Ausgabe 
19.5.1887 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Mage zu 5li. 115 fr esssichmk, Anzeiger".

Politische Ueberstcht.

Gießen, 18. Mai.

Auch der Zuckersteuer-Entwurf wird nunmehr dem Reichstage in diesen Tagen zugehen, da sich seine Behandlung im Bundesrathe schwerlich in die Länge ziehen dürste. Der Entwurf stellt bekanntlich weniger eine Novelle zu dem jetzigen Zuckersteuergesetze, als vielmehr eine Codification der gesammten Materie dar und hat man es also mit einem ganz neuen Gesetze zu thun. Daffelbe zerfällt in zwei Theile mit im Ganzen 63 Paragraphen uno bezieht sich der erste Abschnitt auf den Eingangszoll von Zucker, der zweite behandelt die Zuckersteuer (allgemeine Bestimmungen, Steuercontrole u. s. ro.) selber. Um die grundlegenden Bestimmungen der Vorlage nochmals hervorzuheben, so beträgt der Eingangszoll für Syrup und Melasse 15 «X pro 100 Kilo, für jeden ande­ren Zucker 30 cX, beides vom 1. Aug. 1888 ab. Der inländ. Rübenzucker unter­liegt einer Materialsteuer und Verbrauchsabgabe und beträgt erstere vom 1. Aug. 1888 ab 1 auf 100 Kilo rohe Rüben, die Verbrauchsabgabe wird vom gleichen Zeitpunkt ab mit 10 «X für 100 Kilo inländischen Rübenzucker erhoben; Syrup und Melasse als solche unterliegen keiner Verbrauchsabgabe. Die Mate­rtalsteuer ist von dem Fabrikinhaber zu entrichten, während die Verbrauchrabgabe beim Uebergange des Zuckers aus der Steuercontrole in den freien Verkehr erhoben wird. Die Exportprämie beträgt für 100 Kilo Rohzucker, der eine Polarisation von mindestens 90 pCt. haben muß, und für dasselbe Quantum rasfinirten Zuckers vom 1. August 1888 ab 10 »X; für Kandis, Zucker in Würsel-Stengelsorm u. s. w. 1) vom 1. bis 31. August 1888 21,50 -X, 2) vom 1. September 1888 ab 12,50 .X; für allen übrigen Zucker 20,15 <X, res?. 11,70 .X Den finanziellen Ertrag berechnet die dem Entwürfe beigege­bene Anlage auf 46 bis 52 Mill. -X. Insofern, als der neue Entwurf die Rübensteuer und demgemäß die Äusfuhrvergütung herabsctzt, bedeutet er einen Fortschritt gegenüber dem bisherigen Gesetz, denn die Reichskasse wird nun nicht mehr in der Weise wie seither durch die Zahlung der hohen Exportprämie an die Zucker-Industriellen in Anspruch genommen werden. Anderseits erscheint aber das der Exportvergütung zu Grunde gelegte Ertrags oerhältniß zwischen Rübe und Zucker von 10 zu 1 als nicht durch die bestehenden Verhältnisse ge- rechtfertigt, besonders da der Entwurf auf eine Melasse'Besteuerung verzichtet und ist demnach auch die neue Vorlage nach dieser Richtung hin leider wieder nur Stückwerk.

Rach fast genau viermonatlichem Zusammensein ist der preußische Landtag am vorigen Samstag ausetnanoergegangen und so bleibt denn der Reichstag allein auf dem parlamentarischen Felde zurück. Für letzteren wird indessen die Stunde der Erlösung nach langer und angestrengter Thätigkeit noch nicht so bald schlagen; am 25. Mai, also nur wenige Tage vor dem Pfingst- feste, sollen seine Pfingstserien beginnen und am 8. Juni wird das Haus für den Rest der Session nochmals zufammentreten und deren Schluß erfolgt mög­licher Weife erst in der dritten Juniwoche. Es kommt eben Alles daraus an, in welchem Tempo sich die Berathung der beiden Steuer-Vorlagen vollzieht und bei aller Exactheit und Raschheit, mit welcher der Reichstag arbeitet, ist nicht anzunehmen, daß er die Frage der Steuerreform in überhastender Weise behan­deln werde. Bezüglich der Branntweinsteuer soll zwar eine Verständigung zwi­schen den drei Mehrheits-Parteien sicher sein, aber immerhin dürsten die am Montag begonnenen Commissions-Verhandlungen über die Branntweinsteuer- Vorlage die ganze Woche ausfüllen und an eine Erledigung dieser Materie vor den Pfingstserien ist da nicht zu denken. Was aber den Zuckersteuer'Entwurf anbelangt, so gehen hierüber die Meinungen noch weit auseinander und wird derselbe jedenfalls langwierige Debatten Hervorrufen und da der Reichstag außerdem noch eine ganze Reihe anderer Vorlagen in dritter Lesung zu erledigen hat, so kann seine Session leicht bis Sommersanfang währen.

Der sächsischen Residenz wurde am vergangenen Samstag die seltene Ehre eines Besuches des Gesammt-Vorstandes des Reichstages zu Theil. Anlaß hierzu war die zur Zeit in Dresden stattsindende internatio­nale Blumen-Ausstellung, zu welcher dem Reichstage seitens der Stadt Dresden eine Einladung zugegangen war. Die Berliner Herren sprachen sich hochbe- srtedigt über die Ausstellung aus; nach dem Besuche derselben wurde ihnen von der Stadt ein Diner auf dem Belvedere gegeben, wobei Oberbürgermeister Dr. Stübel einen Trinkspruch auf den Reichstags-Präsidenten ausbrachte, den Herr v. Wedell-Piesdors mit einem Toast auf Dresden erwiderte; Abends reisten die Berliner Gäste nach der Reichshauptstadt zurück.

Die serbische MinisterkrisiS hat denjenigen Ausgang genommen, den man als im Interesse einer Consoltdirung der Verhältnisse auf der Balkan- Halbinsel liegend bezeichnen muß. Die Demission des Cabinets Garaschanin ist zurückgezogen worden und verbleibt dasselbe sonach im Amte. Serbien verfolgt bekanntlich unter Garaschanin eine entschiedene Friedenspolitik, die ihre Basis auf dem deutsch-österreichischen Bündnisse findet und somit bedeutet dieser Aus­gang der Ministerkrisis einen Sieg des österreichischen Einflusses in Serbien gegenüber den Jntnguen der unter dem früheren Minister-Präsidenten Ristics stehenden Russenpartei. Für die Klärung der innerpolitischen Verhältnisse Ser­biens ist sonach der Verbleib des Cabinets Garaschanin im Amte ein Gewinn, nur wird sich Herr Garaschanm zu einer anderen Finanz- und Steuerpolitik bequemen müssen, wenn er nicht das Land dem völligen finanziellen Ruin ent­gegenführen will. Vielleicht hängen die stgnalisirten Veränderungen im serbi­schen Cabinet es sollen zwei neue Ministerien geschaffen werden mit den nothwendigen Reformen auf innerpolitischem Gebiete zusammen. Während so die Situation in Serbien wieder in günstigerer Beleuchtung erscheint, scheint auf der Insel Creta wieder eine gewisse Erregung zu herrschen, welche indessen mit den blutigen Raufereien, die jungst zwischen Christen und Mohammedanern in der Hauptstadt Canea stattsanden, nicht« zu thun hat. Die Vertreter der christlichen Bevölkerung wollen an den Berathungen der am Samstag eröffneten Deputirten-Versammlung Cretas nicht theilnehmen, so lange der G.neral-Gou- oetneur den von ihnen vorgebrachten Beschwerden nicht abhilft. Die Stimmung unter den christlichen Bewohnern Cretas gegen die Pforte scheint demnach wieder einmal eine ziemlich gereizte zu fein.

In dem schweizerischen Canton Solothurn ist eine Art Revo­lution au-gebrochen, zu welcher die Vorgänge bei der Solothurner Cantonalbank

k n? ^ag gegeben haben- Die letztere hatte bei dem Concurse einer großen ! Uhrenfabrik ganz oedcrtende Verluste erlitten, so daß schließlich auch die Einleger der Bank, worunter sich namentlich vielekleine Leute" befinden, in Mitleiden- ichast gezogen wurden Dies hat in den weitesten Volkskreisen Erbitterung gegen die Solothurner Regierung hervorgerufen, welche für die Leitung der Cantonalbank verantwortlich ist, und die allgemeine Entrüstung ist schon in ver­schiedenen Volksversammlungen zum Ausdruck gekommen. In denselben wurde rn energischer Weise die Wahl einer neuen Regierung und eines anderen Can- tonalrathessowie die Vornahme einer totalen Verfassungs-Revision gefordert und haben sich auch die Mitglieder der Cantonal-Regierung zum Rücktritt bereit A ' fwozu es indessen noch der Genehmigung durch den Bundesrath bedarf. Einstweilen sind, um die Erregung des Volkes in etwas zu beschwichtigen, die Cridatare der Bank verhaftet und nebst ihren Mitschuldigen unter Anklage ge­stellt worden.

Die Schweiz hat nun glücklich ihr Branntwein-Monopol; ber der am Sonntag vorgenommenen Volksabstimmung wurde das bezügliche Gesetz mit der bedeutenden Mehrheit von 252,791 gegen 127,474 Stimmen angenommen.

Vermischtes.

Zur Beruhigung und gleichzeitig auch zur Vorsicht mahnend, veröffentlichte vor Kurzem der Verein der Aerzte der Stadt Düsseldorf Folgendes: In letzter Zeil bringen die Tagesblätter unter ihren Vermischten Nachrichten sehr häufig Erzählungen von Blutvergiftungen nach scheinbar unbedeutenden Verletzungen. Das eine Mal ist es der Stich der Stadel, mit welcher ein bunter, natürlich mit giftiger Farbe gefärbter Stoff genäht worden ist; das andere Mal der Stich mit einer Feder, welche mit arsenikhaltiger Tinte versehen war. Hier ist es eine kleine Abschürfung am Beine, die durch einen farbigen Strumpf inficirt wurde, dort eine Schnittwunde, die man mit Briesmarkenpapier oder anderem giftigen Material beklebt hat. Mit besonderer Vor- liebe springen Theile von Streichholzköpfen in offene Wunden oder verursachen auch Brandwunden, welche dann, weil der giftige Phosphor hinemgerieth, die Quelle einer Blutvergiftung abgeben, in Folge deren die Finger einer Hand, ja, ein ganzer Arm aniputirl werden mutzten. Durch derartige Berichte wird das Publikum in hohem Grade ängftltch gemacht, ja, bei einer vorkommenden Verletzung oft in die größte Auf­regung versetzt. Und das ohne jeden Grund. Alle diese Erzählungen beruhen entweder auf völlig falscher Beuitheilung des betreffenden Falles oder auf müßiger Erfindung. Wahr ist es, jede Wunde, auch die unbedeutendste, kann der Eingangspunkt einer Blut­vergiftung werden, aber die Gifte, welche eine solche Hervorrufen können, sind ganz anderer Natur und dem Publikum als Gifte gewöhnlich nicht bekannt. Es sind die Zersetzungsstoffe, welche beim Faulen, Verwesen, Gähren u. s. w. thierischer oder pflanzlicher Stoffe sich bilden und welche in jedem Schmutz, ja, in jedem Staube und somit in der ganzen Atmosphäre in großer Menge enthalten sind. Gifte, wie Phos­phor, Arsenik, Blei, Säuren u. s. ro., sind Wunden in dieser Weise nicht schädlich. Der brennende Phosphor wird gar nicht vom Körper ausgenommen, da er selbst durch die Bildung des Brandschorfes die Haut, bezw. die Wunde dazu unfähig macht. Aus­gedehnte Phosphoroerbrennungen in tiefen Wunden, bei Explosionen in Laboratorien, sind unschädlich verlaufen. Arsenik, Kupfer, Blei u. s. ro. werden in so außerordentlich geringer Menge selbst unter den günstigsten Verhältnissen in's Blut gelangen, daß von einer Vergiftung gar nicht die Rede sein kann. Das Briefmarkenpapier enthält keiner­lei Gift. Ganz anders wirken die sogenannten septischen oder Jnfecttonsstoffe, die der Fäulniß u. s. ro. entstammen. Da genügt die Aufnahme einiger nur mikroskopisch sichtbarer Theilcheu in die Wunde, um bei der Berührung mit der Wundabsonderung oder dem Blute im ungünstigsten Falle auch dieses in Zersetzung zu bringen, eine Zer­setzung, roelche erfahrungsmäßig nicht nur örtlich rasch um sich greift, sondern auch bald in den inneren Organen sich bemerkbar macht und oft eine rasche Auflösung zur Folge hat. Zum Glück besitzt übrigens der menschliche Körper gegen diese Jnfections- keime eine ziemlich große Widerstandsfähigkeit, so daß bei Weitem nicht jede Wunde dieser Gefahr erliegt. Es gehört dazu entweder ein gewisser Grad Vernachlässigung und Unreinlichkeit oder eine gewisse Disposition. Wir wiederholen es, die Gefahr der Blutvergiftung beim Eindringen vonGiften" in zufällige Wunden ist nicht vor­handen. Wohl aber ist es der Vorsicht gemäß, auch kleinste Wunden zu beachten und dieselben von Anfang an vor Allem mit peinlicher Neinlichkeil zu behandeln.

Marburg, 16. Mai. Wie derO. Z." aus Coblenz mitgetheilt wird, hatte sich vor einigen Tagen ein gewisser Karl Rödel in einem dortigen Wirthshause ein- gemielhet, der Wirthin mitgetheilt, daß er eine dortige Wirtschaft zu pachten beab­sichtige, dann auch, daß dieses Geschäft abgeschlossen fei und, da er ein Instrument für 1200 JL gekauft habe, sei ihm fein Geld aufgegangen und wolle er nun sofort an seine Braut in Marburg telegraphiren, damit dieselbe schleunigst mit Geld ankomme. Da nun leider das Telegraphiren nicht umsonst geschieht, erbat er sich von seiner Wirthin 2 JL, die ihm jedoch nur gegen Hinterlegung eines Pfandes zur Verfügung gestellt wurden. Bereitwillig löste er seine Uhrkette von der Weste, überreichte Kette nebst Uhr der Wirthin, steckte seine 2 ein und eilte zur Thüre hinaus. Die Wirthin will inzwischen sehen, wie viel Uhr es auf ihrem neuen Unterpsande ist ist aber nicht wenig erstaunt, als sie statt Zeiger, Zifferblatt und Uhrwerk einen Kautschukstempel entdeckte, der die Worte:Wählt Dr. Böckel" recht schön und deutlich druckt. Der Gast und Hinterleger war mit Zurücklassung einer Zeche von 19 JL inzwischen spurlos verschwunden, eine Kunstsertigkeil, die derselbe auch hier in Marburg recht geschickt aus­zuführen verstand, wo er in der Hitze des Gefechts noch manche Zeche und auch baare Darlehen unbezahlt gelassen haben soll.

sAufgedeckter Betrug.j In einer großen englischen Fabrik, in der mehreie hundert Arbeiter beschäftigt waren, ließ einer derselben beim Schwingen des Hammers diesen achtlos aus der Hand gleiten. Der Hamnier flog über den halben Raum hinweg und traf einen anderen Arbeiter an's linke Auge. Der 9Jiann behauptet nun, daß sein Auge durch den Schlag erblindet sei und blieb auch dabei, obwohl eine genaue Untersuchung nicht die mindeste Verletzung, nicht einmal eine Hautritzung zu eonstatiren vermochte. Er machte eine Klage auf Entschädigung des Verlustes der Hälfte der Sehkraft anhängig und wies alle Vermittelungsoersuche zurück. Nach dem Gesetz ist der Inhaber der Fabrik für Unfälle solcher Art verantwortlich. Der Tag der Ver­handlung kam heran, vor dem Gerichtshof untersuchte ein von der Vertheidigung zu­gezogener Augenarzt das angeblich verletzte Glied und gab sein Gutachten dahin ab, daß es ebenso gesund sei als das rechte Auge. Der Kläger protestirte hiergegen und beteuerte, daß er auf dem linken Auge nichts sehen könne, der Augenarzt über über­führte ihn als Lügner und überführte hiervon auch den Gerichtshof und die Ge­schworenen durch eine Probe auf den Lehrsatz der Farbenlehre: grün und roth geben schwarz. Er präparirte eine schwarze Karte, auf welcher einige Worte mit grüner Tinte geschrieben waren, dann ließ er den Kläger eine Brille mit zwei verschiedenen Gläsern aufsetzen, einem rothen für das rechte (gute) Auge und einem gewöhnlichen für das linke (erblindete) Auge und nun hieß er ihn, die Schrift auf der Karte zu lesen. Da er dies sofort that, lag der Betrug offen zu Tage. Das gesunde Auge konnte durch das rolhe Glas die grüne Schrist von dem schwarzen Grunde nicht unterscheiden, folglich mutzte der Kläger die Schrift mit dem angeblich erblindeten vtuge gelesen haben.

Der Spiritismus hat besondere in der Gegend von Chemnitz und Zlvi au viele Anhänger. Dieses benutzen freche Gauner, um die Dununen, die an den glauben, zu rupfen. In einem Dorfe war die Tochter eines tAutsbesitzer^ g s . Derselbe erhielt die Nachricht, seine Tochter wolle mit ihm sprechen, ^urcy o s Medium theilte ihm nun die Tochter mit, der Vater solle eine Geldsumme für sie