Ausgabe 
16.7.1887
 
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Samstag den 16. Juli

1887.

Ar. 162

für dm Kreis Gießen.

Amts- und

Vureanr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

rcid vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

>urch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

BetreffendSterblichkeits-Statistik. Gießen, am 15. Juli 1887.

Das Großherzogliche Kreis-Gesundheitsamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien Nödgen und Steinheim.

Wir ersuchen um umgehende Einsendung der Sterblichkeitsnachweise für die Monate Mai und Juni d. I., beziehungsweise nur für letzteren. Dr. Köhler.

Politische Ueberficht.

Gießen, 15. Juli.

Seit Donnerstag ist Kaiser Wilhelm der Gast der Großh. Badischen Familie auf der idyllischen Bodensee-Jnsel Mainau, der bevorzugten Sommer- Meggiatur der Badischen Herrschaften. Hier gedenkt stch der greise Monarch »in den Anstrengungen der langen Eisenbahnfahrt von Koblenz nach Constanz tUls einige Tage auszuruhen, um, soviel bis jetzt seststeht, am 18. Juli die Äckerreise nach Gastein anzutreten. An letztgenanntem Tage wird der Kaiser fiine bereits stgnalistrte Zusammenkunft mit dem Prinz-Regenten Luitpold ron Bayern in Lindau haben, welches Städtchen diesmal zum Orte der Begegnung beider Fürsten gewählt worden ist, um dem Kaiser die Anstrengungen, Mche sür ihn ein Rendez-vous mit dem Prinz-Regenten in der Hauptstadt München immerhin zur Folge haben würde, möglichst zu ersparen. Die Lin- icauet Zusammenkunft selbst wird, ohne daß man ihr gerade einen politischen Charakter unterzuschieben braucht, als ein abermaliger Beweis der zwischen Den □Öfen von Berlin und München bestehenden ausgezeichneten Beziehungen wie tzeciell der fortvauerndern persönlichen Freundschaft zwischen dem erlauchten Schirmherrn des Reiches und dem fürstlichen Verweser Bayerns zu gelten scheu.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist Anfangs dieser Woche von seinem lauenburgischen Tusculum Friedrichsruhe wieder in Berlin eingetroffen mnd man wird wohl nicht sehr fehl gehen, wenn man die Rückkehr des leitenden Staatsmannes nach dem Mittelpunkte der politischen Geschäfte mit der allmälig Mieder verwickelter gewordenen Weltlage mehr oder weniger in Zusammenhang bbrtngt. Nur darüber dürften noch Zweifel herrschen, ob die Wiederanwesenheit wes Kanzlers in Berlin als ein beruhigendes oder aber bedenkliches Zeichen zu kbetrachten ist. Petersburger Privatmeldungen wollen wiffen, daß Rußland doch wicht ganz unbedingt gegen die Erhebung des Prinzen Ferdinand von Koburg Wm Fürsten von Bulgarien sei und daß man von der vermittelnden Thätigkeit Les Fürsten Bismarck schließlich einen Ausgleich in der bulgarischen Frage srhoffe. Demnach würde die Rückkehr des Reichskanzlers aus Friedrichsruhe mit der Wiederaufnahme seiner Rolle alsehrlicher Makler" Zusammenhängen Md bei dem ausgeprägten Fciedenszuq, welcher durch die deutsche Gesammt- rpolitik geht, erschiene eine derartige Auffaffung wohl nicht als unberechtigt. Bei aen zweifelhaften Erfahrungen, welche unser Reichskanzler bei Ausübung seiner Rolle als europäischer Vermittler gemacht hat, wird er sich diesmal freilich Ktntger Zurückhaltung befleißigen, trotzdem steht zu hoffen, daß auch jetzt wieder Me zu erwartenden Bemühungen der Deutschen Politik zur Erhaltung des euro- Mchen Friedens von Erfolg gekrönt werden. Neben den auswärtigen Angele- Mheiten werden wohl auch verschiedene Vorgänge der inneren Politik die 'Mmvärtige Anwesenheit des Fürsten Bismarck in der Reichshauptstadt mit veranlaßt haben, in erster Linie die Abgabe des zeither von ihm mit verwal­teten preußischen Handels-Ministeriums. Reben seinen Aemtern als Kanzler des Ruches unv preußischer Ministerpräsident sührt Fürst Bismarck seit 1880 auch oie Geschäfte als preußischer HanvelS'Minister, da sich für diesen Posten nach

Übertritte des Herrn v. Hofmann in Den reichsländischen Dienst nicht igleich eine geeignete Persönlichkeit finden wollte. Der Kanzler empsand aber mehr und mehr die Last dieser verschiedenen Aemter und so hat er sich denn M entschlossen, das preußische Handels-Ministerium abzugeden; wahrscheinlich wird der Slaatssecretär im Reichsamte des Innern, Herr v. Bötticher, diesem '"effort mit vorstehen, lieber die Kissinger Badereise des Reichskanzlers find M immer bestimmtere Mtttheilungen abzuwarten.

General-Major v. Wißmann, Commandeur der 1. Garde-Jnf.-Brigade, p die einstweilige Führung der Großh. Heff. Division erhalten, deren bisheriger pmmanbeur, Prinz Heinrich von Hessen, bekanntlich das Commando niederge- ^3t hat. Außerdem ist Oberst Gras Finck v. Fincken stein, Flügeladjutant Oes Kaisers und Commandeur des 2. Garde-Regtments z. F., unter Belastung m diesen Stellungen, zum Jnspector der Jäger und Schützen und Commandeur 868 reitenden Feldjäger-Corps ernannt worden.

Die Würzburger Landtagswahl ist noch immer unentschieden, «uch die Wahl vom Montag hat wiederum Stimmengleichheit ergeben, 44 St. W den klerikalen Candidaten Stamminger und 44 St. für den liberalen Can- pmaten Regierungsrath Burkhardt, welcher an die Stelle des Herrn v. Stauffen- t3r9 getreten ist. Die nächste Wahl ist nunmehr auf den 27. d. Mts. anberaumt Horden; die bayerische Regierung scheint wirklich kein Mittel zur Verfügung zu urden, diesem seltsamen Schauspiele ein Ende zu machen!

Das bayerische Budget für die nächste Finanzprriode läßt die Finanz­tuge Bayerns in sehr günstigem Lichte erscheinen und um so ungehinderter

dürfte sich daher auch der Anschluß Bayerns an die norddeutsche Branntwein­steuer-Gemeinschaft vollziehen.

Die französische Deputirtenkammer hat es sehr eilig mit der Berathung der Vorlagen des Kciegsministers Ferron über die Errichtung neuer Kavallerie'Regimenter und über die Organisation der Infanterie, indem schon am Mittwoch die Verhandlungen über diese Vorlagen begannen.

Die Gerüchte, wonach die englische Diplomatie ihr Spiel in Konstantinopel wegen der egyptischen Convention Rußland und Frankreich gegen­über verloren habe, scheinen wirklich nicht unbegründet zu sein. Wenigstens läßt die Mittheilung Ferguston's im englischen Unterhause, der Sultan habe den englischen Bevollmächtigten Sir Drummond Wolff in voriger Woche nicht em­pfangen können,tief blicken" und auch die sonstigen Erklärungen des Unter* staatssecretärs deuten auch in ihrer verclausulirten Form daraus hin, daß die Frage der egyptischen Convention sich gerade nicht nach den Wünschen Englands abwtckelt Es ist daher leicht möglich, daß Sir Drummond die türkische Haupt­stadt verläßt, ohne die Unterschrift des Sultans erlangt zu haben und ohne diese bedeutet der englisch-türkische Vertrag natürlich nichts als ein werthloses Stück Papier. Uebrigens scheint die Befürchtung, die egyptische Frage könne sich durch die Einmis^ung Italiens noch mehr verwickeln, nicht gerechtfertigt zu sein, denn die als osficiöses italienisches Preßorgon geltendeTribuna" dementirt halb und halb die Behauptung, Italien gedenke sich irgendwie an der Action Englands t« Egypten zu betheiligen.

Kaum find wir in Die eigentliche heiße Jahreszeit eingetreten, so tauchen auch aufis Reue die Cholera-Bulletins aus dem Süden Europas auf. Wiederum ist es Italien, wo sich der unheimliche Gast aus den Dschungeln Indiens eingestellt hat und zwar schickte er sich an, von ©teilten aus seinen heurigen Rundgang durch Europa anzutreten. Schon jetzt lauten die Berichte über die Cholera-Epidemie auf Sicilien äußerst besorgnißerregend und die heiße Witterung einerseits, die traurigen sanitären Zustände der Insel anderseits eröffnen die bedenklichsten Aussichten. Von der italienischen Regierung sind mit bemerkenswerter Schnelle die erforderlichen Maßregeln gegen die Weiterosr- fchleppung der Cholera getroffen worden; trotzdem scheint die Seuche bereits nach dem benachbarten Sardinien übergesprungen zu fein, von wo mehrere cho!eraverdächtige Krankheitssälle gemeldet werden.

England.

London, 14. Juli. Das deutsche Kronprinzen-Paar ist gestern Nach­mittag auf der YachtVictoria und Albert" in Cowes angekommen, wo das­selbe verbleiben wird, bis Schloß Norris für seine Ausnahme hergerichtet ist.

Das Oberhaus nahm ohne Abstimmung nach vierstündiger Debatte in zweiter Lesung die irische Zwangsbill an.

Wutzlaud.

Petersburg, 14. Juli. DasJournal de St. Pötersbourg" erinnert daran, daß die Erklärungen des Koburgers selbst und die kürzlich dargelegtea Ansichten der Mächte dahingingen, daß die erste Bedingung für eme zulässige Candidatur die Genehmigung Rußlands sei. Der Prinz werde sich nicht durch die Deputation nach Sofia jühren lasten; thäte er dies, so w^r^e^weit ent­fernt, die Lage zu verbessern, sie noch mehr verwickeln. Was die Mächte angehe, so würden dieselben, wenn einige Cabinete geneigt wären, die Wahl zu sanctio- niren, schließlich doch einsehen, daß dies nur die Lage verschlimmerte und die Pläne der Regenten unterstützte, welche nichts mehr wünschten, als sich aus den eigenen Verlegenheiten zu befreien, indem sie die Mächte unter sich veruneüllgten. Die Pforte habe sich übrigens in dieser Frage noch nicht an die Machte gc- wendet; es sei mehr als wahrscheinlich, daß sie die Dispositionen der Mochte abwarte, ehe sie sich äußere. Kurz, die ganze Angelegenheit scheine ein vergeb- liches Unternehmen der ihrem Ende entgegengehenden Regentschaft zu lein. Wenn dasselbe auch die Lösung Der Schwierigkeiten Der bulgarischen Frage mar herbeisühren könne, sei doch zu hoffen, daß weitere Complicationen zwischen den Mächten dadurch nicht entstehen würden. Was Rußland angehe, so mure io von der bisher befolgten Linie nicht abweichen. __

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenr- Bureau.

Konstanz, 14. Juli. Der Kaiser traf beute Morgen hier ein; er wurde von dem Grotzherzog^und Erbgrobherzog und deren Gemahlinnen cmMng-n und nach der Mainau geleitet. Der Kaiser, auf dem Schiftsdeck stehend, wurde von äußerst zahlreichen Menschenmenge begeistert begrüßt.