Nr. 2SS
1L87.
ießenev Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für dm Kreis Gießen.
Zweites Blatt. Sonntag den 18. December
«nreanr Schulstraße 7.
Wochen • Ueberstcht.
Gießen, 17. Dccember.
Kaiser Wilhelm, welcher Anfang» der Woche von einer leichten Un- PÜßlichkeit befallen worden war, erfreut sich gegenwärtig wieder de» besten Wohl» befinden» und erledigt er in gewohnter Weise die laufenden Reglerungrgeschäste. Fast zur selben Zeit hatte ein plötzliche» Unwohlsein sich auch beim ersten Be- rat)er de» greisen Monarchen, dem Fürsten Bismarck, eingestellt, welche» aber durch dar Gerücht bedeutend übertrieben worden war und wodurch ganz unbegründeter Weise eine Beunruhigung weiter Kreise veranlaßt wurde. Denn nach übereinstimmenden Meldungen au» Friedrichsruhe ist die Verdauungsstörung dcs Reichskanzlers längst wieder beseitigt uab wird derselbe auf einige Tage nur noch Ruhe und angemessene Diät zu beobachten haben. Daß Übrigen» Fürst Bismarck bett hervorragenderen Vorgängen auf dem Gebiete der inneren wie äußeren Politik fortgesetzt seine regste Theilnahme widmet, erscheint ungeachtet des ihm gegebenen ärztlichen Ralhes, sich möglichst zu schonen, bei dem riesigen Arbeitseifer der Reichskanzlers beinahe selbstverständlich. Unter Andern empfing rr den deulschen Botschafter in Petersburg, General v. Schweinitz, vor dessen Rückkehr von Berlin nach Petersburg dieser Tage in Friedrichsruhe und wird man die Unterredung zwischen dem Kanzler und Herrn v. Schweinitz ficherlich mit der russisch-österreichischen Verwickelung in Zusammenhang bringen können.
Auf die hoffnungsfreudigen Botschaften, welche aus San Remo von dem befriedigende Befinden de» deutschen Kronprinzen die letzten Woche« über eingegangen find, ist jetzt leider wieder eine beunruhigende Nachricht gefolgt. Es find bei dem hohen Kranken plötzlich Anzeichen einer neuerlichen Zunahme der Wucherungen im Halse ausgetreten, in Folge dessen Dr. Mackenzie auf leie# graphische» Ersuchen der Frau Kronprinzessin sich schleunigst von London nach San Remo zurückbegeben hat. Dieser Rückschlag in dem Befinden de» fron* prinzlichen Herrn berührt um so schmerzlicher, al» die erwähnten erfreulichen Nachrichten der letzten Zeit immer zuversichtlicher lauteten und auch in ärztlichen Kreisen Unterstützung fanden und k«nn man der wiederum veränderten Sachlage gegenüber nur den innigen Wunsch aussprechen, daß der ärzttichen Kunst auch diesmal die Wiederbeseitigung der Wucherungen, ohne hierdurch ernste Gefahren für den treueren Kranken herbeizuführen, gelingen möge.
Der preußische Volkswirthschaftsrath, welcher in jüngster Zeit neben dem Reichsparlamente in Berlin tagte, hat am Mittwoch seine der Se- rathung der Grundzüge der Alte?»- und Jnvaliden-Versicherung ausschließlich gewidmet gewesenen Sitzungen geschlossen. Im Princip sind die Grundzüge vom Volkrwirthschaftrrathe angenommen worden, dagegen hat derselbe in Emzel- heiten nicht unwesentliche Veränderungen vorgenommen, die namentlich darauf zielen, die bei den Grundzügen noch heroorgetretenen praktischen Schwierigkeiten zu beseitigen. Es steht zu erwarten, daß die Beschlüsse der genannten Körperschaft auch bei der weiteren Behandlung des Entwurfes der Alters- und Invaliden-Versicherung die ihnen gebührenoe Beachtung finden werden.
Die Verhandlungen des Reichsgerichtes im Landesverrathsproceß Cabannes sind am Donnerstag nach viertägiger Dauer geschloffen worden. Das Unheil soll am Montag verkündigt werden. Die Verhandlungen auch gegen Cabannes haben den Beweis gebracht, daß e» in den Reichslanden fortgesetzt Leute siebt, die aus allen Kräften bemüht find, einem französischen Angriffe auf Deutschland, resp. einem französischen Einfalle in Elsaß-Lothringen * Vorschub zu leisten. Die von Cabannes nach Frankreich gelieferten, zum Theil i geheimen und militärisch sehr wichtigen Verwaltungsberichte aus Elsaß-Lothrin# \ gen sind, wie in dem Processe constatirt wurde, geeignet, ein zuverlässiger Bild ; von den gesammten gegenwärtigen Verhältnissen in den Reichelanden zu geben -
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und namentlich der französischen Regierung werthvolles Material für ibre zukünftigen Kriegsoorbereirungen zu verschaffen, weshalb auch diese Berichle zum Wohl de» deutschen Reiches geheim gehalten werden mußten. Unter diesen Umständen wird den Angeklagten, obwohl er im Allgemeinen geständig ist, jedenfalls eine empfindliche, aber nur verdiente Strafe treffen. — Der Reichsanwalt Galli beantragte gegen den Angeklagten wegen Bestechung, LandeSverratha, Beseitigung amtlicher Urkunden, letztere in idealem Zusammenhänge mit Diebstahl, zwölfjährige Zuchchauestrase, tausend Mark Geldbuße und außerdem zehnjährigen Ehrverlust.
Die m Stockholm ausgebrochene Ministerkrisis lenkt den Blick auch einmal auf das den Welthändeln so entrückte ferne schwedische Reich. Sämmtliche Minister haben ihre Entlassung gegeben in Folge der schwierigen Lage, welche durch die Cassirung der für Stockholm gewählten 22 freihändlerischen Neichstagsabgeordneten entstanden ist. Ob die Demission der Minister schließlich auch die Auflösung des Reichstags nach sich ziehen wird, ist noch unbekannt.
Die Erhebung Spanien» zur europäischen Großmacht, wovon in letzter Zeit viel die Rede war, scheint in der That beoorzuftehen. Die hierüber zwischen den Großmächten gepflogenen Verhandlungen sollen zu einem entsprechenden Ergebnisse geführt haben und würde also die Anerkennung Spaniens als Großmacht durch die Erhebung der seitherigen Gesandtschaften der Mächte in Madrid zu Botschaften ihren Ausdruck finden, während anderseits natürlich auch die Umwandlung der bei den Cabineten der Großmächte bestehenden spanischen Gesandtschaften in Botschaften zu erfolgen hätte. Da» sichtliche Gesunden der inneren Verhältnisse des Pyrenäenkönigreichs, welche» dem spanischen Volk gestattet, eine ihm seit Jahrhunderten abhanden gekommene Machtstellung in den Fragen der europäischen Politik allmälich wieder ein* zunehmen, hat offenbar zu dem Schritte der Mächte Spanien gegenüber da» ©einige beigetragen.
Mit der erfolgten Bildung des neuen französischen Ministerium» unter dem Präsidium Tirard's scheint endlich die lange Periode schwerer innerer Beunruhigung, welche sich in Frankreich an die bekannten Skandalprocesse knüpfte, vorläufig beendigt zu fein. Die radikale und die äußerste Linke der Deputirtenkammer haben sich wider Erwarten bereit erklärt, der neuen Regierung die provisorischen Budget-Zwölftel zu bewilligen, deren dieselbe zur Weiterführung der Geschäfte nach Vertagung der Kammern unbedingt benöthigt ist. Gleichzeitig haben aber die beiden radikalen Fraktionen den Beschluß gefaßt, keiner Maßregel zuzustimmen, welche ein förmliches Vertrauensvotum für das Ministerium Tirard in sich schließe. Diese Stellungnahme deutet darauf hin, daß die Radikalen auch dem neuen Cabinet bei passender Gelegenheit ein Bein zu stellen gedenken; die Frieden und Versöhnung predigende Botschaft des Präsidenten Sadi Carnot hat demnach bei den Herren Clemenceau und Genossen keinen besonderen Eindruck hinterlassen. — Zum Zwischenfall Ferry-Aubertin liegt noch keine neuerliche Meldung vor, doch scheint Aubertin wirklich unzurechnungsfähig z« sein und keine Mitschuldigen zu haben.
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