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Nr. 2S

Freitag dn; 28. Januar

1887

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Vureaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Aufnahme de» Montags. 2Bringcrlohn.

..... .............Durch Die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gießen, 27. Januar.

Der erste Tag der Specialberathung des Etats tm preußi­schen Abgeordnetenhause, der Montag, gestaltete sich zu einer hochpolitischen Debatte und trat hierdurch in einen bemerkenswerten Gegensatz zu der ziemlich harmlos verlaufenen eintägigen General-Debatte. Den äußeren Anlaß dazu, daß sich die MontagS»Verhandlung zu einer Debatte im großen Style gestaltete, gab das CapitelGesandtschaften" beim Etat de» Ministeriums des Auswär­tigen. Der Reichskanzler ergriff hier das Wort, um unter Hinweis auf seine Reichstags-Reden das Festhalten der verbündeten Regierungen an dem Sep- tennate aus inneren Verfassungs-Gründen wie aus Rücksichten aus die aus- wärtige Politik zu rechtsertigen. Ganz entschieden trat hierbei der Kanzler der Anschauung entgegen, als ob dis Regierung bei Auflösung des Reichstages an Monopole und Hcrausbeschwärung einer ReactionSperiode gedacht habe, damit habe hie gedachte Maßregel nicht das Geringste zu thun gehabt und stünde die Regierung durchweg aus dem Boden dec Verfassung. Dagegen stellte Fürst Bismarck das Kommen der Monopole als eine Rothwendigkeit in Aussicht, wenn etwa ein unglücklicher Krieg die Finanzkcäste des Reiches erschöpfen sollte. Nochmals erklärte dann der Reichskanzler, daß in erster Linie das Mißtrauen gegen die bisherige Reichstags«Mehrheit die Regierung zur Auflösung des Par­lamentes veranlaßt habe, denn zu dieser gehörten die 70 Vertreter der Social- d mokraten, Polen, Welfen und Protestler, also notorische Reichsseinde. Diese 70 Intransigenten gäben den Ausschlag, solche Elemente bestimmten über die Wehrkraft des Reiches und da solle der Kaiser zu einem solchen Reichstage noch Vertrauen haben? Diese eindringlichen Worte des leitenden Staatsmannes riefen bei der Rechten minutenlangen stürmischen Beifall, im Centrum und bei der Linken Zischen hervor. Alsdann nahm Dr. Windthorst das Wort, um den Reichstagsbefchluß, betr. das Triennat, mit den bekannten Argumenten zu recht­fertigen und im Uebrigen die Vermuthung auszusprechen, als ob möglicherweise das Wahlrecht zum Reichstage eine Aenderung erleiden könne. Diese Aeußernng des Centrumssührers veranlaßte ein nochmaliges Eingreifen des Reichskanzlers in die Debatte, wobei derselbe die bündige Erklärung abgab, daß im Schooße der verbündeten Regierungen kein Gedanke wegen Beschränkung oder gar Auf­hebung des allgemeinen birecten Wahlrechtes laut geworden sei. Die weitere Rede des Fürsten Bismarck bildete im Wesentlichen eine scharfe Charakteristik der oppositionellen Parteien, wobei er seiner Meinung unverhohlen Ausdruck verlieh, daß die Fortschrittler nichts als verkappte Republikaner seien. Am Schluffe seiner Ausführungen erklärte der Kanzler, wegen seiner Gesundheit abbrechen zu müffen, griff aber trotzdem noch ein drittes Mal in die Discussion ein, nachdem Abg. Richter sich über die Angelegenheit des Septennats und die hiermit zusammenhängenden Fragen verbreitet hatte. Der Kanzler trat nament­lich den versaffungsrechtlichen Aeußerungen des Abg. Richter entgegen und kam dann auch auf die kirchenpolitische Frage zu sprechen, wobei er erklärte, daß er nicht der Vater der Kirchengesetze sei, obwohl er die Verantwortlichkeit hierfür tragen müffe. Der Rest der Montagssitzung war gegenüber diesen hochbedeut- samen Erörterungen und Auseinandersetzungen unbedeutend.

Prinz Friedrich Leopold von Preußen traf aus seiner Reise in Indien am Samstag in Calcutta ein. Hier nahm der Prinz an einem ihm zu Ehren gegebenen Banket beim deutschen Generalconsul Gerlich Theil und reiste nach Beendigung der Festlichkeit mittelst Dampfer nach Madras ab.

Die ernste Weltlage wird von gewiffenlosen Börsen - Speculanten ganz augenscheinlich für ihre Sonderzwecke ausgebeutet. So hatten dieDaily News" zu melden gewußt, daß Deutschland beschloflen habe, von der fran­zösischen Regierung wegen der Truppen-Zusammenziehungen Ausklärung zu verlangen. Diese ganze sensationelle Meldung wird nun in einem officiellen Communiqus des Londoner auswärtigen Amtes als erfunden bezeichnet und end­lich soll derLibertö" zufolge der Ministerpräsident Goblet selber einem Mit- gliede der französischen Deputirtenkammer gegenüber die Nachricht für falsch erklärt haben. Es bedarf demnach kaum noch eine« besonderen Beweises, daß es sich bei der Tartaren Nachricht des Londoner Blattes lediglich um ein Börfrn- Manöver gehandelt hat. DasJournal des Döbats" und andere Pariser Blätter tadeln die Aufreizungen Londoner Zeitungen zu einem sranzösisch'deut- schen Kriege. DieRöpubl. Fran^aise" meint hierbei, wenn England seine bulgarische Politik ändere, sei der Friede gesichert. Die oben erwähnte Sensa- tionS'Nachricht derDaily News" erhält durch diese Erwiderungen der Pariser gemäßigten Preffe ihre beste Charakteristik! UebrigenS kommt gerade jetzt aus London die beruhigende Meldung, daß die Mächte einer Aufforderung Rußlands zum Austausche ihrer Ansichten in der bulgarischen Frage zugestimmt hätten. Lediglich England hätte einen Vorbehalt über die Reihenfolge der zu behandeln­den Punkte gemacht und sei für eine zunächst vorzunehmende Regelung der Frage btr Fürstenwahl, während Rußland vor Allem den Zurücklritt der gegen­wärtigen bulgarischen Regierung verlange. Er kann kaum bezweifelt werden, daß Rußland schließlich auch hier seinen Willen durchsetzt.

In Belgien herrscht in den Arbeiterkreisen fortgesetzt eins ge­reizte Stimmung. Dieselbe kam anläßlich einer am Sonntag in Jette bei Brüssel stattgesundenen socialistischen Versammlung wieder einmal zum Ausbruch, indem schließlich Unruhen entstanden, welche das Eingreifen her Gensd'armerie erforderten. An demselben Tage kam es in einer von Arbeitern stark besuchten Theater-Vorstellung zu Gent zu ernsten Thätlichkeiten, so daß die Polizei zahl­

reiche Verhaftungen vornehmen mußte. Vor den Ausgängen des Theaters sammelten sich SocialistentruppS an, welche die Marseillaise sangen.

Die italienischen Besitzungen am Rothen Meere sollen von ernem Angriffe der Abyssinier bedroht sein. In der Montags-Sitzung der Devutirtenkammer konnte Minister Graf Robilant über die bezüglichen Gerüchte noch nichts Näßeres mittheilen und versicherte er nur, daß der italienische Be- fehlLhaber in Maffauoh bereit sei, jeden Angriff zurückzuschlagen.

- Die bulgarische Drei-Männer-Deputation ist noch während I lhres Aufenthaltes auf italienischer Erde zu einer Zwei-Männer-Deputation ru- | sammeugeschrumpst. Herr Kaltscheff hat sich nämlich von seinen beiden Reise- j genossen Stoilcff und Grekoff getrennt und während sich diese in der Nacht ' vom Sonntag zum Montag in Brindisi nach Konstantinopel via Corsu ei«.

süiffteu, ist Herr Kaltscheff zurückgeblieben. Er machte von Rom aus einen Abstecher nach Florenz.

Inzwischen wird aus Konstantinopel Näheres über die Bedingungen ^meldet, unter denen der bulgarische Oppositionsführer Zankoff in die bulaa- n!che Negierung eintreten will. Zankoff verlangt Beseitigung der Regentschaft Ueberlassung der Portefeuilles des Innern und des Aeußern an Anhänger han- koff's, Übertragung des Kriegsministeriums an General v. Kaulbars, Beur­laubung der Armee und Rehabilitirung der Urheber des Staatsstreiches' Man sieht, Bescheidenheit gehört gerade nicht zu. den Haupteigenschaften des Herrn Zankoff! ________________________________________________

' Darmstadt, 26. Januar. Am 21. Februar findet im Großh Atten Pmais ein The dansant statt, wobei zwei Quadrillen im Kostüm getanzt werden.

Darmstadt, 26. Januar. (Militärdienstnachricht.) Winter, Major z. D., zuletzt aggreg. dem 2. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Großherzog) Nr. 116, wurde zum Bezirks - Commar.deur des 2. Bats. (Friedberg) 1. Großb Hess Landw.-Regts. Nr. 115 ernannt.

Berlin, 26. Januar. Der Kaiser nahm Vormittags mehrere kurze Vorträge entgegen, conferirte darauf mit dem Chef des Civilkabinets, Wirkt. Geh. Rath v. Wilmowski, und machte Nachmittags eine Ausfahrt.

Berlin, 26. Januar. Heber das Verbot, betreffend die Ausfuhr von Pferden, ist folgende kaiserliche Verordnung publicirt:

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc. verordnen im Namen des Reiches nach erfolgter Zustimmung de» Bundesraths, was folgt:

§ 1. Die Ausfuhr von Pferden ist über sämmtliche Grenzen gegen da» Ausland bis auf Weiteres verboten.

S 2. Der Reichskanzler ist ermächtigt, Ausnahmen von diesem Verbote zu gestatten und etwa erforderliche Control-Maßregeln zu treffen.

S 3. Gegenwärtige Verordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkünduna in Kraft.

Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedruck­tem Kaiserlichen Jnsiegel.

Gegeben, Berlin den 25. Januar 1887.

(L- $) gez. Wilhelm.

ggez. v. Bismarck."

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenz-Brrrea«.

Berlin, 26. Januar. Der Kronprinz empfing heute Mittag den Reichs­kanzler.

Dem Vernehmen nach erfolgte die Uebernahme von 25 Millionen preußischer dreieinhalbprocentiger Konsols durch das Seehandlungskonsortium zum Parikurse. Börsenblättern zufolge hätte letzteres auch den gleichen oder einen noch höheren Betrag der deutschen Reichsanleihe fest übernommen.

München, 26. Januar. Das Comits des liberalen Wahlvereins stellte als Kandidaten für München I. den bisherigen Vertreter Sedlmayr, für München II. den Gemeindebevollmächtigten Privatier Gentz auf.

Wien, 26. Januar. DiePresse" meldet: Die ungarische Regierung hat dem Vorschläge des österreichischen Ministeriums zugestimmt, daß die Verhandlungen wegen der Erneuerung des Handelsvertrags mit Deutschland vor jenen mit Italien beginnen.

Mailand, 26. Januar. Prinz Alexander von Battenberg ist nach Genua weitergereist.

Ram, 26. Januar. DerTribuna" und derItalia militare" zufolge geben baldmöglichst zwei Corvetten mit Truppenverstärkungen nach Massauah ab. Ende des Monats geht eine weitere Infanterie - Abtheilung mit zusammen 12 Infanterie- und 3 Alpenjäger-Compagnien ab. Eine Genie-Compagnie und eine Gebirgsbatterie werden zum Abgänge vorbereitet.

Southport, 26. Januar. Gestern vertheilte der deutsche Generalconsul Mohr in Gegenwart des Rtayors von Southport ungefähr 700 Lstrl. unter die Hinterbliebenen der ertrunkenen Mannschaften der Rettungsboote, welche am 20. December v. I. der gestrandeten BarkeMeier" Hilfe bringen wollten. Rach der Vertheilung sprach der Mayor seinen herzlichsten Dank aus und fügte hinzu, ein derartiges großmüthiges Handeln trage entschieden dazu bei, das gute Einvernehmen zwischen Deutschland und England zu verstärken. t K

Bukarest, 26. Januar. Zwischen dem Minister deS Aeußeren, Pherekide, und dem Deputirten Fleva hat wegen der Vorgänge in der Kammersitzung vom 24. d. M. ein Pistolenduell stattgefunden, wobei letzterer am Arme leicht verwundet wurde.

Kopenhagen, 26. Januar. Ein offener Brief deS Kömgs beruft das Folke- thing auf den 1. Februar ein.