Rr. 292 Drittes Blatt. Donnerstag den 15. December 1887.
(Eichener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblaü für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Jheil.
Gießen, am 10. December 1887.
Betreffend: Die Aufstellung der Voranschläge der Landgemeinden des Kreises Gießen für 1888/89.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglicherr Bürgermeistereien bet Landgemeinden des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Einsendung rubr. Voranschläge im Rückstände find, werden an Vorlage derselben mit Frist von 3 Tagen bei Meidung der Zusendung eines Wartboten erinnert.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberstcht.
Gietze«, 14. December.
Die nunmehr veröffentlichte neue Militär-Vorlage geht mit ihrem Inhalte noch bedeutend über dar hinaus, war bislang schon hierüber verlautete. Die Landwehr soll gleich den Feld- und Reserve-Truppen für den Kriegsfall sofort zur Verwendung bereit gemacht werden und auch der Landsturm eine bestimmtere Organisation erhalten; zieht man überhaupt die letzten Consequenzen der Vorlage, so ist schließlich jeder rüstige Deutsche, wenn er nicht ganz und gar milirärfrei und nicht schon über 45 Jahre alt ist, zur Bertheidigung des Vaterlandes mit der Waffe verpflichtet. Gegenwärtig gehört bekanntlich der wehrfähige Deutsche 7 Jahre dem stehenden Heere an, und zwar 3 Jahre actio, 4 Jahre als Reservist, worauf er noch für weitere 5 Jahre Landwehrmann ist; alsdann tritt er zum Landsturm über, dem er bis zum 42. Lebensjahre ange- hört. Nach dem neuen Entwürfe werden diejenigen Wehrfähigen, welche ihre fünfjährige Landwehrpflicht erfüllt, der „Landwehr zweiten «ufgebote»- überwiesen, welche auch diejenigen Ersatz-Reservisten umfaßt, die geübt haben. Auch der Landsturm soll in zwei Aufgebote zerfallen, von denen das erste die wehrfähigen, aber unausgebildeten Mannschaften — die bisherigen Srsatz-Neservisten zweiter Klaffe — sowie diejenigen Elemente umschließt, die seither bereits im Landsturm waren. Da» zweite Aufgebot de» Landstürme» wird hauptsächlich die mit dem 39. Lebensjahre au» dem zweiten Aufgebot der Landwehr ausscheidenden Mannschaften umfaffen; die bisherige Eintheilung der Srsatz-Reserve in erste und zweite Klasse fällt fort. Diesen Bestimmungen zufolge würde fich eine ganz beträchtliche Vermehrung der deutschen Kriegsmacht um, Alle» in Allem gerechnet, mindesten» 800,000 Mann ergeben, von denen allerdings für den Kriegsfall ein Thetl erst noch auszubilden wäre. Selbstverständlich ist es, daß alle» Erforderliche geschehen wird, um auch diese neuen Massen baldigst militärisch auszurüsten und für den Nothfall sofort verwendbar zu machen, aber nur über da» Eine herrscht noch Unklarheit, woher die Offictere für die gewaltigen neuen Truppenmassen kommen sollen, da fich die Reserve- und Landwehr- Osficiere schwerlich in einer dieser Verstärkung entsprechenden Weise vermehren werden. Man darf wohl erwarten, daß die Regierung im Reichstage über diesen Punkt, wie auch über manche andere Unklarheiten der Vorlage Aufschluß erthrilen wird. Die Begründung derselben ist nur kurz, aber eine eingehendere Motioirung war auch gar nicht nothwendtg; der Entwurf spricht durch die Verhältnisse für fich selber. Deutschland, eingekeilt zwischen zwei mächtigen Militärstaaten, muß nach wie vor einem gemeinsamen Angriffe derselben ent* gegensehsn und da Rußland wie Frankreich unausgesetzt bemüht find, ihre Wehrkraft zu erhöhen, so kann auch Deutschland trotz der erst in der vorige» R"ichrrags-Sesfion erfolgten Vermehrung der deutschen Streitkräfte die Hände nicht müßig in den Schooß legen. Es muß seinen Feinden zeigen, daß da» deutsche Reich auf Alles gefaßt und für alle Fälle gerüstet ist, um zur Roth auch ohne Bündnisse sich seiner Gegner zu erwehren und daß es zu seiner Ver- theidiaung den „letzten Hauch von Roß und Mann" daran sttzr» wird. Da» neue Militärgesetz legt weder der Nation im Ganzen noch dem Staatsbürger im Einzelnen neue schwere Lasten auf, al» solche kann weder die allgemeine Zweckbestimmung des Landsturmes in der vorgeschlagenen anderweitigen Fassung, noch die Ausdehnung der Landsturmpflicht um 3 Jahre erscheine». Wenn die Vorlage Manchem doch ein persönliche, Opfer auferlegt, so steht von seinem Patriotismus zu erwarten, daß er dasselbe gern tragen wird.
Die zweite Lesung der Kornzoll-Vorlage in der Commission bat abgesehen von Den etwas veränderten Bestimmungen über dis Nachverrollung, ebenfalls zu einem vollständig negativen Ergebnisse geführt. Denn wiederum wurden die Regierungs-Vorschläge wie die aus der Commission vor- liegenden Abänderung,-Anträge abgelehnt; was nun da» Plenum des Reichstages, wo am Dienstag die zweite Berathung des Entwurses beginnen sollte, mit demselben anfavgen wird, strht noch dahin-
Das deutsche Central-Comit6 für die Weltausstellung in Barcelona hat sich am Sonntag tu Berlin constituirt; dem Comitö gehören eine Anzahl der hervorragendsten deutschen Industriellen an.
Die Temp»" bespricht den Gedanken einer „marokkanischen Son- ferenz" und meint das ofsiciöse Blatt, e» würde fich hierbei lediglich um die Regelung der Frage des Schutzes von Ausländern oder Eingeborene», welche den Schutz der ausländischen Consuln anriefen, handeln. Frankreich habe sich stets zur Beschickung einer derartigen Conferenz bereit erklärt, während die Anschauungen Spaniens noch immer unbekannt seien.
Die republikanische Partei Nordamerika» scheint einen Feldzug gegen die Finanzpolitik de» Präfidenten Cleveland insceniren zu wollen. Da« republikanische National>Comit6 hat einen Aufruf erlassen, in welchem Alle, die schutzzöllnerisch gesinnt sind und eine Reduction der Steuern wünschen, um eine Anhäufung der Ueberschüsse aus den Staats-Einnahmen zu vermeiden, zur Mitwirkung gegen die Freihandelspolitik Cleveland's aufgefordert werden. — Die in Washington tagende englisch - canadisch - amerikanische Fischerei-Commission hat ihre Sitzungen bis zum Januar unterbrochen.
Univerfitäts - Chronik.
Freiburg. An unserer Universität sind in diesem Semester 884 Studirende immatrikulirt. An keiner Universität des Reiches ist die Differenz in dem Besuche zwischen dem Sommer- und Wintersemester eine so große als an der hiesigen. Wahrend wir beispielsweise letzten Sommer über 1100 Studenten hatten, haben wir, wie erwähnt, im laufenden Wintersemester kaum 900. Im Sommer wirken eben auch die Ratur- schönheiten Freiburgs und seiner Umgebung sehr anziehend.
Königsberg, 13. December. Professor Felix Dahn hat einen Ruf an die Universität Breslau angenommen.
Vermischte».
Aus Oberhessen, 10. December. Rach dem Unfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 1884 ist von jedem in einem versicherten Betriebe vorkommenden Unfall, durch welchen eine in demselben beschäftigte Person getödtet wird oder eine Körperverletzung erleidet, welche eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Wochen oder den Tod zur Folge hat, von dem Betriebsunternehmer bei der Ortspoltzeibehörde binnen zwei Tagen bei Meidung von Strafe Anzeige zu erstatten. Diese Anzeige muß binnen zwei Tagen nach dem Tage erfolgen, an welchem der Betrtebsunternehmer von dem Unfall Kenntniß erhalten hat. c
lieber jeden Unfall, durch welchen eine versicherte Person getödtet worden ist oder eine Körperverletzung erlitten hat, die voraussichtlich den Tod oder eine Erwerbsunfähigkeit von mehr als 13 Wochen zur Folge haben wird, hat die Ortspoltzeibehörde eine Untersuchung zu führen und in dieser festzuftellen: 1) die Veranlassung und Ort des Unfälle», 2) die getödteten oder verletzten Personen, 3) die Art der vorgekommenen Verletzungen, 4) den Verbleib der verletzten Personen, 5) die Hinterbliebenen der durch Unfall getödteten Personen. Diese Untersuchung kann von der Ortspolizetbehörde auch schon vor erfolgter Anzeige eingeleitet werden. Zu den Untersuchungsverhandlungen sind 1) die Vertreter der Genossenschaft, 2) der vom Vorstande der Krankenkasse, welcher der Verletzte zur Zeit deS Unfalles angehört hat, gewählte Bevollmächtigte, 3) der Betrieb-Unternehmer, 4) der Beschädigte oder dessen Vertreter, 5) etwaige sonstige Bethetligte und 6) auf Antrag der Genossenschaft Sachverständige einzuladen. — Da die vorstehenden reichsgesetzltchen Bestimmungen nicht überall genügend gewürdigt werden, so ist es sicher von Belang, die allgemeine Aufmerksamkeit darauf zu lenken. $at DOn ^rer Mama gehört, daß die Störche Kinder
brächten. EineS Tage« sieht sie zwei kleine Prinzen auf der Straße vorüberfahren; wißbegierig wie sie ist, fragt sie ihre Mama: »Mama, sag' mal, sind die Störche, die die kleinen Prinzen bringen, Hoflieferanten?"
Literarisches.
— Die illustrirte Familien-Zeitschrift „lieber Land und Meer" veranstaltet seit einigen Jahren Weihnachtsnummern, die sich den berühmten englischen und französischen Erscheinungen der Art getrost zur Seite stellen dürfen, ja, diese sogar in mancher Hinsicht wett übertreffen. Das müssen wir auch von der uns vorliegenden diesjährigen Separat - Weihnachtsnummer diese? Journals sagen, welche als ein für fich bestehendes Heft verkauft wird und in ihrer Eleganz bet dem fabelhaft billigen Preis von 50 nicht nur viel vorstellt, sondern auch viel und sehr Schönes enthält. Hier wirken Bilderschmuck und Erzählungen so harmonisch zusammen, daß man etwas ganz Eigenartiges und höchst Stimmungsvolles hat. Aus dem reichen Inhalt mochten wir besonders hervorheben die beiden Weihnachtserrahlungen: „Am goldenen Horn von Rosenthal-Bonin und „Ein Ferientag" von Ludwig Thaden, sowie die Herr ichen Bilder „Madonna" nach Murillo, „Engelständchen" von Mintrop, »Christnacht unter der Erde" von Gehrt?, „Reich beschenkt" von Oehnnchen und »GroßvatersHeimkehr von Kricheldorf. Wie für die Großen, so hat dre Deutsche VerlagS-Anstatt auch für die Kleinen gesorgt in einem „lieber Land und Meer -Heftchen, da? „Den neben Kleinen" betitelt ist. Das ist wirklich eine allerliebste Weihnachtserscheinungunddas ganze Heftchen wimmelt sozusagen von farbig gedruck en Blldern uud B ^chen welche aus der Welt der Kinder genommen sind. Reizend ist der Text, bald eMschmetchttnoer, leicht zu behaltender Vers, bald einfache Prosaerzählung. Dn Preis stellt sich nur auf 50 9 Beide Weihnachtsfestschriftrn werden sowohl dem Gabentischder Reichen,
wie auch des weniger Bemittelten zur Zierde gereichen und dem damit Beschenkten mel Freude und geistige Unterhaltung und Genuß bereiten.
— Die ^Gartenlaube" eröffnet ihren neuen Jahrgang mit dem hinterlassenen Roman von E. Marlitt: „Das Eulenhaus."


