Ausgabe 
24.3.1887 Erstes Blatt
 
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Ar, 70 Erstes Blatt. Donnerstag dm 24. März 18L7.

Amts- Md Anzcigtblatt für den Kreis Gießen.

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Bureau: Schulstratze 7.

Erscheint täglich mit SluSnabme des Montag-.

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PoliLLfche UeSerstcht.

Gießen, 23. März.

Ein Zwischenfall aus der Plenarsitzung des preußischen Herrenhauses vom Samstag wird vielfach commentirt. Bei der Discusfion über den Antrag des Fürsten von Hatzseldt. Drachenberg, die Fonds für Fluß- Regulirungen künftig nicht mehr wie bisher in das Extra'Ordinarium, sondern in das Ordmarium einzustellen, erklärte sich der Finanzminister v. Scholz gegen diese Resolution, da sie überflüssig und gegenstandslos sei, während sie vom Minister für Landwirthschast, Dr. Lucius, sachlich auf das Wärmste empfohlen wurde. Diese Differenz zwischen beiden Ministern über einen an und für sich gerade nicht so wichtigen Gegenstand wird natürlich allseitig sehr bemerkt und wenn man erwägt, daß der Hatzseldt'sche Antrag doch schon einige Tage vor seiner Berathung gedruckt vorlag und die Herren v. Scholz und Dr. Lucius daher jedenfalls Gelegenheit gehabt hätten, sich über denselben zu verständigen, so muß der Austrag der ministeriellen Differenz in öffentlicher parlamentarischer Sitzung um so mehr befremden. Die Gerüchte über die Erschütterung der Stellung des preußischen Finanzministers haben durch den Vorfall neue Nahrung erhalten, besonders da sich Minister Dr. Lucius in seinen Ausführungen zu Gunsten der Resolution in bestimmter Weise auf den Reichskanzler berief. Immerhin wird aber noch abzuwarten sein, ob dieFriction" zwischen beiden Ministern in der That die tiefer gehende politische Bedeutung besitzt, welche man ihr zuschreibt.

Die elsaß-lothringischen Angelegenheiten werden demnächst den Reichstag höchst wahrscheinlich beschäftigen, aber einstweilen nicht vom hoch­politischen Standpunkte aus. § 2 dcs Gesetzes vom 2. Mai 1877, betr. die Gesetzgebung für Elsaß-Lothringen, bestimmt, daß der Erlaß von Landesgesetzen dem Reichstaoe vorbehalten bleibt, und diese Bestimmung ist in dem elsaß-loth­ringischen Verfaffungs-Entwürfe vom 4. Juli 1879 ausdrücklich bestätigt worden. Soviel bekannt, hat der Reichstag von der ihm zustehenden Befugniß noch nie­mals Gebrauch gemacht, was nun aber zum ersten Male geschehen soll. Der LandeZausschuß, also die parlamentarische Vertretung von Elsaß-Lothringen, hat nämlich beschlossen, in dem ihm vorgelegten Gesetz-Entwürfe über die Pensionen der Landesbeamten ein Amendement anzubringen, wonach den Beamten ein Abzug von 3 Procent des Gehalts für die Bildung der Pensionskaffe gemacht werden soll. Die Regierung ist entschieden gegen diesen Beschluß und da der Landes- ausschuß geneigt zu sein scheint, an demselben festzuhalten, so gedenkt die Regie­rung die Sache zur Entscheidung an den Reichstag gelangen zu lassen und die Vermuthung liegt sehr nahe, daß bei dieser Gelegenheit die elsässischen Ange­legenheiten im Lichte der jüngsten protestlerischen Wahlen mit zur Sprache kom­men werden. Uebrigens ist gewiß, daß mit dem Wahlausfall in den Reichslanden auch der Besuch des Statthalters Fürsten Hohenlohe in Berlin zusammenhängt, wenngleich den äußerlichen Anlaß hierzu die Geburtstagsfeier des Kaisers gegeben hat.

Die Erneuerung des deutsch-österreichisch-italienischen Bünd­nisses hat doch ein Opfer gefordert. Das Gerücht, Herr v. Keudell, der deutsche Botschafter in Rom, habe seine Entlassung eingereicht, weil die Ver­handlungen wegen Erneuerung des Bündnisses über seinen Kopf hinweg durch die ausschließliche Vermittelung des italienischen Botschafters in Berlin, Grafen de Launay, geführt worden seien, wird jetzt von verschiedenen Seiten bestätigt. Herr v. Keudell, welcher eine Reihe hervorragender politischer und diplomatischer Missionen mit glänzendem Erfolg durchgeführt hat, bekleidete seinen römischen Posten seit 1873, zuerst als Gesandter, dann seit 1876 als Botschafter des deutschen Reiches und unbestreitbar sind die Verdienste, welche er sich in dieser Stellung um die Knüpfung der engen politischen Freundschaftsbande zwischen Deutschland und Italien erworben hat. Durch fein liebenswürdiges, tactvolles Benehmen verstand er sich die lebhaftesten Sympathien des römischen Hofes wie der demselben nahestehenden Gesellschaftskreise zu erwerben, wie ihm auch wegen seiner besonderen Antheilnahme an den wissenschaftlichen und künstlerischen In­teressen die größte Achtung entgegengetragen wurde. Rur mit tiefem Bedauern wirb mm daher in Rom Herrn v. Keudell und seine hochgebildete Gemahlin scheiden sehen.

Berlin, 22. März. Laut Allerhöchster Cabinet-orbre ist die Stellen­besetzung für die am 1. April eintretenden militärischen Reusormationen erfolgt. Mit der Führung der neu errichteten Division soll Generallieutenant v. Derenthall beauftragt sein. Anläßlich des Kaisertages erfolgten ferner zahlreiche militärische Avancements, Charakterisirungen ic., darunter mehrerer Fürstlichkeiten. Die Generale v. Lehndorff und v. Radziwill erhielten den Rothen Adlerorden erster Klaffe. Die Veröffentlichungen erfolgten heute Abend in zwei Ausgaben des Militär-Wochenblattes.

Dem Vernehmen nach wird im Reichsamte des Innern ein Gesetz- Entwurf, betr. einige Neuorganisationen in der Verwaltung Elsaß-Lothringens, ausgearbeitet, welcher dem Reichstage alsbald zugehen soll.

Krankreich.

Paris, 22. März. In der deutschen Botschaft fand gestern Abend zur Vorfeier des Geburtstages des deutschen Kaisers großer Empfang statt, welchem alle Minister, der Ches des Militärstaates Grevy's, General Brugsre, ferner Zreycinet, der Herzog von Laroche-Foucauld, Clemenceau, Leon Say, der Herzog

Mouchy, Senatspräsident Leroyer, Kammerpräsident Floquet, sowie viele Damen beiwohnten.

England.

London, 22. März. Das Unterhaus vertagte sich, nachdem die Sitzung 23 Stunden gedauert hatte und der Credit i conto des Civil-Budgets schließlich ohne Abstimmung angenommen worden war, bis Nachmittags 4 Uhr.

Wußland.

Petersburg, 21. März. In einem Comrnuniqu6 desRegierungs- Anzeigers" heißt es: In Folge der im vorigen Jahre in etlichen russischen Zeitungen erschienenen unbegründeten Gerüchte über angeblich ungünstige Be­ziehungen der deutschen Regierung zu Rußland wurde imRegierungsboten" vom 3./15. December v. Js. mitgetheilt, daß die gedachten Beziehungen keinen Grund zu den geringen Befürchtungen geben können. Ungeachtet einer solchen entschiedenen Erklärung seitens der Regierung begannen jene Gerüchte wiederum in den Zeitungen auszutsuchen, insbesondere nach dem blutigen Gericht, welchem die Theilnehmer des mißlungenen Rustschuker Aufstandes unterworfen wurden. Die Maßlosigkeit und Parteilichkeit dehnten etliche Zeitungen so weit aus, daß sie nicht Anstand nahmen, die deutsche Regierung und deren Agenten in Bul­garien selbst für das in Rustschuk vollzogene Gericht verantwortlich zu machen. Die Regeln der Moral verpflichten Jeden, welcher eine derart schwere Anschul­digung zu formieren sich entschließt, auch genügende Beweise zur Bekräftigung derselben vorzubringen; jedoch bei dem Mangel solcher Beweise sei es nicht möglich, die Grenze zu ziehen zwischen einer Anschuldigung und einer müssigen Verleumdung, welche ebenso unvereinbar ist mit der Würde eines sich selbst achtenden Preßorgans, wie mit der Würde einer Privatperson. Die Informa­tionen der Regierung über die letzten Ereignisse in Bulgarien stehen in offenem Widerspruch mit dem obenerwähnten Zeitungsgerüchte. Eine Vorstellung zu Gunsten der Theilnehmer an dem Rustschuker Ausstande wurde von dem deut­schen General-Consul in Sofia sofort nach Empfang der Anzeige des gesprochenen Todesurtßeils gemacht. Der deutsche General-Consul Thielmann könne nicht die geringste Verantwortlichkeit tragen für die Eile, mit welcher das Todesurtheil vollstreckt worden ist. Andererseits ist es wohl bekannt, daß der deutsche Vice- Consul in Rustschuk bereits für die Verurtheilten eingetreten, ehe er noch Wei­sungen von seinen Vorgesetzten hatte. Dank seinem Beistände wurde u. A. der russische Untertan Bohlmann von der Liste der Verurtheilten ausgeschlossen. Den Schutz ihrer Interessen dem deutschen Agenten in Bulgarien anvertrauend, hatte die Regierung durchaus genügende Gründe. Die Auslassungen der Zei­tungen, welche diese Maßnahmen in den Augen des lesenden Publikums zu dis- crebitiren suchen, entbehren jeder Begründung.

Petersburg, 22. März. DasJournal de St. P6tersbourg" schließt sich den herzlichen Wünschen, welche die deutsche Nation heute ihrem Kaiser dar­bringt, sowie den ehrfurchtsvollen Gratulationen, welche dem Kaiser von allen Seiten zugehen, an. DieRuff. Petersb. Ztg." widmet dem Kaiser einen sehr sympathischen Artikel, worin die Verdienste des Kaisers um Erhaltung des Frie­dens, der Freundschaft Deutschlands mit Rußland gedacht und dem kaiserlichen Rathgeber Bismarck warme Anerkennung gezollt wird. Auch dieNowosti" und dieNeue Zeit" erkennen die friedliche Bedeutung der heutigen Feier an. Sie äußern sich sympathisch über die hohen persönlichen Eigenschaften des Kaisers.

Das Simbirsk-Kaluga-Regiment beging heute den Geburtstag seines Chefs, Kaiser Wilhelms, mit einem Festgottesdienst, der Vertheilung von Beloh­nungen aus dem dem Regimente von Kaiser Wilhelm vermachten Capital und einem Festessen, wobei die Gesundheit Kaiser Alexanders und Kaiser Wilhelms ausgebracht wurde. Der Regiments'Commandeur sandte an den Kaiser von Deutschland eine Glückwunsch-Depesche.

Bulgarien.

Sofia, 21. März. Eine gestern in Philippopel abgehaltene Versamm­lung von Delegirten aus allelMheilen Ost-Rumeliens beschloß, die Unabhängig- feit des geeinten Bulgariens unter allen Umständen zu vertheidigen; ferner wurde eine patriotische Verbindung errichtet, deren Zweck die energische Bekämpfung aller inneren und äußeren Feinde ist. Es wurde ein Ausschuß von 24 Mit­gliedern, mit Dr. Tschomakow als Vorsitzender gewählt.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correspondenr-Bureau.

Berlin, 22. März. Heute früh ertönte Glockengeläute von den Thürmen und wurden Ehoräle von dem Rathhausthurme und dem Schloßthurme geblasen. Jedes Haus prangt in glänzendem Schmuck. Um 9 Uhr begaben sich die Schulen in geord­neten Festzügen mit Musik zu den Festgottesdiensten. Eben beginnt die Auffahrt der Mitglieder der königlichen Familie zur Gratulation. ,

Die Stadt ist prachtvoll geschmückt, namentlich die Linden und dre benach­barten Straßen. Um 9 Uhr begaben sich alle Schulen in feierlichem Zuge mit Musil zum Festgottesdtenste. Die Gotteshäuser sind überfüllt. Die Straße Unter -en Linden ist vom Publikum dicht besetzt. Um IO Uhr begann d'-Auffahrt der deutschen Studentenschaft, welche in mehreren Hundert Wagen vor Kallerpalai voru z g. Di- begleitenden Musikeorps in mittelalterlicher Tracht ,uPs°rd-sMtrn d.e N-ttonaU Hymne, das Preußenlied und di-Wacht am Rhein. Diechargirt-n Stud-Mm ru Pferde eröffneten und. schlossen den Zug, dessen Dorüberzi-h-n -ine volle SMnbe