1887.
Sonntag den 13. März
Zweites Blatt.
Nr. 61
Amts- iiiib Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint mit Slilönabine des Montags.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. _______Fresenius.
.auf Straßen, verboten ist.
Gießen, am 10. März 1887.
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Wockzen • Ueberslcdt.
Gießen, 12. März.
Kaiser erfreut sich gegenwärtig wieder de» besten Wohlseins und Munbete er dies namentlich bet dem neulichen Empfangs de» R-ichrlagS-Präst- dtunis. Der erlauchte Monarch unterhielt stch, immer stehend, mit den Herren M^bl ein M-rt-lstündchen und führte er dis Unterhaltung, deren wesentlichsten Thsil ein- förmliche Ansprache des Kaijer» bezüglich der Eeptennats-Angelegen- beit bildete, nach dem Zeugniß der Herren mit erstaunlicher Frische und Leden- diekeit. Wie üblich, ist dar ReichrtagS-Prästdium auch von der Kaiserin und von den kronprinzlichen Herrschaften empsangen worden.
An der Spitze der politischen Ereignisse der Woche steht die endgüllwe parlamentarische Entscheidung in der Septennatsfrage. Am Mittwoch hat der Reichstag in zweiter Lesung und nach ganz kurzer Debatte die Militär-Vorlage in der Regierungsfaffung im Einzelnen und unter Ablehnung des Antrages Bamberger — des früheren Antrages Staunenberg - mit grober Mehrheit angenommen und somit die Septennat« - Vorlage zum G°s°tz erhoben, denn die noch erforderliche dritte Lesung ist lediglich Formsache. W e sich die Dircusston in denkbar engsten Rahmen bewegte, so war auch die Abstimmung im Vergleiche zu dem complictrten Abstimmungs-Versahren de, denkwürdigen 14. Januar diesmal eine sehr vereinfachte. Zunächst lehnte der Reichstag drn schon erwähnten Antrag Bamberger mit 222 gegen 23 Stimmen fRreifinmgc) ab, woraus S 1 der Regierungs-Vorlage, welcher die Feststellung der Frkdenspräsenzstärke von 468,000 Mann aus 7 Jahre (bi* 81. März 1894 aussvricht mit 223 gegen 48 Stimmen (Freisinnige, Elsässer, L>ocialdemokraten) aenebmiat wurde. Alsdann sand auch § 2 (Eintheilung der Formationen) mit 247 acarn 20 Stimmen (Elsässer und Socialdemokraten) die Zustimmung des Lauses, wobei die Freisinnigen mit „Ja" stimmten; der Rest der Vorlage wurde ver Acclamation bewilligt. Die überwiegende Mehrheit des Centrums enthielt sich gemäß einer vorher abgegebenen Erklärung des Abg. v. Franckenstein , der Theilnabme an den Abstimmungen; 12 Centtums-Abgeordnete stimmten jedoch ausdrücklich für die RegierungS-Vorlage; die Polen verhielten sich ebenfalls neutral. Dieser Ausgang der entscheidenden Abstimmung über die Mik är- Vorlaae trägt zwar nach den Ergebnissen der Reichstagswahlen nichts lieber* raschendes mehr an sich, aber die überwältigende Mehrheit, mit welcher nunmehr das Septennai von den Vertretern des deutschen Volkes bewilligt worden ist, kann doch nur mit hoher Befriedigung registrirt werden. Die Abstimmung Dom 9 März beweist dem Auslande, daß die Speculation aus eine Zersplttte- runa der deutschen Stämme eine verfehlte sein würde und daß dieselben entschlossen sind, zur Stärkung der nationalen Wehrkraft die größten Opfer zu bringen und namentlich werden die chauvinistischen Kreise jenseits der Vogesen wie im Czarenreiche gut thun, diese Stimmung zu respectiren. Was im Uebr.- aen d!e Abstimmung in der Mittwochssitzung des Reichstags anbetrifft, so «st jedenfalls deren interessantestes Moment die Stimmenthaltung des Centrums, natürlich abgesehen von den septennatsfreundlichen Centrums-Mitgliedern. Herr Windthorst hat sich hierbei wieder einmal als geschickter Taktiker bewährt; die Parole zur Emschwenkung des Centrums zur Regierungs-Mehrheit mochte er denn doch nicht geben, anderseits mochte er aber auch nicht — angesichts der päpstlichen Kundgebungen — nochmals offen gegen das Septennat auftreten und so wählte er den Ausweg der Stimmenthaltung — auch hierdurch kommt der Umschwung, den die Reichstagsmahlen in der parlamentarischen Lage bewirkten, zum charakteristischen Ausdruck! — Am Mittwoch erledigte der Reichstag außerdem noch die ersten Lesungen der Novelle zum Militärpenstons- Gesetz und des Militär-RelictengesetzeS, so daß der Reichstag schon ein ganz hübsches Stück Arbeit hinter sich hat; seine nächste Zeit wird vorwiegend der Specialberathung des Etats gewidmet sein.
Auf kirchenpolitischem Gebiete ist aus dieser Woche der Abschluß der Commissions-Verhandlungen des preußischen Serr Hauses über die neue Kirchenvorlage hervorzuheben. Dieselbe wurde mit unwesentlichen Änderungen in der Rcgierungssassung angenommen und sind sonach die Kopp'schen Anträge vorläufig abgelehnt. Wie es heißt, finden Verhandlungen zwischen der Regle- rung und dem Bischof Dr. Kopp über eine anderweitige Formulirnng feiner AlnendunentS statt.
Das preußische Abgeordnetenhaus hielt am Mittwoch wieder eine Plenarsitzung ab, doch verdient nur die definitive Annahme des Gesetz- entwursts, betr. die Abgrenzung der Organisation der Berussgenoffenschaften für land- und sorstwirthschastliche Betriebe in Preußen, erwähnt zu werden.
Gureanr Schulstvaße 7.
Die Stadtverordnetenversammlung h°t in ihrer Sitzung am 3- l. Mts. d-n Platz zwischen dem Hohleichweg und dem neuen Schlachthaus als Schuttabladeft-lle^sü^ Pnvate bezeichnet.^^ britigell) bemerten wir, daß das Verbringen von Schutt -c. an andere öffentliche Platze, insbesondere
Im Reichs lande ist die kaiserliche Regierung mit scharse» Maßregeln gegen die Vereine mit sranzöstrender Tendenz vorgegangen, da dieselben einen Houptheerd der protestlerischen Agitation bilden. Man kann dieser sehr zettge- mäßen Action nur den besten Erfolg für die deutsche Sache wünschen.
In den Mauern der Reichrhauptstadt weilt gegenwärtig ein berühmter Gast: Ferdinand v. Lesseps, der Erbauer des Suez-Canalr, der Nestor der gelehrten Welt Frankreichs. Der berühmte Franzose traf am Mittwoch Morgen in Berlin ein, auf dem Bahnhose von dem französischen Bot- chafter, Herrn Herbette und etwa 20 Mitgliedern der französtschen Colorne empsangen. Herr v. Leffepr, welcher stch trotz feiner 82 Jahre eine fast fugend- iche Elasticität des Geistes und Körper» bewahrt hat, gedenkt bis Sonntag in Berlin zu weilen und vornehmlich deren wiffenschaftliche Institute und Sammlungen zu bestchtigen-
Wir gehen kaum wärmeren Tagen entgegen und schon kommt au» dem Süden abermals die Kunde vom Aurbruch der Cholera. Diesmal ist die Stadt Catania aus ©teilten der Ausgangspunkt der Seuche, welche indeffen bi» Fkt poch ziemlich mild auftritt. Vorsichtshalber ist indeffen für die au» Stellten lammenden seuchenfreien Schiff- seitens der italienischen Regierung ein- sünf- tägige Beobachtung, im Falle aber an Bord Cholerafalle oder nur ver- dächtige Erkrankungen constatirt werden, eine 21tägige Quarantäne angeordnet ro°ltiegn den Wiener osficiellen Kreisen, speciell aber im Ministerium des Jn-ern, feierte man am Montag den zwanzigsten Jahrestag des Eintritts des jetzigen österreichischen Ministerpräsidenten Grafen Taaste in die Regierung. Am 7. Marz 1867 übernahm Graf Taaffe die Leitung des Ministeriums des Innern und gehörte von da an mit immer nur kurzen Unterbrechungen dem Cabinet an und zwar übernahm er stets wieder das Reffort des Innern. Am 12. August 1879 wurde er an die Spitze des GesammtcabinetS berufen und in welcher Weise Graf Taaffe bis heute der Träger des „österreichischen Staatsgedankens" gewesen ist, davon wissen die Deutsch-Oesterreicher ein Lied zu singen-
Durch die Zustimmung der holländischen Deputirten- kammer zu dem die neue Thronfolgeordnung regelnden Gesetzentwürfe ist in den Niederlanden ein wichtiger Theil der V-rfassungsrevifton erledigt worden Der Gesetzentwurf stellt die Thronfolge für den Fall, daß au« der Ehe zwischen dem König Wilhelm und der Prinzessin Emma von Waldeck keine birecten männlichen Nachkommen entsprießen, in genauest^^eise fest, so daß auf die einzige Tochter des Königspaares Prinzessin Wilhelmine (geboren 31. August 1881) noch etwa 40 zur Thronfolge berechtigte fürstliche Persönlichkeiten folgen. , .
Auch England sieht sich jetzt veranlaßt, dem Rustungsfieber der con- tinentalen Mächte Rechnung zu tragen. Dem Parlamente ist am Mittwoch das englische Armeebudget für das kommende Finanzjahr zugegangen, wonach sich die lausenden Ausgaben um 160,700 Pfd. Sterl. (3,214,000 JC) er» Höhen; das gesammte Ausgabe-Budget beläuft sich uberhaup auf circa 368 Millionen Mark. Eine Denkschrift des Kriegsmimsters Stanhope legt einen neuen Mobilisirungsplan dar, dem zufolge zwei starke englische Armeekorps in kürzester Frist in's Feld rücken können; nur ist zur Durchführung dieses Planes eine Vermehrung des Gem-korps und d-r Feldartilleri- noth- roCnblein an den Prinzen von Wales adr-ssirt-s, in Boston (Amerika) aufgegebene» Packet wurde, weil nicht franfirt, auf dem §auptpoftamte m Washington zurückgehalten und geöffnet. Als Inhalt ergab sich eine in Watte gewickelte Glasröhre, welche eine weißliche Flüssigkeit enthalt, durch die iwei Drähte laufen. Die von Sachverständigen sofort vorgenommene Unter- uckmng wird ergeben, ob es sich hi-r wirklich um -in versuchtes Attentat d-r irischen Fenier gegen den englischen Thronfolger handelte.
^n Rußland versucht man sich mit allerhand bedenklichen Ezperi- menten zur Besserung der mißlichen wirthschaftlichen Lage. Aus di- bereits angekündigte Erhöhung der Eingangszölle ans Eisen soll nunsogar bie Cm« sührung des Tabaksmonopols folgen; aber beides wird dem schlichten Stande des Rubelcourses nicht wieder in die Hohe helfen. D01t
Die Feindseligkeiten Portugals gegen den Sultan von Zanzibar wegen der Tungibai sind in Folge der Vermittelung >• )
Eingestellt worden. Auch hat Portugal einen WW'en «Sär zur Sultans Bargasch 6en Said freigegeben, da letzterer e Regelung der Grenzfrage entsenden will.


