Ar. 05 Erstes Blatt. Sonntag dm Juni 1887.
Giehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Gefunden: 1 Taschentuch, 1 Paar Handschuhe, 1 Regenschirm, 1 Kinderhut, 1 Halstuch, 1 Kinderkragen, 1 Strumpfband, 1 Badehose, 1 Milch- kanne, 1 Stück Shirting, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Gießen, am 25. Juni 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Kraemer.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Corresponderrz-Birrearr.
Berlin, 24. Juni. Der Kaiser hat die Nacht gut geschlafen; derselbe machte heute Nachmittag eine Spazierfahrt.
Berlin, 24. Juni. Der Bundesrath genehmigte das Gesetz über die Branntweinsteuer und über die Unfallversicherung der Bauarbeiter, ferner Die Gesetze, betr. die Anwendung gesundheitsschädlicher Farben, über die Rechtsverhältnisse in den Schutzgebieten und über Abänderung der Gewerbeordnung (Jnnungswesen). Zur allerhöchsten Vollziehung werden vorgelegt werden die Gesetze, betr. die Abänderung des Gesetzes über den Verkehr mit Nahrungsmitteln, über überseeische Postdampffchiffs-Verbindungen und über die Ernennung der Bürgermeister in Elsaß-Lothringen, sowie über die Anwendung abgeänderter Reichsgesetze aus landesgesetzliche Angelegenheiten in Elsaß-Lothringen. In einer der nächsten Sitzungen wird über die Unfallversicherung der Seeleute und die Zuckersteuer beschlossen werden. Die Anträge des Reichstages über die Arbeiter- fchutz-Bestimmungen wurden den Ausschüssen für Handel, Verkehr und Justiz- wesen überwiesen. Ebenfalls den zuständigen Ausschüssen wurden übergeben: der Entwurf des statistischen Waarenverzeichntffes und des Verzeichnisses der Massengüter und die Vorlage, betr. die Beförderung von Leichen auf Eisenbahnen. Mit der vom Ausschuß für Handel und Verkehr vorgeschlagenen Abänderung der Formulare für die Statistik der Krankenkassen erklärte sich die Versammlung einverstanden, nahm von den Beschlüssen des Reichstags zu der Rechnung der Kaffe der preußischen Oberrechnungskammer für das Etatsjahr 1884/85, soweit dieselbe den Rechnungshof des deutschen Reichs betrifft, sowie den Ergebnissen der Erhebungen über die Beschäftigung gewerblicher Arbeiter an Sonn- und Festtagen Kenntniß und beschloß, die Eingabe eines Cigarren- Fabrikanten wegen Befreiung seines Betriebes von der Unfallverflcherungspflicht als gesetzlich unstatthaft abzuweisen. Einer Eingabe des Innungs-Verbandes deutscher Schmiede-Innungen zu Berlin, betr. das Prüfungswesen im Hufbeschlage, und dem Gesuch eines Beamten wegen Anrechnung einer längeren als der gesetzlich penstonssähigen Dienstzeit bei Festsetzung seines Ruhegehaltes wurde keine Folge gegeben, die beantragte strafrechtliche Verfolgung einer Beleidigung durch die Presse abgelehnt, das Gesuch zweier Geschäftsfirmen in Süddeutfch- land wegen Ersatz des ihnen aus dem Abschluß von Holzankaufs. Geschäften mit der deutschen Civilverwaltung zu Nancy im Jahre 1870 erwachsenen Schadens dem Reichskanzler überwiesen. Endlich wurde der Reichsschulden-Verwaltung und der Verwaltung des Reichs-Jnvalidenfond- nach den Beschlüssen des Reichstags bezüglich der vorgelegten Rechnungen für das Etatsjahr 1884/85 die Entlastung und dem Gesuche eines Seemanns um Zulassung zur Steuermanns- Prüfung ausnahmsweise die Genehmigung ertheilt.
— Heute ist der kaiserliche Erlaß, betr. Ausnahme einer ZVrvrocentigen Reichs-Anleihe im Gesammtbetrags von 238,004,970 JL, veröffentlicht worden. Die Tilgung erfolgt durch die im Reichsetat dazu bestimmten Mittel; dem Reiche bleibt das Recht, binnen einer gesetzlich festzustellenden Frist die Anleihe zu kündigen. Die Anleihe ist bestimmt zur Deckung der Kosten des Zollanfchluffes von Hamburg und Bremen, des Nordostsee-Kanals, der Verwaltung des Reichsheeres :und der Marine, sowie der Vervollständigung des Eisenbahnnetzes im Interesse Ler Vertheidigung des Landes.
München, 24. Juni. 200 liberale Wahlmänner beschlossen, im ersten Wahlgange als Landtags-Abgeordnete v. Schauß, Hübler, Frhr. v. Stauffen- tberg aufzustellen. Für die beiden anderen Münchener Sitze werden die liberalen Wahlmänner sich morgen schlüssig machen.
London, 24. Juni. Der König von Sachsen, Prinz Wilhelm von Preußen und andere Fürstlichkeiten trafen gestern in Windsor ein und wurden mit den üblichen Ehrenbezeugungen empfangen. Abende war großes Galadiner im Schloß, wonach die Kronprinzessin Victoria per Extrazug nach Norwood zurückkehrte.
Rom, 24. Juni. Monstgnor Perigo und der Priester der Propaganda, Gualde, sind heute im Auftrage des Papstes nach Irland gereist, um sich über die dortigen Verhältnisse zu unterrichten.
L o k a I e
Gießen, 25. Juni. Zum Jubelfeste unseres Realgymnasiums erhielt die Anstalt von einem früheren Schuler einen Alligator, der im Februar d. I. seine Reise aatral und wohlbehalten im März hier ankam. Seit seiner Abreise von New-Orleans bis heute hat derselbe aber noch keinen Bissen gefressen. Fleisch im rohen und gekochten Zustande, Frösche, Kröten, Feuer- und andere Salamander reizten ihn nicht z um Fressen, höchstens zu lebhaftem Fauchen. Auch in den Rachen gebrachte Thiere wurden gebissen, aber nicht verschluckt. Dieser beängstigenden Enthaltsamkeit soll nun rusofern ein Ende bereitet werden, als sich die Direction des Zoologischen Gartens in Drankjurt bereit erklärt hat, das Thier in Kost und Wohnung zu nehmen. Der Leich-
nam aber wird wieder an die Schulsammlung zurückgeschickt werden; wer daher den Alllgator noch lebend hier sehen will, möge sich beeilen, da seine Abreffe nahe bevorsteht.
«.Gießen, 25. Juni. sKrauße-Concerte.j Das dritte Sommer-Abonnements - Concert des Herrn Musikdirektors Krauße in Stein's Garten hatte am Donnerstag ein noch zahlreicheres Publikum, als bei den beiden vorhergehenden Abenden herangezogen und erfreute sich des größten Beifalls. Die schon oft erwähnte Rührigkeit der Capelle mit ihrem energischen Dirigenten an der Spitze trat auch diesmal in das beste Licht, indem sämmtliche Piecen des Programms in der Wahl sowohl, wie in der Ausführung Fleiß und angemessene Auffassung bekundeten. Besonders hervorgehoben zu werden verdienten: die Rienzi-Ouverture von Rich. Wagner, das Ensemble und Finale aus Meyerbeer's Afrikanerin, Hamm's Dreigespräch zwischen Flöte, Oboe und Clarinette, ein Flügelhornsolo des Herrn Krapp (Arie aus Rossini's Barbier von Sevilla) und der großartige Wagner'sche Trauermarsch aus „Götterdämmerung". Mtt Genugthuung darf Herr Musikdirektor Krauße auf die Leistungen seiner Capelle zurückblicken und den Dank des Publikums sowohl, wie die Anerkennung der Kritik hinnehmen.
, 251 Juni. Sonntag den 3. Juli d. I. — falls an diesem Tage sehr
ungünstige Witterung eintritt: Sonntag den 10. Juli — findet derHauptausflua auf den Hoherodskopf statt- Mit demselben ist die Einweihung des auf dem Hoherodskopf neu erbauten Clubwirthshauses und die Enthüllung der dem Andenken unseres verehrten ersten Präsidenten Klingelhöffer gewidmeten Gedenktafel verbunden. Die Sectionen werden vom Central-Ausschuß zu recht zahlreicher Betbei- ligung freundlichst mit dem Bemerken eingeladen, daß die Festwirthschaft dem Herrn Moritz Spam er von Schotten übertragen worden ist. Für Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Die Teilnehmer sind gebeten, sich am Taufstein einzufinden, von wo Punkt r? Uhr der Abmarsch nach dem Festplatze (Hoherodskopf) erfolgt. Dort- felbst Go.iccn und später Tanz. Zur Deckung der Festkosten wird ein Festbeitrag von 50 Pfg. gegen Aushändigung eines Festabzeichens von den theilnehmenden Herren erhoben. — Die Absendung einer Schenkung von 560 Mk. seitens der Newyorker Clubgenossen ist avisirr, und wird diese Summe, dem Wunsch der überseeischen Freunde ensprechend, zur Anschaffung von Inventar für das Haus und einer mit Segeltuch bedeckten Fefthütte benutzt werden. Einer der Newyorker Clubgenossen wird am Feste theilnehmen. — Die Wegmarkirung im Oberwald hat leider in Folge vielfacher Abhaltung der hierru in Aussicht genommenen Mitglieder noch sehr wenig Fortschritte gemacht. Ohne die kräfttge Unterstützung der nächstliegenden Sectionen wird ohnedies der Centralausschuß kaum im Stande sein, die nicht kleine Arbeit noch zu guter Zeit vorzunehmen. — Es gereicht dem Central-Ausschuß zur Freude, daß die Herausgabe des Führers durch den Vogelsberg bis spätestens zum 1. Juli erfolgen wird, so daß bis zum Ausflug am 3. Juli sich jedes Mitglied mit demselben versehen kann. — Aus der Central-Kasse wurde ein Fernrohr für die Herchenhainer Höhe angeschafft, Herr Pfarrer Röschen in Herchenhain war so freundlich, die Aufbewahrung und lieber- wachung der gegen eine kleine Abgabe geschehenden Verleihung zu übernehmen. Das Aussichtsgerüst auf der Herchenhainer Höhe wurde mit mehreren Ruhebänken versehen. Aus den Zuwendungen einzelner Mitglieder des Vereins geschah die Anschaffung eines neuen Fernrohrs für den Hoherodskopf im Betrag von 50 JL
Vermischte-.
Wetzlar, 22. Juni. Der hiesige Männergesangverein, welcher sich unter seiner anerkannt tüchtigen Leitung in den letzten Jahren zu immer größerer -Blüthe entwickelt hat, läßt keine Gelegenheit vorübergehen, in den Kreisen des Publikums immer neue Anhänger Jür den deutschen Gesang, das deutsche Volkslied anzuwerben. So hat er für den nächsten Sonntag, den 26. ds. Mts., ein im „Schützengarten" Nachmittags 4 Uhr beginnendes Gesangfest in Aussicht genommen, an welchem nicht nur seine eigene Mitgltederschaft in voller Stärke vor die Oeffentlichkeit hintreten wird, sondern zu welchem auch die Vereine der benachbarten Städte Gießen, Marburg u. s. w., ihr Erscheinen zugesagt haben. Bei diesem Feste werden die Bundesvereine von Gießen, Wetzlar und Marburg zwei große Chöre: „Das Grab im Busento" (Gedicht von Platen, Chor mit Orchester von Neßler) und „Gott schirme Dich, mein Vaterland", von Zedler, zur Aufführung bringen. Beides sind Stücke, die besondere Anforderungen an die Sänger stellen, denen dafür aber auch eine hervorragende Wirkung auf die Zuhörerschaft beiwohnt. Daneben wird noch eine größere Anzahl von Einzelvorträgen der verschiedenen Gesangvereine einhergehen. Alles in Allem darf erwartet werden, daß das Gesangfest, während dessen die Rödig'sche Kapelle ein ausgewähltes Orchesterprogramm exekutirt, in dem herrlich gelegenen Schützengarten einen hervorragenden Genuß für jeden Sänger und Sangesfreund darbieten wird.
△ Mainz, 23. Juni. sCarneval im Sommer.) Mainz ist als Carnevals- stadt in der Thal unübertrefflich Während bekanntermaßen carnevalistische Veranstaltungen von jeher nur in der Zeit zwischen Neujahr und der Fastenperiode abgehalten worden sind, hat gestern vier bei der Sommerhitze eine von mindestens 1000 Personen besuchte Sitzung der „Narrhalla" in der Stadthalle stattgefunden, die ich von den sonstigen Sitzungen nur dadurch unterschied, daß die „Narren" ohne die üblichen „Kapp' und Stern" erschienen waren. Im Uebrigen wechselten in der von dem „Narr" Weller präsidirten Sitzung genau wie sonst Vorträge mit Liedern und Musikpiecen ab. Anlaß zu dieser „außerordentlichen Generalversammlung" war das nächstjährige 50jährige Carnevalsjubtläum, mit Rücksicht dessen man wegen den nolh- wendigen Vorbereitunaen die sonst den 11. November stattfindende, der Abrechnung und Comitöwabl gewidmete geschäftliche Sitzung schon gestern abzuhalten geboten erachtete, welche geschäftliche Sitzung sich indeß zu einer förmlichen Carnevalsfitzung gestaltete. Von dem geschäftlichen Thetle ist erwähnenswerth, daß sowohl em Antrag auf Erhöhung des Preises von „Kapp' und Stern", wie ein weiterer Antrag, das große Comit4 auf zwei Jahre zu wählen, abgelehnt wurde. Dagegen wurde nut Rücksicht aus das Jubiläum das Comitö ermächtigt, sich beliebig zu cooptiren.
A Aus Rheinhessen, 23. Juni. Mit den Wünschen nach dem Besitz von Nebenbahnen ist e? in Rheinhessen noch nicht zu Ende und wird zur Zett eine besonders lebhafte Agitation für eine Linie von Alzey über Obernheim dircct nach dem


