Ar. 223 Erstes Blatt. Sonntag den 25. September 1887.
Siebener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vureau r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Areis vierteljährlich 2 Mark 20 Vf. mit Bringerlobn.
. Durch dre Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheit.
Gesunde«: 1 Schürze, 1 Halstuch, 2 Portemonnaie'«, 1 Kinderkragen, 1 Pferdeleine, 1 Armband, 1 silberner Löffel, 2 Servietten, 1 Militär- ,§Much, i blecherner Eimer, mehrere Schlüffel und Hundeblechmarken.
Gießen, am 24. September 1887. Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
Deutschland.
Berlin, 23. September. Der Kaiser wohnte gestern der Vorstellung im Schauspielhause bei, empfing heute den General Pape, nahm darauf militärische Meldungen entgegen, ertheilte alrdann dem Oberst Bartels, dem Kapitän Lütken sdänische Officiere), später dem Botschaster v. Schweinitz Audienzen und machte Nachmittag« um 2 Uhr eine Spaztersahrt. Um 4 Uhr erscheint der Minister v. Puttkamer zum Vortrag.
— Sämmtliche Berliner Morgenblätter bringen anläßlich de, heutigen Minister-Jubiläums der Reichskanzlers Huldigungs-Artikel, worin sie die unsterb- lichen Verdienste Bismarck'« hervorheben, deffen Nams untrennbar verknüpft sei mit der glorreichsten Thal Deutschlands in diesem Jahrhundert, seine aus Be- mabrung der Frieden» gerichtete Thätigkeit besonder- betonen und ihr rückhal - leier Vertrauen auf Führung der Nation in der gegenwärtigen schweren Zeit durch d-n Reichskanzler bekunden- Längst steh- in der Nation di- Würdigung seiner Thaten sest, welch- durch kein Jubiläum mehr gesteigert werden könne.
— Die nächst- Bunderrathsfitzung, welche spätesten» Dienstag stattfindet, wird sich neben der Beschlußsaffung über die Verlängerung der kleinen Belage- rungrzustander in Berlin und Hamburg und der Besetzung zweier Ralhrstellen am Reichsgericht, mit der Frage der provisorischen Inkrafttretens der Aurfüh- rungr-Bestiwmungen für die Branntweinsteuer beschäftigen.
England.
London, 23. September. O'Brien ist heule in Mitchelstown eingetroffen und Mittags unter Bedeckung von Polizei vor Gericht geführt worden. In der Umgebung befanden sich" dessen politische Freunde, darunter Dillon Pickerrgill.
Serbien.
Belgrad, 23. September. Der VerfaffungS-Aurschuß wählte ein drei- gliedriger Comilö zur Ausarbeitung eine« Enlwurse» für eine neue Versüssung.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Corresporrdenz-Brrrearr*
Berlin, 23. September. Die Strafkammer des Landgerichts erkannte den aus dem Processe gegen den Professor Graf bekannten Schieferdecker Hammermann, der den gerichtlichen Physikus Wolff in mehreren Schriftstücken beschuldigte, seine Gutachten wider besseres Wissen abgegeben zu haben, der versuchten Nöthigung schuldig und ver- urtheilte denselben zu dreimonatlichem Gefängniß.
Bremen, 23. September. Das hiesige Landgericht entschied in dem vom Marinefiskus gegen den „Nordd. Lloyd" angestrengten Proceß auf Ersatz des Schadens, den die Kreuzerkorvette „Sophie" durch die am 3. September 1884 mit dem Lloyd- dampfer „Hohenstaufen" stattgehabte Collision erlitten, dahin, daß die Colltsion durch das Verlassen des Eurses seitens der „Sophie" herbeigeführt sei; daneben sei der Führer des „Hohenstaufen" zu tadeln, weil er sich der Geschwaderltnie unnöthig genähert habe.
Kiel, 23. September. Der Prinz und die Prinzessin Wilhelm reisten um 121/, Uhr nach Frtedrichsruh ab. Sie wurden von dem Prinzen Heinrich zum Bahnhöfe geleitet und von einem zahlreichen Publikum mit begeisterten Zurufen begrüßt.
— Prinz Heinrich reiste mit dem Prinzen und der Prinzessin Wilhelm ab; letztere kehrte, wie verlautet, direkt nach Potsdam zurück.
KriedrichSruh, 23. September. Prinz, Prinzessin Wilhelm und Prinz Heinrich sind heute Nachmittag 41/a Uhr auf dem festlich geschmückten Bahnhofe eingetroffen, empfangen vom Fürsten Bismark und Gemahlin, sowie Graf Herbert Bismarck. Fürst Bismarck und Gemahlin begrüßten die Prinzessin, welche nach Potsdam wetterfuhr. Unter brausenden Hochrufen einer zahlreich versammelten Menge begaben sich dann Prinz Wilhelm und Fürstin Bismarck im ersten, Prinz Heinrich und Fürst Bismarck im zweiten Wagen nach dem Schloß. Unter den in der Frühe eingetroffenen Jubiläumsgeschenken befand sich eine kostbare Vase vom Kaiser mit seinem Portrait, sowie ein äußerst kunstvolles Bouquet aus Eisen. Das Fest wurde im engen Kreise begangen, von einer officiellen Feier war abgesehen. Die Familie des Reichskanzlers war voll- zählich anwesend. Vom Kaiser war ferner ein Glückwunschschreiben etngegangen, ebenso hatten die Minister ihrem Präsidenten Glückwünsche gesandt, außerdem liefen zahllose schriftliche und telegraphische Gratulationen von Nah und Fern ein. — Nach dem Diner unternahmen Prinz Wilhelm mit dem Fürsten Bismarck, Prinz Heinrich mit dem Grafen Herbert Bismarck eine Fahrt durch den Wald und kehrten um 6«/r Uhr zurück. Prinz Heinrich verschob seine Abreise auf Abends 9 Uhr. Der Bahnhof und das Postgebäude sind glänzend illuminirt; im Parke concertirte bei prachtvollem Wetter die Hamburger Militär-Musikkapelle.
Karlsruhe, 23. September. Internationale Conferenz der Vereine zum Rothen Kreuz. In der heutigen Conferenz, welcher Ihre K. Hoheiten der Großherzog und die Frau Großherzogin, sowie der Kaiser von Brasilien beiwohnten, wurden zunächst die Erfolge der antiseptischen Wundbehandlung im serbisch-bulgarischen Kriege und die Anträge auf Förderung der allgemeinen Einführung der antiseptischen Behandlung in die Feldsanitätseinrichtungen der Armeen erörtert. Nach der Debatte, in welcher grundsätzliche Uebereinstimmung herrschte, wurde eine Resolution angenommen, die der Genfer Eonventton beigetretenen Staaten und Vereine zu ersuchen, für die Durchführung der
Konservativen chirurgischen Praxis bei der Armee im Felde bereits von der Gefechtslinie ab zweckmäßige Einrichtungen zu treffen. Sodann verhandelte die Conferenz über die kostenfreie Beförderung von Naturalsendungen im Interesse der Verwundetenpflege und beschloß, den Regierungen und Eisenbahngesellschaften für die Erleichterungen, welche dieselben bisher den Sendungen des Rothen Kreuzes zuerkannt haben, zu danken und den Wunsch nach einer Verallgemeinerung dieser Erleichterungen auszusprechen. Von Ihrer Majestät der Kaiserin ist auf die derselben gestern gesandte Begrußungsdepesche folgende Antwort eingegangen: „Ich danke der Conferenz herzlich für die Mir gewidmete Begrüßung. Als Christin preise Ich Gottes Gnade an diesem Werke der Nächstenliebe, als Frau gedenke Ich dabet der Frauen und Mütter, als Mitglied des Rothen Kreuzes erhoffe ich von Ihren Beratungen einen gesegneten Erfolg und vereinende Kraft für Krieg und Frieden. Baden, 23. September 1887. (gez.) Augusta."
£ Mausenburg, 23. September. Kaiser Franz Joseph ist hier eingetroffen und festlich empfangen worden. Auf die Huldigungsanfprache des Metropolitan Roman erwiderte der Kaiser, die griechtsch-orientalisch-rumänische Kirche könne stets auf seinen wirksamen Schutz rechnen, er wünsche aber, daß jede Confession ohne Unterschied der Nationalität jede Agitation von sich fernhalte und sich eins fühle in der Erfüllung der patriotischen Pflichten. Er erwarte deßhalb, daß die Geistlichkeit ihren Einfluß auf die Bevölkerung zur Pflege wahrhaft patriotischer Tugenden benutze, was ihm einen erfreulichen Anlaß zu seiner Zufriedenheit und zu seiner jederzeit gern bekundeten Gnade geben werde. Die Ansprache der Deputation des evangelischen Kirchendistrikts beantwortend, sagte der Kaiser, er glaube überzeugt sein zu können, daß ihre evangelischen Glaubensgenossen sich der patriotischen Pflichten dem Lande gegenüber bewußt wären; er wünsche, daß die gesammte Bevölkerung, ohne in der Benutzung und der Pflege ihrer Sprache gehindert zu sein, von den Gefühlen der Zusammengehörigkeit durchdrungen würden und in Eintracht zusammenhielten. Es wäre diese in den Tagen der Friedensarbeit zur Förderung ihrer Wohlfahrt ebenso nöthig, wie sie in ernsten Zeiten jebtry Einzelnen den stärksten Schutz gewähre.
Rom, 23. September. Der preußische Gesandte beim Vatikan, Herr o. Schlözer, ist heute hier wieder eingetroffen.
Urriverfitäts - Ghronik.
— Professor Carridre ist, nachdem er sein 70. Jahr zurückgelegt hat, von seiner amtlichen Thätigkeit als Secretär der Kunstakademie zurückgetreten, er bleibt indeß thätig für die Universität und behält seine Professur, er wird im kommenden Winter seine beliebten Vorlesungen über Aesthetik und Shakespeare haltem Seine Ferien verlebt er bei seinem Sohne in Straßburg i. E., welcher dort Professor an der Universität ist; nach seinem Großvater Liebig trägt letzterer den Vornamen Justus.
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Gießen, 23. September. ^Schwurgericht.^ Heute Vormittag wurde Lorenz Schmidt von Oppenrod wegen des ihm zur Last gelegten Stttlichkeitsverbrechens in eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren verurtheilt. In der auf heute Nachmittag anberaumten Sitzung wurde Konrad Jung IV. von Hochweisel, ebenfalls wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit abgeurtheilt. Der Wahrspruch der Geschworenen lautete auf „schuldig" und erkannte demzufolge das Gericht auf eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren 8 Monaten, unter Aufrechnung der erlittenen Untersuchungshaft. Bei beiden Verhandlungen war die Oeffentlichkeit ausgeschlossen.
— e. Gießen, 24. September. Heute wurde von einem Theile der Mannschaften und Unteroffiziere des hiesigen Regiments die neue Kaserne bezogen. Auch die Familien mehrerer verheiratheter Unteroffiziere siedelten mit über.
Vermischte *.
* Gießen. Bei einer dieser Tage in einer benachbarten Gemeinde statt- gefundenen Jagd auf Hühner und Hasen wurden 7 Hühner und 4 Hasen erlegt. Ein Apotheker wurde angeschossen.
— o. Die Intendanturen der Armeecorps machen alljährlich darauf aufmerksam, daß die Militär-Magazin-Verwaltungen angewiesen worden, bei Vergebung resp. Beschaffung von Fourage rc. die Angebote der Landwirthe auf Lieferung von Roggen, Hafer, Heu und Stroh zu berücksichtigen, sofern solche von vorschriftsmäßiger Beschaffenheit sind und zu genehmen Preisen offerirt werden. Dadurch wird dem Producenten die Möglichkeit geboten, ohne besondere Vermittelung von Zwischenhändlern mit den Magazin-Verwaltungen zu verkehren. Maßgebend und bestimmend für die Qualität der offerirten Naturalien sind folgende Bestimmungen: Korn und Hafer müssen trocken und von allen nährlosen oder schädlichen Mischungen frei sein, dürfen keinen dumpfigen oder sonstigen fremdartigen Geruch, keinen saueren oder bitteren Geschmack haben, nicht schimmlich oder wurmig sein und müssen ein möglichst hohes Scheffelgewicht haben, so muß das Gewicht eines Scheffels Korn mindestens 70, eines Scheffels Hafer 44 Pfund betragen. Das Heu muß gut geerntet und darf nicht mit nährlosen oder schädlichen Pflanzen vermischt sein, die die Pferde verschmähen; das Heu muß frisch von Farbe, kräftig und süß von Geruch sein. Das Stroh muß Roggen- Richtstroh sein, muß noch die Aehren haben und darf nicht mit Disteln vermengt sein und auch nicht dumpfig riechen.
△ Mainz, 23. September. Kommenden Mittwoch findet vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts die Verhandlung der auf Geheimbündelei und Verbi eitung verbotener Schriften lautende Anklage gegen die Führer der Mainzer Socialdemokraten statt. Angeklagt sind 8 Personen, darunter der Landtagsabgeordnete Jöst. Als Belastungszeugen sind 10 Personen geladen, von welchen in der Voruntersuchung der ehemalige socialistische Zollparlamentscandidat Schuhmacher Böll, der vor etwa Jahresfrist aus der socialistischen Partei ausgeschlossen worden, für die Angeklagten sehr belastende Aussagen gemacht hat. Ein zweiter wichtiger Belastungszeuge, durch welchen hauptsächlich die Anklage gegen den Landtagsabgeordnetcn Jöst unterstützt werden soll, ist seit einiger Zeit spurlos verschwunden und dürste, falls derselbe bl« zum fixulen


