Nr. 39, Mittwoch den 16. Februar 1N87
Mchener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit ©ringerldkL Durch die Poft bezoqen vierteljährlich 2 Mart 50 V.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
ewrttut Schnlstraße 7.
Amtlicher H h e i l. Bekanntmachung.
Donnerstag den 24. Februar !• I., Vormittags 10 Ahr, findet in dem Regierungsgebäude dahier eine öffentliche Titznng hei Kreistags des Kreises Gießen statt.
Tagesordnung:
1) Prüfung der Kreistagswahlen.
2) Prüfung der Kreiskafferechnung für 1885/86.
3) Erstattung des Rechenschaftsberichts für 1885/86.
4) Feststellung des Voranschlags für 1887/88.
5) Ausführung des Gesetzes über den Bau und die Unterhaltung der Kunststraßen vom 27. Aprll 1881; hier Übertragung von Straßengelände an den Kreis.
6) Maßregeln gegen das Vagantenthum; hier die Errichtung von Naturalverpflegungsstationen.
7) Wahl von vier Mitgliedern des Provinzialtags der Provinz Oberheffen.
8) Wahl von drei Mitgliedern des Kreisausschuffes des Kreises Gießen.
9) Wahl von Sachverständigen zur Vornahme von Abschätzungen auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes.
10) Wahl eines Sachverständigen zur Commission für Abschätzung von Flurschäden bei Truppenübungen.
11) Wahl der Mitglieder der Einschätzungscommission für die Einkommensteuer I. Abtheilung und der Ersatzmänner.
Zu wählen sind: für das Steuercommiffariat Gießen 4 Mitglieder und 2 Ersatzmänner,
„ „ „ Grünberg 3 „ , 2 „
„ , , Hungen 4 « 2 „
Gießen, am 14. Februar 1887. Der Vorsitzende des Kreistages des Kreises Gießen.
Dr. Boekmann. ___________
Bekanntmachung.
In Gemäßheit des S 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden «erden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Januar 1887 veröffentlicht:
Hafer JL 12.83, Heu JL 6.— , Stroh 5.50 pro 100 Kilogramm.
Gießen, am 12. Februar 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Politische Ueberficht.
Gieße», 15. Februar.
Unter der gar nicht mehr zu bewältigenden Fülle der Wahlnachrichten ist bie Rede des Statthalters Fürsten Hohenlohe auf dem Diner des Elsaß-lothringischen Landes-Ausschusses als eine ganz besonders bemerkenswerthe Kundgebung bervorzuheben. Die Rede des Statthalters liegt nunmehr in ihrem Wortlaute vor, aber derselbe kann nur den Eindruck verstärken, den bereits der ttelegraphische Auszug der Rede machte, demzufolge sie sich als eine beherzigens- werthe Mahnung an unsere Stammergenossen zwischen Rhein und Vogesen dar- sftellt, zu bedenken, wie schwer ihr diesmalige« Votum in'« Gewicht fallen wird. 'Der Statthalter hob namentlich hervor, daß ein sich gegen die Regierung und 'das Septennat kehrender Aussall der elsaß-lothringischen Wahlen die kriegerische Stimmung jenseits der Vogesen nur vermehren müßte, während andernfalls bic Wahlen im Reichrlande mit dazu beitragen würden, die friedliche Gesinnung der Bevölkerung zu bezeugen und damit zugleich ihre Rückwirkung aus die allgemeine Lage im beruhigenden Sinne äußern würde. Der Statthalter betonte dann aber auch noch, wie eine Niederlage der Protestpartei bei den Wahlen de« 21. Februar aus da« Land selbst in günstigster Weise zurückwirken würde, denn Tlsaß-Lothringen würde hiermit die durch den Frankfurter Friede« geschaffenen Zustände anerkennen und dann läge für die verbündeten Regierungen kein Grund mehr vor, dem Reichslande die völlige Gleichberechtigung mit den übrigen Bundesstaaten noch länger vorzuenthalten. — Es handelt sich also bei den bevorstehenden Wahlen für Elsaß - Lothringen darum, seine Vollberechtigung als Bundesstaat zu gewinnen und darf man wohl hoffen, daß da die unfruchtbare Protestpartei endlich einmal den Laufpaß erhält.
Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Freitag die Specialberathung de« Etat« der Berg-, Hütten- und Salmen-Verwaltung. Er wurden hierbei verschiedene Specialwünsche ausgesprochen und führte namentlich die Frage der Montan-Gesetzgebung zu einer längeren Debatte; im Uebrigeu boten die Verhandlungen kein allgemeineres Interesse dar. Am Samstag beschäftigte sich das Haus mit dem neuen Secundärbahn-Gesetze und vertagte sich sodann bis zum 23. Februar.
Zwischen Bayern und Württemberg ist ein Staatsvertrag über den Bau der Eisenbahn-Linien Leutkirch-Memmingen und Hergatz-Wangen, sowie über den Wegfall der Eigenschaft als Wechselftationen für die Bahnhöfe Ulm, Nördlingen und Crailsheim unterzeichnet worden.
Die französtfche Deputirtenkammer hat den Beschluß gefaßt, die neue Kornzoll-Vorlage vor dem Boulanger'fchen Militärgesetz- Entwürfe zu berathen. Man könnte dies vielleicht als ein Anzeichen deuten, daß auch in den parlamentarischen Kreisen Frankreichs eine ruhigere Auffassung der allgemeine« Lage zum Durchbruch kommt, indessen ist dar Hauptmotiv für diesen Kammer- beschluß augenscheinlich der Umstand, daß man erst die deutschen Wahlen abwarten will. Der Ministerpräsident Goblet selbst soll sich hierüber bestätigend geäußert haben und erscheint es klar, daß die Regierung den Aussall der Reichstagswahlen mit für das Armeegesetz zu verwerthen gedenkt. Dte Regierung hat indessen kaum nöthig, für dasselbe noch eine besondere Agitation
zu entfalten, die Commission hat den Boulanger'fchen Entwurf bereit» in allen Punkten angenommen und das Gleiche steht mit Sicherheit vom Kammerplenum selber zu erwarten. Uebrigens beendigte die Deputirtenkammer am Freitag die Berathung des außerordentlichen Etats ohne besondere Zwischenfälle.
Die von England und Konstantinopel wegen der Neutralisirung Egyptens gemachten Vorschläge werden franzdsischerseitS mit großem Mißtrauen commentirt. Das „Journal des Dvbats" meint z. B.» der englische Vorbehalt der Wiederbesetzung Egyptens und die Offenhaltung des Durchzugsrechts der englischen Truppen machten die Neutralistrung Egyptens illusorisch. Es fei das gerade so, al« wenn durch feierlichen Vertrag Deutschland oder Frankreich bas Recht erhalten, Belgien mit HeereSmacht zu durchziehen und im Falle eines Aufruhrs Brüssel, Lüttich u. s. w. zu besetzen und man dies bie Neutralistrung Belgiens nennen wolle. Das Blatt hofft schließlich, daß sich Die Türkei für eine solche seltsame Neutralität be» Pharaonenlanbe« bedanken werbe. — Der Aerger der Franzosen über die Stellung England« am Nil erscheint begreiflich, aber warum haben sie denn nicht zugegriffen, alt der Aufstand Arabi Paschas die Gelegenheit $ur Einmischung in die egyptische» Angelegen
heiten bot?
Die italienische Ministerkrisi« scheint stch zu einer langwierigen Affaire gestalten zu wollen. Täglich conferirt her König mit Hervarragenden Persönlichkeiten der verschiedensten Parteien, aber bi« jetzt will Niemand d e heikele Erbschaft des Ministeriums Depreti« übernehmen. Die haldofficiöse .Opinione" plaidirt deshalb für da« Verbleiben desselben auf totem Posten und weist das Blatt auf die Verhandlungen Italien« mit den beiden mitteleuropäischen Kaifermächten hin, die Niemand so durchführen könne, wie »ras Robilant. Dann erwähnt die „Opinione", daß ein ausgezeichnete« Mitglied der Opposttion (Mancini?) zum Eintritt in die Regierung aufgefordert worden et, welche« mehr historische Erinnerungen, al« wesentliche Meinungs-Verschiedenhetle» von der Regierung getrennt hätten und bemerkt daan, mit der Krisis sei e« nicht eilig. Es sei besser, daß diese noch länger andauere, al» mit der Bildung eines schwachen und autoritätslosen Cabinets ende; das neue Ministerium muffe au« Männern bestehen, die im Stande feien, die Interessen Italien« in den europäischen Angelegenheiten zu wahren. — Jedenfalls beweist diese AuSlaffuns der sfficiSsen Blattes, daß die Lage in der Siebenhügelstadt eine sehr verwickelte ist und daß man in Regierungrkreifen vor der Hand keinen anderen Au«weg weih, al« dem Grafen Robilant die Leitung de« Auswärtigen noch ferner zu
In den Kreisen der spanischen Republikaner nimmt der seit einiger Zeit eingetretene Zersetzungsproceß feinen Fortgang. Et stehen sie, b'°r die Anhänger der von Salmeron und anderen hervorragenden republikantieyen Abgeordneten gewünschten „Versöhnungrpolilik" und biejenigen Bor < „Unversöhnlichsten" der spanischen Repulikaner, schroff gegenüber. SDie Meiorm versprechen be« Cabinets-Ches Sagasta'r, wie die Begnadigung Metr en letzten Putsche« durch bie Königin haben nicht am wenigsten bazu betgetragen, bleien Riß in ber republikanischen Partei zu vergrößern. wräliminar-
Au« K o n st a n t i n o p e l liegt über bie türkisch - bulgarischen Präliminar-


