Ausgabe 
17.12.1887 Zweites Blatt
 
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Kr. 294 Zweites Blatt. Samstag den 17. December 1887,

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen.

äUi Schu-str°ß° 7. Erscheint .Lg.Ich mit Ausnahme des Montags. ö

Politische Ueberficht.

Gießen, 16. December.

Der erste Tag der Specialberathung der Reichstage« über die Kornzoll-Vorlage, bezüglich deren die Commisston zu keiner Verständigung zu gelangen vermochle, der Dienstag, führte bereits zu einem positiven Ergeb­nisse hinsichtlich der beiden wichligsten Positionen der Zollerhöhung für Roggen und Weizen. Für beide Getreidearlen schlägt die Regierung bekanntlich eine Zollerhöhung auf 6 JC. vor, während das Centrum und die Reichspartei durch die Abgg. Dr. Windthorst und v- Ow einen VermittelungS'Antrag eingebracht hatten, die Zollsätze auf 5 JC. festzusetzen. Die der Abstimmung vorangehende Debatte brachte zu der Kornzollfrage absolut nichts Neues mehr vor und all­seitig schien der Wunsch obzuwalten, endlich zu einer Entscheidung, gleichviel, wie sie falle, zu kommen; höchstens konnte noch der merkwürdige oratorflche Eiertanz interesstren, den Herr Dr. Windthorst ausführte, um seine widerspruchsvolle Haltung zu erklären, denn einerseits bekannte sich der Centrumssührer als theoretischen" Freihändler, während er anderseits eine Zollerhöhung beantragte. Bei der nun folgenden namentlichen Abstimmung wurden zunächst die Regte- rungssätze 6 JL Zoll für Roggen und Weizen mit 238 gegen 108 Stimmen abgelehnt; für dieselben stimmten die Conseroattven, die Polen und ein Thetl der Reichspartei. Alsdann genehmigte der Reichstag den Antrag Windthorst-Ow, den Zollsatz für Weizen auf 5 zu normiren, mit 227 gegen 125 Stimmen, wobei sich die Freisinnigen, das Gros der Nationall,beraten, die Soctaldemokraten und 5 Centrums-Mttglieder in der Minderheit befanden. Auch der weitere Antrag Windthorst-Ow, den Zoll für Roggen ebenfalls auf 5 Jl. festzusetzen, fand mit 213 gegen 126 Stimmen Annahme, wobei die Partei-Gruppirung im Allgemeinen dieselbe war, wie bei der vorhergegangenen Abstimmung; das Cemrum hat demnach den Ausschlag für die ermäßigten Zoll­erhöhungen auf Weizen und Roggen gegeben. Die für Donnerstag geplante dritte Lesung der Vorlage dürfte keinen besonderen Schwierigkeiten mehr be­gegnen. Für Freitag war die erste Lesung des neuen Wehrgeietzes in Aussicht genommen und am Samstag sollte noch die erste Lesung des verlängerten deutsch- österreichrschen Handelsvertrags oorgenommen werden und alsdann die Weih- nachtspause eintreten, welche bis zum 17. Januar dauern wird.

Der preußische Volkswirthschaftsrath hat seine Berathungen über die Grundzüge der Alters- und Invaliden Versicherung beendigt. Es sind aus dem Entwürfe eine Anzahl Schwierigkeiten befeitigt worden, welche der praktischen Durchführung der einzelnen Bestimmungen noch entgegenstanden, ohne daß jedoch tiefer einschneidende Veränderungen vorgenommen worden wären uno daß die Grundzüge der Alters- und Jnoalioen«Versicherung die prtncipielle Zu­stimmung einer Körperschaft gefunden haben, deren Mitglieder mitten im prakti­schen Leben stehen und den verschiedensten Ständen und Berussklaffen angehören, ist gewiß nur erfreulich. Wahrscheinlich werden jetzt die Grundzüge in der ver- «aderten äußeren Form, die ihm im Volkswirthschaftsrath gegeben worden ist, .unächst dem Bundesrathe wieder zugehen.

Der Landesverraths-Proceß gegen den bisherigen Kanzlisten im Bezirksprästdium de» Unter-Elf, Ca bann es, vor dem Reichsgericht fördert in seinem Verlaufe immer schwerer belastendes Material gegen den Angeklagten zu Tage. Derselbe hat in seiner dienstlichen Stellung eine sehr umfassende Thättgkeit entfaltet, um in den Besitz des von ihm nach Frankreich ausgelte- ferten Materials zu gelangen, sogar die Drucker ver Bezirksprästdien in Metz und Colmar wollte Cabannes verleiten, ihm wichtige und amtliche Actenstücke auszuliefern. Auch fand in der Dienstagssttzung des Gerichtshofes ein theil- weifer Ausschluß der Oeffentlichkeit statt, da besonders wichtige geheime Acten­stücke, die Cabannes ebenfalls an Frankreich verrathen, zur Verlesung gelangten.

In den obersten militärischen Kreisen Oesterreich-Ungarns ist man offenbar noch immer von Mißtrauen gegen die russisch-n Truppenver­schiebungen in Polen erfüllt. Am Dienstag hat in der Wiener Hofburg wie­derum ein längerer Kriegrrath unter dem Vorsitze des Kaisers stattgefunden, über dessen Beschlüsse indessen selbstverständlich nur Vermuthungen gestattet find. Auch geht in Wiener politischen Kreisen das Gerücht, es sei wegen der rusfi- schen Rüstungen zu ernsten Meinungs-Verschiedenheiten zwischen dem Letter des auswärtigen Amtes, dem Grafen Kalnoky, und dem Generalissimus der öster­reichischen Armee, Erzherzog Albrecht, gekommen. Es wird hierbei auf die zur felben Zeit aufgetauchte Meldung von der angeblichen Demission Kalnoky's ver­wiesen die das officiöseFremdenblatt" allerdings wiederholt dementtrt und auf pure Börsenmanöoer zurückgeführt hat. Meinungs-Verschiedenheiten über die angesichts des verdächtigen Verhaltens Rußlands zu ergreifenden Gegenmaß- regeln Oesterreichs können nun in den maßgebenden Kreisen des Donaustaates wohl entstanden sein, aber ebenso wahrscheinlich ist e», daß sie inzwischen wieder beiaelegt worden sind und letztere Auffassung würde durch die friedlichen Erklä­rungen, welche die russische Regierung in den allernächsten Tagen bezüglich der Truppenbewegungen in Polen zu veröffentlichen gedenkt, nur eine Verstärkung erfahren.^ neugewählte schweizerische Bundes-Versammlung nahm am Dienstag die Wahl der Bundesraths-Mitglteder für die neue drei­jährige Amtsperiode derselben vor; es wurden hierbei die sämmtlichen bisherigen Bundesräthe wiederum bestätigt. Es schloß sich hieran die Wahl des Bundes- Präsidiums für das Jahr 1888, wobei der Chef des Mllitär-Departements, Hertenstein, mit 145 von 155 Stimmen zum Bundes-Präfidenten und der Chef

des Finanz-Departements, Hammer, mit 125 von 144 Stimmen zum Vice- Präsidenten gewählt wurde.

In Stockholm ist eine allgemeine Ministerkrisis ausgebrochen. Sämmtliche Minister überreichten dem Könige ihre Entlassung; der Monarch ersuchte dieselben, vorläufig im Amte zu bleiben. Die Mmisterkrisis dürste mit den jüngsten Vorgängen in der inneren schwedischen Politik Zusammenhängen, die zur Cassation der in Stockholm gewählten freihändlerischen Reichstags-Abgeord­neten führten.

Universität- - Chronik.

Gießen, 16. December. Dem soeben zur Ausgabe gelangtenPersonal­bestand der Großh. Hessischen Ludewigsuniversität im Wintersemester 1887/88" entnehmen wir, daß an den Vorlesungen insgesammt Theil nehmen 535 Studtrende, worunter 22 nicht, immatrikulirte Hörer; gegen das Sommersemester bat sich der Bestand vermehrt Mn 88. Hiervon widmen sich dem Studium der Theologie 89, Rechtswissenschaft 79, Medicin 83, Thierheilkunde 30, Zahnheilkunde 2, Kameralia 30, Forstwissenschaft 44, Mathematik 24, classischen Philologie 33, neueren Philologie 20, Philosophie und Naturwissenschaften 24, Geschichte 2, Pharmacie 19, Chemie 34. Der Staatsangehörigkeit nach vertheilen sich die Studtrenden auf folgende Länder: Hessen 417, Preußen 57, Bayern 17, Baden 4, Reichslande 2, Sachsen-Gotha, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Hamburg und Bremen je 1, Braunschweig 3. Aus außer­deutschen Staaten studiren hier 1 Oesterreicher, 2 Engländer, 1 Russe und 1 Schweizer, aus außereuropäischen Staaten 3 Nordamerikaner. Von den Studirenden besitzen 355 Gymnasial-Malurität, 89 das Reifezeugniß einer Realschule 1. Ordnung, 48 das Reisezeugniß für ihr Studienfach, 30 wurden nach dem Ermessen des Rectors immatrikulirt. Die Zahl der akademischen Unterrichts-Institute beträgt 33, die Zahl der mit den Facultäten in Verbindung stehenden Prüfungscommissionen 7.

Alles mit Maß

E. C. Von der Mäßigkeit, soweit sie sich auf das Trinken bezieht, ist heut zu Tage so viel die Rede, daß man meinen sollte, alle Uebel der Welt seien aus diesem einen Punkte zu kuriren. Die Natur ist eine strenge Meisterin und unerbittlich theilt sie das bestimmte Strafmaß aus; kein Richter unter den Menschen könnte dem un­verbesserlichen Trunkenbolde eine härtere Strafe auferlegen, als er durch die natürliche Folge der Trunksucht, den Säuferwahnsinn, erleiden muß. Aber nickt allein diese Art der Unregelmäßigkeit rächt sie an ihren Geschöpfen; sie ist die Feindin jedes lieber: maßes, jeder Uebertreibung, und so wollen wir denn nicht sowohl von der Mäßigkeit in ihrer gewöhnlichen Bedeutung, als von der Mäßigung in allen Dingen sprechen.

Man pflegt nicht viel auf das Urtheil Solcher zu geben, die sich gewohnheits­mäßig in übertriebener Weise äußern, denen Worte, wie herrlich, prachtvoll, großartig, oder auch greulich, schauderhaft, niederträchtig, stets auf der Zungenspitze schweben. Bei Klatsch- und Sensationsgeschichten muß man immer erst nack dem Körnchen Wahrheit unter dem Wust von Zuthaten suchen. Das Fraubasengeschwätz über eine angebliche Mißgeburt, wie es der alte Gellert beschrieb, behält noch immer seine Naturtreue.

Erst hat das Kind nur Hasenohren,

Frau Orgon schenkt ihm darauf noch einen Pferdefuß, Allein Lucinden ist's noch viel zu schön geboren, Und weil sie was verbessern muß, Thut sie dem Kinde den Gefallen

Und gibt ihm noch an beide Hände Krallen.

Wenn wir nur in Worten mehr schonend, vorsichtig und gemäßigt sein wollten, das würde den Frieden auf unserer lieben Erde so mächtig befördern. Die magnetische Kraft, welche augenblicklich so viel erwähnt wird, zeigt sich hauptsächlich in der Art und Weise unseres sprachlichen Verkehrs mit den Nebenmenschen, wenn sie aufrichtig, freundlich, maßvoll ist; sie wird nur zu selten angewendet, es besitzt Jeder etwas davon. Viel mehr zeigt sich das Abstoßende in der Rede. Da kränkt die üble Laune, verletzt die Schmähsucht, erbittert die Streitlust, zerschmettert und reizt der Zorn und all' diese üblen Eigenschaften verstärken sich noch bet dem Aufgeregten gerade durch dre un­gemessene Art, in der sie sich äußerl. Wie wird da alle Würde bet Sette gesetzt. Shakespeare vergleicht die von Leidenschaften heftig bewegte Frau mit einer von Grund aufgewühlten Quelle:

So trübe, schlammig, aller Schönheit bar,

Daß auch der Durstigste nicht trinken möchte.

Was in solchem Zustande gesprochen wird, mag wohl manchmal nachher schwer auf Herz und Gewissen fallen; man soll sich lieber bei Zeiten des Spruches erinnern. Haltet Maß in allen Dingen. Auch geistige Thätigkeit, hohes Streben darf nicht so über das Maß gehen, daß das Gleichgewicht der Kräfte dadurch geftort rotrb, benn das Aufgehen in einer Lieblingsidee kann zur Manie werden ; traurige Betfpiele davon finden sich in der Geschichte berühmter Maler, Dichter, Musiker Gelehrten und Wel - verbesserer, so daß sich am Ende die Mittelmäßigkeit noch glücklich schätzen mag, weil ihr die gefährliche Gabe des Genies nicht verliehen wurde^ Solche zerstörte geistige Größen flößen aber immer noch mit Bedauern vermischte Verehrung ein; wie anders wirkt auf uns das Schicksal eines im Strudel ungebandigter materieller Genüsse zu Grunde gegangenen Menschen!

Da wurde kürzlich in den Straßen von Paris ein noch lunger geisteskranker Mann aufgefunden und in eine Irrenanstalt gebracht. Diesemi jun gen ORenli^en ftanb von der Kindheit an Alles unumschränkt zu Gebote, was für Geld -u haben ist- Als sein Vater starb, ging er nach Paris und in kurzer Zeit war auch der letzte Rest des großen Reickthnms in wüster Schwelgerei durchgebracht. Er hat Alles verloren, Eltnm und Geschwister, Ehre, Besitz und Gesundheit und.zuletzt auch dm Verstand Auf den Wogen des Lebens war sein Schill schwankt ohne Steuer und Oompatz von Pflichtgefühl und Selbstachtung, ohne den Ballast.einesiBeruflsvM Sorge und Arbeit, und gänzlich in Trümmer gegangen. Wie sehnt sich so Mancher na« oem Uedermaße des Reichthums und meint dadurch be ferer

nicht den Segen, der in der Beschränkung der Wunsche liegt. Noch ist MniWrer Weg zu einem langen und zufriedenen Leben gefunden der daß w r das N-cht Erkannte nach Maß unserer Körper- und Getsteskraste tyun uno ernrrvcr, »orSegenb fmnlidjen B-hag-n biejemgen greuben normen, an w-lch-n bte E--I- theilnehmen kann.