Ausgabe 
20.12.1887 Zweites Blatt
 
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9lt?« 296 Zweites Blatt. Dienstag den 20. December 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulstr-tz- 7. <^ch,m« «Lgll» ml« Msn-Hm-d-S Montag«.

Amtlicher Iheit.

Bekanntmachung.

Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat genehmigt, daß mit dem nächstjährigen Friedberger Frühjahrs- und Herbst-PferdemarkL je eine Berloofung von Pferden und sonstigen Gegenständen verbunden wird. Bei dem Frühjahr-markte dürfen höchstens 8000 Loose ä 1 50

ausgegeben und müssen 7320 JL zum Ankauf von Gewinngegenständen verwendet werden; bei dem Herbstmarkte darf die Zahl von 10,000 Loosen i 1 50 nicht überschritten werden und sind 9400 JL für den Ankauf von Gewinngegenständen zu verausgaben.

Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Verkauf der Loose im Großherzogthum gestattet worden ist und daß, insoweit die Loose nicht vollständig abgesetzt werden sollten, eine verhältnißmäßige Verminderung der Ausgaben für Gewinngegenstände eintreten kann.

Gießen, den 17. December 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. B o e k m a n n.

Nr. 47 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 13. d. M., enthält:

(Nr. 1758). Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 11. December 1887.

Gießen, am 17. December 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. Boekmann-

Berlin. (Der Artikel desRussischen Invaliden.") Rußland hat jetzt den halbamtlichen Wiener Bemerkungen über seine Truppenansammlungen an der galizischen Grenze, sowie Den Beratungen des österreichischen Marschalls- rathes eine halbamtliche Antwort ertheilt, welche in dem telegraphisch rnitge- theilten Artikel des Petersburger kriegsministeriellsn Organs, desRussischen Invaliden", zu lesen steht. Diese Antwort ist zunächst dadurch charakteristisch, daß sie sich nicht blos an Oesterreich, sondern^ ebenso an Deutschland wendet, welches bisher in der militärischen, zwischen Oesterreich und Rußland allein schwebenden Frage der Truppenanhäufungen gar nicht in Rede stand, ja sogar an den Dreibund, dessen Rüstungen das russische Organ nicht ohne einen gewissen Spott in Gegensatz zu seinerFriedensaufgabe" stellt. Die Hauptsache der langen Zahlenzusammenstellungen und Ausführungen desRuss. Invaliden" ist der Schluß, welcher aus diesem sehr anfechtbaren Material von der genannten Zeitung gezogen wird: daß nämlich Rußland nicht nur nicht abrüsten, d. h. die Truppenanhäufung an der österreichischen Grenze vermindern, sondern all- mälig weiter rüsten und seine militärische Stellung an der österreichischen wie an der deutschen Grenze, um zur Abwehr vorbereitet zu fein, noch ver­stärken müsse.

Diese Antwort ist eine deutliche, nicht mißzuverstehende Absage auf die Wiener Forderung, Rußland möge wenigstens von einer weiteren Verstärkung seiner Grenztruppen abstehen, alsdann werde Oesterreich auch seinerseits auf Ge- genmaßregeln Verzicht leisten können.

Wenn der Artikel desRuff. Jnval." nicht blos die Meinung des Kriegs­ministers Wavnowski, sondern auch Die des Czaren ausdrückt, und wenn seinen Worten die That folgt, so steht demnach mit Notwendigkeit eine abermalige Verschärfung der Beziehungen zwischen Oesterreich und Rußland zu erwarten. Das fortgesetzte Tagen des Marschallrathes in Wien, der Besuch des deutschen Botschafters v. Schweidnitz in Friedrichsruh und mancherlei andere diplomatische Umstände weisen darauf hin, daß sich Entscheidungen vorbereiten, deren Längere Ausschiebbarkeit immer unmöglicher zu werden scheint. Die Verhandlung des deutschen Reichstages über die Wehrvorlage beweist auf's Neue, daß unser- seits nichts versäumt wird, was zum Schutze des Friedens, wie im Kriegsfälle zum Schutze des Landes dienlich ist. Daran müssen wir uns genügen lassen und im Uebrigen der unsicheren Zukunft getrost in's Auge sehen.

Der Bundesrath hat, wie bereits gemeldet, in seiner letzten Plmar- sitzung auch die Vorlage betreffs der Verlängerung des Sozialistengesetzes nach den Aurschußanträgen angenommen. Es handelt sich jedoch nicht blo» um die Verlängerung, sondern auch um die Verschärfung des genannten Gesetzes. Die Verlängerung wird aus 5 Jahre beantragt. Die Verschärfung besteht, wie man aus Abgeordnetmkreisen erfährt, in der Einführung der Maßregel, daß unter gewissen Umständen nicht blos Ausweisung au» einem bestimmten Orte, sondern Expatrlirung der Betreffenden, also Verlust des deutschen Staatsbürgerrechtes, eintreten soll. Sie soll stattfinden können, sobald Verurtheiluugen wegen bestimm­ter im Gesetz aufgeführten Uebertretungen des Socialistengesetzrs gegen den Be­treffenden vorliegen. Die Verschärfung ist demnach eine tief einschneidende. Man will wissen, daß, falls der Gesetzentwurf vom Reichstage angenommen würde, auf Grund desselben eine größere Anzahl der socialdemokratischen Führer, die jetzt dem Reichstage angehören, der Landesverweisung alsbald verfallen würden. Dem Reichstage ist der Gesetzentwurf bis jetzt noch nicht zugegangen. Man be- zweifelt, daß sich hier eine Mehrheit für denselben finden wird, falls die über den Inhalt des Gesetzes gehenden Nachrichten der Wahrheit entsprechen.

Vermischtes.

Bad Nauheim, 15. December. Bei der heute trotz des schlechten Wetter» abgehaltenen, aber glänzend ausgefallenen Treibjagd im hiesigen Walde, woran sich fast nur Nauheimer Schützen betheiligten, wurden 22 Rehe, 54 Hasen und 5 Fasanenhähne erlegt. Gewiß ein erfteuliches Resultat.

fUeberschwemmungen in der Schweiz.^ Im (Santon Uri stürzten in den etzten Tagen, vom 8. ds. Mts. an, zahlreiche Lawinen von den mit Schnee bedeckten Sergen, ein großartiges, seltenes Schauspiel, gleichzeitig aber ein bedenkliches Zeichen Lrfür, daß die warmen Winde in den höheren Regionen sich geltend machen. Seit dm 8. d. M. strömt der Regen warm und in allzu großer Menge nieder. Reuß und

Schächen sind in besorgnißerregender Weise angewachsen und auch im Brunwalde ob Altdorf tobt das Wasser in einer Art und Weise, daß man Gott danken würde, wollt« er solch' unheilbringendem Regenwetter Halt gebieten. Auch aus dem Eanton Glarus werden Ueberschwemmungen gemeldet. Am Samstag Vormittag mußte in Niederurnen und Bitten wegen des Ausbruchs der dortigen Wildbäche Sturm geläutet werden; Nirderurnen erbat sich telegraphisch Hilfe von Oberurnen, Rafels und Mollis. In Linthal hat die Getßruns bedeutende Verwüstungen an Liegenschaften angerichtet. Die Folge dieser Ereignisse ist das bedeutende Anschwellen des Rheines.

(Polizisten als Diebe.) In Montreal wurden am 12. d. Mts. zwei der bewährtesten Geheimpolizisten verhaftet, welche mehrere Jahre hindurch bedeutende Diebstähle verübt haben sollen. Die Aufregung in der Stadt ist groß. Die Beiden, welche großes Vertrauen im ganzen Lande genossen, werden auch beschuldigt, weitere Diebstähle und Einbrüche von enormem Umfange geplant zu haben.

Landwirthschaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

(Zur Ernte des Winterkohls.) In manchen Gegenden wird der Krauskohl (auch Grünkohl genannt), jener bekannte krausblätterige Winterkohl, bei der Ernte mit den Strünken abgeschnitten. In anderen Gegenden schneidet man aber die Kronen des Kohls dicht unter den ersten Blättern ab und läßt den Strunk sorgfältig stehen. Dieses Verfahren ist sehr zu empfehlen und zwar um deswillen, weil die stehen ge­bliebenen Strünke im Frühjahr, bei günstigem Wetter schon im Februar zarte ©proffai treiben, die ein sehr feines Gemüse geben, feiner und schmackhafter als die aus­gewachsenen Pflanzen liefern. Wer den Versuch einmal gemacht hat, wird nicht wieder davon abgehen, sich auf diese Weise ein vorzügliches Gemüse beinahe ganz ohne Mühe und Kosten zu verschaffen. Wir empfehlen daher unseren Lesern, bei der Erntung des Winterkohls die Strünke nicht abzuschneiden und herauszunehmen, sondern sie ruhig stehen zu lassm.'

Skpertmr der vereuugten Stadttheater zu Fraukkurt a. M.

k L per uh ans.

Dienstag den 20. December: Euryanthe. Gewöhnliche Preise.

Mittwoch den 21. December: Vorstellung bei ermäßigten Preisen. Zur Er­innerung an die erste Aufführung vor 50 Jahren. Czaar und Zimmermann. Außer Abonnement.

Donnerstag den 22. December: Hochzeit des Figaro. Gewöhnliche Preise.

Freitag den 23. December: Zum ersten Male: Max und Moritz. Ein Bubenstück in 5 Streichen (in 2 Abteilungen) nach der bekannten Bubengeschichte von Wilh. Busch und mit Erlaubniß des Verfassers für die Bühne frei bearbeitet und scenisch eingerichtet von Leopold Günther. Hierauf: Zum ersten Male: Kalif Storch. Zaubermärchen in 3 Akten. Nach Hauf's gleichnamigen Märchen von C. Kramer. Außer Abonnement. Ermäßigte Preise. Anfang 61/, Uhr.

Samstag den 24. December geschlossen.

Sonntag den 25. December, Nachmittags 3*/2 Uhr: Zum ersten Male wieder­holt: Max und Moritz. Hierauf: Zum ersten Male wiederholt: Kalif Storch. Ermäßigte Preise. Außer Abonnement. Abends 7 Uhr: Ai'da.

Montag den 26. December, Nachmittags 3*/» Uhr: Max und Moritz. Hierauf: Kalif Storch. Ermäßigte Preise. Außer Abonnement. Abends 7 Uhr: Trompeter von Säkkingen.

Schauspielhaus.

Dienstag den 20.December: Georgette. Große Preise.

Mittwoch den 21. December: Was Ihr wollt. Große Preise.

Donnerstag den 22. December geschlossen.

Freitag den 23. December: Postillon von Lonjumeau. Große Preise.

Samstag den 24. December geschloffen.

Sonntag den 25. December: Odette. Anfang 7 Uhr. Große Preise.

Montag den 26. December: WasJhr wollt. Anfang 7 Uhr. Große Preise.

Weihnachtsbeschcerung.

Arn 1. Weihnachtsfeiertage, Abends 7 Uhr, wird auf dem Lenz'schenFelsenkeller den Kindern verstorbener Kameraden des Krieger­vereins Gießen bescheert. w n . . . . .

Hierauf findet eine Berloofung von Gegenständen unter denjenigen Mit­gliedern statt, welche bis zum Freitag den 23. December d. I-, Mittags 12 Uhr, mindestens 50 H an den Kameraden Lowenstetn, Schloßgaßc- 9, abgeliefert haben. 9360