Ausgabe 
11.12.1887 Zweites Blatt
 
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Rr. 2sS Zweites Blatt. Sonntag den 11. December 1887.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

LZureaur Schulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. jUWMUIlBF1THTWI......I III '! IXT!dt^IHUlinKEM- V/TMH

Wochen * Ueberficht.

Giepcn, 10. December.

Mir freudiger Antheilnahme bat das deutsche süolf die so günstig lautenden Nachrichten entgegengenommen, welche in den letzten Wochen aus San Remo über das Befinden oes Kronprinzen eingegangen find. Begreiflicher Weise sind durch dieselben wieder neue Hoffnungen erweckt worden und mehr und mehr discutirt man Die Möglichkeit, daß sich die Aerzte vielleicht doch geirrt haben könnten und daß daher der deutsche Thronfolger gar nicht am Krebs leide, in einem Telegramm derMagdeb. Zig." aus San Remo wird sogar von einem völligen Umschwung im Urtheile Uber die Krankheit des Kronprinzen gesprochen. Wie gern wünschte man eine baldige Bestätigung dieser frohen Bot­schaft, aber notfj halten die ärztlichen Autoritäten, welche bis jetzt Gelegenheit hatten, sich mit dem Leiden des hohen Herrn zu beschäftigen, mit einem Wider­ruf ihrer auf Krebs lautenden Diagnose zurück und man wird wohl annehmen muffen. daß die ärztlichen Berather des Kronprinzen schwerwiegende Gründe zu ihrer Zurückhaltung haben. Das deutsche Volk wird sich daher auch fernerhin noch mit Geduld wappnen müssen uns kann nur immer wieder die heißesten Wünsche zum Himmel emporsenden, daß sich Alles noch zum Besten wenden möge. Anläßlich der Krankheit des Kronprinzen find in den beiden bayeri­schen Kammern wie in der ersten badischen Kammer Kundgebungen herzlichster Theilnahme erfolgt.

Das Großherzogliche Paar von Baden ist am Donnerstag zum Besuche der kaiserlichen Majestäten in Berlin eingetroffen und dürfte der Aufent- halt der erlauchten badischen Gäste längere Zeit dauern. Am gleichen Tage empfing dar Kaiserpaar den Fürstbischof Dr. Kopp von Breslau in beson­derer Audfinz. , n .

Unter den parlamentarischen Wochen-Ereignisfen stehl das einstweilige Scheitern der Kornzoll - Vorlage in der betreffenden Reichstags- Commission oben an. In dreitägigen sehr lebhaften Berathungen, in welchen die bezüglich der Getreioezoll'Erhöhung bestehenden Gegensätze scharf aufeinander- stießen, hat die Commission sowohl alle Positionen des Regierungs-Entwurfes, als auch sämmtliche Abänderungs- und Vermittelungs-Anträge abgelehnt und stellt sich somit das Ergebniß der ersten Commissionslesung als ein vollständig negatives dar. Am letzten Tage der Generaldebatte, am Mittwoch, wurde außerdem noch der Hawmacher'sche Antrag auf Aushebung Des Identitäts- Nachweises beraten, gegen welche Maßregel sich der Bundesrakhs-Commiffär, Geh. Rath Kraut, ganz entschieden erklärte. Die Berathung des Antrages wurde schließlich abgebrochen und auf Freitag vertagt; ob noch eine zweite Lesung Der Kornzoll-Vorlage in der Commission stattfinden wird, erscheint noch ungewiß; jedenfalls find die Aussichten auf eine Verständigung in der Com- Mission sehr gering. Viel schneller schreiten die Arbeiten in der Budget- Commission vorwärts und konnte dieselbe cm Mittwoch bereits den umfang- rerchen Etat des auswärtigen Amtes erledigen. Derselbe wurde mit feinen sämmtlich n Mehrforderungen, welche von dem mitanwesenden Staatssecretär, Gräfin Herbert Bismarck, erläutert wurden, genehmigt. Hierbei machte der Stnatssecretär auch Mittheilung über die Goldfunde, welche von australischen Goldgräbern im Kamerun-Gebiete getharr worden sind; Graf Bismarck legte auch Proben de» aufgefundenen Goldes vor. Seine Ausführungen klangen nicht sehr ermuthigend und wird ihw-n zufolge das Reich aus den aufgesundenen Goldlagern durchaus keine Einnahmen habrn.

lieber den Inhalt des Dem Bundesrathe noch immer vorliegenden neuen Landwehr- und Landsturm-Gesetze» wiffen Berliner Blätter mitzu- theilen. daß doffeibe nicht nur eine Ausdchnung der Dienstpflicht, sondern auch eine theilweiss veränderte Organisation vorschlage, um die Bereitschaft der Mannschaften zu erhöhen und ihre Einberufung und Ausrüstung zu erleichtern. Zu letzterem Zwecke sollen. ständige Magazine mit den nöthigen AuSrüstung»- stücken eingerichtet werden. Die jetzt nur Dem Kaiser zustehende Befugniß zur Einberufung Des Landsturms soll auf die commandirenden Gmeräle, zunächst aber nur für dir an der Ost- und Westgrenze ausgestellten Corps, übertragen Weibe%ie dem badischen Landtage zugegangene neue kirchenpolitische Vorlage gewährt der Kurie das Recht, an Univerfitälen und Gymnasien Con- victe für Stubirenbe, resp. Schüler zu errichten. Sie hebt ferner den Gerichts­hof für geistliche Angelegenheiten auf und ermächtigt endlich die Regierung, m einzelnen Fällen zur Aushilfe in der Seelsorge Mitglieder von in Baden ver­botenen Orden zuzulaffen. .

In Italien sieht man mit Ungeduld den ersten Sregesnachnchten von der neuen Afrika-Expedition entgegen, bis jetzt scheint dieselbe aber über Recog- noscirungen nicht hinausgekommen zu sein.

Der neue österreichisch-italienische Handelsvertrag ist am Mittwoch unterzeichnet worden.

In Belgien beschäftigt die Frage, ob die neuen Geschütze für die belgische Armee im In- oder Auslände hergestellt werden sollen, schon seit längerer Zeit die Gemüther. Wie nun aus einer Erklärung des Kriegs­ministers in der belgischen Deputirtenkammer hervorgeht, sollen die Feld­geschütze größeren Kalibers im Auslande, dagegen die zur Armirung der neuen Moselfsrts bestimmten Geschütze bei belgischen Etabliffements bestellt werden.

Die französische Präsidentenkrisis hat durch die Wahl Sadi Carnot's zum Nachfolger Grevy's ihren allseitig befriedigenden Abschluß erlangt. Um so dringender erscheint es, auch mit der Ministerkrisis aufzuräumen, wobei es aber nicht ganz so glatt hergehen will. Sadi Carnot hat bei einer ganzen Reihe hervorragender Politiker Umfrage wegen der Neubildung des Ministeriums gehalten, doch lehnten dieselben sämmtlich ab und erst der frühere Cabinetschef Goblet hat sich nach wiederholtem Ersuchen des Präsidenten bereit finden lassen, das neue Cabinet zu bilden. Wahrscheinlich wird dasselbe weiter nicht» als ein Geschäftsministerium werden. Paul Deroulede, der famose Revanchedichter, hat wohl in Folge der verschiedenen Enttäuschungen, die er in letzter Zeit erfahren mußte sein Amt als Ehrenpräsident der Patrioten­liga niedergelegt.

In Sofia herrscht anscheinend vollständige Zerfahrenheit. Die Sob- ranje ist in mehrere sich bitter befehdende, zugleich aber auch gegen das Ministerium Stambuloff Front machende Gruppen gespalten, während die Stellung des Fürsten Ferdinand dem Auslande gegenüber durch die anti­deutsche Jntrique seiner orleanistischen Freunde für erschüttert gilt. Sehr bemerkt wird die Thatsache, daß der deutsche Vice-Consul, v. Löpell, den Fürsten Ferdinand beim Begegnen auf der Straße nicht grüßte.

Die Anfangs dieser Woche erfolgte Eröffnung des nordameri- konischen Congresses hat auch verschiedene für Europa interessante Neuigkeiten im Gefolge gehabt. Vor Allem wird die Einbringung einer Bill angekündigt, durch welche die Einwanderung nach Nordamerika nicht unerheblich erschwert werden dürfte und daneben wird eine Revision des amerikanischen Zolltarifs im frechändlerischen Sinne in Aussicht gestellt.

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Gießen. sKunstverein.j Ausstellung von in hiesigem Privatbesitze befindlichen Gemälden. Fortsetzung. ~ t

Ein wahrer Schatz ist das kleine Gemälde von Jakob Friedrich Dielmann: Bauernhof an der Ahr. Der Maler wurde 1809 zu Sachsenhausen geboren, genoß den ersten Unterricht in der Kunst im Städel'schen Institut zu Frankfurt a. M. und dann in Düsseldorf, er ist Landschaftsmaler und sehr geschickter Figurenmaler zugleich, idyllische Zustände aus dem Landleben, wobei Licht, Luft, Heiterkeit und Unschuld, kindliche Naivetät und Anmuth wiederzugeben sind, sprechen ihn besonders an und ist er ein liebenswürdiger Meister solcher Darstellungen stiller Beschaulichkeit.

Von dem sehr geschickten Künstler L. Lanckow in Düsseldorf hatten wir lange kein Gemälde gesehen, umsomehr freuen wir uns, ein solches von feinem Naturgefühl und schöner, ruhiger Wirkung im Besitze des Herrn Rechtsanwalt Dr. Rosenberg zu wissen.

Zwei großartige Landschaften von H. E. Heyn besitzt Herr Louis Emmelius und hat sie freundlich zur Ausstellung geschickt. Der Künstler hat es verstanden, die ernste Größe des Hochgebirges mit seinen stürzenden, wild schäumenden Wasserfällen und dunkeln Wäldern und dem einsam darüber schwebenden Adler recht anschaulich wiederzugeben. Ist uns hier die überwältigende Macht der Gebirgsnatur vorgeführt, so erblicken wir dagegen in zwei mit innigstem «erständniß und sorgfältigster Liebe ausgeführten Gemälden von E. Boehm den ganzen Reiz unserer deutschen Wälder. Beide Bilder, im Besitz von Frau Professor Riegel, sind wahre Meisterwerke. Ihr Eigenthum sind auch noch zwei anziehende Gemälde, das eine eine liebliche Scene Mutter und Kind" von Lübben in München, das andere ein kleines aber entzückend heiteres Bild von Heinrich Gärtner, dem Sohne von Friedrich Gärtner, dem ver­storbenen großen Baumeister und Dircctor der Akademie der bildenden Künste zu München; das sonnige Bildchen zeigt uns, wie der Künstler es verstanden hat, die italienische Natur aufzufassen.

Italienisch und zwar neapolitanisch ist auch das Lebensbild eines trefflichenKunstlerS aus den 50er Jahren, Fr. Heinr. Jakob (geb. 11. März 1802 in Landau, geft. 1870 zu München), eine muntere Fahrt in lustiger Gesellschaft, im sausenden salopp am Meeresstrande, am Fuße des Vesuvs dahin. Seine glückliche Besitzerin, Frau Justizrath Deigelmeier, ist aber auch Besitzerin fast einer ganzen Galerie guter älterer Gemälde, von welchen sie uns diesmal nur einige geliehen hat, so die beiden Bilder von Max Joseph Wagenbauer, geboren 1774 zu Markt-Gräfing in Oberbayern, gestorben 1829 in München; er war 1815 Inspektor der Centralgemäldegalerie in München und selbst ein geschickter Thiermaler; auch seine Handzeichnungen werden sehr geschätzt.

Wir hoffen später noch manche Perle aus dem Kunstschatze der kunstsinnrgen Dame kennen zu lernen. t

Ein altes treffliches Bildchen von Joh. Konrad Seekatz, geboren 1719 zu Grünstadt, gestorben 1768 in Darmstadt: Bauernstück in der Art Brouwers, hat der Besitzer, Herr Zahnarzt Koch, freundlichst hergeltehen.___

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