srr. 290 Zweites Blatt. Dienstag dm 13. December 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberstcht
Gieße«, 12. December.
Bon englischen Blättern war der Besuch der Königin Victoria bei -den kronprinzlichen Herrschaften in San Remo für Januar ziemlich bestimmt in Aussicht gestellt worden. Wie nun die „World", ein Londoner Journal, welches über Angelegenheiten des Londoner Hofes gewöhnlich gut unterrichtet ist, mitzutheilen weiß, ist für jetzt von einer Reise der englische« 'Monarchin nach Italien noch nicht die Rede. Vielmehr gedenkt die Königin das Weihnachtsfest in Osborne zuzubringen und hier, ihrer bekannten Sommerrestdenz auf Whigt, diesmal bis in den Januar zu verweilen und alsdann nach Schloß Windsor zurückzukehren. Erft im März beabsichtigt die Monarchin ihre Reise nach dem Continent anzutreten und sollte sich der deutsche Kronprinz mit seiner .-Familie zu dieser Zeit noch in San Remo befinden, so dürfte dieser Ort allerdings das Reiseziel der englische« Königin bilden; doch sind die Bestimmungen über die ganze Reise-Angelegenheit noch nicht endgiltig festgesetzt.
Die Weihnachtrpause des Reichstages wird vermutlich am 17. December beginnen und bis zum 5. Januar dauern.
Der preußische Volkrwirthschaftsrath hat die Grundzüge der Alters- und Jnvaliden Verftcherung nach eingehender Generaldebatte an einen besonderen Ausschuß vermiesen. Von demselben sind in den bisherigen Sitzungen an den Einzelheiten des Entwurfes zum Theil principielle Veränderungen vorgenommen wordm. Unter ihnen sind heroorzuheben die Commifstons-Sefchlüffe, wonach das Minimum der jährlichen Rente für dir der Unfallversicherung unter- liegenden Arbeiter von 120 JL auf 250 «M. erhöht wird. (Punkt 5), wonach weiter der Anspruch auf Invalidenrente für Versicherte, welche sich die Erwerbsunfähigkeit nachweislich vorsätzlich oder durch schuldhafte Bctheiligung an Raufhändeln zugezogen, nur dann erlischt, wenn durch strafgertchtlicheS llttheil das Verschulden der Versicherten sestgestellt worden ist. (Punkt 7), wonach ferner die Wartezeit bei der Invalidenrente auf 3 Jahre verkürzt wird (Punkt 8) und denen zufolge endlich das Beitragrjahr auf 280 Kalender-Arbeitstage nor- mirt worden ist (Punkt 9).
Nachdem über das neue Landwehr- und Landsturmgesetz regierungsseitig bis zum Samstag Stillschweigen beobachtet wurde, bringen jetzt die Zeitungen Mittheilungen über den Inhalt des Entwurfes. (Im 1. Blatt ver- öffentlichen wir den ersten Theil des nunmehr erschienenen Gesetzes).
In zwei deutschen Bundesstaaten macht sich eine Neubesetzung des obersten Staatsamtes nothwendig. In Rudolstadt verschied dieser Tage der leitende Minister de« FurstenthumS Schwarzburg. Rudolstadt, Wirkt. Geh. Rath v. Bertrab, und in Gotha tritt der Chef des Staatsministeriums, v. Seebach, am kommenden 1. April in den wohlverdienten Ruhestand. Wäh- re»d über den Nachfolger Herrn v. Bertrab's noch nichts Bestimmtes verlautet, ist der Nachfolger für Herrn v. Seebach in der Person des Geh. Rathes im preußischen Finanzministerium, v. Boni«, bereits designirt. Herr v. Bonin übernimmt den gothaischen Ministerposten unter denselben Bedingungen, wie ihn Herr v. Seebach inne hatte.
Von der neuen Afrika-Expedition der Italiener sind endlich die ersten bemerkenswerthen Nachrichten eingegangsn. Denselben zufolge hat die dritte Brigade in voriger Woche ihr Lager 4 Kilometer weit über Munkullo gegen Dogali, den durch die erste Niederlage der Italiener bekannt gewordenen Platz, vorgeschoben. In Dogali stehen die ersten stärkeren Vorposten-Äbthei- lungen der Abyssinier, so daß man in dem Vorstoße der dritten Brigade gegen diesen Posten den Beginn der italienischen Angriffsbewegung erblicken darf. Weit wichtiger ist jedoch noch eine andere au» Maffowah eingetroffene Meldung, welche besagt, daß zwischen dem Nezu» Johannes und seinem Oberfeldherrn Ras »lula ein starker Zwiespalt herrsche, da der Negu» im Gegensatz zu Ras Alula den Frieden wolle. Dieser Zwiespalt könnte den Italienern allerdings zum werthvollsten Bundesgenossen werden.
][ Darmstadt, 11. Decbr. Seine Königliche Hoheit der Großherzoz haben den Ausflug nach Jagdschloß Ratsfeld, zu welchem die Einladung von Sr Durch! dem Fürsten zu Schwarzburg-Rudolstadt ergangen «ar, länger aus- aedehnt, als hier anfänglich erwartet wurde. Der hohe Herr wird erst morge» «bend mit feinem Generaladjutanten und Hofmarschall Westerweller v. Anthony von dort hierher zurückkehren und nunmehr wieder Jammt hoher Familie im Neuen Palais refidtren.
Der Korvetten-Kapitän Frhr. v. Seckendorfs, Flügeladjutant Sr. Maj. des deutschen Kaisers und militärischer Begleiter des Prinzen Heinrich vo« Preußen hat auf der Durchreise von San Remo nach Berlin hier mehrere Stunden'Aufenthalt genommen und im Großh. Neuen Palair den Prinzessinnen Irene der hohen Braut der Prinzen Heinrich von Preußen, und Alix über das Befinden des deutschen Kronprinzen Rapport erstattet. Wie uns au« sicherster Quelle ufltgetheilt wird, hat v. Seckendorff das treffliche Allgemeinbefinden de« hohen Patienten vollinhaltlich bestätigt, jedoch der vielverbreiteten Zeitungs- Nachricht, derzufolae die Aerzte ihre Anficht betreffs der Krankheitsart geändert hüllten, ganz entschieden widersprochen, v. Seckendorff ist jedenfalls ein klasfi- scher Zeuge.
Lokales.
Gießen, 12. December. Sanistag den 17. l. M. findet im Regierungsgebäude hier eine öffentliche Sitzung des Provinztalausschusses statt, in welcher folgende Gegenstände zur Verhandlung kommen:
1. Recurs der Herrn Fürsten von Lich gegen einen Polizeibefehl de» Großherzogl. Kreisamts Gießen wegen Anlage eines Parkthores auf einem öffentlichen Weg.
2. Reklamation der Freiherren von Riede sei gegen ihre Zuziehung zu den Unkosten der Gemeindeschule von Frischborn.
3. Recurs de» Jacob Büttner in Gießen wegen verweigerter Erlaubniß zum Branntweinausschank.
Landwirthschaftliche Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— sVerfütterung von Biertrebern.) Ein sehr gutes Futter für Milchkühe sind Biertreber und wo sie billig zu haben sind, sollte sich kein Landwirth dieses Mittel zur Hebung der Milchproduction entgehen lassen. Es ist dabei gleichgiltig, ob die Treber frisch zur Verfütterung kommen oder getrocknet aufbewahrt werden müssen. Durch da» Trocknen verlieren sie nicht an ihrem Werthe und an ihren guten Eigenschaften. Da sie leicht verdaulich sind, können große Portionen, fast die Hälfte des ganzen Trocken- futters davon gegeben werden, also pro Tag bis zu 12 Pfund auf 1000 Pfund Lebendgewicht. Werden getrocknete Treber verfüttert, so empfiehlt eS sich, sie im Gemisch mit Hackfrüchten, am besten mit Rübenschnitzeln zu verabreichen. Sie werden mit diesen gut gemischt und ca. 6 Stunden stehen gelassen. In dieser Zeit saugen sie aus den Rüben soviel Waffer an sich, daß sie hinreichend feucht sind. In jedem Fall müssen die trockenen Treber vor der Verfütterung angefeuchtet werden. Damit sie gleichmäßig Feuchtigkeit aufnehmen, nimmt man die Anfeuchtung einige Stunden vor der Verfütterung vor. Zuviel Wasser darf nicht zugesetzt werden, sondern nur soviel, daß die Treber schwammartig auflaufen. Der Werth eines Centners Treber ist 5—5,50 JL
— (Zur Ueberwinterung der Freilandpflanzen.j Die Pflanzen, die nicht hart genug sind, um im Freien ohne Schutzdecke überwintert zu werden, deckt man bekanntlich mit Laub oder Fichtenreisig, wohl auch gar mit Mist zu. Diese Bedeckung hält nun auch wohl bm Frost ab, aber bei nassem, mildem Welter, wie es uns dieser Winter schon so reichlich gebracht hat, tritt ein anderer Schaden ein, der die geschützten Pflanzen ebenso sicher vernichten kann, als dies der Frost gethan haben würde, die Pflanzen verfaulen nämlich. Wer daher seine Freilandpflanzen gut eingedeckt hat, ist damit noch nicht allen weitere» Mühen und Sorgen überhoben, es ist unerläßlich, daß bei Regen- und Thauwetler die Bedeckung gelüftet wird.
Das Vorkommen von Dichseuchcn im «roßher?ogthum Hessen
während des Monats Oct ober 1887.
Milzbrand wurde festgestellt in Falkengesäß im Kreise Erbach am 11. Ocober; ferner in den Orten des Kreises Friedberg: Griedel am 3., Reichelsheim am 5., Friedberg am 9., Rieder-Florstadt am 13., Ockstadt am 17., 18., 20. und 24., Fauerbach am 22. und Wohnbach am 27. October bei je einem krepirten Rinde.
Rotz wurde am 14. October bei einem in Mainz geschlachteten Pferde conftatirt. Das Pferd war in Gießen angekauft und war dorthin aus dem Königreich Preußen verbracht worden. t
In Gießen befinden sich zwei der Ansteckung verdächtige Pferde unter polizeilicher Beobachtung.
Lungenseuche. In Dirlammen im Kreise Lauterbach stehen wegen Verdachts der Ansteckung 6 Rinder unter polizeilicher Beobachtung.
Der Bläschenausschlag des Rindviehs in Hainstadt im Kreise Offenbach, in Freilaubersheirn im Kreise Alzey, in Stammheim im Kreise Friedberg, in Schaafheim im Kreise Dieburg und in Groß-Gerau ist erloschen.
Die Seuche besteht fort in Klein-Gumpen im Kreise Erbach und in Lengfeld und Rieder-Klingen im Kreise Dieburg. , „ . . . „ wro, r.
Festgestellt wurde die Seuche am 30. September in Vadenrod im Kreise Alsfeld, am 3. October in Uffhofen im Kreise Alzey und am 10. Octoher in Ober-Widdersheim im Kreise Büdingen. , t _ . . _ . . ,
Die Räude gilt als vorhanden unter den Schafen in den Orten des Kreises Alsfeld: Altenburg, Vockenrod, Hopfgarten, Hergersdorf, Ober-Sorg, Brauer- schwend, Heidelbach, Fischbach, Seibelsdorf, Eifa, Schwarz und Eulersdorf- in den Orten des Kreises Büdingen: Nidda, Wallernhausen, Altenstadt, Rodenbach, Blofeld, Leidhecken, Ortenberg, Lindheim, Marienborn, Bergheim, Ronnenburger Hof, Lohrbach und Vonhausen; in den Orten des Kreises Lauterbach: Herbstein und Rudlos: in den Orten des Kreises Schotten: Ober-Seemen, Mittel-Seemen, Nieder-Seemen, Wohnfeld, Steinberg, Babenhausen, Ober-Seibertenrod und Unter- Seibertenrod.
Repertorr der verümgtm Stadttheater za Frauksurt a. W.
k Dperrrhorrö.
Dienstag den 13. December: Freischütz. Gewöhnliche Preise
Mittwoch den 14. December: Vorstellung bei ermäßigten Preisen. Egmont.
Außer ^nners?agt'dm 15. December: Die Meistersinger. Gewöhnliche Preise.
Freitag den 16. December geschloffen.
Samstag den 17. December: Cid. Gewöhnliche Preise.
Sonntag den 18. December: Königin von Saba. Gewöhnliche Preise.
GchauspielhauS.
Dienstag den 13. December: Zum ersten Male wiederholt: Meeresleuchten. ^^Mitw)och^e"14.' December: Ducatenprinz, mit der Einlage Mizekado. Große Preise. r „
Donnerstag den 15. December geschloffen.
Freitag den 16. December: Georgette. Große Prelle.
Samstag den 17. December: Reu einstudirt: Was Ihr wollt. Großa
Sonntag den 18. December: Was Ihr wollt. Große Preise.


