Nr. 67* Drittes Blatt. Sonntag den 20. Marz 1887.
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
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Wochen - Ueberficht.
Gießen, 19. März.
Die Vorbereitungen zu der großen nationalen Feier des 22. März gehen ihrem Abschlüsse entgegen und gestatten schon jetzt den Schluß, daß dar 90. Geburtsfest Kaiser Wilhelms in ganz Deutschland wie in der ganzen Welt, wo sich Reichsangehörige in gröberer Zahl versammelt finden, allerorten das freudigste Echo Hervorrufen wird. Den Mittelpunkt der gesamm- ten Festlichkeiten wird selbstverständlich die Feier am Berliner Hose bilden und deren äußerlicher Glanz erhellt schon daraus, daß am 22. März 85 Fürstlichkeiten um den erhabenen Schutz- und Schirmherrn des deutschen Reiches versammelt sein werden. Der Empfang all' dieser fürstlichen Gäste, zu denen fich noch die Specialgesandten derjenigen europäischen Herrscherhäuser gesellen, welche durch keine« ihrer Mitglieder bet der Geburtstagsfeier unseres Kaisers vertreten find, wie z. B. Portugals und Spaniens, erheischt die Beschränkung der an den kaiserlichen Geburtsfesten sonst üblichen ausgedehnten GratulationS-Cour und werden daher nicht einmal die Minister und die Generalität empfangen werden, selbst ein Empfang der Botschafter steht noch nicht fest. Die Rücksichten aus das hohe Alter des Kaisers lassen eben alle anderen Erwägungen zurücktreten und wenngleich das Befinden des greisen Herrschers gegenwärtig erfreulicher Weise nicht das Mindeste zu wünschen übrig läßt, so muß doch Alles vermieden werden, was den hohen Herrn anstrengen könnte.
Die letzten Zuckungen des heftigen Wahlkampfes sind nunmehr überwunden und mit doppeltem Interesse wendet sich die öffentliche Aufmerksamkeit den Vorgängen im neugewählten Reichstage zu. Was aus denselben bis jetzt verlautet, klingt im Ganzen und Großen nur erfreulich; die Arbeiten schreiten sichtlich fort und anerkennenswerther Weise sucht man auf allen Seiten ein nachträgliches Hineinziehen der Erregung des Wahlkampfes in die parlamentarischen Debatten möglichst zu vermeiden. Man muß es da schon mit hinnehmen, wenn sich hie und da an einen Gegenstand eine lange und doch fruchtlose Discusston knüpft, wie dies in der Montagssitzung des Reichstages mit der schon öfters dagewesenen Währungsdebatte gelegentlich der Specialberathung des Etats des Reichs-Schatzamtes der Fall war. Auch am Mittwoch wurde der Reichstag durch eine ihm schon wiederholt vorgelegene Angelegenheit in Anspruch genommen, nämlich durch die Arbeiterschutz-Anträge der Abgg. Hitze (Centrum) und Lohren (Reichspartei.) Dieselben bezwecken die Abänderung, resp. Ergänzung der Gewerbeordnung hinsichtlich der Sonntagsarbeit, der Arbeitszeit, der grauen* und Kinderarbeit, der Arbeitszeit in Textil-Fabriken u. f. w. Schon in den beiden letzten Reichstags-Sessionen beschäftigten diese durchaus zeitgemäßen Anträge das Parlament und wurde hierbei die in ihnen enthaltene Materie des Langen und Breiten erörtert und konnte deshalb auch die Mittwochs-Verhandlung hierüber nicht gut etwas Neues mehr bringen. Auch diesmal bekundeten die Redner sämmtlicher Parteien ihre Sympathien mit de« Anträgen, es traten in der Debatte aber auch wieder die früheren verschiedenen Auffassungen hin- sichllich der Einzelheiten der Arbeiterschutz'Gesetzgebung auf und an der Unmöglichkeit, diese Widersprüche befriedigend zu lösen, sind bisher die betr. Anträge leider immer gescheitert. Hoffentlich werden aber die Verhandlungen der Commission, an welche jene abermals verwiesen worden sind, endlich ein gedeihliches Resultat ermöglichen, denn mit der Regelung der Arbeiterschutz-Frage wäre ein neuer, wichtiger Schritt nach vorwärts aus der Bahn der socialpolitischen Reformen gethan. In feiner Donnerstags-Sitzung erledigte der Reichstag definitiv die Entwürfe über das Marine-Pensionsgesetz und den Servistarif und beschäftigte sich dann mit der ersten Lesung der Vorlage, betr. die Unfallversicherung der Seeleute.
Aus den Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses ist die am Dienstag erfolgte Annahme der Gesetzentwürfe über den Bau neuer Eisenbahnlinien und den Erwerb weiterer Privatbahnen durch den preußischen Staat hervorzuheben.
Das preußische Herrenhaus hat am Freitag seine Plenarverhand- lungen nach längerer Pause wieder ausgenommen. Im Mittelpunkte derselben steht die weitere Berathung der kirchenpolitischen Vorlage, welche mit den wesentlich abgeschwächten Kopp'schen Amendements, aber sonst fast unverändert aus der Commission an das Plenum zurückgelangt ist. Es steht zu vermuthen, daß das Herrenhaus den Beschlüssen feiner Commission beitreten wird, aber im Abgeordnetenhause dürfte sich die Sache nicht so glatt abwickeln, nachdem sich Herr Dr. Windthorst in der „Germania" so abfällig über das neue Kirchengesetz ausgesprochen hat und kann man darum im Abgeordnetenhause nach längerer Zeit wieder einer „Culturkampf-Debatte" im großen Style entgegensehen.
Aus den verschiedenen Comrnissions-Berathungen des Reichstages ist die Bewilligung der in den Militär-Etat wieder eingestellten Forderung, betr. die Errichtung einer Unterofficier-Schule in Reu-Breisach, durch die Budget-Commission zu erwähnen. Die genannte Position hat im Reichstage schon wiederholt zu langen und lebhaften Debatten geführt, wurde aber von der früheren Mehrheit schließlich stets abgelehnt. Diesmal steht endlich in Folge der Annahme durch die Commission die Bewilligung der Position auch durch das Plenum zu erwarten.
Aus dem österreichischen Kaiser st aate ist ein parlamentarisches Ereigniß von bemerkenswerther Tragweite zu verzeichnen. Am Mittwoch beendigte das österreichische Abgeordnetenhaus die Specialberathung des Bankstatuts, welches einen der wichtigsten Bestandtheile der österreichisch-ungarischen
Ausgleichsarbeit, der Regelung der Bankfrage auf dualistischer Grundlage bildet. Das Bankstatut bildete von jeher einen Gegenstand der heftigsten Angriffe seitens der Czecheu und auch diesmal war ein solcher erfolgt, indem die Czechen beantragten, daß die In- und Umschrift der cisleithanischen Banknoten nicht mehr ausschließlich deutsch, sondern mindestens auch czechisch sein solle. Der Antrag wurde jedoch in der Dienstagssitzung abgelehnt, da sämmtliche deutsche Fraktionen und die Polen dagegen stimmten. In der Mittwochsverhandlung über die Bankfrage konnte die Linke einmal einen speciellen Erfolg verzeichnen, indem ihr Antrag, die Grenze, bei welcher die Gewinn- theilung zwischen der Bank und dem Staate einzutreten hat, nicht bei 7 pCt., wie die Vorlage will, sondern schon bei 6 pCt. beginnen zu lassen, mit 124 Stimmen gegen 114 Stimmen angenommen wurde. Der Rest des Bankstatuts fand unverändert Annahme, das Gleiche ist von den übrigen Bankvor- lagen der Regierung zu sagen.
Die Berliner Reise des Herrn v. Lesseps wird von der Presse der französischen Hauptstadt noch immer eingehend erörtert. Charakteristisch für die Auffassung der chauvinistischen Blätter ist es, daß sie die liebenswürdige Aufnahme, welche der berühmte Franzose am kaiserlichen Hofe unv beim Fürsten Bismarck gesunden, dahin auslegen, als ob sich Deutschland bemühe, Frankreich von der Seite Rußlands wegzuziehen. — Am Tage nach seiner Wiederankunft in Paris stattete Herr v. Lesseps dem Präsidenten Grevy und dem Minister des Aeußeren, Flourens, Besuche ab, wobei Herr v. Lesseps Gelegenheit gehabt haben wird, die friedlichen Gesinnungen der Berliner Regierungskreise zu bestätigen.
In Belgien scheint man für das bevorstehende Frühjahr abermalige Arbeiterunruhen zu befürchten. In Soignies, Bezirk Mons, ist ein allgemeiner Strike der Steinbrucharbeiter ausgebrochen und wurde deßhalb ein Bataillon Jäger nach Soignies beordert. Die übrigen in Mons garnisonirenden Truppen wurden in den Kasernen consignirt.
Zwischen dem Oberbefehlshaber der italienischen Armee in Massauah, General Gens, und der italienischen Regierung sind Differenzen entstanden. Der General meldete nach Rom, daß er die in Massauah mitssseschlag belegten abessynischen Gewehre dem Feldherrn Rasalula habe ausMoigen lassen, um die Freilassung der Expedition Salimbeni zu erwirken. Die Regierung mißbMgt aber dieses politisch unkluge Verfahren des Generals Gens und hat deßhalb seine Abberufung beschlossen.
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Gießen, 19. März. sStadtverordnetensitzung vom 17. März, Nachmittags 4 Uhr.) Anwesend Herr Bürgermeister Bramm, die Herren Beigeordneten Gnauth und Keller, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Bai st, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Hanstein, Hoch, Homberger, Jughardt, Kauf, Ad. Noll, August Noll, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wallenfels.
Nach Eröffnung der Versammlung theilt Herr Bürgermeister Bramm die von Sr. König!. Hoheit dem Großherzog eingetroffene Bestätigung der Wiederwahl des Herrn Keller als Beigeordneter mit; ferner wird eine Einladung der Ruder- gesellschaft zu den Feierlichkeiten des hier am 20. März stattfindenden deutschen Rudertages verlesen; desgleichen ein Schreiben der Königl. Eisenbahn-Direction Hannover, wonach die nachgesuchte Errichtung einer Haltestelle am Rodberg abschlägig beschieden wird.
Herr Baist theilt der Versammlung mit, daß dem allgemeinen Verein für Armen- und Krankenpflege die Rechte einer juristischen Person (Corporatisnsrechtel verliehen worden sind.
In Betreff der Quellwasserleitung werden die von der Baudeputation vorgeschlagencn Dimensionen für das am 2. December v. I. beschlossene erweiterte Rohrnetz, sowie sämmtliche Verbindungen mit dem zu legenden Rundstrang, und in Verbindung mit der Erweiterung des Rohrnetzes, die Anbringung weiterer 30 Hydranten gutgeheißen. Die Lieferung der Rohre verbleibt dem bisherigen Lieferanten. 200 Jü Remuneration werden Herrn Rodewald für außerordentliche Dienstleistungen beiden Zuleitungsarbeiten in Großen-Buseck verwilligt. Als technischer Verwalter der Wasserleitung wird Herr Gasdirector O. Bergen bestimmt. Eine Beschwerdeschrift der Bürgermeisterei Rödgen über vermeintliche Entziehung des für die Gemeinde nöthigen Wassers von den Wiesen am Walde, den sogen. Enzianwiesen, wird als unbegründet zurückgewiesen, da bekanntlich gedachtes Terrain für Zwecke der städtischen Wasserleitung ja viel zu tief liegt. Im Ganzen waren es 8 Vorlagen zum Artikel Quell- wasserleituug, welche genehmigt wurden.
In Bezug auf die Holzversteigerung vom 31. Januar wurde dem Gebot der Herren Gebr. Kloos in Wetzlar, für sämmtliches Eichenstammholz 14 JL pr. Cm., der Zuschlag ertheilt; die Versteigerung vom 14. März wird, obgleich das Gebot ca. 550 JL hinter dem Tarif zurückblieb, genehmigt, da es sich hier nur um gering- werthiges Holz handelt.
Die Anfrage des Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege wegen käuflicher Ueberlassung eines Bauplatzes in der Bismarckstraße (Turnplatz) oder der Löberstraße, nördlich der Bleichstraße, wird abschlägig beschieden; dagegen wird demselben von der Baudeputation ein Bauplatz zur Erbauung des Schwesternhauses an der zukünftigen Lonystraße (Parallelstraße der Löberstraße auf der rechten Seite der Wieseck) zwischen der Synagoge und der alten Realschule pr. Qu.-M. zu 5 JL angeboten und von der Versammlung gutgeheißen.
Das bei der Versteigerung des Bauplatzes an der Licherstraße am Lärchenwäldchen erzielte Gebot des Herrn Carl Loth wird, gutgeheißen; für Abhebung von Erde daselbst werden 380 JL verwilligt. r , a
Herr Gg. Pfaff ersucht ebenfalls um käufliche Ueberlassung eines an genannter Straße weiter oben. Herr Bürgermeister Bramm macht oaraus aufmerksam, daß, weil hier das Terrain zwischen den beiden Chausseen stch oeoeu «- erweitert, eine weitere Querstraße jedenfalls nölhig sein wird, und toU öflö i < Angelegenheit erst dem Bauausschuß überwiesen werden; die Verhandülng rvlio für die nächste Sitzung verschoben. Herr Baist empfiehlt, bei Errichtung der B einmal auch die Herstellung eines größeren freien Platzes in's Auge zu sapen.


