Zweites Blatt.
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H err Katkow, der bekanntePanslavistenführer, über deffen Erkrankung jüngst verschiedene Mittheilungen durch die Presse gingen, soll nicht von einem Schlagflusse betroffen worden sein, sondern an Geisteszerrüttung leiden. Er beftndet sich auf seinem Landgute Snamenskoje bei Moskau in sorgsältigster Behandlung.
Die langen Debatten der englischen Parlaments über die irische Strafrechtsbill sind zwar mit Annahme der letzteren zum Abschluß gelangt, aber die Hauptschwierigkeit bleibt noch bestehen, die Bill nämlich nun auch praktisch durchzuführen. Das wird freilich ein hartes Stück Arbeit werden, denn die Parnelliten sollen ein wohldurchdachter System zur Vereitelung der Anwendung der Strafrechtsbill vorbereiten, was wahrscheinlich zur Folg- Haben wird, daß der Kampf zwischen der Staatsgewalt uud der parnellitischen Rationalparter in dem unglücklichen Irland mit all' seinen entsetzlichen Auswüchsen wieder voll entbrennen wird.
Von der französischen Deputirtenkammer sind die Ferron- schen Militärvorlagen, welche sich auf die Bildung von vier neuen Cavallerie- Regimentern und achtzehn fogenannten RegionabJnfanterie-Regimentern beziehen, nach einem sehr abgekürzten Berathungsverfahren am Mittwoch angenommen worden. Es bleibt von Vorlagen nur noch der Entwurf über die directen Steuern zur Diskussion übrig und wird nach deffen Erledigung der Schluß der Session erfolgen.
In der Weiterentwickelung der bulgarischen Frage ist nach der Wahl des Prinzen Ferdinand von Coburg zum Fürsten von Bulgarien wiederum ein vorläufiger Stillstand eingetreten. Zunächst ist noch gar nicht bekannt, ob die Deputation des Bulgarenvolkes, welche dem Prinzen Ferdinand die osficielle Nachricht von seiner Wahl nach Schloß Ebenthal überbrachte, von dem neuesten Erkürten der Bulgaren eine bestimmte Zusage erhalten hat; bis dahin werden auf all' die über angebliche Erklärungen des „Coburgers umlaufenden Gerüchte mit großer Vorsicht auszunehmen sein. Dann aber liegt auch eine osficiöse Petersburger Kundgebung vor,, welche em abermalrges Versuchsstadium der bulgarischen Angelegenheit in Aussicht stellt. Das „Journ. de St Petersb" bezeichnet tue Wahl des „Coburgers" als unfruchtbaren Act der im Sterben begriffenen Regentfchast. Wenn derselbe die Lösung der bulgarischen Schwierigkeiten nicht herbeiführe, fei doch zu hoffen, daß er auch nicht weit-ve Complicationen unter den Mächten veranlaffe. Rußland werde aus seiner alten Verhaltungslinie bleiben. - Da werden sich also die Bul- garen auch weiter noch allein helfen müssen.
Wochen«Ueberflcht. i
Gießen, 16. Juli.
gewohnter Weise hat Kaiser Wilhelm auch diesmal auf der Wei- non §ms nach Gastein, nachdem er noch seiner erlauchten Gemahlin in £? Sommer-Residenz Koblenz einen Besuch abgestattet, auf Mainau Eon «-macht. Im besten Wohlsein und anscheinend durch die lange Eisen- ^.Nachtfahrt von Koblenz nach Constanz nicht im Geringsten angegriffen, L-t der Hohe Reisende am Donnerstag Vormittag auf Mainau, lenem rdyllr-
Deckchen Erde im Bodensee, ein, um hier im trauten Kreise der Großh. oLiL Familie wahrscheinlich bis zum Montag zu weilen. An letzterem e aesadite der Kaiser die Weiterreise Über Lindau sorlzusetzen und sollte in »em genannten bayerischen Bodensee-Städtchen die Begegnung mit dem Prinz- »menten Luitpold erfolgen.
6 M England wird die am Mittwoch erfolgte Ueberstedelung de» neulichen Kronprinzen nach der Insel Whigt gemelvet, woselbst die krön- Minzlichen Herrschaften auf Schloß Rorrir, dem Herzog von Bedford gehörig, m dem Flecken Ost. Tower Wohnung genommen haben. Die u-berfahrt von Loitsmoulh nach Whigt, welche auf der königlichen Dacht „Victoria and Albert «r sich ging, war von einem kleinen Unfall begleitet, indem die „Victoria and Ulbert" in Folge einer mißverstandenen Signals mit dem Transport-Dampfer Soules" zufammenstieß; trotz der hierbei erlittenen Befchüdigungen vermochte :!ie Yacht jedoch die Reife fortzufetzen. „ ...
Die „stille Jahreszeit" ist nunmehr im vollen Umfange in die nnere Politik eingezogen und nur selten noch entquillt dem politischen Neuigkeit s quell auf diesem Gebiete eine einigermaßen bemeikenSwerthe Nachricht. Wr diesmal ist als solche nur die signalistrte Abgabe des preußischen Handels- Miuisteriums seitens des Fürsten Bismarck zu verzeichnen, die an und für ssch allerdings als ein gerade nicht unerwartetes Ereigniß kommt. Denn Fürst Sirmarck ist in den letztcn Jabren durch bte umfassenden Geschäfte als Reichs- lkanzler und preußischer Miniftirprästdent dermaßen in Anspruch genommen norben, daß er sich der Leitung des Handels-Ministeriums immer weniger widmen konnte; thatlächlich sührte auch Herr v. Bötticher, der Staatssecretär iim Reichsamte des Innern, schon seit längerer Zeit die meisten Geschäfte des rpreußischen Handels-Mimsteriurns. Dieser Umstand mag wohl mit zu dem Gerüchte Veranlassung gegeben haben, Herr v. Bötticher werde dlfinitiv das Handels« Ministenum übernehmen, was aber schwerlich der Fall sein dürfte, denn er hat mit seinem Posten als Vorsitzender des Bundesrathes und namentlich als «Chef des schwierigen Reichsamtes des Innern ohnehin schon genug Arbeitslast. !Das Wahrscheinlichste ist, daß eine frische Kraft zur selbstständigen Führung des .Handels«Ministeriums berufen weiden wird, nur dürfte die Personenfrage noch nicht sogleich Erledigung finden; denn gerade jetzt fleht mit dem abzuschließenden deutsch - österreichischen Handelsverträge ein Gegenstand von hoher handelspolitischer Bedeulurg auf der Tagesordnung. Der Vertrag wüd aber von entscheidender Wichtigkeit für die Gestaltung unserer handelspolitischen Beziehungen zu verschiedenen anderen Ländern sein und hieraus erhellt, wie bedeutungsvoll die Wahl einer geeigneten Persönlichkeit für das Ressort des preußischen Handels« MinlstenumS unter den angedeuteten Umständen ist.
Aus militärischen Kreisen verdient die Commando-Riederlegung des Prinzen Heinrich von Hessen, Commandeurs der hessischen Division, erwähnt zu werden. Zum Nachfolger des Prinzen, welcher die Führung der hessischen Division seit 1879 hatte, ist bekanntlich General-Major v. Wißm ann, Commandeur der 1. Garde-Jnfankerie-Brigade, ernannt worden.
Der an Stelle Rhangabe'S zum Gesandten Griechenlands am Berliner Hofe ernannte frühere Deputirte Vlacho's ist in Berlin zur Uebernahme feines Postens ein getroffen.
Im Gegensätze zu den innerpolitisch en Angelegenheiten will sich der Hochsommer mit seiner herkömmlichen Ereignißlosigkeit noch immer nicht in der hohen Politik zeigen. Ja, gerade jetzt beginnt sich der euro- päische Horizont wieder zu bedecken, und zwar sowohl hinsichtlich der orientalischen Krisis, welche durch die Vorgänge in Sofia aufs Neue „aufgefrischt" worden ist, als auch bezüglich des deutsch«französischen Verhältnisses. Das letztere nimmt sich sogar ernster aus, als die Dinge auf der Balkan-Halbinsel uni) die Sprache, welche die Berliner Osficiösen gegen Frankreich führen, giebt sehr, sehr viel zu denken. Eist dieser Tage wieder beschäftigte sich ein hoch- Wciöser Artikel der „Berl. Polit. Nachr." mit der jenseits der Vogesen zum förmlichen System herausgebildeten Deutschenhetze und ließ durchblicken, daß diese fortgesetzten Herausforderungen Deutschlands seitens seines westlichen Nachbarn Mu führen würden, daß man in Berlin schließlich alle und jede Rücksicht bei $"te setzen werde. Der erwähnte Artikel der „Berl. Polit. Nachr/ berührt auch die deutsch-russischen Beziehungen und bemerkt, daß die Polemik über die Werthanlagen beweise, wie man deutscherseits sest entschlossen sei, den von Rußland ongebotenen Kamps auf handelspolüischem Gebiete aufzunehmen und aus der bisherigen Defensive zum Angriff überzugehen. Diese Sprache eröffnet eben* >aus merkwürdige Perspectiven, zumal man rusfischerseits mit den Chikanen Ren da» Deutschthum sortfährt. Unter diesen Verhältnissen erregt der von tor deutschen Regierung gegen die „Nowoje Wremja" wegen Beleidigung de» Militärbevollmächtigten v. Villaume eingeleitete Preßproceß ungewöhnliches Interesse und sein Verlaus wird vielleicht die auch im Czarenreiche gegen Deutsch- wnb herrschende Stimmung in charakteristischer Weise widerspiegeln.
Heidelbeerweine.
Die Noth die alte Lehrmeisterin des Menschengeschlechts, hat wieder einmal einen Fortschritt der Technik hervorgetrieben, der nicht blos eine reiche Quelle des Genußes bietet, sondern auch den ärmsten Bevolkerungsschichten lohnenden Erwerb verschaffen und dem Branntweingenusse allmälig das Feld streitig machen kann.
Schon sehr lange hat man bekanntlich aus Aepfeln, anderem Obst und den verschiedensten Beeren ein mehr oder ^1^^erJ^^madbaftc§ n)etncirttgc§ ©etranf feitet. Einige dieser Flüssigkeiten, vor Allem der Aepselwem (Eider), haben sich auch wohl in den Großhandel eingeführt, sind jedoch nirgends in den eigentlichen Massen verbrauch vorgedrungen. Dazu im höchsten Maße befähigt ist allem Anscheine nach,d^ Heidelbeere (auch Schwarz-, Taub-, Blaubeere, Besinge genannt; Vaccimum MyrbUus). © e stellt sich in diesem Betracht als die vornehmste aller Beeren dar, eben weil sie die mindest vornehme ist, in den unfruchtbarsten, ärmsten Gel irgs- und Waldgegenden in gewaltigen Massen wächst, keiner Cultur von Menschenhänden bedarf und von Kindern, Gebrechlichen und zu anderer Arbeit Unfähigen gesammelt werden kann. Wohl Hunderttausende von Flaschen „Bordeaux" sind in Deutschland getrunken worden, we cher wesentlich oder ganz aus Heidelbeeren, z. Th. aus Deutschland bezogenen, bereitet wurde. Belag: Die amtliche Statistik weist nach, daß die Production von Traubenwe n Frankreichs seit II Jahren durch die Verwüstungen der Reblaus von rund 83 aus 20 Millionen Hectoliter gesunken ist, dennoch ist sowohl der ^ländische D^ehr w e
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Dr. B. Lepsius, ist es jedoch nunmehr gelungen, aus der so
Getränk herzustellen, welches dem Bordeaux sehr ähnlich fchmeckt, ersrischenb und belebend wirkt und überdies, gehörig ausgegohren und abgelagert, der Gesundheit zuträglich ist, auch als Mittel gegen Dyssenterte, Magen- und Darmcatarrb, Brechdurchfall dient. So hat denn der Heidelbeerwein bereits begonnen, in staatlichen und städtischen Krankenhäusern Verwendung zu finden, wird auch als Genußmittel, B. in der Kaiserlichen Marine, in Militär-Restaurants und anderen Anstalten benU%er größt-, -°n ben obengenannten Autoritäten empfohlene, mehreren Aus- stellunaen vreisgekrönte Producent ist zur Zeit I. Fromm in Frankfurt a. M. größe/die Ausbreitung und der Consum dieser Weine wird und k mehr diese reinen deutschen Beerweine überall sich Eingang verschaffen, um so billiger werden dieselben bQnn bSftwüÄmeTt»ä"e Ä, daß überhaupt die Pr°duett°nvon Obst- und Beerenweinen immer mehr bei uns in Aufnahme käme, damit den elender, „Kuns - weinen" und den schweren, schädlichen Gettanken das Feld'
Der Erfolg hängt natürlich ab oon richtiger Sortenwahl, sowie von gefchtmer iea> und kaufmännischer Behandlung. _ —
Vermischte». „ q„ ,ufoIoe
- sHohes Arzt - £>onotar.] Dr Morell Mackenzie hat^^^ Guineen dem Kronprinzen für die beiden ®efuc6e, die er in, »et Rücksicht auf
(52,500 JL) in Rechnung gestellt- Rach englischen B-gristen M d rotnt8.
des Patienten hohe Stellung nicht gerade zu viel, aber freu,« auu,
jljf 163 ^werres SvNNtag den 17. Juli 1387,
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.


