Ausgabe 
18.12.1887 Erstes Blatt
 
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Nr. 2SS Erstes Blatt. Sonntag den 18. December 1887,

Hicßener Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für dm Kreis Gießen.

«ureaur Schulstratze 7. Erscheint »glich mit Ausnahme d-s Mo«tagS. WNMUANNiich2^?«°^

Amtlicher Hheil.

Gefunden: 1 gold. Uhrschlüssel, 1 Paar Stauchen, 1 Handschuh, i Häkelnadel, 1 seidenes Halstuch, 1 Gummischuh, 1 Kinderhandschuh, 1 Armband, 1 Taschentuch, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.

Gießen, am 17. December 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Deutscher Reichstag:

13. Sitzung vom 16. December 1887.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Berathung des Abkommens mit Oesterreich wegen Verlängerung des Handelsvertrags.

Abg. Buddeberg (stets.) kommt auf die Petitionen um zollfreie Einfuhr von Brod nach Oesterreich zurück, erwartet eine Besserung jetzt, wo Alles den agrarischen Interessen diene, nicht und meint, daß nur eine gründliche Aenderung des ganzen wirthschaftlichen Systems Abhülfe bringe.

Das Abkommen wird definitiv angenommen.

Es folgt erste Berathung des Gesetzentwurfs betreffend Aenderungen der Wehrpflicht.

Kriegsmintster Bronsart von Schellendorff: Die Gefahr drohe nicht Lurch Krtegsgelüste der verbündeten Regierungen, denn diese wie das ganze deutsche Volk seien friedliebend. Die Gefahr drohe durch die aufgestachelten Leidenschaften in den Nachbarländern. Wir wollen den Krieg nicht, aber wir müssen uns darauf rüsten. (Beifall.) Wir sind stark, wir dürfen es mit Stolz sagen; aber wenn wir uns um­blicken, müssen wir uns sagen, daß wir noch nicht stark genug sind. Wir haben Ver­träge geschlossen; sicher aber ist nur das Vertrauen auf unsere eigene Kraft. Es muß überall hervorgehen, daß wir gefürchtete Gegner, begehrenswerthe Verbündete sind. Die Vorlage bringt nicht nur eine numerische Verstärkung, sondern auch, was noch wichtiger, eine bessere Organisation unserer Kriegsmacht. Jetzt besteht bezüglich des Landsturms ein Chaos, welches durch Bildung zweier Aufgebote nach Ausbildung und Lebensalter gelöst wird. Durch die Bildung eines zweiten Aufgebots der Landwehr werden die betreffenden Mannschaften gegebenen Falls sofort zur Verfügung gestellt. Es wird nicht beabsichtigt, eine größere Anzahl von Mannschaften der Ersatzreserve einzuberufen. Der Minister schließt mit dem Wunsche, daß die Parteien des Hauses sämmtlich im Princip ihre Zustimmung zu der Vorlage erklären, und seiner, daß der Tag, wo die Vorlage praktische Bedeutung gewinnen könne, noch recht fern liege. Wir müssen aber vorbereitet sein, um unsere Waffen im Falle der Noth zum Siege zu führen wie bisher. Das walte Gott! (Beifall.)

Abg. v. Bennigsen (nall.)r Einzelne Vorschriften der Vorlage, wie die über die Ersatzreserve, bedürfen noch eingehender Prüfung in einer Commission. Was den Hauptinhalt anlange, so erkennen seine Freunde an, daß der große Plan dieser Vorlage erreicht werde ohne nennenswerthe Vermehrung der Anstrengungen der Militär­pflichtigen und ohne besondere finanzielle Belastung, abgesehen der einmaligen sehr erheblichen Kosten der Bewaffnung. Die Feldarmee würde damit um eine halbe Million verstärkt. Nicht zu verkennen aber seien die gewaltigen Opfer, welche diese Vorlage dem deutschen Volke für den Fall eines Krieges auferlege. Wir stehen vor gewaltigen Opfern, die wir nicht verweigern können in der Noth des Vaterlandes, das Angriffskriegen vielleicht von zwei Seiten ausgesetzt ist. Seit mehr als einem Jahre ist Europa mit Unruhe und Sorge erfüllt. Es ist, als ob es uns ntchr beschieden sein sollte, uns ferner des Friedens zu erfreuen, obgleich wir doch Alles gethan haben, denselben zu erhalten. Niemals hat sich eine Macht nach solchen Siegen, wie sie Deutschland errang, so beschieden wie es Deutschland that. Seit 17 Jahren sind unser Kaiser und unser Kanzler bemüht, den Frieden zu sichern; von unserer Seite ist keine Bedrohung ausgegangen; wir wollen nur unsere Einheit schützen und die wiedergewonnenen alten deutschen Provinzen. Wir haben die Wünsche und Interessen anderer Staaten, die uns oft nicht freundlich gesinnt, unterstützt und gefördert um des Friedens willen. Unsere Hände sind rein, wenn das Elend und die Noth des Krieges wieder in Europa einziehen. (Lebhafte Zustimmung.) Wir wollen aber die Hoffnung nicht aufgeben, daß diese Vorlage dazu beitragen wird, als ein letzter Versuch, den Frieden zu erhalten. Die schmerzlichen Verluste, die dieses Gesetz für den Fall eines Krieges auferlegt, wiegen federleicht gegen die gewaltigen Verluste, die Deutschland er­leiden würde, wenn es widerstandslos und besiegt am Boden liegen würde. (Beifall.)

Abg. Richter (frs.): Bezüglich der einleitenden und Schlußworte des Ministers bestehe kein Widerspruch. Das gelte insbesondere von der Friedensliebe des deutschen Volkes, es gelte aber auch von der Entschlossenheit desselben, seine ganze Kraft aufzu­wenden, um feindliche Angriffe zurückzuwetsen, das enthebe aber nicht von der Ver­pflichtung einer eingehenden Prüfung der Vorlage im Einzelnen. Eine solche Prüfung in der Commission sei sicher um deswillen erforderlich, um Aufklärungen über die Größe der Gefahr zu erlangen. Die Vorlage enthalte einzelne Unklarheiten, so nament­lich in Bezug auf die Ersatzreserve. Hier bestehe die Gefahr einer Beschränkung des Rechtes des Reichstages, di» Zahl derselben zu bestimmen. Ferner dürften vor der Er­schöpfung der jüngeren Jahrgänge die älteren nicht herangezogen werden. Er sei über­zeugt daß der nächste Krieg ein wirklicher Volkskrieg sein werde und daß sich Heere aeaen'überstehen werden, wie sie in Europa noch nie gesehen wurden. Aber die immer zunehmende Vermehrung der Dienstpflicht liefere ein starkes Argument mehr für eine Herabsetzung der acliven Dienstzeit der Infanterie auf zwei Jahre. Seine Partei halte die parlamentarische Lage nicht für dazu angethan, einen bezüglichen Antrag zu stellen. Aber die Nothwendigkett zur Einführung der zweijährigen Dienstzeit werde schließ­lich unabweisbar hervortreten. (Beifall links.)

Abg Frhr. v. Maltzahn-Gültz (cons.) erklärt die Zustimmnng der deutsch- conservativen Fraction zu dem vorliegenden Gesetzentwurf vorbehaltlich der Prüfung im Einzelnen Zu dem Zwecke beantrage er Ueberweisung der Vorlage an eine Com­mission von 28 Mitgliedern, deren Berathung sich steilich auf verschiedene vom Vor­redner berührte Fragen, als Militärgerichtsbarkeit, zweijährige Dienstzeit u. s. w., mcht werde erstrecken können. (Beifall.)

Abg. Dr. Wtndthorst (Centr.) erklärt, daß das Centrum das Erforderliche für die Sicherheit des Vaterlandes bewilligen werde. Der Umfang der Nothwendigkett sei in der Commission zu prüfen; er hoffe, daß sich die Regierung hier entgegenkom­mend zeigen werde. Persönlich sei er für die zweijährige Dienstzeit, aber der Augen­blick sei für eine solche Aenderung der Organisation nicht geeignet.

Abg Graf v. Behr (Rchsp.) tritt Namens seiner politischen Freunde für die Vorlage ein, deren Nothwendigkett er aus der Bedrohung unserer Grenzen trotz unserer Friedensliebe nachweist. Die Lasten, welche das Gesetz uns auserlege, seien erstag-

ltch, und müßte« getragen werden, wenn uns nicht noch ungleich größere Opfer erwachsen sollen.

Abg. Bebel (Soc.) bekämpft die Vorlage, die dem Volke neue Lasten auferlege, deren Nothwendigkett nicht nachgewiesen sei. Set die Lage heute anders als früher? Er habe es verlernt, auf die Kriegsgerüchte einer gewissenlosen Presse etwas zu geben. Wenn die Jugenderziehung gleich militärisch zugeschnitten würde, wenn z. B. das Turnen allgemein obligatorisch gemacht würde, so würde es sehr wohl möglich sein, die Dienstpflicht abzukürzen, nicht blos auf zwei, sondern auf ein Jahr. Der wirth- schastliche Nutzen würde ein immenser sein. Der ungeheure Fehler dieser Vorlage fei, daß er Familienväter heranziehe, während sich junge Leute, die sich gern freiwillig anbieten würden, hungernd auf der Straße Herumtreiben. Wenn cs heute über sechs Wochen zu einem Kriege kommen sollte, so würde Deutschland nicht allein stehen; auch ohne die Bündnisse würde es nicht allein stehen, die ganze politische Constellatton Europas mache das unmöglich.

Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff constatirt, daß alle großen Parteien des Hauses ihre Zustimmung zu den Grundgedanken der Vorlage erklärt haben. Das »erde seinen Eindruck nach Innen und nach Außen nicht verfehlen. Die Frage der zweijährigen Dienstzeit habe milder Vorlage nichts zu thun; es handle sich hier nm die Einziehung aller Wehrpflichtigen im Falle eines Krieges. Auch davon sei nicht die Rede, daß die jüngeren frei bleiben sollten, während die älteren Jahr­gänge eingezogen würden.

Abg. Langwerth v. Simmern (Welfe) steht der Vorlage sympathisch gegen­über. Er lasse alle Bitterniß bei Seite, um zu bewilligen, was zur Verteidigung des Vaterlandes erforderlich. (Beifall.)

Die Vorlage wird an eine 28er Commission verwiesen.

Die Etats des Reichstags und der Reichskanzlei werden debattelos unverändert genehmigt.. \

Beim Etat des auswärtigen Amtes gibt die Frage, ob die Einnahmen aus den Colönieü"^ den Etat einzustellen seien oder nicht, zu einer Discussion Anlaß.

Abg. Dr. Baumbach (stets.) spricht sich für eine solche Einstellung aus im Interesse des Etatsrechts des Reichstags.

Staatssecretär Graf v. Bismarck weift dagegen u. A. auf analoge Fälle hin, wo das Reich Zuschüsse an juristische Personen gewähre.

Abg. Strom deck (Centr.) hält diese Bezugnahme nicht für zutreffend.

Abgg. v. Maltzahn und v. Kardorff sprechen sich gegen eine Belastung unseres Etats mit derartigen Posten aus.

Der Etat wird unverändert angenommen.

Morgen 11 Uhr: Dritte Berathung der Kornzolloorlage.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eor^fpondenz» Bureau.

Berlin, 16. December. Se. Majestät der Kaiser hörte Vormittags die Vor­träge Prrponcher's und des Grafen Hochberg, empfing den russischen MarineattachS Domojirow, nahm eine große Anzahl militärischer Meldungen entgegen und machte Nachmittags eine Spazierfahrt. Nach der Rückkehr empfing er den Botschafter Schweinitz.

Berlin, 16. December. Einem Privat-Telegramm derNationalzeitung" aus San Nemo zufolge hat Dr. Mackenzie im Verein mit den anderen Aerzten den Hals des Kronprinzen untersucht und nur eine unbedeutende Vergrößerung bet Geschwulst entdeckt.

Die Wahlprüfungscommission beschloß, dem Reichstage die Ungiltigkeits­erklärung der Wahl Eugen Richters in Hagen zu empfehlen.

Paris, 16. December. EinerHaoas"-Meldung aus Bukarest zufolge sind die Zeitungsnachrichten von einer aufständischen Bewegung in Sofia unbegründet.

London, 16. December. Nach dem Hosberichte von gestern Abend erhielt die Königin einen beruhigenden Bericht aus San Remo. Viele Zettungsdepeschen seien entweder unrichtig oder übertrieben.

Der Civillord der Admiralität, Ashmead Bartlett, hielt gestern bei dem Eröffnungsbankett eines Birminghamer conservativen Clubs eine Rede, in welcher er sagte, daß die Zukunft nicht ganz unbewölkt sei, und vielleicht der dunkelste, betrübendste Fleck am Horizont sei die Krankheit, die einen der treuesten und edelsten Charaktere, welche die Geschichte des modernen Europa schmücken, befallen habe und die allgemeine Teilnahme Europas errege. Die Welt wende besorgt die Blicke nach dem deutschen Kronprinzen, dem tapferen Ritter und Krieger ohne Furcht und Tadel, einem Prinzen, der so viel zur Einigkeit Deutschlands und der Erhaltung von dessen Stärke und Größe gethan habe, dem Erben eines glanzvollen Reiches und der einzigen Hoffnung des jüngst geeinten Volkes.Wir könnm nur hoffen, daß die Vorsehung in gütigen, geheimnißoollen Fügungen dieses schwere Leiden zum Guten wenden, ein Deutschland so kostbares und Europa so werthvolles Leben erhalten werde."

Rom, 16. December. Aus Massowah wird gemeldet, daß daselbst der Dampfer Egitto" mit den seitens Italiens in England angekauften zerlegbaren Baracken, Wasserbehältern und Futteroorräthen angekommen sei. Die Rebellen stehen zwei Stunden vor dem von den Engländern zur Vertheidigung von Suakim errichteten Laufgraben. Major Kitschener entsendete 600 angeworbene Eingeborene, um den In­surgenten Tokar zu entreißen. Allein ein Theil ergriff die Flucht, ein anderer ging zu den Rebellen über, der Rest wurde mtt einem Verluste von 11 Mann zuruck- geschlagm." ^^0, 16. December. Dr. Mackenzie beabsichtigt, sich morgen Abend nach Algier zu begeben, wohin er zu einem Kranken berufen worden ist. Ob er von dort 6lel6Cr^Ä8a6.®£«Ki8®en Mrigm Artikel b(SSuff. Sn».« besprecht, führt dasJournal de St. Pelersbourg" aus: Seber unvartehf4e Wter nnrb iu; geben, baß nicht Rußlanb es ist, welchem bie Verantwortlichkeit für bie bestanbige Ver­mehrung bes Friebensstanbes ber Armee zufällt. Allerbings bezeichnen.bie Im Gwtnini Europas als Friebensliga vereinigten Mächte als ausschließlichen Zweck ihrer Allianzen