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Nr. 90.

Mittwoch den 20. April

1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anztigeblatt für dm Kreis Gießen.

Dureaur S ch u l str - ß ° 7. Erscheint täglich mit Ausnahme b-S Montags. - W dWUİWKich zWWl

Amtlicher HHeik.

Betreffend: Den im März 1887 vorzunehmenden Wiesengang. Gießen, am 16. April 1837.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzhevzsglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen Großherzoglichen Bürgermeistereien, welche mit der Vorlage der Protokolls über den letzten Wiesenrundgang noch im Rückstände sind, werden an baldige Einsendung dieses Protokolls hiermit erinnert.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen- 19. April.

Die österliche Ruhepause in der inneren Politik hat nun­mehr der parlamentarischen Hochfluth wieder Platz gemacht, da an diesem Dienstag der Reichstag und das preußische Abgeordnetenhaus gleich­zeitig ihre Berathungen wieder ausnehmcn- Das Haupt-Jnteresie an diesem nachästerlichen Theile der Parlaments-Arbeiten wird sich natürlich aus den Reichstag coucentriren. welcher sich außer mit den noch ihrer definitiven Erledi­gung harrenden Vorlagen des ersten Sessions-Abschnittes mit einer Anzahl ganz neuer Vorlagen zu besaffen Haden wird. Einige von ihnen, wie der Entwurf über die Errichtung eines orientalischen Sprachen-Seminars an der Berliner Universität, die Novelle, betr. die Abänderung der Gebührenordnung für Rechts­anwälte und die Jnr.ungsvorlage, findet der Reichstag bereits fertig vor, während andere, und zwar die wichtigsten der neuen Vorlagen, noch der Vorberathung im Bundesrathe unterliegen, wie die neuen Zucker- und Branntwünsteuer-Ent- würft. Was den neuen Nachtrags-Etat anbttangt, so dürste dessen Fertigstellung im Bundesrathe in diesen Tagen erfolgen und mich der Entwurf den Reichstag mit in erster Reihe beschäftigen. Der Nachtrags-Etat verlangt außer den Mitteln, welche zur Ausführung des Septennats Gesetzes nöthig sind, für ein­malige Ausgaben zu Festungsbauten, Neuausrüstungen der Mannschaften u. s. w. eine Summe von 30 Mill. «4L. der im Etat des nächsten Jahres weitere Raten folgen werden. An der B'willigung dieser Forderungen ist nicht zu zweifeln, da sie eine nothwendige Consequenz des Militär-Gesetzes sind. Aus dem Nach­trags-Etat wird noch eine besondere Vorlage resultiren, welche sich aus den Reichsbeitrag zu den Kosten der in Süd-Deutschland projectirten neuen strategi­schen Eisenbahn-Linien bezieht. Endlich sollen dem Reichstage noch Vorlagen Zugehen, welche sich mit der Neugestaltung der Verhältnisse in Elsaß-Lothringen befassen. Der Reichstag hat demnach noch ein außerordentlich reiches Arbeits- Material vor sich; ob ihm dessen gesammte Erledigung in dem zweiten Theile seiner Session gelingen wird, muß noch dahingestellt bleiben, doch wird man schon jetzt die vollständige Durchführung wenigstens der Steuerreform bezweifeln müssen.

Viel einfacher wird sich das nachösierliche Arbeitsprogramm des preußi­schen Abgeordnetenhauses gestalten. In zweiter, resp. dritter Lesung sind nur noch das Gesetz über die Leistungen für Volksschulen, der Entwurf, betr. Die Fürsorge für Beamte m Folge von Betriebsunfällen, sowie einige Vorlagen von untergeordneter Bedeutung zu erledigen. Ais vollständig neu erscheint einzig die Kirchenoorlage, über welche am Mittwoch, den 20. April, die General- Debatte stattfindet und wird dieselbe voraussichtlich zur Verweisung an eine Commission führen. Die Fassung, welche das ktrchenpolüische Gesetz im Herren- Hause erhalten hat, stößt selbst in conservativen Kreisen des Abgeordnetenhauses auf starke Bedenken und stehen hier deshalb mannigfache Abänderungs-Anträge zu erwarten, so daß die Vorlage wohl auch das Herrenhaus nochmals wird beschäftigen müssen. Sowohl hierdurch, wie auch schon durch die Commissions- Verhandlungen an und für sich dürste sich die definitive Fertigstellung der Kirchenoorlage derartig verzögern, daß an einen Schluß der Landtags-Session vor Pfingsten kaum zu denken ist. Inzwischen bestätigt sich die Meldung von einer päpstlichen Kundgebung zu Gunsten der Kirchenoorlage in ihrer jetzigen Gestalt, und zwar ist diese Kundgebung in dreithsiliger Form bereits erfolgt. In einer aus dem Vatikan an den päpstlichen Nuntius in München gerichteten Depesche sowohl, wie in einem Handschreiben an den Freiherrn v. Franckrnstein, den Führer der bayerischen Certrumspartei, und endlich in einer Denkschrift an den Erzbischof von Köln soll der heilige Vater den Wunsch ausgesprochen haben, man möge das neue Kirchengesetz aunehmen. Dieser Wunsch soll das Resultat einer Berathung der Cardinal-Commission fein, welcher die Frage zur Prüfung vorgelegt wurde, ob der Gesetzentwurf gegen das cano- nische Recht verstoße.

Erzherzog Albrecht von Oesterreich v in München zum Be­suche des Prinz-Regenten eingetroffen; ob in Folge dessen die projectirte Reise des Letzteren nach Wien unterbleibt, steht noch dahin.

Die Reorganisation der bayerischen Armee schreitet unter dem Prmz-Regenten in bemerkenSwerther Weise vorwärts. An die zahlreichen Personal-Veränderungen in den oberen Commandostellen schloß sich die Einfüh­rung der Pickelhaube an Stelle des Raupenhelms und dieser Tage hat Prinz Luitpold auch die Einführung des neuen Seitengewehres für die bayerische In­fanterie genehmigt, wie dasselbe in verschiedenen Regimentern der preußischen Armee und auch anderer norddeutscher Truppen-Contingente bereits an Stelle des bisherigen Seitengewehres getreten ist.

In Rußland hat die von Herrn v. Giers vertretene Friedensströmung jetzt entschieden Oberwasser gewonnen. Die von derPolit. Corresp." gemel­dete Auszeichnung des russischen Ministers des Auswärtigen durch das Großkreuz der Wladimir-Ordens zum bevorstehenden russischen Osterfeste würre schon an und für sich als ein bedeutsamer politischer Vorgang erscheinen, indessen läßt sich das genannte osficiöse Blatt noch weiter aus Petersburg melden, daß die Verleihung der Ordensdecoration von einem kaiserl. Handschreiben begleittt sein werde, welches die völlige Zustimmung des Czaren zu der von feinem leiten­den Minister befolgten Politik ausspreche. Es bedeutet dies den vorläufigen Ausgang des geheimen, aber erbitterten Kampfes zwischen Giers und Katkow zu Gunsten des Ersteren, insofern wenigstens, als Katkow mit feinen Bemühun­gen, Einfluß auf die auswärtige russische Politik zu erlangen, bis aus Weiteres falt gestellt" worden ist. Freilich muß befürchtet werden, daß der einflußreiche Panslavisten-Führer feine Versuche, die Cirkel des Herrn v. Giers zu stören, nur zu bald wieder aufnehmen wird; immerhin ist das entschiedene Eintreten des Czaren selbst für die GierS'sche Politik als eine Bürgschaft zu betrachten, daß auch von Rußland her die sich allmälig consolidirende europäische Lage einstweilen feine neue Beunruhigung erfahren wird.

lieber den Beginn der Verhandlungen zwischen den russischen und den eng­lischen Bevollmächtigten zur endgültigen Regelung der afghanischen Grenz- frage liegt auch heute noch keine Nachricht vor. Es scheint denn doch, daß die Erledigung der Vorfrage nicht ganz so einfach ist, als man nach der Mit- tbeilung, England wolle im Princip die Abtretung des streitigen afghanischen Gebietes am Oxus an die Turkmenen zugestehen, annehmen durfte und werden die Verhandlungen überhaupt einen recht langwierigen Charakter zur Schau tragen. Die Panslavisten-Blätter fahren dabei fort, zu versichern, daß Rußland nach wie vor der Behandlung der bulgarischen Angelegenheit seine meiste Auf­merksamkeit zuwenden und die afghanische Frage erst in zweiter Linie berück­sichtigen werde. Ob dies wirklich die Anschauung der leitenden Petersburger Kreise ist, möchte indessen zu bezweifeln sein, denn gerade die in der bulgarischen Affaire wieder einmal hervortretende Stockung macht den Eindruck, als ob sie geflissentlich von Rußland herbeigeführt worden sei, damit dasselbe um so ener­gischer seine central'asiatischen Pläne verfolgen könne. Die gegenwärtigen Vor­gänge in Central-Asien würden ein aciives Eingreifen Rußlands auch nur begünstigen, denn die aufständische Bewegung in Afghanistan zu Gunsten des in persischer Gefangenschaft befindlichen ehemaligen Herrschers von Herat, Achmct Ejub, soll immer weiter um sich greifen und heißt es ferner, daß Persien Miene mache, sich in die afghanischen Wirren einzumischen.

Der Kaiser von Brasilien ist erkrankt, nur lauten die Nachrichten über den Grad der Krankheit verschieden. Nach dem Lissabonner Journal Commercio" soll die Erkrankung eine schwere fein und wären der Graf uno die Gräfin von Eu telegraphisch von Lissabon nach Rio de Janeiro berufen worden, während von osficiöser Seite die Melvungen des genannten Blattes als übertrieben bezeichnet werden; es sind daher nähere Mittheilungen abzu­warten. Die Nachricht von der Erkrankung des brasilianischen Herrschers wird auch in Europa Theilnahme erregen, wo sich Dom Pedro auf seinen wiede-.- holten Reisen als ein hochgebildeter und entschieden liberalen Anschauungen hul­digender Mann zu erkennen gegeben hat.

Deutschland.

Darmstadt, 17. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog und bas hohe Brautpaar empfingen am Samstag Nachmittag halb 2 Uhr eine Depu­tation der Großh. 25. Kavallerie-Brigade als Pathin Ihrer Großh. Hoheit her Prinzessin Irene. Die Deputation bestand aus den Drei Stäben, Den etat­mäßigen Stabsosficieren und den Nettesten der Chargen. Dieselbe hatte die Ehre, die Glückwünsche der Brigade zur Verlobung Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Irene mit dem Prinzen Heinrich von Preußen, Königl. Hoheit, dar­zubringen, wobei Oberst v. Colomb unter Ueberreichung eines Bouquets eine Ansprache hielt. Die Deputation wurde darauf zur Großherzoglichen Tafel gezogen.

Darmstadt, 18. April. Die Erste Kammer der Stände des Grov- herzogthums wird voraussichtlich am 26. d. Mts. zu zwei Plenar-Sitzun^ei zusammentreten. , .

Berlin, 17. April. Der Reichskanzler Fürst v. Bismarck tst yeme Abend kurz nach 9 Uhr hierher zurückgekehrt.