Nr. 109. Zweites Blatt. Donnerstag den 12. Mai 1087.
schwer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.
Schulstraße 7.
scheint täglich mit A«sn°hm- Montags. ÖÄTU SM’ ?“BW
Politische Ueberficht.
Gießen- 11. Mai.
Eine Uebersiedelung des Kaisers nach Babelsberg wird im heurigen Frühjahre nicht stattfinden, da die Aerzte die Räume des Babelsberger Schlosses als noch zu feucht und kühl erklären. Der Kaiser wird demnach bis zum Beginne seiner diesjährigen Badereisen auch ferner noch in Berlin restdiren; über die letzteren verlautet, daß sie den greisen Monarchen auch diesmal zunächst nach Ems führen werden, woraus wahrscheinlich ein kurzer Aufenthalt in Baden- Badcn folgt, während hinsichtlich einer eventuellen Nachkur in Gastein noch keine bestimmten Dispositionen getroffen zu sein scheinen.
Die Berathungen im Reichstage über den neuen Branntweinsteuer-Entwurf dürsten sich sehr umfangreich gestalten, was ja schon in der Natur des zu behandelnden Gegenstandes liegt. Speciell werden die Verhandlungen der Commission, an welche der Entwurf in der Generaldebatte selbstverständlich verwiesen wird, geraume Zeit in Anspruch nehmen, da ja vor Allem die Commission der Ort ist, die vorhandenen mannigfachen Gegensätze möglichst auszugleichen; die Hoffnung, die Branntweinsteuer-Vorlage wenigstens in der Commission noch bis Pfingsten durchberathen zu sehen, steht darum aus sehr schwachen Füßen. Bezüglich des Zustandekommens der Vorlage erscheinen die Aussichten gerade nicht als ungünstige und von den maßgebenden Parteien sind sich die Nationalliberalen und das Centrum, obwohl diese Parteien sonst ein so scharfer Gegensatz trennt, in ihren Anschauungen über die Reform der Branntwein-Besteuerung ziemlich nahe gekommen. Freilich ist eß unbedingt nöthig, daß auf allen Seiten Entgegenkommen und Opserwilligkeit bewiesen wird, wenn man in der Branntweinsteuer-Frage endlich zu einem positiven Resultate gelangen will und da wird man sich namentlich auf agrarischer Seite einige Zurückhaltung auferlegen müssen. Wenn übrigens die „Kreuz-Zeitung" zu melden weiß, im Reichstage bestehe die Absicht, unter Fortfall der Nachbesteuerung für die Brennerei-Campagne 1887/88 durch ein Nothgesetz bereits eine erhebliche Beschränkung der Betriebe herbeizuführen, so scheint das genannte Blatt denn doch einen etwas zu kühnen Griff in die Zukunft hinein gethan zu haben, da man doch nicht gut über die erst zu erwartenden parlamentarischen Beschlüsse schon jetzt bestimmte Meldungen bringen kann.
Der Zeitungsstreit über die Vorgeschichte der Occupation Bosniens und der Herzegowina tönt nun auch schon in die Parlamente hinein. In der Samstag-Abendsitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses brachte der Abg. Jrany eine bezügliche Interpellation ein und meinte er, wenn die bekannten Mittheilungen der „Nordd. Allg. Ztg." wahr seien, so würde hierdurch die ungarische Regierung wie die gemeinsame österreichisch-ungarische Regierung dementirt, denn von beiden Seiten habe man stets erklärt, der Rechtstitel der Occupation beruhe auf dem Berliner Vertrag und nicht auf Abmachungen mit Rußland. Jrany führte weiter aus, daß auch das freundschaftliche 23er* hältniß Oesterreich-Ungarns zur Pforte gestört werden könnte, ja, es könnten sogar Zweifel an der Aufrichtigkeit der Beziehungen der österreichisch-ungarischen Monarchie zum deutschen Reiche erwachen. Die Beantwortung wird wohl noch nicht gleich erfolgen, da der CabinetS-Ches Tisza sich über die zu ertheilende Antwort, der man unter den obwaltenden Umständen eine besondere politische Bedeutung beimeffen muß, jedenfalls erst mit dem Wiener Cabinet in's Einvernehmen setzen dürste.
Die bedeutungsvollen Verhandlungen des österreichischen Herrenhauses über die Sprachenfrage haben äußerlich mit einem Erfolge für das Ministerium Taaffe geendet. In der am Samstag stattgefundenen Abendsitzung lehnte das Herrenhaus den Antrag Schmerling, die Prazackffche Sprachenoer- ordnung als mit den bestehenden Gesetzen nicht vereinbar zu erklären, ab und genehmigte dafür den Antrag Falkenhayn, welcher anerkennt, daß die rechtliche Seite der Sprachenverordnung nicht zu beanstanden sei und daß auch bezüglich der politischen Seite derselben keine Bedenken obwalteten. Dieser Ausgang der Verhandlungen bedeutet einen Triumph des Taaffe'schen Systems und der leitende Staatsmann Oesterreichs kann mit der Ablehnung des Antrages Schmerling sehr wohl zufrieden sein. Sieht man freilich näher zu, so ergiebt sich als der Besiegte in den parlamentarischen Kämpfen über den Antrag Schmerling nicht die Verfassungspartei, sondern die Regierung selber, denn in packender Weise ist in diesen Herrenhaus-Verhandlungen seitens der Oppositions-Redner die Unge- setzlichkeit des Prazak'fchen Sprachenerlaffes juristisch nachgewiesen worden, während sie anderseits auch die schweren politischen Bedenken hervorhoben, die gegen den Erlaß sprechen. Trotzdem erklärte die feudal - czechisch - polnische Mehrheit den Erlaß rechtlich wie politisch als gerechtfertigt und das Cabinet Taaffe hat demnach wieder freie Bahn zur Fortsetzung seiner glorreichen Versöhnungspolitik!
Die englische Regierung hat eine osficielle Betheiligung an der Pariser Weltausstellung des Jahres 1889 abgelehnt, welcher Beschluß in den Pariser Regierungskreisen um so unangenehmer berühren wird, als "man daselbst bestimmt aus eine Betheiligung Englands an der Ausstellung gerechnet hatte.
Darmstadt, 6. Mai. Das Großh. Regierungsblatt (Vellage Nr. 12) snthält.
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Bestätigung von Stiftungen und Vermächtnissen betreffend.
2. Bekanntmachung Großh. Brandverstcherungs - Commission , die Ergebnisse der Verwaltung der Großh. Brandverficherungskaffe vom Jahre 1884 betreffend.
3. Ordensverleihungen.
4. Zulassung zur Rechtsanwaltschaft:
Am 23. April wurde der Gerichtsasseffor Dr. Otto Scherer in Mainz zur Rechtsanwaltschaft bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen und bei dem Oberlandesgericht zugelaffen.
5. Namensveränderung.
6. Dienstnachrichten:
Am 4. März wurde dem Jacob Knierim aus Osthosen das Patent als Geometer der 1. Klasse für den Kreis Worms ertheilt; am 8. März wurde der Fußgens'darm zu Mainz Adam Funk zum Kanzleiwärter im südlichen Kollegienhause zu Darmstadt, mit Wirkung vom 1. März an, an dems. Tage wurde Heinrich Weitzel zu Höchst zum Steuercommissariats-Gehülsen, am 9. März wurde der Gerichtsvollzieher-Aspirant Wilhelm Staubach aus Wörrstadt zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze in Alzey ernannt; an dems. Tage wurde der von dem evang. Pfarrer und dem Gememderath zu Dreieichenhain aus die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dreieichenhain präsentirte Schulamts- Aspirant Philipp Rack aus Geiß-Nidda für diese Stelle bestätigt; an dems. Tage wurde dem Schullehrer Philipp Lewalter zu Nieder-Lahnstein, im Regierungsbezirk Wiesbaden, eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Biblis, an dems. Tage wurde dem Schullehrer Ludwig Salzmann zu Unter-Seibertenrod die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hopsmannsfeld übertragen; am 12. März wurde der Gerichtsvollzieher-Aspirant Jacob Broß aus Alsheim zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Offenbach, an dems. Tage wurde der Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Offenbach Johann Justus Lahm zum Gerichtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Mainz, an dems. Tage wurde der Hülfs- heizer bei den Oberhessischen Eisenbahnen Heinrich Schmidt aus Naunheim, im Königreich Preußen, zum Heizer bei diesen Bahnen, mit Wirkung vom 1. April an, an dems. Tage wurde der Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Ulrichstein Philipp Schneider zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Homberg a. O., an dems. Tage wurde der Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht -Herbstein Johs. Heinz zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Ulrichstein, an dem«. Tage wurde der Feldwebel im ersten Infanterie- (Leibgarde-) Regiment Nr. 115 Johs. Roth in Darmstadt zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Alsfeld, am 17. März wurde der Gefangenwärter Philipp Bingel in Marienfchloß zum Gefangenauffeher am Landeszuchthaufe, mit Wirkung vom 1. März an, ernannt; am 18. März wurde dem Vicefeldwebel Wedel im dritten Jnsanterie»Regiment Nr. 117 die Stelle eines zweiten Dieners bei der LandeS'Unioerfität, mit Wirkung vom 1. April an, an dems. Tage wurde dem Schullehrer Friedrich Gerold zu Birkenau eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Zwingenberg übertragen.
7. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt find: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Babenhausen mit einem nach dem Dienstalter des betr. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 1000 bis 1500 JL Mit der Stelle ist ein Theil des Organistendienstes verbunden. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bernsseld mit einem Gehalt von 900 «A Mit der Stelle ist Kirchendienst verbunden. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Laudenau mit einem Gehalt von 900 <A Dem Herrn Grasen zu Erbach-Erbach steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. An der Gemeindeschule zu Gonsenheim zwei mit kath. Lehrerinnen zu besetzende Stellen mit einem Gehalt von 1000—1100 «A
Universität- - Chronik.
— Zu seinem fünfzigjährigen Lehrjubiläum wurde der Prof. Frittsche in Zürich von der Universität Halle zum Ehrendoctor der Philosophie ernannt. Gratulationen von Tübingen, Straßburg, Jena, Halle und Breslau trafen ein.
— Die Vereinigten Staaten von Nordamerika werden demnächst eine katholische Universität erhalten. Durch eine Universität wird der katholischen Sache, welche in Nordamerika viel Boden erobert, eine kräftige Unterstützung zu Theil. Wie stark der Katholicismus in den Vereinigten Staaten wächst, ergibt sich aus einer in der Leipziger Jllustrirten Zeitung veröffentlichten Statistik. Es heißt dort, daß der Katholicismus seit 94 Jahren von 25 000 Mitgliedern auf 10 Millionen gewachsen sei. Nimmt man nun an, daß sich die Bevölkerung des Landes in dieser Zeit verzwanzigfacht hat, so hätte sich Rom nicht in gleichem Schritte, d. h. 20mal, sondern 20 x 20 = 400mal vergrößert resp. vermehrt dort und könnte wohl, was Energie anbelangt, dem Protestantismus in dieser Beziehung als leuchtendes Beispiel gelten, wenn man überhaupt die zahllosen, unter sich uneinigen, zerrissenen Secten dort Protestantismus nennen kann.
Bermtschtes.
— Der lange an der Postanstalt in Mühlheim a. d. R. als Briefträger angestellte Sch. wurde vor wenigen Tagen von einer Kugel, die er in der Schlacht bei Sptchern 1870 in die Brust erhalten und die bisher nicht von den Aerzten hervorgeholt werden konnte, im dortigen Krankenhaufe glücklich befreit. Der Zustand des Mannes, der 17 Jahre die Kugel im Körper gehabt, soll dem Vernehmen nach ein sehr befriedigender sein. _ _ ... „
— Wegen der in diesem Jahre so zeitig und heftig auftretenden Gewitter bringen wir einige Regeln, die bei Ausbruch eines Gewitters zu beachten sinv, m Erinnerung: , £
1) Im Freien vermeide man einzelnstehende Bäume, Getreidehaufen, o y der Gewässer und Thiere. (Der Physiker Lichtenberg schlug vor, man- solle an zeoem einzeln stehenden Baum eine Warnungstafel anbringen mit den Worten, „v
*». «.-«<-> -1». weil man als solcher den Gewitterwolken am nächsten ist.


