Nr. 19 Zweites Blatt Sonntag dm 23. Januar 1887
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Amts- und Anzeiqeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hkeil.
Bekanntmachung.
Kommenden Donnerstag de« 27. Januar, Nachmittags 2 Uhr, soll eine Generalversammlung des landwirthschafte llichen Bezirksvereins Gießen dahier im Saale des Lenz'schen Felsenkellers stattftnden.
In derselben wird Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger von Alsfeld einen Vortrag über die Ziele unserer Viehzucht halten.
Sodann soll die Rechnung für 1886 vorgelegt und der Voranschlag für 1887 aufgestellt werden, Letzterer mit besonderer Berücksichtigung Ker für diesen Sommer in Aussicht genommenen großen Ausstellung der Deutschen Landwirthschaftsgesellschaft zu Frankfurt a. M. Weiter kommen auf Antrag des landwirthschastlichen Lokalvereins Hungen die zur Verhütung der Verschleppung der Schafräude zu ergreifenden Maßregel jiUr Besprechung.
Gießen, den 20. Januar 1887. Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen.
__Nover.___________________________
Bekanntmachung.
Nach Schluß der vorbemerkten Generalversammlung des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen soll auch eine Generalversammlung des Vereins für Züchtung und Veredlung der Vogelsberger Rindviehraffe im Saale des Lenz'schen Felsenkellers dahier stattfinden. Gegenstand der Verhandlung wird die Vorlage der Rechnung und die Aufstellung des Voranschlags bllden, wobei insbesondere die Betheiligung des Vereins en der Ausstellung der Deutschen Landwirthschaftsgesellschaft, sowie die fernere Thätigkeit des Vereins besprochen werden soll.
Gießen, am 20. Januar 1887. Der Vorstand des Zuchtvereins.
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Gießen, am 20. Januar 1887.
Der Direktor des landwirthschastlichen Bestrksvereins und des Diehzuchtvereins
an die Herren Bürgermeister deS Kreises.
Ich ersuche Sie, die vorstehenden Bekanntmachungen in Ihren Gemeinden auf geeignete Weise zu veröffentlichen und die Ihnen bekannten Mitglieder dieser Vereine noch besonders darauf aufmerksam zu machen.
Wetter wäre es im Interesse der Sache sehr wünschenswerth, wenn Sie auf einen recht zahlreichen Besuch dieser Versammlungen hinwirken wollten» Nover.
Wochen - Ueberskcht.
Gießen, 22. Januar.
Wahlaufrufe und Wahlversammlungen bildeten bereits die Signatur der Woche, obgleich doch die Auflösung des Reichstages und die Austreibung von Neuwahlen erst feit ganz kurzer Zeit datiren. Aber freilich, die Zeit drängt, denn bis zum entscheidenden Tage, dem 21. Februar, ist es gerade nur noch einen Monat hin und da erklärt sich's, daß die Wahlbewegung schon jetzt immer weitere Kreise zieht. Als bemerkenswerthe Ereigniffe hat dieselbe He Wiederübernahme der Führung der nationalliberalen Partei durch Rudolf v». Bennigsen und das Wahl-Cartell der drei regierungsfreundlichen Parteien gebracht und von beiden Vorgängen verspricht man sich aus Seiten der Anhänger d-es Septennats einen bedeutenden Einfluß zu Gunsten ihrer Sache. Mit der Aufstellung von Candidaturen ist man schon in zahlreichen Wahlkreisen vorge- gjangen; meist haben fich die bisherigen Abgeordneten zur Wiederübernahme ebnes Mandats bereit erklärt. Im Uebrigen erscheint es fast selbstverständlich, d«aß hierbei überall die Parole lautet: „Für oder gegen das Septennat", und find daher in vielen Wahlkreisen, die bislang freifinnig ober klerikal vertreten waren, den bisherigen Vertretern Anhängern des Septennats entgegengestellt worden.
Im Potsdamer Stadtschlosse sand am Mittwoch die Ueberreichung des dem Prinzen Wilhelm von Preußen verliehenen japanesischen Ordens v'vm Chrysanthemum durch den Prinzen Akihito Komathu Na Muja statt. Die llleberreichung gestaltete fich durch die Gegenwart des Staatssecretärs Grafen Bismarck und der Spitzen der Ctvil- und Militär-Behörden zu einem besonder» fsierlichen Acte.
Das parlamentarische Ereigniß der Woche bildete die Annahme der an den Kaiser zu richtenden Adresse des Herrenhauses in dessen Mittwochs-Sitzung. Bekanntlich ist das katholische Herrenhaus-Mitglied, Frhr. v>. Solemacher-Antweiler, der Urheber de» Adreß-Entwurfes, welch' letzterer in der hierzu gewählten Commisston ein Umarbeitung erfuhr. In ihrer nunmeh- r-igen Gestalt versichert die Adresse angesichts der gespannten internationalen Lage und gegenüber dem Reichstags-Beschlüsse in der Mtlitärfrage den Kaiser btr unbedingten Treue und Anhänglichkeit des Herrenhauses und spricht fie am Schluffe die Zuverficht aus, daß dem preußischen Volke kein Opfer zu schwer fein werde, das Heer dauernd bei der Wehrhaftigkeit zu erhalten, jede dem Vaterlande drohende Gefahr abzuwenden. In dieser Fassung wurde die Adresse vom Herrenhause einstimmig genehmigt, worauf noch die Wahl der Deputirten Mr Ueberreichung der Adresse an den Kaiser erfolgte und gehört jener u. A. auch Gras Brühl, ein entschiedener Vertreter der katholischen Interessen, an; alsdann vertagte fich das Herrenhaus aus unbestimmte Zeit. Wie verlautet, wird sich das Abgeordnetenhaus dem erwähnten Schritte des Herrenhauses nicht ^schließen.
Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte fich am Mittwoch zumächst mit dem Anträge des Centrums-Abgeordneten Dr. Lieber, Hitze und Genossen aus Vermehrung der Fabrik-Jnspectoren. Der Antragsteller Dr. Lieber biezog sich in seiner Begründung aus die gleiche bekannte Reichstags-Resolution ’
und legte im Weiteren die Nothwendigkeit einer Vermehrung der Fabrik-Jnspectoren in Preußen kurz dar. Der Regierungs-Vertreter, Unter-Staalssecretär Magdeburg, nahm dem Anträge gegenüber eine etwas reservirte Stellung ein und betonte, daß durch die Berussgenoffenschasten aus dem Gebiete der Unfallverhütung ja schon Erhebliches geleistet worden sei. Von Seiten der anderen Parteien des Hauses hatte sich der Antrag einer rückhaltlosen Anerkennung zu erfreuen und ging, er schließlich an eine Commisston von 21 Mitgliedern. Auch der zweite Hauptgegenstand der Tagesordnung, die Vorlage über die Ausführung des Reichsgesetzes, betr. die Unfallversicherung Der land- und forst- wirthschaftlichen Arbeiter, für Preußen, wurde einer 21gliederigen Commisston überwiesen. Am Freitag trat das Haus in die erste Lesung des Etat» ein.
Zur bulgarischen Krisis, die noch immer im Mittelpunkte der Weltbegebenheiten steht, liegt aus den jüngsten Tagen von englischer Seite eine beachtenswerthe Aeußerung vor. Dieselbe rührt von Mr. Goschen- dem Nachfolger Lord Churchill'- im Schatzsecretariate, her, welche er gelegentlich einer in Liverpool stattgesundenen Wahlversammlung fallen ließ. Goschen bementirte ganz offen die Meinung, als ob stch England irgendwie für die Wiedereinsetzung des Fürsten Alexander in Bulgarien interesstre und erklärte er in bestimmtester Weise, daß England nichts thun werde, was e» von den Friedensmächten trennen könnte. Im Interesse einer weiteren Klärung der bulgarischen Affaire kann diese Aeußerung des englischen Ministers nur beifällig begrüßt werden, während ste freilich den Bulgaren zugleich beweist, wie wenig fie selbst von England zu besehen haben. Zur selben Zeit hat sich auch der italienische Minister des Aeußern, Gras Robilant, in einer den bulgarischen Wünschen gerade nicht sonderlich geneigten Weise ausgesprochen. Es geschah dies bei dem Empfange der Bulgarien-Deputation, welcher gegenüber der Minister betonte, daß Italien in den bulgarischen Angelegenheiten an dem Standpunkte strenger Nichteinmischung sesthalten werde. Doch ließ Graf Robilant durchblicken, daß die Bulgaren besser thun würden, sich mit Rußland zu vertragen, als in ihrer gegenwärtigen Haltung zu verharren. Einstweilen scheint man aber in Sofia entschlossen zu sein, sich nicht einschüchtern zu lassen und in diesem Sinne äußerten fich die bulgarischen Deputirten auch dem Grafen Robilant gegenüber. Nun hat zwar der zur Zeit in Konstantinopel wellende bulgarische Oppofitionssührer Zankoss gemeint, daß er hoffe, die bulgarische Krifi» mit Hülse der Türkei beschwören zu können, indessen wird man hierin kaum etwas anderes als eine prahlerische Phrase zu erblicken haben. Schließlich sei noch als ein neues beruhigendes Moment der telegraphische Neujahrswunsch erwähnt, den Kaiser Franz Josef anläßlich des griechisch-katholischen Neujahrsfestes an den Czaren gerichtet hat und in welchem der österreichische Herrscher seiner festen Ueberzeugung Ausdruck verleiht, daß e» gelingen werde, den Völkern die Segnungen des Friedens zu erhalten.
Die deutschen Reichspost-Dampfer drohen zu einem belgisch- holländischen Conflict zu führen. In der ersten holländischen Kammer wies der ehemalige Minister Tak darauf hin, daß Belgien die norddeutschen LloydDampfer von der Zahlung der Lootsengebühren auf der Schelde befreit habe, was doch dem belgisch-niederländischen Vertrage von 1839 zuwiderlause und verlangte, daß die holländische Regierung deshalb in Brüssel vorstellig werde. Der Mini-


