Ausgabe 
22.6.1887
 
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Ax, in Mittwoch den 22 Juni 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureairr Schul st raße 7,

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

-reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. mrch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Nr. 18 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 16. d. M., enthält:

(Nr. 1720.) Gesetz, betreffend die Rechtsverhältnisse der Kaiserlichen Beamten in den Schutzgebieten. Vom 31. März 1887.

(Nr. 1721.) Gesetz, betreffend die Feststellung eines Nachtrags zum Reichshaushalts-Etat für das Etatsjahr 1887/88. Vom 1. Juni 1887.

(Nr. 1722.) Nachtragsconvention zur deutsch-rumänischen Handelsconvention vom 14. November 1877. Vom 1. März 1887.

Gießen, am 20. Juni 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. Boekmann.

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Politische Uebersicht.

Gießen, 21. Juni.

Die Berliner Blätter bringen das schon mehrfach in der Presse erwähnte umfassende Gutachten des Professors Dr. Virchow über das Halsleiden Des Kronprinzen, welches Herr Virchow auf Grund der von Dr. Mackenzie vollzogenen Operationen abgefaßt hat. Dasselbe berichtet über die Ergebnisse der Untersuchungen, welche Professor Virchow an den von der Wucherung im Kehlkopfe des hohen Patienten entnommenen Theilchen vorgenommen hat, in fachmännischer Weise und kommt zu dem Schlüsse, daß die untersuchten Stückchen nicht das Mindeste ausweisen, was den Verdacht einer weiteren und ernsteren Erkrankung Hervorrufen könnte. Es stimmt dies mit der Auffassung, welche Dr. Mackenzie von dem Halsleiden des Kronprinzen hegt, durchaus überein und vjomtt kann man dem weiteren Verlause der Krankheit des hohen Herrn mit Beruhigung entgegensetzen. Die aus England über das Befinden des Kron­prinzen einlausenden Berichte lauten fortdauernd äußerst günstig.

Noch vor der Beendigung der Reichstagssession hat der Reichs­kanzler Berlin verlassen und sich nach Friedrichsruhe begeben, in dessen länd­licher Stille der Leiter unseres Staatswesens hoffentlich rascher die Wieder­herstellung seiner Gesundheit erlangen wird, als dies in dem geräuschvollen Berlin möglich war. lieber die etwaigen Dtsvofitionen des Fürsten Bismarck bezüglich einer Badereise ist noch nichts bekannt.

Die alljährliche Zusammenkunft der preußischen Bischöfe soll heuer im August und wahrscheinlich wieder in Fulda stattfinden. Ihr ist dieser Tage in Köln eine Art Vor-Conserenz vorangegangen, an welcher die Bischöfe der westlichen Diöcesen theilnahmen und handelte es sich hierbei um die Katechis- rnusfrage (Herausgabe eines neuen Katechismus für die westlichen Diöcesen Preußens).

Der kirchenpolitische Ausgleich ist nun auch im Großherzogthum Hessen perfect geworden, nachdem die zweite hessische Kammer am Freitag die kirchenpolitische Vorlage einstimmig angenommen hat.

Die ungarischen Reichstagswahlen haben in einer Weise begon­nen, welche einen glänzenden Erfolg für das Ministerium Tisza verspricht. Am ersten Wahltage, am Freitag, wurden 90 Liberale (Anhänger der Regierungs­partei), unter ihnen sämmtliche candidirenden Cabinetsmitglieder, ferner 10 Ge­mäßigt - Oppositionelle, 12 Unabhängige (Radikale) und 4 zu keiner Partei ge­hörige Abgeordnete gewählt. Die Befürchtung, daß die Theiß-Katastrophe die Stimmung im Lande ungünstig beeinflussen werde, ist demnach nicht eingetroffen. Am gleichen Tage sind auch die Wahlen zum croatischen Landtage beendigt worden und ergaben dieselben für die Regierung ein ebenfalls hochbesriedigendes Resultat. Es wurden 86 Mitglieder der ministeriellen Partei und nur 19 Oppo­sitionelle gewählt, einige Wahlen stehen noch aus. Die Hauptstadt Agram selbst wählte durchgängig regierungsfreundliche Abgeordnete. Die Opposition wird sich freilich durch ihre geringe Mitgliederzahl nicht hindern lassen, gegebenen Falls wieder die Scandalscenen zu provociren, durch welche der croattsche Landtag sich in so eigenthümlicher Weise unter den europäischen Parlamenten hervorhebt.

Deutschland.

Aus dem Großherzogthum Hessen, 17. Juni. Aus dem soeben erschienenen Jahresbericht des Fadrikinspectors sür das Großherzogthum Hessen für 1886 entnehmen wir Folgendes: Die Zahl der Fabriken und diesen gleich­gestellten gewerblichen Anlagen betrug in diesem Jahre in Hessen 1054, darunter befinden sich 665 mit Dampfbetrieb, 125 mit sonstigen Betriebskrästen und 264 mit Handbetrieb. Die Zahl der daselbst beschäftigten Arbeiter betrug 38,396, und zwar 26,807 erwachsene männliche, 7790 erwachsene weibliche und 3799 jugendliche Arbeiter, darunter 2260 männlichen und 1539 weiblichen Ge­schlechts. Die Zahl der Fabrik-unsälle belief sich aus 892; 16 Fabriken sind im verflossenen Jahre eingegangen und 10 neue Fabriken sind in demselben Jahre entstanden.

Berlin, 20. Juni. Der Kaiser hatte eine gute Nacht. Er empfing nm 1V2 Uhr Nachmittags Perponcher, später WtlmowSki; um 4 Uhr erscheint StaatSsecretär Bismarck zum Vortrag.

DerReichs-Anz." meldet: Die Fortschritte in der Genesung der Kaisers dauern an. Die Kräfte zeigen eine allmälige Zunahme, so daß der Kaiser schon längere Zeit sich den Geschäften widmen konnte.

Hesterreich.

Wien, 20. Juni. Wie einige Blätter melden, sei in Duna Szerdahely

anläßlich der Wahlen das Judenviertel in Brand gesteckt worden, wodurch zahl­reiche Einwohner obdachlos geworden seien.

ArankreiH.

Paris, 20. Juni. Der oberste Kriegsrath hat zu den von dem Kriegs­minister General Ferron vorbereiteten und bereits dem Ministerrathe unterbrei­tete« Gesetzentwürfen in einer gestern Vormittag abgehaltenen Sitzung seine Zustimmung ausgesprochen.

England.

London, 20. Juni. Der Grobherzog und der Erbgroßherzog von Hessen, sowie die Prinzessinnen Irene uno Alix, ferner die Prinzessin von Lei- ningen und der Prinz und die Prinzessin Luowig von Battenberg find heule früh hier eingetroffen.

Die Königin ist heute von Windsor hier eingetroffen. Auf dem ganzen Wege vom Bahnhof bis zum Buckingham-Palast wurde sie von einer dichtge- drängten Volksmenge enthusiastisch begrüßt. Die Stadt bietet schon heute einen festlichen Anblick dar. Eine große Menschenmenge durchwogt bei prächtigem Wetter die Straßen, um die Decorationen und die Vorbereitungen zur Jllumi- nation zu besichtigen, welche in den Hauptstraßen aller Stadtviertel in großarti- ger Weise getroffen sind. Die Häuser find mit Fahnen, Bannern und allegori­schen Figuren geschmückt, welche loyale Inschriften tragen. Die Feier verspricht eine in England in dieser Großartigkeit noch nie dagewesene zu werden. Au- allen Städten Englands lausen Berichte über ähnliche Veranstaltungen ein.

Unterhaus. Der Koloniesecretär Holland gab die Erklärung ab, zwi­schen den Franzosen und ihren eingeborenen Bundesgenoffen sei ein Conflict mit dem Häuptling von Baddiboo am Gambiafluß ausgebrochen, in Folge dessen sei in Baddiboo die französische Flagge gehißt worden. Baddiboo stehe nicht unter britischem Schutz, liege aber innerhalb der britischen Jntereffen-Sphäre am Gam­biafluß. Die Häuptlinge von Baddiboo hätten seit vielen Jahren Vertrags- mäßige Verpflichtungen gegen England. Die Regierung fei völlig von der Nothwendigkett überzeugt, die Rechte und Interessen am Gambiafluffe zu schützen und wende der Angelegenheit ernste Aufmerksamkeit zu; sie verhandle darüber mit der französischen Regierung.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenz- Brrrearr.

Bern, 20. Juni. Der Bundesrath ladet Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Haiti, Italien, Liberia, Spanien und Tunis, welche der Uebereinkunft betreffs der internationalen Union zum Schutze der literarischen und künstlerischen Werke beigetreten sind, zu der am 5. September in Bern stattfindenden Conferenz behufs des Austausches der Ratifikationen ihre Bevollmächtigten abzuordnen.

Lemberg, 20. Juni. In Folge anhaltenden Regens schwollen die Weichsel, der San, Dntester und Dunajec derartig an, daß einzelne Gegenden theilweise über­schwemmt wurden. Mehrere Brücken drohten einzustürzen. Der Regen hat nachgelassen. Aus den bedrohten Gegenden wird gemeldet, daß alle Gefahr beseitigt ist.

Rom, 20. Juni. Der König empfing Nachmittags den deutschen Botschafter Grafen Solms in Antrittsaudienz.

-- Die Regierung verständigte das französische Eabinet, sie werde sich aus finanziellen Rücksichten an der Pariser Weltausstellung officiell nicht betheiligen.

Belgrad, 20. Juni. Stoilow, welcher sich auf der Rückreise nach Sofia be­findet, stattete Ristics einen Besuch ab. Derselbe erklärte, wie verlautet, die freund­schaftlichen Beziehungen zu Bulgarien strikte pflegen zu wollen; er wurde selbst die Initiative ergriffen haben, wenn die Wiederherstellung derselben nicht erfolgt sei.

Lokales.

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Gießen, 21. Juni. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 23. Juni 1887, Nachmittags 4 Uhr.

1. Umbau des Bahnhofs Gießen.

2. Den Verein deutscher Lehrer in England betreffend.

Klage des Jo Hs. Engelhardt ll. und Consorten von Annerod gegen otc Stadt Gießen, Fahrtrecht betreffend.

Vorläufige Unterbringung von Geisteskranken. tfl,

Gesuch des Heinrich Jentzen um Ertheilung der Concesfion zum 2dnly-

einen städtischen Canal.

11. Ausbau der Ludwigstraße.

12. Reparaturen in dem Schulhaus auf dem OswaldSverg.

schaftsbetrieb.

Das Feuerlöschwesen.

Die Straßenbeleuchtung betreffend.

Die Erbauung eines Schwesternhauses.

Gesuch des Ed. Pöschel um Bauerlaubniß. Wasserabführung in

Gesuch des Karl Hahn und Cons. um Erlaubmß zur 2llaper I 9