Nr. 289 Erstes Blatt. Sonntag den 11. December 1887,
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
t „i. v.» Preis vierteljährlich 2 Mark SO Pf. mit Bringerlohn.
»m-eao, Gchulftraß« 7. Erscheint täglich mit Abnahme des Montag». Tn.cv die Post bnogen vierteljährlich 2 Mark SO Pf.
Amtlicher Hheil.
Lokal - Polizei - Neglement
für die Stadt Grüirberg.
Auf Antrag des Gemeinderaths zu Grünberg und mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 5. December 1887 zu Nr. M. d. I. 28336 wird auf Grund des Art. 78 der Kreisordnung vom 12. Juni 1874 Folgendes für die Stadt Grünberg verordnet:
§ 1.
Gänse, Enten und Hühner dürfen, so lange an Markttagen auf dem Marktplatze zu Grünberg noch Frucht in Säcken lagert, auf den Marktplatz nicht zugelassen werden.
§ 2.
Die Eigenthümer dieser Thiere sind zur Fernhaltung derselben von dem Marktplatze zur Zeit der Abhaltung der Fruchtmärkte verpflichtet. Zuwiderhandlungen werden nach § 366 pos. 10 des Strafgesetzes mit Geldstrafe bis zu 60 Jt (sechzig Mark) oder mit Haft bis zu 14 (vierzehn) Tagen bestraft.
§ 3.
Thiere, deren Eigenthümer nicht bekannt sind, werden eingefangen und wenn solche nicht innerhalb 3 Tagen von den Besitzern als ihr Eigenthum in Anspruch genommen werden, als herrenloses Gut zu Gunsten der Stadtkasie versteigert.
Gießen, den 9. Dezember 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I)r. Boeckmann._______________________________________________________
Gefunden: 1 Knabenmütze, 2 Taschentücher, 1 Lederriemen, 1 Teppich, 4 Löffel, 2 Paar Handschuhe (1 Paar im Theater gefunden), 1 Regenschirm, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Boa, an Geld 20 H, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Gießen, am 10. Dezember 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Aerrtfchland.
Berlin, 9. December. Se. Maj. der Kaiser erledigte im Lause des Vormittags eine Anzahl Regierung»« Geschäfte, Nachmittags machte Höchstder- felbe eine Spazierfahrt. Am Diner nehmen Ihre Königl. Hoheiten Prinz und Prinzessin Wilhelm Theil.
— Die Getreidezoll-Commission nahm den Antrag Windthorst'r an, wo« nach die neuen Zölle auf bi» zum 31. März 1888 eingeführte Gegenstände nicht anwendbar, wenn nachweislich die betr. Kaufverträge vor dem 26. November 1887 abgeschlossen sind. Der erforderliche Beweis ist durch alle zulässigen Beweismittel erbringbar.
— Die Getreidezoll - Commission lehnte gegen 9 Stimmen den Antrag Hammacher's auf Aufhebung des Identitäts-Nachweises ab.
Berlin, 9. December. Der Gesetzentwurf, betr. die Abänderung der Wehrpflicht, ging heute Abend dem Reichstage zu. Danach zerfallen Landwehr und Landsturm in je zwei Aufgebote. Die Landwehr des ersten Aufgebots beginnt nach abgelegter Dienstpflicht im stehenden Heer und dauert 5 Jahre, daran schließt sich ein zweites Aufgebot der Landwehr und dauert bis zum 39. Lebensjahre. Zum Landsturm gehören alle gedienten und nicht gedienten Heeres- pflichtigen bis zum 45. Lebensjahre. Das zweite Aufgebot der Landwehr unterliegt keinen Friedensübungen und keiner Controlversammlung; die sonstige Controls wird ihm möglichst erleichtert. Zur erstmaligen Aufstellung der Listen haben sich alle Gedienten, die 1850 oder später geboren sind, 6 Wochen nach Jnkraf'treten des Gesetzes zu melden, (Fr. Ztg.)
Bielefeld, 9. December. Die soeben zur Ausgabe gelangende „Bieles. Zeitung" bringt einen Brief des Kronprinzen an den Geh. Rath Hinzpeter Hierselbst, früheren Civilgouverneur der Prinzen Wilhelm und Heinrich :
„Indem ich für beide Briefe recht von Herzen danke, kann ich mit gutem Gewissen die Mittheilung machen, daß die von den Aerzten angeordneten Mittel bald nach den Tagen der Consultation den entzündlichen Theil völlig beseitigten und daß die fatalen Erscheinungen sich zurückb'ldeten, wobei ich mich körperlich vollkommen wohl befinde, niemals von Kräften kam, stets den guten Appetit bewahrte, auch zum Erstaunen Aller, die mir begegnen, blühend aussehe. Absichtlich theile ich solche Einzelheiten Ihnen mit, weil es mir vorkommt, als sei die an sich gewiß ernste Erscheinung einer Neubildung und deren ungünstiges Aussehen mit Uebertreibungsn aurposaunt worden, so daß man nicht recht an eine günstige Wendung glauben will. Der liebe Gott wird bestimmen, was für einen Verlauf das Leiden nehmen soll, dessen Pflege nächst der Kronprinzessin den besten Sachverständigen anvertraut ist, die trotz allen Anfeindungen, denen sie ausgesetzt sind, mein voller Vertrauen besitzen. Ich verzage keineswegs und hoffe, wenn auch nach längerer Schonung, meine Kräfte dem Vaterlande dereinst wieoer in alter Weise widmen zu können. Tief gerührt von den zahllosen Beweisen der Theilnahme, die mir aus dem ganzen Reiche wie vom Auslande zugehen, erkenne ich mit aufrichtiger Dankbarkeit an, daß man mir Vertrauen schenkt, und daß auf meinen Charakter gebaut wird. Solche Erfahrungen unter solchen Verhältnissen sind ein wahrer Schatz für mich, den ich Zeit meines Lebens hoch in Ehren halten werde." (Fr. Ztg.)
Rußland.
Petersburg, 9. December. Bei dem Diner der Georgsritter brachte der Czar einen Toast auf den ältesten Georgsritter, Kaiser Wilhelm, aus, wobei die Musik die preußische Nationalhymne intonirte.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telege. Gonesvondenz-Bnreair.
Berlin, 9. December. Auf der Tagesordnung der heutigen Bundesrathssitzung steht auch der Bericht der Ausschüsse, betreffend den Gesetzentwurf über die Änderungen Ler Wehrpflicht. '
— Der Bundesrath ertheilte dem Ausschußbericht, betr. den Gesetzentwurf über Aenderungen der Wehrpflicht, sowie dem Anträge Preußens wegen weiterer Anordnungen auf Grund des Socialistengesetzes für Frankfurt a. M., seine Zustimmung.
Wien, 9. December. Das „Fremdenblatt" bemerkt, der Verlauf der gestrigen unter dem Vorsitz des Kaisers in der Hofburg abgehaltenen militärischen Conferenz entziehe sich selbstverständlich einer weiteren Mittheilung.
Paris, 9. December. In Folge der Verhandlungen zu dem Zwecke, der radikalen Partei zwei Portefeuilles einzuräumen, verweigerte Ribot seinen Eintritt in die ministerielle Combination. Es heißt, auch Goblet werde ablehnen- heute Morgen wird er eine nochmalige Unterredung mit Carnot haben. Sollte Goblet ablehnen, so werde der Präsident auf das Ministerium Rouvier zurückkommen.
— Die radikalen Blätter tadeln entschieden die Haltung der Opportunisten gegenüber Goblet und fordern diesen auf, ein Cabinet ohne die Opportunisten zu bilden. Die „Republique francaise" weist jedweden Compromiß mit den Intransigenten und Anarchisten zurück. Das „Journal des Debctts' erklärt sich damit einverstanden, daß bei der Cabinetsbildung jede Verbindung mit der äußersten Linken vermieden werde. _
— Goblet begab sich Vormittags in das Elys6e und erklärte Sadr Carnot, es sei ihm in Folge verschiedener Ablehnungen unmöglich, ein Cabinet der republikanischen Concentration zu bilden. In Folge dessen sähe er sich genöthigt, den Auftrag zur Cabinetsbildung abzulehnen.
Paris, 9. December. Carnot berief wiederum Fallieres und bot demselben den Austrag zur Cabinetsbildung an. Fallieres erbat sich Bedenkzeit bis heute Abend.
— Fallieres nahm den Auftrag, ein Cabinet zu bilden, an. Er foll die meisten Mitglieder des früheren Cabinets beibehalten, namentlich Rouvier, Flourens und Ferron; das Portefeuille der Justiz werde er Ribot anbieten.
Paris, 9. December. Es bestätigt sich, daß Rouvier, Flourens und Ferron dem von Fallieres zu bildenden Cabinet angehören werden; über die übrigen Cabincts- mitglieder verlautet nichts Zuverlässiges. — „Paris" und „France" zufolge würden die radikalen Gruppen zu einer Versammlung einberufen werden zwecks Ergreifung von Maßregeln gegenüber dem Cabinet-Fallieres. Wie „Paris" meldet, würde der erste Akt des neuen Cabinets Ergreifung von Maßregeln gegen den Pariser Municipalrath sein; ein Gesetzentwurf solle eingebracht werden,' welcher den Municipalwahlmodus abändere und die Auflösung des Municipalraths gestatte. „— „Temps" fordert die gemäßigten und radikalen Gruppen zu gegenseitigen Zugeständnissen auf, da sie sonst zur Ohnmacht verurtheilt seien. _ ,, x ,
— Fallieres setzte seine Bemühungen fort, ein neues Cabinet zu bilden, doch wird die Constituirung nicht vor Sonntag oder Montag erwartet.
London, 9. December. Der Unterstaatssecretar des Aeußeren, Sir Jameö Fergusson hielt gestern in dem conservativen Verein zu Guilford eine Rede, in welcher er sagte: „Soweit die englische Regierung unterrichtet sei, wäre kein Grund zur Annahme vorhanden, daß in irgend einem Lande Schritte gethan würden oder Truppenbewegungen in solchem Maße stattsänden, daß dieselben auf eine Störung des euro= päischen Friedens hindeuten könnten. Die von Klugheit beseelten großen Militärmächte verabsäumten keine Vorsichtsmaßregel», aber diese enthielten keinerlei Andeutung eines beabsichtigten Angriffs; der allgemeine und ernste Wunsch nach Erhaltung des Friedens, welcher, wie Lord Salisbury erklärt habe, von allen Souveränen und Ministern Europas bekundet worden, sei nach der Ueberzeugung der englischen Regnwung durch die spateren Ereignisse noch gestärkt worden. Nach seinem besten Wissen sei gegenwärtig keine Ursache, einen Friedensbruch zu besorgen. . , . .. -
Stockholm, 9. December. Die competente Behörde bestätigte heme die Can- didaten der schuhzöllnerischen Minorität als Reichstagsabgeordnete. Wie es heißt, wurde Appellation dagegen eingebracht.
Newyork, 9. December. Joh. Most ist zu einem Jahre Gefangniß verurtheilt worden. Er wird appelliren. — Die republikanische Konvention zur Aufstellung von Candidaten für die Präsidentschaft und Viceprasidentschaft wird in Chicago am 19. Juni 1888 stattfinden.


