Ausgabe 
21.12.1887 Zweites Blatt
 
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Nr. 2S7 Zweites Blatt. Mittwoch den 21. December 1887.

(Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

iBurtatet Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontaaS.

Preis vierteljährlich 2 Matt 20 Pf. mit Bringerloh«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Matt 50 Pf^

Politische Ueberfkcht.

GLeden, 20. December.

Abermals wechseln die widersprechendsten Meldungen über die Krankheit der deutschen Kronprinzen ab. Eine ermuthigender klingende Nachricht von gestern wird heute durch eine pessimistisch angehauchte abgelöst und auf letz« tere folgt morgen vielleicht wiederum eine tröstlichere Meldung und selbst da« jüngst veröffentlichte ärztliche Bulletin über da« Befinden de« bohen Kranken ist von anscheinenden Widersprüchen wenigsten« nach der Auffassung he« Laien nicht ganz frei. Indessen scheint e« nunmehr doch, als ob die so beunruhi­genden Meldungen au« San Remo, wonach im Halse de« Kronprinzen neue Wucherungen bedenklicher Natur entstanden sein sollten, bedeutend übertrieben worden sind. Nach einem Telegramm vom 16. d. M. ist bei der von Dr. Mackenzie im Verein mit den anderen Atzten vorgenommenen Untersuchung nur eins ge­ringfügige Vergrößerung der Geschwulst im Halse des Kronprinzen constatirt worden und da auch da« Allgemeinbefinden de« hohen Herrn ein befriedigende« und seine Stimmung fortgesetzt eine zuversichtliche, heitere ist, so wären die Be­fürchtungen der jüngste» Zeit demnach nicht al« begründet zu betrachten. Bei der schwankenden Natur he« Leiden« des Kronprinzen, dis den behandelnden Aerzten selber immer neue Räthsel aufgibt, muß man sich frellich darauf gefaßt machen, daß jeder Tag wiederum ungünstigere Mittheilungen bringen kann.

Der Reichskanzler ist zur Zeit von seiner letzten Unpäßlichkeit voll­ständig wieder hergestellt und gedenkt er im Januar nach Berlin $u kommen, um sich an den weiteren Verhandlungen de« Reichstage« zu beseitigen.

Der Reichstag ist am Samstag in die Weihnachtsserien gegangen und wird er erst nach vier Wochen seine Thütigkeit fortsetzen. Das Hau« ist noch in den letzten Tagen vor seiner Vertagung sehr fleißig gewesen und erledigte zwei wichtige Berathungsgegenstände definitiv die Kornzoll-Vorlage und den neuen deutsch-österreichischen Handelsvertrag, während außerdem in -weiter Lesung eine Reibe von Etatr-Theilm zur Annahme gelangten und schließlich noch die neue Wehrvorlage in erster Lesusg an eine Commission verwiesen wurde. Die erste Lesung über da« Landwehr- und Landsturmgesetz ließ erkennen, daß fast alle Parteien von der Nothwendigkeit desselben überzeugt sind, nur die Socialdemo- rraten gaben durch den Abg. Bebel die Ettlärung ab, daß sie in dem neuen Gesetze keine Friedensgarantie zu erblicken vermöchten und deshalb gegen dasselbe stimmen müßten eine Stellungnahme, die bet diesen Herren gerade nicht über­raschen kann! Die Debatte selbst trug zum Theit einen hochpolitischen Charakter, was unter den obwaltenden Verhältnissen, denen die neue Wehr-Borlage ihr Ent- stehen verdankt, auch nur begreiflich erscheint, und bekundete die erfreuliche Ein- müthigkeit aller Parteien in dem Entschlüsse, zur Vertheidigung des Vaterlandes im Noihfalle Alles daran zu setzen. Ein würdiger Geist durchwehte die ganze Verhandlung und auch die Einwendungen, welche die Redner verschiedener Par­teien gegen die Einzelheiten der Vorlage erhoben, waren durchaus sachlicher Na- tur und wurden in ruhiger Weise vorgetragen. E« steht demnach zu erwarten, daß die besondere Commission von 28 Mitgliedern, an welche die Vorlage ver­wiesen worden ist, die sprcielle Prüfung des für die weitere Stärkung unserer nationalen Wehrkraft so hochwichtigen Gesetzentwurfes mit größter Gewissenhaf­tigkeit und Objectioität vornehmen wird. Was nun die Kornzoll Vorlage anbelanat, so ist deren Annahme seitens de« Reichstages mit bedeutender Mehr- fieit erfolgt; aber gerade in ihren beiden wichtigsten Positionen, beim Roggen- und Weizenzoll, mußte sich die Regierungsvorlage eine Abschwächung gefallen lassen während fast die sämmtlichen übrigen, regierungsseitig vorgeschlagenen Zollsätze genehmigt wurden und zwar gegenüber den Mehrforderungen der Agrarier. Auch bei den Bestimmungen über die Nachverzollung de« eingeführten Getreide« aelana e«, eine Milderung derselben herbeizuführen, indem der Reichstag dem EerMittelung-'Vorschläge des Abg. Windthorst, wonach die in der Vorlage er­wähnten landwirthschastlichen Producte, welche auf Grund von vor dem 26. Noo. d I abgeschlossenen Verträgen bi« zum 15. Januar 1888 eingeführt werden, noch nach den alten Zollsätzen zu behandeln sind. Ueber die praktischen Wirkungen der neuen Zollerhöhungen schon jetzt ein vollkommen sichere« Utthell abzugeben, wird wohl Niemand beanspruchen, sie find eben abzuwarten und nur da« Eine wird man nach den bezüglichen Reichstags-Verhandlungen annehmen dürfen, daß die agrarischen Forderungen an der äußersten Grenze ihrer Zuläsfigkert ange­nommen sind Noch vor der Weihnachtspause ist dem Rerchstage die Vorlage betr die Verlängerung und Verschärfung des Socialistengesetzes, sowie die Vor- läge betr. den Erlaß der Relictenbeiträge für die Beamten der Verwaltung des Reichabeerrs und der Marine zugegangen. in

A Von der Wahlprüfungs-Commission des Reichstages ist die Un- ailtiaksits-Erklärung der Wahl des Abgeordneten Eugen Richter beschlossen word nachdem das Verbot des Ärbeiterwahl-Comite s m Kreise Hagen sestge- «ellt worden war. Der Antrag erfolgte durch den freisinnigen Abg. Hermes, die Nationalliberalen stimmten für die GUtigkeit, die Conseroativen enthielten W %nSrSnterne5men von deutscher Seite in Südwestafrika stcht bevor Äe Colonialgesellschaft für Südwestafrika hat beschlossen, zur Feststellung der in §n dortigen deutschen Schutzgebieten aufgefundenen Goldlager unb über* t V hörhnrfinptt Metallschätze eine Expedition auszurüften und abzusenden. redit SXKÄto Sxp°diU°n s°ll eine an- fünf deut, M,nnntetnffiüetenunb einer Anzahl berittener Eingeborenen bestehend- besondere BellungÄZtaT «» «MW d°- foU -l-bald erbeten

werden. Ein Consortium, aus Mitgliedern der genannten Gesellschaft bestehend, bat fich unter Heranziehung finanzieller Kräfte bereit« gebildet, um da« Unter­nehmen auszubeuten.

1 o f « l e.

Gieße«, 20. December. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Do««erSta- de« 22. December 1887, Nachmittags 4 Uhr.

1. Prüfung der Rechnung der Armenkasse aus dem Jahre 1886/87.

2. Desgleichen der Plocktschen Stiftung.

3. Klage gegen den OrtSarmenverband Butzbach.

4. Verbringung des Heinrich Reuker in eine Besserungsanstalt-

5. Desgleichen des Karl Fenster.

6. Errichtung eines Körner-Denkmals in Piekenhammer.

7. Gesuch des Weißbtndermeisters Christian Petri V. um käufliche Ueber- lassung städtischen Geländes.

8. Desgleichen der Militärverwaltung.

9. Ueberlassung ftädttschcn Geländes an den Seilermeister Adam Huhn.

10. Gesuch des Philipp Kröck um pachtweise Ueberlassung städtischen Geländes.

11. Gesuch des Commerzienraths Noll um pachtweise Ueberlassung städtischen Geländes.

12. Den Steg über die Wieseck nach der Bleiche des Wilhelm Schmal! betr.

13. Den Fluthgraben in der Flügelsgasse betr.

14. , den Eichgärten

15. Errichtung eines Bades in dem Schulhause auf der Weftanlage.

16. Beschaffung von Schulräumen für die Stadtknabenschule.

17. Anschaffungen für die höhere Mädchenschule.

18. Vermielhung von Wohnungen in der Benner'schen Hofraithe.

19. Anschaffung ^oon Ccfen für den Sitzungssaal der Stadtverordneten-Ver- sammlung.

20. Gesuch deS Kaufmanns August Montanus um Bauerlaubniß.

21. Ausführung der allgemeinen Bauordnung.

22. Ausbau der Weserstraße.

23. Ostanlage.

24. Die Göthestraße betr.

25. Die Altcestraße betr.

26. Trottoirherstellung in der Löberstraße.

27. Straßenbeleuchtung in der Schillerstraße.

28. Die Straßenreinigung.

29. Einfassung des Stadtrtnggrabens in eine Steinsohle.

30. Herstellung eines Wegs in den Wtngerten.

31. Maßregeln gegen Landstreicher und Bettler.

32. Buchführung bet dem Gaswerk..

33. Gesuch der Handwerkerschule um Ueberlaffung eines Schulsaals.

34. Die Ergänzung des Brandkatasters.

35. Verminderung der Sperlinge.

36. Negulirung der Einkommensteuer.

37. Kostendecreturen.

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OmrdtL und Verkehr.

[Aufschrift der Postsendungen.) Zur Sicherung schneller Beförderung und Bestellung der Postsendungen müssen auf denselben Empfänaer und Bestimmungsort so genau bezeichnet sein, daß jeder Ungewißheit vorgebeugt wirb. Dabei find namentlich folgende Punkteostsendungen nach größeren Orten ist in der Aufschrift die Wohnung des Empfängers möglichst genau anzugeben. Auch ist es von Wichtigkeit, daß die Wohnungsangabe stets an derselben Stelle der Aufschrift, nämlich unten rechts, un­mittelbar unter der Angabe des Bestimmungsortes, erfolge.

2 Auf den nach Berlin bestimmten Sendungen ist, außer der Wohnung des Empfängers, der Postbezirk (O., N., NO. rc.), in welchem die Wohnung sich befindet, hinter der OrtsbezeichnungBerlin"' zu vermerken. , . . . ,

3 Gibt es mit dem Bestimmungsorte gleich oder ahnllch lautende Postorte, so ist dem Ortsnamen eine zusätzliche Bezeichnung beizufügen. Welche Zusätze für die Ortsnamen im Postverkehr als maßgebend anzusehen sind, ergibt sich,aus demVer- »eichniß gleichnamiger oder ähnlich lautender Postorte", das zum Preise von 10 Pfg. durch Vermittelung jeder Reichs-Postanstalt bezogen werden kann.

4 Wenn der im Retchs-Postgebiet belegene Bestimmungsort zwar mit einer Vostanstalt versehen, dessenungeachtet aber nicht als allgemein bekannt anzunehmen ist, \o empfiehlt es sich, die Lage des Orts in der Aufschrift der Sendung noch des Näheren u bezeichnen. Zu derartigen Bezeichnungen eignet sich die Angabe des Staates und bei größeren Staaten des politischen Bezirks (Provinz, Regierungsbezirk u. s. roj, in welchem der Bestimmungsort belegen ist, oder auch die Angabe von größerm Flüssen r(Ober), (Elbe), (Rhein), (Main) zc.], ober von Gebttgen l(Harz), (Rlesengebirge) rc.j. Nicht minder sind zusätzliche Bezeichnungen, wie (Thüringen), (Altmark), (Lausitz) rc. für den Zweck geebnet Ortschaften ohne Postanstalt ist außer dem eigent­

lichen Bestimmungsorte noch, diejenige Postanstalt anzugeben, von welcher aus^ die Bestellung der Sendung an den Empfänger bewirkt werden bez. die Abholung erfolgen s^.^^ Bestimmungsort keiner Sendung in einem fremden Postgebiete beleaen und zu den weniger bekannten Orten zu rechnen ist, so ist außer dem Orts- namen noch das betreffende Land bez. der Landestheil auf der Sendung amugeben

Die Beachtung dieser Punkte wird zur Herbeiführung einer schleunigen Ueber- funft der Sendungen an die Empfänger wesentlich beitragen und es liegt daher im eigenen Jrtteresse der Absender, die Aufschriften der Sendungen hiernach genau an- zufertigen.

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