Ausgabe 
17.9.1887
 
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«r. 216, Samstag den 17. September 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Nr. 36 der Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 12. d. M., enthält:

(Nr. 1747.) Verordnung, betreffend die Besteuerung der Branntweins im Großherzogthum Baden. Vom 9. September 1887.

Gießen, den 15. September 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 16. September.

Die Kaisertage von Stettin nehmen einen überaus glanzvollen Verlauf und geradezu enthustastisch lauten die hierüber eingehenden lelegraphi- schen und brieflichen Berichte. Der Empsang, den vor Allem der Kaiser selbst überall, wo er sich zeigte, bei der Bevölkerung findet, kann an Herzlichkeit wie an Begeisterung unmöglich übertroffen werden und das ganz ausgezeichnete Be­finden des greisen Monarchen ist nur geeignet, die allgemeine Festesfreude der wackeren Pommern zu erhöhen. Den Mittelpunkt des militärischen Theiles der Stettiner Kaisertage bildete die am Dienstag auf dem Krekower Felde stattge- sundene große Parade oes 2. Armee-Corps, die nach allen Seiten hin hochbe- friedigend ausfiel. Die Truppen befilirten zwei Mal vor dem allerhöchsten Kriegeherrn vorüber, wobei Prinz Wilhelm das Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (1. Pommersches), Generalfeldmarschall Gras Moltke da» berühmte Kolberg'sche Grenadier-Regiment dem Kaiser vorsührten; bei dem Vorbeimarsch des Kürassier-Regiments Königin verließ der erlauchte Monarch seinen Wagen, ging zu dem Wagen der Kaiserin, salutirte und blieb neben demselben stehen, bis die Kürasfiere vorbeidefilirt waren eine hohe Auszeichnung sür dieses Regi­ment. Während des ganzen Vorbeimarsches der Truppen, der über 2 Stunden dauerte, blieb der Kaiser fast ununterbrock»en in seinem Wagen stehen; nach der Parade fuhr er auch noch die Front der 200, aus ganz Pommern Herbetgeeilten Kriegervereine ab, trotz dieser Anstrengungen ist dem Kaiser die Parade vor­züglich bekommen. Unter den Festlichkeiten in der Stadt Stettin ist die am Donnerstag stattgesundene allgemeine und prachtvoll ausgesallene Illumination hervorzuheben. Ein leiser Schatten fällt nur dadurch auf die Stettiner Festes­freude. daß der erlauchte Statthalter von Pommern, Kronprinz Friedrich Wilhelm, sehlte, aber wohl mögen die Gedanken des hohen Herrn, trotz seines Ausenthaltes fern in Tyrol, in diesen Tagen bei seinen treuen Pommern weilen.

Von den Vorarbeiten für die kommende Herbst- und Wintersession des Reichstages ist noch immer nicht viel zu spüren,- ja, bezüglich des Altersversorgungs-Gesetzes wird jetzt sogar eine Verschleppung con- statirt, woran der Gesundheitszustand des Staatssecretärs v. Bötticher Schuld fein soll- Herr v. Bötticher wird selbst nach Beendigung der ernsten Kur, der er sich zur Zeit in den böhmischen Bädern unterzieht, sich noch nicht sogleich den laufenden Geschäften mit voller Kraft widmen können und gerade die Leitung der BundesrathL-Verhandlungen über den AltersversorgungS'Gesetzentwurf soll sich der Staatssecretär speciell Vorbehalten haben. Falls es nicht möglich sein würde, eine Persönlichkeit, welche die vorliegende Materie beherrscht, Herrn v. Bötticher zur Unterstützung beizugeben, so wäre allerdings eine bedauerliche Pause in den Vorarbeiten zu dem genannten hochwichtigen Gesetzentwürfe nicht zu vermeiden.

Unmittelbar hintereinander find die Landtage Württembergs und Bayerns zusammengetreten jener am Dienstag, dieser am Mittwoch um zunächst Beschluß über den Beitritt Württembergs, resp. Kaperns zum Reichsbranntweinsteuer-Gesetz zu saffen. Rach der infbeiden Land­tagen obwaltenden Stimmung ist die Annahme der bezüglichen Regierungs- Vnlagcn nicht im Geringsten zu bezweifeln und da inzwischen der Anschluß Ladens an die norddeutsche Branntweinsteuer-Gemeinschaft bereits erfolgt ist, ft wird in wenigen Tagen die Ausdehnung der Branntweinsteuer-Reform aus Süddeutschland zur Thatsache geworden sein; es wird demnach das Brannt­weinsteuergesetz sür das ganze Reich in Kraft treten können, Uebrigens hat der Zusammentritt des bayerischen Landtage- in der zweiten Kammer zur Bil­dung einer neuen Fraktion geführt, die den NamenFreie Vereinigung" trägt und zu welcher neben den beiden gemäßigt-klerikalen Abgg. Dr. Rittler und Dr. Bucher die fünf conservativen Abgeordneten gehören. Die neue Frak­tion zählt demnach nur 7 Mitglieder, aber da sich in der bayerischen Abgeord­netenkammer Liberale und Klerikale in nahezu gleicher Stärke gegenüberstehen, so wird die neue Fraktion bet wichtigen Entscheidungen das Zünglein an der Waage bilden und hierin liegt ihre Bedeutung.

Dis Flotten-Manöver in der Nordsee haben Anfangs dieser Woche ihr Ende erreicht, was für den erlauchten Gast des diesjährigen Manöver- Geschwaders, den Prinzen Ludwig von Bayern, Veranlassung gewesen ist, sich von der Flotte zu verabschieden und nach München zurückzukehren. Der baye­rische Thronfolger hat sich durch seine Theilnahme an den Flotten-Manöoern in der Ostsee wie in der Nordsee ein bleibendes Andenken in unseren Martnekreisen ^sichert und allseitig herrscht daselbst der Wunsch vor, den bayerischen Fürsten­sohn, der ein so eingehendes Interesse sür die Entwickelung der heimischen Kriegsmarine bekundet und außerdem sich persönlich von so gewinnendem Wesen erweist, auch bei den nächstjährigen Flotten-Uebungen wiederum als Gast be­grüßen zu können. I

Die jüngste Auslassung derNordd. Allg. Ztg." zur b ul gar. Frage betr. dieMission Ernroth", wird in demJournal de St. Pötersbourg", wie nicht anders zu erwarten stand, mit Dank qutttirt. Der ganze Ton der Peters­burgerQuittung" bezeugt, daß zwischen Deutschland und Rußland in der Be­handlung der bulgarischen Angelegenheiten fortgesetzt Einigkeit herrscht und vielleicht darf man in der Ernennung des russischen Botschafters am Berliner Hofe, Grafen Schuwaloff, zum General der Infanterie einen neuen Beweis hiecsür erblicken. Trotzdem steht kein ernsthafteres Vorgehen beider Mächte gegen Bulgarien zu erwarten, um so weniger, als hier die Dinge von selbst einer sichtlichen Krisis zutreiben. Die jüngsten Meldungen über Straßen- Demonstrationen in Sofia, welche sich zwar gegen die Gegner des Fürsten Fer­dinand richten, die aber immerhin ein Symptom für die bedenklichen Zustände in Bulgarien sind, deuten genugsam auf die neue Krisis hin. Immer fchärfer vollzieht sich die Scheidung zwischen den von Radoslawoff, Karaweloff u. f. w. geführten bulgarischen Oppositionsparteien einer- und der sich um den Cabtnets- Chef Stambuloff fchaarenden Nationalpartei anderseits und wenngleich die letz­tere einstweilen noch die Sympathien der Mehrheit der bulgarischen Nation besitzt, so muß diese Spaltung unter den Bulgaren schließlich doch auf die Stellung der Regierung des Fürsten Ferdinand nachtheilig zurückwirken und dann wird der Zeitpunkt gekommen sein, wo die russischen Jntriguen aufs Neue mit Aussicht auf Erfolg einsetzen können.

Die croatischeRadaupartei hat einen empfindlichen Schlag erhalten. Ihr Haupt und Führer, der Landtags-Abgeordnete David Starcsevics, wurde wegen einer Reihe von Betrügereien zu 6 Jahren schweren Kerker und Verlust des Doctortitels und der Advocatur verurtheilt.

Im ungarischen Honved-Ministerium sind großartige Defrau­dationen entdeckt worden, in Folge dessen verschiedene daselbst beschäftigte Officiere verhaftet wurden.

Der fürstliche Familientag auf Schloß Fredensborg, der mehr als 30 fürstliche Persönlichkeiten umschließt, neigt sich seinem Ende zu. In kommender Woche wird zuerst das englische Thronfolger-Paar mit feinen Kindern das gastliche Heim von Fredensborg verlassen, dann gedenken die griechi­schen Herrschaften abzureisen und Ausgangs September wird auch der Czar mit seiner Familie nach Gatschina, resp. Petersburg zurückkehren, womit die fürstliche Familien-Jdylle am dänischen Königshofe für diesmal wiederum vorüber sein wird. Daß der Czar noch nach Stettin kommen werde, um Kaiser Wilhelm zu begrüßen, gilt jetzt in Kopenhagener Hofkreisen als vollständig ausgeschlossen.

Die MobtlisirungSposse im südlichen Frankreich ist zu Ende. Die Schlußscene bildete die große Revue des 17. Armee-Corps am Dienstag, die nach französischen Berichten natürlich in jedem Thetle hochgelungen ist. Die Komödie dürfte indessen für die französischen Steuerzahler noch ein unangeneh­mes Nachspiel haben, denn es heißt, daß die Probemobilifirung die angefetzte Kostensumme von 8 Mill. Frcs. bedeutend überschritten habe.

Jeder Tag bringt jetzt aus Irland die Kunde von mehr oder minder ernsten Vergehen gegen die öffentliche Ordnung. So kam es Montags Nachts in dem Dorfe Ballyponeen bei dem bekannten Mitchelstown zu einem Zusam­menstoß zwischen einem Volkshaufen und der Polizei, doch wurde Niemand ver­wundet. Die irische Opposition im Unterhause, zum Theil von den Gladstonia- nern unterstützt, hat natürlich versucht, die jüngsten Vorgänge in Irland gegen das Ministerium Salisbury auszubeuten, doch wurden die bezüglichen Angriffe von den Regierungs-Vertretern entschieden zurückgewiesen. Der Schluß des Parlaments erfolgt an diesem Freitag.

Die Lage in Afghanistan scheint doch nicht so günstig zu sein, wie sie englische Berichte schildern. Der afghanische Thronprätendent Ejub Khan ist nicht aus persisches Gebiet zurückgeflohen, sondern weilt noch aus afghanischem Boden, unweit Herat, wo der Prätendent viele Anhänger hat. Ferner hat zwischen ten Truppen des Emirs Abdurrhaman und den Ghilzai-Jnsurgenten wieder ein Gefecht mit noch unbekanntem Ausgange stattgefunden. Der Auf­stand der Ghtlzais ist also noch keineswegs unterdrückt. __

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. (Korrespondenz - Bureau.

Berlin, 15. September. DerNordd. Allgem. Ztg." zufolge ist der Staats­secretär des Auswärtigen, Graf Herbert Bismarck. in Friedrichsruhe /^getrosten und wird vor Ablauf dieser Woche die Geschäfte des auswärtigen Amtes tu -öerlm übernehmen. , . ~ -c

DieNordd. Allgem. Ztg." theilt mit, die Nachricht derFranNurter Zeitung" vom Tode des Geheimen Legationsrathes Bülow in Stettin beruhe auf

Nürnberg, 15. September. Das Antwort - Telegramm des Kaisers an die Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins lautet: Tief gerührt von der Huldigung, welche mir von der Hauptversammlung durch das gestrige Telegramm in so warmen