Ar. 217, Erstes Blatt. Sonntag dm 18 September 1887.
6-iehemn Anzeiger
Amts- und Anzcigtblait für den Kreis Gießen.
Dureanr Schulftraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Breis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Vf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen.
Bekanntmachung.
Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werbe« -rdurch aus die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvollständige ffuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüsungs-Commisfiou nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hesse« gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
r. Die Berechtigung zum einjährig freimütigen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar deS ZastreS nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet. Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrecht- spätestens bis zn« 1. April desselben Jahres zu erbringen.
8. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actensormat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Luch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wirb.
4. Dem Gesuche find folgende Papiere beizufügen:
a. GeburtSzeugniß;
d. ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligsn während einer einjährigen activen Dienstzeit zu beüeiden, auszurüsten und zu verpflegen;
e. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realschulen, Progymnasien und höheren Bürgerschulen) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit ober ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;
4. da» Schulzeugniß.
Sodann wird noch besonders bemerkt:
Zu poa. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Erklärung de» Vaters oder Vormundes, in der Lage zu sein, den Freiwillige« während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen darf.
Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnifle für die Pnwa der Gymnasien und RealfchMn I. Ord., sämmtlich nach dem Schema 17 zur Ersatz-Ordnung (L Theil btt Wehr-Ordnung vom 28. Septbr. 1875 — Äeg.-Bl. Nr. 65 von 1OT6) ausgestellt fein müssen.
Im Uebrigen wird aus die Bestimmungen der SS 88, 89, 90, 93 und 9» der angeführten Ersatz-Orb. verwiesen. Grobherzogliche Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende:
Dr. Zeller.
Gefunden: 1 Regenschirm, 1 Oelkanne, 1 Kamm, 1 Strickzeug, 1 Damenhandschuh, 1 Brache, 1 Schürze, mehrere Schlüflel und Hundeblechmarken. Gießen, am 17. September 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Lehrer-Conferenz
de» Conferenz, Bezirks Grünberg: Mittwoch den 21. September, Vormittags 10 Uhr, in Grünberg, Lieder 143. 123.
deS Conferenz-Bezirk- Lich-Hungen: Donnerstag den 22. September, Vormittags 9y3 Uhr, in Lich, Lieder 10. 14. 99.
Gießen, den 17. September 1887. Büchner, Schulrath.
Stettin, 16. September. Der Verlauf des heutigen Manövers war folgender: Die Ostdivision (dritte) hatte die Höhen westlich und nördlich von Warsow besetzt, ihre Kavallerie befand sich aus dem linken Flügel, ein oorge* schobenes linkes Seiten-Detachement kam zuerst in's Gefecht. Die Westdiviston (vierte) ging nach einleitendem Artilleriefeuer gegen 10Vs Uhr, wo Se. Maj. der Kaiser auf dem Manöverfelde erschien, gegen die feindliche Stellung vor. Der erste Vorstoß der Infanterie der Westdiviston gelang, bei weiterem Vorrücken stieß die Westdiviston aber auf überlegene Kräfte der inzwischen verstärkten Ostdiviston und mußte wieder weichen. Die Westdiviston machte daraus einen zweiten Angriff, der erfolgreich war; die Höhen nördlich von Warsow wurden genommen. Der Ostdiviston gelang es mittlerweile, mit ihrem rechten Flügel Terrain zu gewinnen, sodaß dadurch eine vollständige Frontverschiebung siattfand. Während die Ostdiviston energisch weiter vorging, befahl Se. Maj. der Kaiser gegen l1/* Uhr Halt. Allerhöchstderselbe hielt während des Gefechts mit dem Generalfeldmarschall Grafen Moltke, Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Leopold und dem ganzen Gefolge auf dem Rollberge westlich von Warsow zu Wagen und hatte öfters einzelne Generäle zu stch heranrufen lassen. Se. Majestät fuhr über Wuffow hierher zurück, von den Truppen, an denen Allerhöchstderselbe vorüberkam und von der Bevölkerung, die an der Straße Spalier bildete, unausgesetzt mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Ihre Königl. Hoheit die Frau Prin- zesstn Wilhelm war vor dem Kaiser auf dem Manöverselde zu Wagen eingetroffen, begrüßte erst Se. Königl. Hoheit den Prinzen Wilhelm, der das Grenadier'Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (1. Pommersches) führte und hielt dann neben Sr. Maj. dem Kaiser. Aus dem Rückwege besuchte Ihre König!. Hoheit das Johanniter-Krankenhaus und die Latherkirche in Züllchow.
Stettin, 16. September. Der Kaiser begab sich kurz nach 9Vs Uhr in das zwischen den Ortschaften Polchow, Wuffow, Warsow und Züllchow belegte Manöver-Terrain, um dem Manöver beider Divisionen gegen einander beizuwohnen.
— Ihre Maj. die Kaiserin hat um 10 Uhr die Rückreise nach Berlin per Extrazug angetreten. Eine osficielle Verabschiedung im Schlosse und aus dem Bahnhofe unterblieb auf ausdrücklichen Wunsch Ihrer Majestät.
Stettin, 16. September. Nachmittags sand beim Kaiser ein kleineres Diner statt. Anwesend waren Prinz und Prinzessin Wllhelm, Prinz Leopold, Moltke, der Krieg-minister, der commanbirenbe General und mehrere andere
Generäle, der Oberpräsident, Regierungspräsidenten, die Vorstände des Provinzial- Landtages, der Landesdirector, der Erbküchenmeister Graf Schwerin, der Erb- marfchall Freiherr v. Maltzahn und der. frühere Oberprästdent v. Kleist-Retzow.
Breslau, 16. September. In der Zeit zwischen 6 und 8 Uhr Morgens verhaftete heute die Polizei 26 hiesige Socialdemokraten, meistens Handwerker. Unter den Verhafteten befinden sich der Redacteur der „Reuen Well", Bruno Geiser, und der Redacteur des socialistischen Wochenblattes „Breslauer Volksstimme", der frühere Maurer Robert Conrad. Im Ganzen sind nur mehr 34 Personen wegen socialistischer Umtriebe verhaftet. Unter den acht bereits früher Verhafteten befindet sich bekanntlich auch der Reichstags-Abgeordnete Kräcker; der Proceß gegen diese findet Mitte October statt. (Fr. Ztg.)
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Corresponderrz - Bureau.
Berlin, 16. September. Im Nachbarorte Friedrichshagen stürzte heute Morgen das gesammte Innere des neuen Seitenflügels am Hauptgebäude der Gladenbeck'scben Zinkbronze-Gteßfabrik ein, fo daß nur die Umfassungsmauern stehen blieben. Von den sieben verunglückten Arbeitern ist einer tobt, einer tödtlich, die übrigen fünf sind weniger schwer verletzt.
München, 16. September. Die Kammer wählte Nachmittags einen Adretz- ausschuß von 21 Mitgliedern, darunter Bucher und Präsident v. Ow und überwies die Branntweinsteueroorlage auf den Vorschlag Marquardsen's einem Spectalausschuß, in welchem u. A. Gagern, v. Lerchenfeld, Lindenfels, Jäger, Oberstaatsanwalt Hauck und Landgerichtsrath Walter gewählt wurden.
Hamburg, 16. September. Graf Kalnoky, der gestern Abend in Friedrichc ruh eintraf, wurde von dem Reichskanzler, dem Grafen Herbert Bismarck und Herrn v. Rotlenburg empfangen und nach dem Schlosse geleitet, wo die Fürstin denselben begrüßte.
Wien, 16. September. Nach hen über die Cholera in Italien zugegangenen Nachrichten kamen in Rom vom 12. September bis 15. September incl. ob, in Messina vom 12. bis 15. September Vormittags 253 Cholerafälle vor, von letzteren waren 113 tödtlich.
London, 16. September. Das Parlament ist heute mit einer Thronrede der Königin vertagt worden, in welcher hervorgehobcn wird, daß die Beziehungen zu den auswärtigen Mächten fortdauernd freundschaftliche seien. Die Königin hostt, daß der Abschluß der Convention mit Rußland bezüglich der Nordgrenze von Afghanlstan, welche von dem Emir willig angenommen sei, noch mehr dazu bertragen werde, den Frieden in Centralasien dauernd aufrechtzuerhalten. Die Thronrede erwähnt sodann die Convention bezüglich Egyptens, die von dem Sultan nicht ratistcrrt worden ser.


