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Pr. LL2. Samstag den 24. September 1887.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den .Kreis Gießen.

Bureaur Sckulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlokm.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberstcht.

Gieße«, 23. September.

Einen bedeutsamen Nachklang zu den Kaisertagen in Pom- vier» bildet die an den commandirenden General de« 2. (pommerschen) Armee- goto«, v. d. Burg, gerichtete allerhöchste Cabinetrordre. Dieselbe spricht die lebhaste Befriedigung der Kaiser» über die bei den großen Manöoern nach den verschiedensten Richtungen hin zu Tage getretenen Leistungen de» pommerschen Armee-Corp» in Worten au«, welche demselben nur zur höchsten Ehre und An­erkennung gereichen können. Die Cabinetrordre enthält dann noch Worte per- sönlicher Anerkennung für den General v. d. Burg, welcher bekanntlich noch auf dem Mnnöoerfelde vom Kaiser definitiv zum Commandeur der 2. Armee-Corp», »eiche» o. d. Burg bislang interimistisch geführt hatte, ernannt wurde. Der allerhöchste Erlaß wird durch eine Reihe von Gnadenbeweisen u. s. w. an ein« Reihe höherer Officiere de» Armee-Corp» beschloffen.

In ländlicher Zurückgezogenheit feierte unser leitender Staatsmann am Freitag sein 25jährige» Jubiläum al» preußischer Minister- Präsident. Wo» Fürst Birmarck während dieser seiner langen ministe­riellen Thätigkeit für Preußen und für Deuifchland gethan und erreicht hat, getragen von dem unerschütterlichen Vertrauen seine» kaiserlichen Herrn, da» lebt ja fort im Herzen aller Zeitgenoffen und braucht an dieser Stells wohl Nicht nochmal» besonder» hervorgehoben zu werden.

Die herannahende Wintersesston de» Reichstage», die nach neuerlichen Mel- düngen in der zweiten Novemberhälfte ihren Ansang nehmen soll, bringt bereit» neue Anregung in das Partejgetriebe und in die Tagesdiscusston. Der in Liegnitz stattgesundene Parteitag der D eutschs reis innig en für Nieder- Schlesien ist offenbar mit Rücksicht auf die bevorstehende parlamentarische Winter- Campagne abgehalten worden und daffelbe wird von dem geplanten weiteren freisinnigen Parteitage für Thüringen und die Provinz Sachsen zu gelten haben. In der politischen Tagesdiscusston spielen jetzt die Fragen der Verlängerung der Legislatur-Peri öden und der Erhöhung der Getreidezölle eine her- vorragende Rolle, ohne daß man doch schon bestimmt wüßte, ob diese Fragen auch wirtlich den Reichstag demnächst beschästigen werden. Speciell hat der -Gedanke, die jetzt dreijährigen Legislatur-Perioden im Reiche und Preußen in 'fünfjährige umzuwandeln, eine actuelle Bedeutung gewonnen, seitdem e« bekannt -geworden ist, daß sich die Führer der jetzigen Mehrheits-Parteien hierüber ver­ständigt haben. Ob sich die weitere Meldung, es würde dem Reichstage alsbald mach feinem Zusammentritte ein bezüglicher Antrag vorgelegt werden, bestätigt, wuß jedoch noch abgewartet werden; jedenfalls würde eine Verlängerung der Legislalur-Perioden aber noch nicht für den gegenwärtigen Reichstag zu gelten Haven.

Der Anschluß Bayerns an die Reichr-Branntweinsteuer« Gemeinschaft ist am Mittwoch von der bayerischen Abgeordnetenkammer ! durch die mit großer Mehrheit erfolgte Annahme der bezüglichen Regierung«. Borlage sanetionirt worden- Da fchon vorher der Anschluß Baden« und Würt­temberg« durch die bezüglichen Beschlüsse der Volksvertretungen beider Länder ausgesprochen worden war, so steht also der Ausdehnung de« Reichs-Brannt­weinsteuer-Gesetze« auch aus Süddeutschland kein Hinderniß mehr entgegen und wird dasselbe am kommenden 1. October für da» ganze Reich in Kraft treten. Dem bayerischen Landtage ist ein Gesetzentwurf, betr. den Ausbau der strategischen Verbindungsbahnen mit Württemberg, Baden und Hessen, sowie ein aus den Bier-Malz-Aufschlag bezüglicher Entwurs zugegangen.

Das Würzburger Landtagiwahl-Dilemma ist noch immer un­gelöst. Auch die am 20. September oorgenommene Landjagswahl, die acht- ober neunte, hat wiederum 44 Stimmen für den liberalen Candidaten ergeben. Erwacht sich also eine fernere Wahl nöthig, die auf den 20. Deeember an- Ce|e6t Eine neue Schnäbele-Asfairei Die amtlicheLothringer Zeitung" meldet aus dem deutschen Grenzorte Cheminot, daß daselbst am Montag der sechszehnjährige Sohn de» bekannten französischen Polizeikommiflär» Schnäbele au« Pont ä Mousson verhaftet und nach dem Metzer Bezirkrgesängniß abgeführt wurde. Dar Verhaftete hatte ein aufrührerische» Plakat mit den französischen Rationalsarben an den Bäumen der Landstraße Cheminot-Pont ä Mousson an« geheftet, in Folge dessen er beim Betreten der deutschen Grenze verhastet wurde. Hoffentlich wird Schnäbele jun. keinen Weltkrieg veranlassen I

Der österreichische Minister bei Auswärtigen ist von seinem Friedrichrruher Besuche am Spätabend de» Dienstag wieder in Wien eingetroffen. Fast zu demselben Zeitpunkte werden in Londoner Blättern au» vsfieiöser Wiener Quelle stammende Mittheilungen über den Charakter der jüngsten Begegnung zwischen dem Fürsten Birmarck und dem Grafen Kalnoky veröffentlicht, die zwar keine besonderen Einzelheiten zu melden wiffen, au» denen aber hervorgeht, daß auch die heurige Zusammenkunst beider Staatrmänner dem Wunsche entsproffen ist, einen persönlichen Meinungsaustausch über die schwebenden Fragen herbeizuführen. Den betr. Mittheilungen zufolge hat Kalnoky in Friedrichsruhe die friedfertige Gesinnung seine» Souverän» vertreten, wonach Kaiser Franz Joses einem vorwiegenden Einflüsse Rußland« in Bulgarien nicht entgegen sein würde, unter der Voraursetzung, daß Rußland dm österreichischen Einfluß in Serbien refpectire. Kalnoky habe den Wunsch de« österreichischen Monarchen ausgedrückt, jene Beziehungen nicht zu trüben, welche den Frieden

erhalten und Complicationen vermeiden. Die Thronrede zur bevorstehenden Er­öffnung des ungarischen Reichstages wird hoffentlich eine Bestätigung des in diesen Mittheilungen Gesagten bringen-

Das Manifest des Grasen von Paris hat unverkennbar eine leb­haftere Bewegung in die politische Atmosphäre Frankreichs gebracht. Zunächst wird eine große politische Rede des Cabinets-Chess Rouvier stgnaltfirt, als Ant­wort auf die Kundgebung des orleanistischen Thronprätendenten. Weiter heißt es, die Kammern sollen eher einberusen werden, als ursprünglich beabsichtigt war und bringt man hiermit die angebliche Aufnahme von ein oder zwei Mit­gliedern der radikalen Partei in das Ministerium in Verbindung, wodurch Herr Rouvier eine entschiedene Stellungnahme gegenüber den von monarchistischer Seite drohenden Gefahren bekunden wolle. Endlich wird ein bonapartisttscher Manifest angekündigt, durch welches Prinz Victor Napoleon der Concurrenz des Grafen von Parts um die Gunst der monarchistischen Parteien entgegentreten will und schließlich ist von weiteren Maßregeln gegen die noch in Frankreich verbliebenen Mitglieder der Familie Orleans die Rede. Wenn sich diese Gerüchte alle bestä­tigen, so wird das politische Leben jenseits der Vogesen allerdings bald in hohen Wogen gehen.______________________________

Deutschland.

Darmstadt, 22. Septbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 12. September dem Kreisrath Robert Hoffmann zu Alsfeld die Krone zum Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmüthi- gen zu verleihen.

Darmstadt, 21. September. Militärdienst-Nachrichten. Es wurden: v- Klipstein, v- Rappard, Port.-Fähnrs. vom 2..Großh. Heff. Jnf.-Regt. (Großherzog) Nr. 116 zu Sec.-Lieuts. besördert.

Berlin, 22. September. Der Kaiser empfing Vormittags den General Kleist und hörte den Vortrag Albedyll's. Nachmittags machte der Kaiser eine Spazierfahrt und empfing nach seiner Rückkehr den Staatssecretär Grasen Her­bert Bismarck zum Vortrag. Am Diner nehmen Theil die Prinzessin Friedrich Karl, die Herzogin v. Connaught, das erbgroßherzogliche Paar von Oldenburg, Prinz Friedrich Leopold und die Botschafter Solms und Schweinitz.

DiePoltt. Nachr." weisen auf die verschiedentltche Bestätigung der Nachricht von der Wiederaufnahme der Unterhandlungen wegen einer russischen Anleihe in Paris hin und wiederholen, eine so günstige Gelegenheit zur wenig­stens theilwetsen Entäußerung russischer Werthe, wie die jetzige, wo der Pariser Finanzwelt daran liegen mußte, den russischen Cours möglichst zu halten, dürste sich sobald schwerlich wieder finden.

DenPolit. Nachr." zusolge ist ein Gesetzentwurf in Vorbereitung, welcher die Principien des Reichsgesetzes vom 13. Mai 1870 wegen Beseitigung der Doppelbesteuerung der besonderen Natur der Erbschaftssteuer, aus welche das gedachte Gesetz bisher keine Anwendung sand, anpaffen soll.

Türkei.

Konstantinopel, 22. September. Nach einer Meldung desBureau Reuter" sandte die Pforte gestern Abend an das Petersburger Cabinet eine Note über die bulgarische Frage, die im Wesentlichen besagt, die Pforte glaube im Hinblick aus die Ansichten gewisser europäischer Cabinete, welche die An­nahme der russischen Vorschläge als wenig wahrscheinlich erscheinen ließen , zu neuem Meinungs-Austausch mit Rußland schreiten zu sollen, um beiderseitiges Einvernehmen über eine Combination herbeizusühren, welche geeignet wäre, die Zustimmung aller Mächte zu erlangen.

Zwischen Kianil Pascha, Said Pascha und dem russischen Botschasts- rath Onou sand gestern Abend eine längere Besprechung statt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenr- Bureau.

Karlsruhe, 22. September. DieKarlsr. Ztg." erklärt die Meldung ver­schiedener Blätter, der Großherzog habe auf der Insel Mainau den preußischen Ge­sandten beim Vatikan, Herrn von Schlözer, empfangen und mit demselbm über ktrchenpolttische Fragen conferirt, für vollständig erfunden. Der Großherzog habe von Schlözer nicht empfangen, noch habe der Letztere,Schritte gethan, um empfangen zu werden.

Die vierte internationale Eonferenz der Vertreter der Vereine vomRothen Kreuz" wurde nach vorangegangener Delegirtenberathung Nachmittags 3 Uhr in Gegen­wart des Großherzoglichen Paares im Ständehaus eröffnet. Der Präsident des deutschen Eentralcomttä's gab einen Ueberblick über die Vorgeschichte der Eonferenz; der Vorsitzende des Gesammtoorstandes des badischen Landesvereins, Geh. Rath Sachs, berichtete über die Thätigkeit des Landesoercins. Staatsminister Turban überbrachte den Gruß des Großherzogs und seiner Gemahlin. Oberbürgermeister Lauter begrüß die Eonferenz Namens der Stadt. Es folgten sodann geschäftliche Details. An Kaiserin wurde ein Begrüßungs-Telegramm abgeschickt. Zum Präsidenten wuro - wählt Gral Otto Stolberg, ,u Viceprästdenten Sachs (Baden) - Gras Falkenhayn (Oesterreich), Graf Sonoaglia (Italien), Oom (Rußland), Marquis de Vogue (Hranr- reich), Hubbel (Nordamerika), Haß (Preußen). <Tn,rf..rm brachten die

Kiel, 22. September. Nach dem Diner beim Prinzen Wilhelm dracylu Gesangvereine ihm, seiner Gemahlin und seinen Gästen eine Serena ,

Wiesbaden, 22. September. Die hier tagende Versammlungi d«ttsch« forscher und Aerzte wählte einstimmig für das nächste Jahr Köln i n I nächste Jahr Heidelberg zum Versammlungsorte.