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M«. 132 Samstag den 11. Juni 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Bei der am 9. d. M- vorgenommenen Wahl sind zu Mitgliedern des Vorstandes der israelitischen Neligionsgemeinde dahier die Herren

Joseph Stern und Nathan Stamm gewählt worden.

Dies wird mit dem Ansügen bekannt gemacht, daß während drei Tagen, nämlich den 11., 13. und 14. d. M-, das Wahlprotokoll mit allen Anlagen auf dem Bureau des 1. Vorstehers, Herrn Meier Homberger dahier, offengelegt sein wird, und daß während der unerstrecklichen Frist dieser drei Tage die Stimmberechtigten, sowie die Gewählten von dem Wahlprotokoll und dessen Anlagen Einsicht nehmen und Einwendungen gegen die Wahl oder gegen die Gewählten, bezw. Ablehnungen der Wahl, bei Vermeidung des Ausschlusses bei Großherzoglichem Kreisamt Gießen vorbringen können.

Gießen, am 10. Juni 1887. Der Wahl - Commiffär:

__Römheld, Regierungs-Affeffor. ____

Politische Nebesfickt.

Gießen, 10. Juni.

Die Erkältung, von welcher der Kaiser anläßlich der Reise zu den Kieler Festlichkeiten befallen wurde, hat sich jetzt auf die Augen gelegt, welche eine leichte katarrhalische Reizung zeigen. Doch wird aus Berliner Hoskreisen versichert, daß dar Unwohlsein des greisen Monarchen einen normalen Verlaus nimmt und keinerlei Anlaß zu Besorgnissen giebt. Der Kaiser hat sich nur schwer und erst auf die dringenden Vorstellungen der Aerzte hin entschloffen, von der Theilnahme an der Liegr.itzer Jubelseier noch im letzten Augenblicke abzusehen, so daß das Känigs-Grenaüier-Regiment die Feier ohne die Anwesen­heit des erlauchten Regiments-Chefs begehen mußte. Dies Fernbleiben des Kaisers war der einzige Schatten, welcher auf die Liegnitzer Festlichkeiten fiel und find dieselben im Uebrigen in denkbar glänzendster Weise verlausen.

Der Londoner Specialarzt Dr. Mackenzie ist am Dienstag Abend wiederum in Berlin eingetroffen, um ein nochmaliges Gutachten über das Hals­leiden des Kronprinzen abzugeben. Falls dar Gutachten, wie zu erhoffen steht, günstig aussällt, w'.rd Ende dieser Woche die Abreise des kronprinzlichen Paares zu den Londoner JubiläumS'Fchlichketten erfolgen.

Von den beiden Steuer-Commissionen des Reichstages hat die Branntweinsteuer-Commission am Mittwoch mit der Beschlußfassung über die noch übrig gebliebene Frage der Nachbesteuerung ihre Arbeiten erledigt. Am Dienstag wurde der sehr umfangreiche Bericht sestgestellt und gelangten hierbei noch verschiedene Detailfragen zur Erledigung; die zur Vorlage einge­gangenen 1259 Petitionen sind m Folge der Commissions-Beschlüffe als erledigt Zu betrachten. Die am Montag begonnenen Verhandlungen der Zuckersteuer- Commisfion werden nicht so glatt verlausen, als man wenigstens nach dem Gange der ersten Plenarlesung annehmen durste. Gleich die Montagssitzung der Com­mission hat eine Verschärfung der in der Zuckersteuerfrage vorhandenen Gegen­sätze gezeigt. Die Mitglieder der ReichSpartei plaidirten für die Einführung einer reinen Consumsteuer, zunächst mit Bemessung einer offenen Ausfuhrprämie, auch wurde von dieser Seite die Erhöhung der Verbrauchsabgabe beantragt. SonservativerseitS schlug Abg. Gras Stolberg eine Erhöhung der Exportver- gütung für alle drei Kategorien des Zuckers um je 25 vor; Abg. Dr. Meyer- Halle (frei).) stellte einen Antrag aus völlige Streichung der Materialiensteuer und der Aussuhroergütung und alleinige Einführung einer mäßigen Consum- fteuer; auch sonst noch wurden verschiedenene Wünsche laut. Gegenüber all' diesen Amendements verhielten sich die Regierungs-Vertreter, Finanzminister Scholz und Schatzsecretär Jacoby durchaus ablehnend, und erklärten sie wieder­holt, daß die Regierung aus ihrem Entwürfe beharren müsse, auch ein Theil der Commissions-Mitglieder trat entschieden für die Regierungs-Vorlage ein. Trotz dieser Verschiedenheit der Anschauungen ist gegründete Aussicht aus einen ersprießlichen Abschluß der Commissions-Verhandlungen vorhanden, wenngleich sich dieselben eben etwas mehr in die Länge ziehen dürften, als man ursprünglich vielleicht angmommen halte.

Die feil einiger Zeit umlausenden Gerüchte über die Neubesetzung des Breslauer fürstbischöflichen Stuhles durch den Bischof Dr. Kopp von Fulda sollen zum Mindesten verfrüht sein. Es wird versichert, daß der Papst dem Breslauer Domkapitel bis jetzt noch gar nicht angezeigt habe, daß er gesonnen sei, in der Bischofsfrage selbst zu entscheiden.

Die außerordentliche Session des badischen Landtages ist am Dienstag mit einer Ansprache des Staatsministers Turban eröffnet worden. Die dem Landtage zugehenden Vorlagen beschränken si a nach den Mittheilungen Turban's auf die Staatsverträge mit dem Reiche w t;en des Baues der pro- jectlrten strategischen Bahnen und auf einen Nachtrag zum Etat behufs Bereit­stellung der hierzu erforderlichen Mittel.

Die officiellen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland präsentiren sich fortgesetzt in günstigem Lichte. Hierfür ist das Vorgehen der russischen Regierung gegen verschiedene bekannte Persönlichkeitey, die sich durch ein feindseliges Auftreten gegen Deutschlandausgezeichnet" haben, ein neuer Beweis. Wie sich dieKöln. Ztg." aus Petersburg melden läßt, mußte der General Bogdanowitsch den Abschied nehmen und zwar ausdrücklich wegen seiner eigenmächtigen politischen Thätigkeit, die er in deutschfeindlichem Sinne während I seines Pariser Aufenthaltes ausübte. Weiter sollen der ehemalige russische Bot- |

schaster in Berlin, v. Saburoff, und der frühere Attache bei der russischen Bot- schajt in Wien, v. Tatitscheff, wegen der gegen Deutschland gerichteten Ver­öffentlichung geheimer diplomatischer Actenstücke aus dem Staatsdienste scheiden. Endlich wird versichert, daß selbst dem allmächtigen Herrn Katkow ein strenger Verweis zu Theil geworden sei und er bei seiner letzten Anwesenheit in Gatschina vom Czaren nicht empfangen worden sei. Das wären eine ganze Reihe ecla- tanter Genugthuungen für Deutschland, welche beweisen, daß man in Petersburg die ernste Absicht hat, sich mit dem deutschen Nachbar wieder auf einen mög­lichst freundschaftlichen Fuß zu stellen. Den Schlüssel aber zu dieser neuen Wendung in der russischen Politik liefert die weitere Petersburger Meldung, daß die jüngste französische Krisis, welche die Haltlosigkeit der französischen Zu­stände wieder einmal so klar an's Licht brachte, in den russischen Regierungs- freifen den Übelsten Nachgeschmack hinterlassen habe. Außerdem wollen besonders Eingeweihte wissen, Rußland plane in Centralasien einen Handstreich gegen die Engländer und 'wünsche sich daher vorher die wohlwollende Neutralität Deutsch­lands zu sichern; einstweilen klingt diese Nachricht denn doch ein wenig abenteuerlich.

Italien betreibt ganz ernstlich die Vorbereitungen zu dem Feldzuge gegen die Abyssinier, durch welchen die Scharte der italienischen Waffen bei Saati und Dogalt wieder ausgewetzt werden soll. Der italienische Oberst- Commandirende in Maffauah, General Saletta, soll beauftragt fein, dem Negus Johannes von Abyssinien eine förmliche Kriegserklärung zu übermitteln. Zwei vollständige Divisionen unter dem Oberbefehle des Generals Pallariwini find zu den Operationen bestimmt, unter ihm werden die Generäle Ricci und Popo- lini commandiren. General Saletta selbst würde in Maffauah bleiben; auch heißt es, der gemaßregelte General ©ende solle mit einem neuen Commanoo in Afrika betraut werden. Der Beginn der Operationen wild in baldige Aus­sicht gestellt, da der abysfinische Oberfeldherr Ras Alula seine Streitkräste immer enger um die vorgeschobene Stellung der Italiener bei Arkiko zusammenzieht. Trotzdem muß noch immer bezweifelt werden, daß die Operationen der Italie­ner gegen die Abyssinier demnächst beginnen werden, da schon die heiße Jahres­zeit, die zur Zeit an der Küste von Maffauah eingetreten ist, die Beweglichkeit europäischer Truppen bedenklich erschwert, auch die Verpflegung größerer Trup- penmaffen erfordert in jenen sterilen Gegenden umfassendere Vorbereitungen.

Die irische Frage scheint durch die Einmischung des Papstes in ein neues Stadium treten zu wollen. Wenigstens curRrt in der englischen Presse schon seit einiger Zeit das Gerücht, daß der in Rom weilende Herzog v. Norfolk beim Papste mehrere Audienzen wegen Wiederaufnahme der diplomatischen Ver­handlungen und Beziehungen zwischen England und dem Vatikan gehabt habe. Die Nachricht wird trotz verschiedener Dementis von der aus Rom gewöhnlich gut bedientenIrisch Times" in bestimmtester Form aufrecht erhalten. Aller­dings meldet nun ein römisches Privat-Telegramm derGermania", dcß die Errichtung einer englischen Gesandtschaft beim Vatikan erst nach Lösung öer irischen Frage möglich fei, aber es wird in jenem doch zugleich zugestanden, daß in Folge der Bemühungen des Herzogs von Norfolk bessere Beziehungen zwi­schen England und dem Vatikan herrschen werden; hieraus wird dann jeden­falls auch eine Rückwirkung auf die Angelegenheiten in Irland sich ergeben.

Artikel 3 der irischen Strafrechts-Bill, welcher die Einsetzung besonderer Göschworenengerichte für gewisse Fälle vorsieht, wurde vom Unter» hause in der Nachtsitzung vom Dienstag zum Mittwoch mit großer Mehrheit angenommen. Sämmtliche Abänderungsanträge wurden verworfen.

Darmstadt, 9. Juni. Zur Feier des 25jährigen Jubiläums Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs als Chef des 1. Großh. Dragoner-Regiments (Garde-Dragoner-Regiments) Nr. 23 findet heute Abend 7 Uhr im Weißen Saale des Schlosses Tafel statt, zu welcher an das Osficier-Corps des Regi­ments und an solche Herren, welche früher demselben angehört haben, Emla- dungen ergangen sind.__

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondeuz- Bureau.

Berlin, 9. Juni. Das allgemeine Befinden Seiner Majestät Kaisers ist unverändert. Die Reizung der Augen geht zurück. Der Kaiser ist heute nach ut;C ausgestanden. Der Kronprinz besuchte Vormittags den Kaiser.