Nr. »7.
Freitag den 25. Februar
1887
nzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
vnreau: SchuIstrabe 7. Erscheint tü-lich mit Nusmrhme beS Montags. d!"V^Ä^LZJiich 2 M°ÄİPs^
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Amtlicher Hheil.
. y Gießen, den 24. Februar 1887.
Betreffend: Maßregeln gegen Landstreicher und Bettler, hier die Errichtung von Naturalverpflegungsstationen.
Das Großherzogliche Kreisautt Gießen
an die Grotzherzogliche« Bürgermeistereien des SreifeS.
Wir beabsichtigen zur Unterdrückung des Vagantenthums 3 Naturalverpflegungsstationen im Kreise zu errichten und zwar in den Städten Gießeir Grünberg und Hungen.
Dem Fortbestehen des Vagantenthums, welches sehr viele sittliche' und volkswirthschaftliche Nachtheile im Gefolge hat, kann nur dann mit Erfolg entgegengewirkt werden, wenn sich die Privaten der Unterstützung durchreisender bedürftigen Personen ganz enthalten und diese nicht an jedem Ort von der betreffende» Bürgermeisterei, sondern uur an einigen wenigen Stationen die nöthige Naturalverpflegung und das erforderliche Nachtquartier, aber niemals eine Unterstützung in Geld erhalten.
Eine Unterstützung wird an den Naturalverpflegungsstationen außerdem nur gegen eine Arbeitsleistung gewährt werden.
Die Vaganten sollen aber nur durch Gewährung der unmittelbaren Lebensbedürfnisse, aber niemals mit Geld unterstützt werden, well gerade die früher von den Privatpersonen vielfach gewährten Geldunterstützungen eine solche Vermehrung der Zahl der Bettler herbeigeführt hat, daß das Vagantenthum eine wahre Landplage geworden war. Durch die Geldunterstützungen wurden die Landstreicher in den Stand gesetzt, ohne zu arbeiten, ein ungebundenes, für ihre Verhältniffe gutes und sorgenfreies Leben zu führen, indem dieselben häufig durch Betteln pro Tag mehr erwarben, als sie durch Arbeit verdienen konnten.
In den Naturalverpflegungsstationen erhalten die Paffanten daher keine Geldunterflützung, sondern je nach den Tageszeiten, zu welchen dieselben eintreffen, Frühstück, Mittagseffen oder Abendessen und Nachtquartier.
Sodann dürfen den zugereisten, in die Station aufgenommenen Fremden keine geistigen Getränke, namentlich kein Branntwein, in derselben verabreicht werden.
Die Kosten der Unterhaltung der Naturalverpflegungsstationen sollen auf den Kreis übernommen werden.
Wir hoffen, daß durch die Einrichtung der Naturalverpflegungsstationen das Vagantenthum ganz unterdrückt oder doch die Zahl der Vaganten wesentlich vermindert werden wird.
Wir beauftragen Sie hierdurch dem Gemeinderath in dieser Angelegenheit Vorlage zu machen und dessen Antrag darüber längstens binnen 8 Tagen einzusenden:
1) ob derselbe die Errichtung derartiger Stationen ans Kosten des Kreises für wünschenswerth erachtet;
2) oder ob derselbe wünscht, daß die seitherige Einrichtung, wonach die durchreisenden unbemittelten Personen an jedem Orte von der betreffenden Bürgermeisterei auf Kosten der betreffenden Gemeinde unterstützt werden müssen, fortbestehen soll.
Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Herr Landwirthschastslehrer Leithiger von Alsfeld wird fodmcnben Sonntag Nachmittags 3 Uhr zu Grünberg in einer Versammlung des dortigen landwirthschastlichen Localvereins einen Dortrag über Saatwechsel und Bezug von Saatgut halten.
Alle Landwirthe und Freunde der Landwirthschaft werden hiermit zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen.
Gießen, den 24. Februar 1887.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen.
Nover.
Politische Uebersicht.
Gießen, 24. Februar.
Die große Wahlschlacht ist geschlagen und was bis jetzt von Nachrichten über deren Ausgang vorliegt, berechtigt zu den größten Hoffnungen für die vereinigten Cartell-Parteien. Vor Allem muß hervorgehoben weroen, daß, so weit sich die Wahlresultate übersehen lassen, im ersten Wahlgange nur wenige Deutsch - Freisinnige durchgedrungen find. Die Wahlen in der Reichshauptstadt sind darin charakteristisch. Hier, in dem fortschrittlichen Berlin, Ist diesmal kein einziger Vertreter der freisinnigen Partei sofort gewühlt worden ; selbst im ersten Wahlkreise, wo noch 1884 der inzwischen verstorbene Löwe mit einer Mehrheit von ca. 2000 Stimmen glatt siegte, muß sich Heuer sein freisinniger Ersatzmann, der „alte" Klotz, zu einer Stichwahl mit dem Canoidaten Der Carlell-Parteien, o. Zedlitz - Neukirch, bequemen. Im zweiten und fünften Wahlkreise haben ebenfalls Sttchwahlen zwischen den Freisinnigen und den Con- servativ-Liberalen stattzufinden und hat im zweiten Wahlkreise der Candidat der letzteren, Wolff, sogar nahe an 3000 Stimmen mehr erhalten, als sein sreistnniger Hauptgegner, Professor Virchow. Im dritten Wahlkreise muß der freisinnige Rechtsanwalt Munckel mit dem soctalistischen Schriftsteller Christensen *um die Palme de» Steges ringen und im vierten und sechsten Wahlkreise, den vorwiegend von Arbeitern bewohnten Quartieren Berlins, haben sich die Vertreter der Socialdemokratie behauptet. Außerordentlich schlechte Geschäfte haben ibie Freisinnigen und auch die Socialdemokraten im Königreiche Sachsen gemacht. 'Erstere haben die Wahlkreise Döbeln, Pirna und Löbau an die Nationallrberalen unb Conservativen verloren und in Zitlau kommen sie mit dem nationalliberalen Canoidaten in die Stichwahl. Die Socialdemokraten haben die Wahlkreise Chemnitz, Zwickau, Reichenbach i. V. und Schneeberg-Stollberg, sowie Leipzig- Land und Glauchau-Merane an die Vertreter der reichstreuen Parteien verloren. Zn Leipzig-Stadt siegte der bisherige nationalliberale Abgeordnete, Bürgermeister Dr. Tröndlin, mit der geradezu erdrückenden Mehrheit von 9000 Stimmen aber Bebel (1 9,000 Stimmen gegen 10,000 Stimmen); in Dresden findet Stichwahl zwischen Hultzsch (conf.-lib.) und Bebel statt. — Wenig erfreulich lauten die Wahlresultate aus Elsaß-Lothringen; 12 Protestler, unter ihnen die I bisherigen Vertreter von Straßburg und Metz, Kablä und Antoine sind wieder- gewählt worden und nur in Zabern, Molsheim und Mühlhausen scheinen noch I «einige Aussichten für den Sieg der septennatssreundlichen Parteien vorhanden M sein, Diese Ergebnisse der reichsländischen Wahlen dürsten an leitender Stelle
in Berlin besonders unangenehm berühren, da man gerade auf diese einen hohen Werth legte; e» scheint demnach in den Kreisen der altelsüssischen Bevölkerung leider noch nicht so bald ein durchgreifender Umschwung i» der politischen Gesinnung eintreten zu wollen. Im Uebrigen wird e» auch diesmal wieder za zahlreichen Stichwahlen kommen, so außer den bereit» angesührten Berliner Sttchwahlen, in Görlitz, Halle a. S., Danzig, Stettin, Zeitz zwischen den Can» didaten der Freisinnigen und denen der Cactell-Parteien, ferner finden in Elberfeld, Königsberg i. Pr., BreslaU'Ost und Breslau-West, Greiz u. f. w. engere Wahlen zwischen Cartell - Candtdateu und soctalistischen Candidaten statt. Verloren gingen ferner von den seither freisinnig vertreten gewesenen Wahlkreisen an die Conservativen und Nationalliberalen Hof und Altenburg und da» dürste auch von Gera und Weimar zu gelten haben.
E» wird versichert, daß der Papst eine neue Kundgeb»ng gegen die Politik des Centrums in der Militürfrage vorbereite uad soll diese Kundgebung bezwecken, den preußischen Episcopat zu bewegen, wenigsten» bet den Stichwahlen Stellung für da» Septennat zu nehmen. Wie die Sachen nunmehr stehen, dürste indessen ein nochmaliges Eintreten de» Papste» für das Septennat überflüssig sein.
Die Auseinandersetzungen de» russischen „Nord* in Brüssel über die künftige Politik Rußlands beherrschen noch immer die allgemeine Lage. Demnach will Rußland den deutsch-französischen Beziehungen vor Allem seine Aufmerksamkeit zuwenden und die Orientfrage erst in zweiter Linie behandeln. Die» stimmt auch mit einer Petersburger Notiz der „Polit. Corresp." überein, wonach Rußland die Konstantinopeler Verhandlungen über die bulgarische Frage absichtlich hinausziehe, um desto unbehinderter die Entwickelung de» Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich verfolgen zu können. Auf welchen Standpunkt sich aber die russischen Politiker hierbei zu stellen gedenken, geht au» der Drohung des „Nord" hervor, Rußland werde in einem künftigen deutsch- französischen Kriege nicht mehr die wohlwollende Neutralität von 1870 beobachten, sondern eine neuerliche Schwächung Frankreichs unter keinen Umständen zugeben. Wenn es wahr ist, was das in russischem Solde stehende Brüsseler Blatt versichert, daß nämlich der Artikel die Anschauungen der leitenden Petersburger Kreise wiedergebe, dann wüßten wir ja mit einem Male, was nur von der russischen „Erbfreundschaft" zu halten hätten! Vielleicht handelt es ,.ch hierbei aber nur um einen russischen Fühler, ob Deutschland und Oesterrelch- Ungarn nicht geneigt sein würden, die russischen Wünsche in der vu.garssche»


