Ausgabe 
10.12.1887 Zweites Blatt
 
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1887.

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Amts- und Anzcigcblatt für dcn Kreis Gießen.

Air. 288 Zweites Blatt. Samstag den 10. December

Dnreaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinaerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

aus der Botschaft. daß fie sich für eine Herabsetzung der amerikanischen Zoll­tarifs, für Aufhebung, resp. Ermäßigung der Wollzölle und ebenso für Herab­minderung der Zölle auf ausländische Rohstoffe, die bei den amerikanischen In­dustrien zur Berarbettung gelangen, resp. für zollfreie Einfuhr derselben ausspricht. Im Staatsschätze wird der lleberschuß am 30. Juni 1888 140 Mill. Doll, betragen. Glückliches Amerika!

Politische Ueber-cht.

Gießen, 9. December.

Die trostreichen Nachrichten, welche seit einiger Zeit aus San Remo über dar Befinden des deutschen Kronprinzen einlaufen, haben moch in den letzten Tagen eine bemerkenrwerthe Vermehrung erfahren. In der Berliner Loge Royal York wurde ein dem Großmeister zugegangenes eigen­händiges Schreiben der hohen Patienten verlesen, welcher aus jeder Zeile den frohen Lebensmuth, die sichere Hoffnungssreudigkeit unseres Kronprinzen hervor­leuchten läßt.Mit Gottes Hilfen, so ungefähr heißt es in dem kronprinzlichen Schreiben, »hoffe ich in nicht allzuferner Zett wiederum in meinem Berlin weilen zu können." Ferner wird aus Paris gemeldet, daß der deutsche Bot­schafter Graf Münster auf einem Diner der dortigen deutschen Kolonie die ihm dtrect aus San Remo zugegangenen hoffnungsvollen Nachrichten mitthetlte und dann tiefbewegt einen Trmkfpruch auf den Kronprinzen ausbrachte. Man kann nur aufrichtig wünschen, daß diesen zuversichtlichen Nachrichten, die gewiß auch außerhalb der Neichsgrenzen die freudigste Theilnahme finden werden, nicht wie­der betrübendere Mittheilungen folgen mögen, denn eine Enttäuschung wäre jetzt nur allzuschmerzlich. Unter den parlamentarischen Kundgebungen für den deut­schen Thronfolger ist als eine der jüngsten die am Dienstag in gemeinsamer Sitzung der beiden bayerischen Kammern gehaltene Ansprache des Abge- ordnetenhaus»Präsidenten 0. Ow zu verzeichnen. Dieselbe giebt der Bewunderung der gesammten bayerischen Volksoettretung für die Seelenstärke Ausdruck, mit welcher der Kronprinz sein schwerer Leiden trägt und spricht, unter Bekundung lebhaftester Theilnahme an dem Schmerze des Ksisers, die Hoffnung auf baldige Wendung zum Besseren, auf Wiedergenesung, aus.

Der Großherzog und die Großherzogin von Baden sind am Donnerslag in Berlin eingetroffen und im königlichen Palais abgesttegen. Am gleichen Tage kehrte Prinz Ludwig von Bayern, welcher seit den Letz- Unger Hofjagden der Gast des Kaiserhauses gewesen war, von der Reichshaupt- fiavt nach München zurück.

Dem Reichstage ist eine Vorlage über die Einführung der Reichs- gewerbeordnung in Elsaß-Lothringen zugegangen. Die Vorlage ist als eine weitere Maßregel zur inneren Germanistrung der wiedergewonnenen Provinzen zu betrachten, nachdem ihr bereit» eine Maßregel mit ähnlicher Ten­denz die anderweitige Ernennung der elsaß-lothringischen Bürgermeister vorangegangen ist. Ausgeschlossen von der Übertragung der Reichsgewerbe­ordnung auf Elsaß-Lothringen find nur die Bestimmungen über die sogenannten Preßgewerbe, über die Thealerpolizei, über die Schließung von Wirthschaften und über öffentliche Versteigerungen, bei welchen noch die au» französischer Zeit herrührenden Landesgesetze in Kraft bleiben. Sonst aber findet die deutsche Gewerbeordnung vollständig auch auf die Reichslande Anwendung und wenn hierdurch beten innerer Verschmelzung»-Proceß mit Altdeutschland gefördert werden soll, so wird Elsaß-Lothringen anderseits zugleich der humanen Bestim- mungen thesihastig gemacht, die im übrigen Deutschland bereits hinsichtlich de» Arbeiterschutzes gelten und mit welcher Frage es im Reichslande unter der fran- zösischiN Gesetzgebung bislang sehr mißlich aussah.

Die Verhandlungen des seit Montag in Berlin tagenden preußischen Volkswirthschaftsrathe« über die Grundzüge der Alters- und Jnvaliden- Verstcherung haben bei der Generaldebatte die Zustimmung sämmtlicher Redner mit einer einzigen Ausnahme zu der Tendenz der Grnndzüge ergeben. Daoegen traten bezüglich der Einzelheiten verschiedene Anschauungen hervor und wurden mannigfache Wünsche nach Abänderung diese» und jene» Vorschläge» de» Regierung»-Entwürfe» laut. Bei dem die genannte Körperschaft beseelenden Geist darf die zuversichtliche Erwartung aurgesprochen werden, daß die Sera# «jungen derselben der Invaliditäts-Vorlage nur zum Nutzen gereichen mögen.

Die erste badische Kammer hat gleich der zweiten eine Zustimmung»- Adresse auf die Thronrede be» Großherzog» angenommen, in welcher die innige Theilnahme der Kammer an dem schweren Geschick de» deutschen Kronprinzen und zugleich deren Bewunderung des männlichen Muthes und der christlichen Ergebenheit ausgedrückt wird, womit der hohe Kranke sein Leiden trägt. Die in der Thronrede angekündigten Gesetzentwürfe werden von der Adresse sämmt- lich gebilligt.

Vom ungarischen Abgeordnetenhause ist der Gesetzentwurf, betr. die pro* visoriche Regelung der Handels-Beziehungen zu Deutschland, am Dienetag genehmigt worden. In der Vorangegangenen Debatte hatte Staats- secretär Matlekovics den Meistbegünstigungs-Charakter de» neuen deutsch - öfter- reichischen Handelsvertrages bestätigt und weiter erklärt, daß Deutschland auch in dem neuen Vertrage nur ein Provisorium erblicke.

Der LondonerStandard" bringt einen Artikel Über die Zusammen- riehung russischer Truppen an der österreichischen Grenze. Am Schluffe desselben heißt es beschwichtigend: Wir können ungeachtet aller Besorgnisse vor einer bevorstehenden Eollision nicht umhin, zu glauben, daß in der bekannten Stärke Deutschlands und seinen friedfertigen Absichten die sicherste Gewähr gegen eine Störung des europäischen Frieden» zu finden ist. Hoffentlich wird man auch in Petersburg zu dieser Ansicht gelangen!

Der am Montag vollzogenen formellen Eröffnung des nordameri- Manischen Cong resse» ist am nächste» Tage die Übliche Botschaft de» Präsidenten nachgefolgt. Dieselbe ist indessen lediglich finanzpolitischer Natur unD vermeidet es, auf eigentlich politische Fragen einzugehen. Hervorzuheben ist

nn. Darmstadt, 7. December. Von einem schweren Unglück wurde eine hiesige Familie betroffen. Der einzige Sohn, welcher in einer lithographischen Anstalt al? Lehrling thätig war, ging im Frühjahre, nachdem er auSgclernt hatte, in die Fremde und fand Stellung in Mesa in Thüringen. Mit fernem dortigen Principal kam der junge Mann in Lohndifferenzen, welche zu Wortwechsel führten. Zn einem solchen schoß «un der Principal den jungen Mann in einem dortigur Gasthau e vor den Augen der anwesenden Gäste mit einem Revolver nieder. Tödtlich »erwunvtt, wurde er in ein dortiges Spital verbracht, wo er hoffnungslos darniede^ Kugel ging hinter dem Ohr in den Kopf und blieb dort stecke«. Der Principal, welcher sofort verhaftet wurde, hat sich im Gesängniß erhängt. (KncinihrmnFrrif

nn. Gestern Mittag wurde der bekannte Dolksredner und Socrald molrat Binkert unter außerordentlich zahlreicher Betheiligung leinerGesinnungsgenossen von hier und auswärts beerdigt. Die Polizei hatte umfasiende Maßregeln getroffen, doch verlief ^lles^hne^ Störung, le^^i Dienstag Abend die n^ündete

Handelsschule tn's Lebm getreten. Das Curatortum hat der hrestge Handelsverein übernommen.

Ein Stimmungsbild aus San Nemo.

San Remo, 4. December.

In der Presse streitet man noch vielfach über eine peffimtstische und eine opti­mistische Auffassung der Krankheit unseres Kronprinzen. Hervorgerufen wurde diese Verschiedenheit der Beurtheilung einerseits durch die ziemlich unerwartet kommende Entscheidung der Aerzte über die bösartige Natur des Uebels, sowie durch die ersten beunruhigenden Gerüchte von drohender Lebensgefahr, anderseits durch die verhältniß- mäßig günstigen Berichte der letzten Wochen und dcn ohne Unterschied der Stände in allen Elasten des Volkes vorhandenen sehnlichsten Wunsch nach Wiederherstellung der Hoffnung des deutschen Reiches". Um zu zeigen, daß zwischen der Auffassung der Optimisten und jener der Pessimisten die Wahrheit, soweit wir sie bisher erkennen können, in der Mitte liegt, möge das nachstehende Stimmungsbild aus San Remo, bei dem ich gesucht habe, möglichst objectiv nach den empfangenen Eindrücken zu urtheilen, hier Platz finden. Tie am 10. November bei der großen Beralhung der Aerzte ausgestellte Diagnose ist bekannt; an dieser Diagnose zu rütteln, haben wir keinen Anlaß. Man erachtete die Krankheit allzu wett vorgeschritten, als daß mit Aus­sicht auf Erfolg eine Operation unternommen werden könne. Wenn auch, wie erwähnt, die Diagnose unangetastet bleiben muß ob wohl doch schließlich alles ärztliche Wissen blos Stückwerk ist so kann doch schon heute behauptet werden, daß die von Aerzten und Laien aus jener Diagnose gezogenen Schlußfolgerungen über das Ziel hinausschossen, wie man z. B. daraus schließen darf, daß trotz der Besorgntß, die Tracheotomie könne sofort erforderlich werden, dieselbe bis heute noch nicht vorge­nommen zu werden brauchte und auch dem Anscheine nach nicht in Aussicht steht. Daß einige deutsche und auch ausländische Zeitungen die schlimmste Wendung, welche das Uebel nehmen könnte, nach allen Richtungen erörtern, hat in manchen Kreisen dcn peinlichen Eindruck einer Vioisection hervorgerufen. Der vom 19. November dattrte, imNeichsanzeiger" veröffentlichte ärztliche Bericht betonte den geschwürigen Zerfall innerhalb der bösartigen Neubildung. In welchem Sinne diese Erscheinung aufzufassen sei, wurde nicht gesagt, aber unter den Lesern werden wohl alle Laien und vielleicht auch manche Aerzte den Eindruck gewonnen haben, daß das Symptom kein günstiges sei. Thatsächlich aber ist, wie in demselben Bericht weiter angeführt war, eine Erweiterung der Stimmritze und des Athmungsweges eingetreten und dadurch die Nothwendigkett einer Tracheotomie wesentlich vermindert oder hinausgeschoben worden. Der letzte, vom 30. November datirte Bericht bringt die erfreuliche Mittheilung, daß das örtliche Leiden augenblicklich keine Neigung zu weiterer Ausbreitung zeige und dem Kranken keinerlei Beschwerden verursache. Es ist also entweder ein gewisser Stillstand eingetreten oder die Fortschritte des Leidens sind so unmerklich, daß sie sich trotz denkbar sorgfältigster Beobachtung der Wahrnehmung der behandelnden Aerzte entzogen haben. Jedenfalls ist der Verlauf, den das Leiden seit jener entscheidenden Berathung der Aerzte genommen hat, ein derartiger, daß dadurch, wenigstens sür's nächste, die aller- schlimmsten Befürchtungen zerstreut werden müssen. Jeder Deutsche, jeder Verehrer und Bewunderer des edlen hochherzigen Fürsten wird mit tiefgefühlter Freude und Dankbarkeit vernehmen, daß, obwohl bei jeder Krankheit das Unberechenbare eine große Rolle spielt, doch, soweit menschliches Wissen reicht, behauptet werden kann, eine nicht bloS augenblickliche, sondern der Zeit nach naheliegende Gefahr erscheine ausgeschlossen. Aber i»dcm ich dies ausspreche, möchte ich gleich htnzusügen, daß diese verhällntßmäßig günstige Auffassung eine berechtigte Reaction gegen die übertriebenen Befürchtungen und Schlußfolgerungen der Pessimisten darstellt und daß aus dem oerhaltnißmäßig günstigen Verlauf der letzten Wochen ebenso wenig übertriebene Schlußfolgerungen gezogen werden sollten. Außer dem schroffen Gegensatz zwischen Optimisten und Pessimisten gibt es auch noch einen ganz feinen, jedem praktischen Arzte zur Genüge bekannten, den ich, um nicht mißverstanden zu werden, blos mit Vorsicht anzudeuten wage, nämlich die in so mancher Krankengeschichte hervortretende, bisweilen blos ganz leichte Verschiedenheit in der Beurtheilung des Leidens zwischen Arzt und Patienten. Um ein Beispiel anzuführen, pflegt bei der Genesung vom Typhus die Auffassung des die Rückkehr seiner Kräfte fühlenden Kranken nur selten ganz genau mit derjenigen des behandelnden Arztes zusammenzufallen, welch letzterer die Möglichkeit eines Rück­schlags, selbst eine» ungünstigen Ausganges niemals aus den Augen verlieren darf. Es ist nothwendtg, das zu erwähnen, damit nicht überkluge Leute einen Widerspruch herausgrübeln, der thatsächlich nicht besteht. Daß der Kronprinz ganz wie früher liest, in ernster Weise arbeitet und die Eingänge erledigt, habe ich bereits mehrfach erwähnt. Und die Angaben über das vortreffliche Allgemeinbefinden des hohen Kranken werden täglich durch sein frisches Aussehen, den elastischen Schritt und die heitere Miene bestätigt. So berechtigt nun auch die Hoffnung ist, daß der geliebte und verehrte Fürst unserem Vaterlande Jahre lang erhalten bleiben werde, jo darf doch ba5 fubjectloe Empfinden seines Kraft- und Gesundheitsgefühls nicht über die ernste Natur des Leidens, sowie darüber hinwegtäuschen, daß jede voreilige Hoffnung einen etwaigen Rückschlag in doppelt düsteren Farben erscheinen lassen und zur Uebertreibung seiner Bedeutung veranlassen würde. 3-)