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Nr. 24»

Samstag dcu 29. Januar

1887

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

--1 I rjrrrr, , c . . e Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Amtlicher Hheil.

Nr. 3 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 25. b. M., enthält:

(Nr. 1696.) Verordnung, betreffend das Verbot der Ausfuhr von Pferden. Vom 25. Januar 1887.

Gießen, am 27. Januar 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische KsbsTgcht.

Gießen. 28. Januar.

Der Kaiser wurde, wie man nachträglich erfährt, während des Krö- uungs- und Ordensfestes vom Sonntag von einem leichten Unwohlsein befallen, so daß er nur die Vorstellung der neuen Ritter entgegennahm, dagegen dem Gottesdienste und der Festtasel fern blieb. Daß indeflen der Vorfall von keiner ernsteren Bedeutung ist, erhellt schon aus dem Hofbericht vom Montag, wonach der Kaiser nicht nur die üblichen Vorträge entgegennahm, sondern später auch eine Ausfahrt machte.

Da« preußische Abgeordnetenhaus hat mit seinen Sitzungen vom Montag und Dienstag eine große staatspolitische Debatte hinter sich, zu welcher die Speeialberathung de« Etats des Ministeriums des Auswärtigen beim CapitelGesandtschaften" den äußerlichen Anlaß gab. An beiden Tagen gab die Militärfrage den Grundton der Verhandlungen ab und sämmtliche Reden, die gehalten wurden, waren ersichtlich aus die bevorstei enden Wahlen zugespitzt und weniger für da» Haus al« vielmehr für das Land, die Wähler berechnet. Den Haupttag der Verhandlungen bildete der Montag, welchem durch die Reden des anwesenden Fürsten Bismarck die Signatur ausgeprägt wurde. In diesen Reden hat der Kanzler dem deutschen Volke nochmals in markigen, eindringlichen Worten gezeigt, um was es sich bei den Reichstags« mahlen des 21. Februar handelt, nämlich einzig und allein mir um die Militär- Vorlage, um die Stärkung unserer Wehrkraft, wie sie in dem vom Reichstage abgelehnten Septennatrgefetze vorgeschlagen wird. Dagegen wies der leitende Staatsmann mit Entschiedenheit die Insinuation zurück, als ob es der Regie- rung mehr um die Verkürzung des allgemeinen uno directen Wahlrechtes, um die Durchführung ihrer Monopol-Projecte und sonstigerreactionärer" Pläne, als um dar Septennat zu thun sei und daß sie für diese Absichten bei den kommenden Neuwahlen eine Mehrheit zu finden hoffe. Ausdrücklich erklärte Fürst Bismarck gegenüber den Einwürfen der Opposttions Führer Richter und Windthorst, daß der Regierung bei Auflösung des Parlaments all' diese ihr imputirten Absichten fern gelegen hätten und daß die Maßregel lediglich deshalb zur Ausführung gelangt sei, weil die Regierung zu einem Reichstage, in welchem Elemente, wie die reichsfeindlichen Protestler, Welsen, Polen und Socialdemo- kraten, in eminent wichtigen nationalen Fragen den Ausschlag zu geben pflegten, kein Vertrauen mehr haben könne. Die DienstagS-Sitzung bildete lediglich eine Fortsetzung der Tags zuvor zwischen dem Kanzler einerseits und den Abgg. Richter und Windthorst andererseits stattgefundenen scharfen Auseinander- setzungen, wobei die Abgg. EnnecceruS (riat.-lib.), Cremer und Minnigerode die Partei de« Fürsten Bismarck übernahmen. Namenilich der erstgenannte Abge- ordnete vertheidigte das Septennat mit großer Lebhaftigkeit aus militärischen wie verfassungsrechtlichen Gründen. Herr Windthorst antwortet- dem national- liberalen Redner mit dem Hinweis daraus, daß die erwähntenLegenden" noch keine eigentliche Widerlegung gefunden hätten und ging dann plötzlich in eine richtigeCulturkamps-Rede" über, indem er an verschiedene Aeußerungen d-S Fürsten Bismarck vom vorhergehenden Tage anknüpfte- Der CentrumS-Fuhrer verwahrte alsdann seine Partei energisch gegen den Vorwurs, als ob sie destruc- tive Tendenzen verfolge und trat namentlich der Behauptung entgegen, daß da« Centrum vielfach im Geheimen mit den Socialdemokraten zusammengche und erklärte er, daß auch zwischen dem Cenlrum und den Freisinnigen trotz der gegenwärtigen Zusammengehens beider Parteien in der Militärsrage viele und schwere Differenzpunkte bestünden. Die weitere Discusfion über die großen schwebenden Angelegenheiten des Tages, an der sich außer dem Abg. Windthorst noch die Abgg. v. Minnigerode, Rintelen^und Cremer betheiligten, bewegte sich im Allgemeinen in ruhigeren Bahnen, wenngleich auch hierbei die verschiedenen Anschauungen in der Militärsrage in einer Weise zu Tage traten, die keine Vermittelung mehr zuläßt. Das CapitelGesandtschasten" wie der Etat des Auswärtigen selbst wurde hieraus unverändert angenommen und auch die folgen­den Etarstheile fanden bis einschließlich des Etat« der Bauverwaltung ohne jede Debatte die Zustimmung des Hause«. Am Mittwoch paufirte da« Hau«.

Herr Zankosf, der bulgarische OpposttionS-Führer, scheint in Konstantinopel etwa« Schönes zusammengebraut zu haben! Wenn das Alles wahr ist, was aus Stambul über die Vorbedingungen telegraphirt wird, unter denen Zankoff in die bulgarische Regierung etntrcten will, so kann er bei der noch in Bulgarien vorherrschenden Stimmung nur gleich einpacken. Absetzung der Regentschaft, Besetzung des Minister-Präsidenten-Postens, wie der Ministerien des Innern und Aeußern durch Zankoffisten, Uebernahme de« Kriegsministeriums durch einen russischen General, Neuwahlen zur Sobranje, Annahme der russi­schen Thron-Candidaten, allgemeine politische Amnestie, Entlastung der ausge­dienten Mannschaften und Einstellung der neu ausgehobenen Mannschaften sofort nach Jnstallirung der neuen Fürsten und endliche: Revision der Versaffung dar Aller sind Vorschläge, die bei der großen Mehrzahl de« Bulgarenvolkes auf

entschiedenen Widerspruch stoßen werden- Im ersten Eifer hatte Herr Zankoff sogar die Uebernahme des bulgarischen KriegSministerium« durch den edlen Ge­neral Kaulbars verlangt, hinterher heißt es aber, daß hierzu ein anderer russi­scher General, womöglich Cantucuzene, berufen werden solle- Trotzdem scheint die Pforte dieses Proaramm für geeignet zu der von ihr angekündigtenglück­lichen Lösung" der bulgarischen Krisis zu halten, denn sie will hierüber mit den bulgarischen Delegirten Stoiloff und Grekoff, die sich bereits auf der Fahrt von Brindisi nach Konstantinopel befinden, am 29. d. Mts. in Unterhandlungen eintreten. Der Erfolg derselben auf vorstehender Unterlage muß einstweilen sehr bezweifelt werden.

Die Italiener werden sich ihre« ColonialbefitzeS am Rothen Meere wohl die längste Zeit in Ruhe erfreut haben- Die Abyssinier, welche die Festsetzung Italiens am Rothen Meere schon längst mit Groll betrachteten, wahrscheinlich, weil sie besürchten, daß es ihnen nächstens ebensalls an den Kra­gen gehen würde, haben die Feindseligkeiten gegen die Italiener jetzt ohne Wei­teres eröffnet. Ein Trupp Abyssinier griff Massauah, den Mittelpunkt de» italienischen ColonialbefitzeS, an, wobei sie 200 Todle verloren, während italie- nischerseits 5 Mann getötet wurden. Aus dem kurzen Bericht, welchen ei« Reuter-Telegramm" über diese Vorgänge au« Suakim bringt, läßt sich über den Erfolg des Vorgehens der Abyssinier nichts Bestimmtes ersehen, vermuthlich dürften sie aber zurückgeschlagen worden sein.

Deutschland.

Berlin, 27. Januar. Der Kaiser empfing Vormittags eine Reihe mili­tärischer Meldungen, nahm die Vorträge Albedyll's und de» Kriegsministers entgegen und empfing Nachmittags den Staatsfecretär Bismarck, sowie den Besuch des Prinzen Heinrich. . , _ . .

Die kronprinzliche Familie begab sich Mittags nach Potsdam, um dem Prinzen Wilhelm zu d-ff-n Geburtstag zu gratuliren.

__ Der Kaiser und die Kaiserin wohnten der heute Abend im königlichen Schlöffe stattgehabten Cour und dem Concerte bi« zum Schluffe bei-

Gutem Vernehmen nach wird dem neuen Reichstage alsbald nach seinem Zusammentritt das Gesammtmaterial der Erhebungen betreffs der Sonn­tagsarbeit in Deutschland zugehen.

Berlin, 27. Januar. Das Abgeordnetenhalls erledigte heute nach un­erheblicher Debatte die Etats der Domänen und Forsten und den Erlös an« den Ablösungen von Domänengefällen rc. Bei dem Forstetat: Position Ein­nahmen au« den Holzverkäufen, die um 2>/)0 Millionen «-stiegen, sprach Minnigerode seine Besrtedigung über diese günstige Wirkung ^r Holzzölle au, Minister Lucius betonte hieraus, die Steigerung der Ausbeute der Nutzholzes beruhe nicht aus der vermehrten Abholzung, sondern aus der allmälrgen Stei­gerung und entsprechenden Entwickelung des Forstbestandes. Preußen würde den späteren Geschlechtern einen umfangreichen und werthvollen Waldbesitz übet« machen, was anderen Staaten wegen der rapid bei ihnen fortschreitenden A - Holzung nicht möglich sein wird. Der Etat der directen Steuern wird nach unerheblicher Debatte genehmigt.

Nächste Sitzung morgen: Etat.

Sigmaringen, 27. Januar. Fürst Leopold von Hohenzoklern erklärte sich bereit zur Uebernahme eines Reichstags-Mandats für Düffeldorf.

Hamburg, 27. Januar. Nach einer Meldung der§nmb. ßorrefp. ist in Altona wegen des gestern Abend et folgten Werfen« einer Orsin'-Bombe in der Nähe des Rathhaufe» eine Untersuchung eingeleitet. Das Geschoß, da» augenscheinlich zu früh explodirte, verursachte keinerlei Schaden Die ausgefun- denen Stücke bekunden eine unsachverständige Verfertigung, lieber den oder bie Thäter wurde bisher nichts ermittelt.

Hesterreich.

Prä«, 27. Januar. Die Handelskammer wählte ihr bisheriges Präsi­dium wieder. Die Deutschen enthielten sich der Abstimmung unter Berufung auf die Erklärung beim Eintritt in die Kammer. Ein einstimmig angenomme­nes Gutachten der Kammer über die Erneuerung der Handelsverträge mit Deutschland und Italien empfiehlt Beibehaltung de« autonomen Tarife» unter Erwirkung der Meistbegünstigung für den österreichischen Export.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Corresponderrr- Bureau.

97 Januar. 8n>ei heute Abend im vierten, sowie «ne .sm fünften Wahlkreise oe.änstaltete socialdemokratische Versammlungen "^^"rhastek.

einer Unregelmäßigkeit gegen die Polizei. Mehrere Person ns. ,