiges Touchiren das Hebet mit Sicherheit in einiger Zeit beseitigen vvürde. Hiermit entfallen von selbst all' die übertriebenen Gerüchte, welche Namentlich in ausländischen Blättern über das Befinden d.'s deutschen Thronfolgers in Umlauf gefetzt worden waren.
Die Besichtigungen der einzelnen Truppentheile des Garde- »Corps durch den allerhöchsten Kriegsherrn find mit der am Donnerstag auf foem Tempelhoser Felde stattgesundenen großen Frühjahrs-Parade des Garde- 'CorpS abgeschlossen worden. Dieselbe gestaltete sich auch diesmal durch die An- 'wesenheit des Hofes, zahlreicher fremdländischer Osficiere u. s. w. zu einem «glänzenden militärischen Schauspiele, welches wiederum Tausende von Zuschauern lherbeigelockt hatte. Mit der Beendigung dec militärischen Frühjahrs-Befichti- »gungen tritt für den Kaiser eine Ruhepause ein, die indessen nur eine kurz bemessene sein wird, da der greife Monarch in Ausübung der mannigfachen Repräsentations-Pflichten seines hohen Amtes sich am 2. Juni nach Kiel begiebt, um am folgenden Tage der Grundsteinlegung zu den Schleußenbauien für den 'Nordostsee-Kanal bei Holtenau beizuwohnen. Am 7. Juni folgt dann die Feier in Liegnitz, wo zwei Bataillone des (2. westpreußijchen) Königs - Grenadier- Regiment» garnisoniren, welches die Ehre genießt, unseren Kaiser seit dem 7. Ju^i 1817 zum erlauchten Ches zu besitzen. Mitte Juni tritt der Kaiser seine Badereisen an, die ihn, wie immer, zunächst nach Ems sühren und ihren Abschluß auch Heuer mit der gewohnten Nachkur in Gastein finden werden, wo Kaiser Wilhelm am 19. ober 20. Juli eintrifft.
Die Pfingstwoche hat auf parlamentarischem Gebiete die übliche Ruhepause gebracht, indem der Reichstag am Mittwoch in feine bis zum 7. Juni währenden Pfingstferien gegangen ist. Die Schlußsitzung vor der Vertagung war überwiegend der ersten Lesung der Zuckersteuer-Vorlage gewidmet und leitete Schatzsecretär Dr. Jacobi die Debatte mit einem längeren Expose ein, in welchem er die Grundzüge darlegte, in denen stch die Reform der Zuckerbesteuerung nach den Anschauungen der maßgebenden Berliner Kreise zu bewegen hat. Als die Quintessenz der Ausführungen des Regierungs-Vertreters ist der Ausspruch zu bezeichnen, daß das bisherige System der Zuckerbesteuerung im Allgemeinen beibehalten und nur im Einzelnen reformtrt werden soll, da mit den bestehenden, nicht mit zukünftigen Verhältnissen gerechnet werden müsse. Die Vorlage ging an eine besondere Commission. Zum Schlüsse der Sitzung sollte noch die erste Lesung der Novelle zum Postdampsergesetz vorgenommen werden, das Verlangen nach Vertagung äußerte sich aber jo allgemein und stürmisch, daß sich der Präsident v. Wedell-Piesdors genötigt sah, die Vertagung auszusprechen, zumal sich auch die Beschlußunfähigkeit des Hauses herausstellte. — Für den Sessionsabschnitt nach Pfingsten bleiben demnach die ferneren Lesungen der beiden Steuervorlagen als die Hauptgegenstände der Reichstags-Verhandlungen übrig, während daneben noch das Jnnungsgefetz, die Novellen zum Postdampfergesetz und zum Gerichtskostengesetz, die Vorlagen über die Unfallversicherung der Bautenarbeiter und der Seeleute und ein paar kleinere Entwürfe, sowie die Jnitiativ-Anträge über den Arbeiterschutz und den Befähigungsnachweis ihrer Erledigung harren.
Im parlamentarischen Leben Oesterreichs steht jetzt die Clubbildung in Blüthe. Nachdem bereits im Czechenclub des österreichischen Reichsrathes die Gegensätze zwischen Alt- und Jung-Czechen zu einer Maßregelung der jung* czechischen Parteiführer seitens des Herrn Dr. Rieger und weiter zu einer „Pmification" und Umbildung de» Clubs geführt haben, ist nun auch auf
deutscher Seite die Formation einer neuen Gruppe zu verzeichnen. Dieselbe führt oen Namen „Deutsch-nationale Vereinigung" und ist aus dem „deutschen Club", welcher im Gegensatz zum „deutsch-österreichischen Club" die „Männer der schärferen Tonart" umfaßt, heroorgegangen. Die „deutsch-nationale Vereinigung" will sich in nationaler Beziehung auf die Defensive beschränken und ihre hauptsächlichste Aufgabe auf dem Gebiete der Social- und Wirthschasts- Reform suchen. Die Deutsch-Liberalen im österreichischen Abgeordnetenhause sind also glücklich in drei bffoidere Clubs gespalten, obgleich man meinen sollte, daß gerade dem liberalen Deutschthume in Oesterreich Einigkeit besonders noth- thue; hiffentlich befolgt man wenigstens den alten Grundsatz vom getrennten MarsLiren und vereinigten Schlagen.
Die Session des ungarischen Abgeordnetenhauses ist am Donnerstag geschlossen worden.
Die deutsch-russische Freundschaft erfährt von russischer Seite soeben eine neue seltsame Illustration. Ein kaiserlicher Ukas enthält Bestimmungen über die Erwerbung und Benutzung von unbeweglichem Eigenthum durch Ausländer namentlich in den westlichen Grenzprovinzen Rußlands. Die ganze Maßregel erscheint in ihrer Spitze gegen die Deutschen gerichtet, denn der Ukas erschwert die Bedingungen für Grunderwerb durch Ausländer ungemein und zu denen stellen die deutschen Reichsangehörigen, besonders in Polen, das weitaus größte Kontingent. Diese Maßregel findet ihre Ergänzung in den neuen russischen Einfuhrzöllen auf Steinkohle, Torfkohle, Holzkohle und Torf, welche sich als ein gegen die deutsche Kohlenindustrie gerichteter Schlag darstellen, während bekanntlich schon vorher die russischen Eingangszölle für Eisen — für welches Deutschland ebenfalls der Hauptlieferant ist — beträchtlich erhöht worden sind. Und dabei sollen zwischen Berlin und Petersburg nach wie vor ausgezeichnete Beziehungen herrschen — das klingt wie eine Ironie der Weltgeschichte.
Aus dem Vatikan ist die jüngste Allocution des Papstes wegen ihrer versöhnlichen Grundstimmung bemerkenswerth. Der Papst gibt darin seiner Befriedigung über die Wiederherstellung des kirchenpolitischen Friedens in Preußen und zugleich der Hoffnung Ausdruck, daß bald auch in Hessen der kirchliche Frieden wiederhergestellt fein werde Außerdem aber läßt die Allocution ziemlich deutlich den Wunsch durchschimmern, daß auch zwischen Italien und dem Vatikan eine Versöhnung zu Stande kommen möge.
Die Ministerkrisis in Frankreich treibt gar seltsame Blasen. Nachdem sich die Neubildung des Cabinets durch Rouvier wie durch Floquet als eine Unmöglichkeit erwiesen hat, ist man wieder auf Herrn de Freycinet als den Retter in der Roth zurückgekommen und wie eine Pariser Depesche vom 26. d. M. meldet, übernahm auch Freycinet nochmals die Aufgabe der Cabinetsbildung. Wie das neue französische Cabinet ausfallen und ob ihm namentlich auch der berühmte Boulanger wieder angehören wird, darüber muß man einfach die weiteren Nachrichten aus Paris abwarten, denn die bis jetzt hierüber vorliegenden Meldungen repräsentiren das reine Chaos.
Das furchtbare Brandunglück in der Pariser „opera comique“ lenkt die Aufmerksamkeit von der Cabinetskrisis zum Theile ab. Das Feuer, welches am Mittwoch Abend in der komischen Oper ausbrach, zerstörte das ganze Gebäude und ist hierbei leider der Verlust zahlreicher Menschenleben zu beklagen. Bis Donnerstag früh verlautete von einigen 60 Verletzten und 56 Tobten. Leider scheint die Verlustliste hiermit noch nicht abgeschlossen zu fein.
vermischtes.
A Mainz, 27. Mai. Von der hier domicilirten rheinischen Transportgesellschaft ist ein Project entworfen worden, welches, wenn es sich realisiren läßt, eine weitgehende Aenderung des Güterverkehrs auf dem Ryein zwischen Mainz und Rotterdam verspricht. Das Projeet geht dahin, mit 10 täglich verkehrenden Dampfern einen Eildampferdientt für Güter etnzurichten, durch welchen sowohl bergwärts wie thalwärts Maaren uno Güter zwischen Mainz und den sämmtlichen rheinabwärts gelegenen Stationen, em- schließlich Rotterdam befördert werden sollen. Insbesondere hat man hierbei im JiuQ , durch die Benutzung kleinerer Dampfer mit den Zwtschenstationen des Rhemc , Schleppschiffe nur sporadisch verkehren können, einen zuverlässigeren, geordne rascheren Güterverkehr wie seither einzuführen. Der Grundgedanke des Hl -
eine Transportart auf dem Rheine einzurichten, welche die 6rö ßtinöglich * ~,
die größtmögliche Schnelligkeit in sich vereinigen soll; auch die Beschapu g v 9


