Auch der Besuch der Ausstellung im Schloß nimmt täglich tu, obschon die tunen Tage nicht gerade einladend dazu sind. Um so lieber spricht der Ausschuß des Kunstvereins allen Einsendern ihrer Gemälde seinen Dank auS und hofft, demnächst eine vollständige Uebersicht der in Gießen befindlichen Kunstschätze gewinnen und bekannt machen zu können.
Eine streng geordnete Aufstellung der Bilder war bisher nicht möglich, weil dieselben nur nach und nach eintrafen, und meist ohne Angabe der Namen der Künstler. Umsomehr dürfte eS willkommen sein, auf einige der besten neueren und älteren Gemälde in der Ausstellung aufmerksam gemacht zu werden und einige Nottzm über die betreffenden Künstler zu erhalten. . D , .
Unbedingten Beifall und allgemeine Bewunderung hat wohl zumeist das lebensgroße Portrait des GeheimenRathS Wafferschleben von dem Maler Eugen Klimsch aus Frankfurt a. M. gefunden; geboren am 29. November 1839, lebt der Künstler daselbst, Oberltndau 15; sein Atelier befindet sich Eschenheimer Landstraße 34.
Don der Hand desselben Künstlers ist das Portrait der Frau Erich Wafferschleben in neuerem Format, aber vortrefflich aufgefaßt und sehr sorgfältig ausgeführt. Ganz besonders spricht an diesem Gemälde auch die Wahl des AnzugS der jungen Dame an, weil er mit feinem Tact so gewählt ist, daß es, bescheiden in Schnitt und Farbe, nicht der wechselndm Mode unterworfen ist. tri „
Dem Herrn Geheime Rath Wafferschleben verdanken wir ferner die Ausstellung zweier anderer sehr schöner Gemälde; es sind dieses die beiden herrlichen Landschaften von Josef Wopfner, Ansichten aus dem Bayerischen Hochland.
Der Künstler ist Tiroler, geboren am 19. März 1843 zu Schwaz, wo sein Vater Bildhauer, Faßmaler und Bäcker in einer Person war. Mit 16 Jahren ging der Sohn als Anstreicher nach München und arbeitete dort auch als Lithograph, dann wurde er 1864 Schüler der Akademie und 1869 bei Piloty, bis 1872. Seitdem ist er Meister und namentlich durch seine beiden Gemälde auf der internationalen Kunstausstellung zu München 1883: Abendläuten und Lachsfang am Chiemsee, und mehr noch durch sein ergreifendes Bild: „Heuschiff im Sturm- 1886 (bei der vorjährigen Jubiläums- Ausstellung in Berlin) ein weitberühmter Künstler geworden.
Herr Erich Wafferschleben hat seinen Kunstsinn durch Ankauf zweier neuen Gemälde bewiesen, die auch unsere Ausstellung schmücken, eS sind dieses: DieZettungS- »orlesung von Friedr. Friedländer in Wien, ein fein aufgefaßtes lebensvoller Bild aus der Gegenwart, und ferner: Der Kaps eines weinfeligen Mönches im Stile Eduard Srützners, gemalt von Th. Rändel.
Als Glanzpunkte unserer Ausstellung erscheinen eine ganze Reihe von Portraits, vor Allen das Portrait des verstorbenen Herrn Commcrzienraths Gail; es ist dieses Bild eine vortreffliche Copie des Malers Horst nach dem herrlichen Gemälde unseres leider zu früh gestorbenen Wil Helm. Traut sch old, jetzt im Besitz von Fräulein Maria «all. n
Sehr dankbar müssen wir fernerhin Herrn Ober-Rabbmer Dr. Levi für die Ausstellung seines Portraits von der Hand des großen, berühmten Meisters Franz Lenbach, welcher dieses großartig aufgefaßte Bild nur aus der Erinnerung gemalt haben soll. Großartig ist es in der Thal, aber wir vermissen darin doch das liebenswürdige freundliche Gesicht unseres hochverehrten Mitbürgers, der uns auch die Freude gemacht hat, nebenan das kleine Portrait seines berühmten Großvaters und dasjenige seines Vaters und ein lebensgroßes seiner Mutter bewundern zu können.
Von Wilhelm Traut sch old, geb. 1815 in Berlin, gestorben in London 1879, besitzen wir viele ausgezeichnet gelungene Portraits in Gießen, so das Bildniß v. Liebigs, verschiedene Portraits aus der Familie des verstorbenen Geh. Medicinalrath Balser. Leider ist daS ausgestellte Bildniß Dr. Balsers bei einem neuen Ueberzug mit zu dickem Firniß unrichtig behandelt worden. Neben diesem Bilde finden wir dasjenige des verstorbenen Geheimen Raths v. Nitgen und dann jenes des verstorbenen Staatsanwalts Dietz, lauter ausgezeichnete Gemälde.
Unter den neuesten Portraits zeichnet sich besonders dasjenige des Herrn Professors Dr. Streng von Otto Scholderer, einem 1834 in Frankfurt geborenen Maler, welcher aber gegenwärtig in London lebt, aus; derselbe Künstler hat auch das Bildniß des verstorbenen Söhnchen Rudi Streng vortrefflich ausgeführt.
Don einem Künstler, Gratz zu Marburg, wurde kürzlich das schöne Bildniß der Fran Professor Hellwig gemalt, und uns gütigst zur Ausstellung anvertraut.
Unter den trefflichen Portraits ans früherer Zeit ist als ganz ausgezeichnet dasjenige des verstorbenen Oberstlieutenants von Klipstetn hervorzuheben, sowie dasjenige von dessen Schwester, beide Bilder von Maler Hartmann in Darmstadt.
Eine Perleder Ausstellung verdanken wir der Güte des Herrn Rentier I. Reifenberg; es ist das sonnige Bild an der Küste Norwegens, voll großer Leuchtkraft und ruhiger Stimmung von dem berühmten Seemaler Adelsteen Norman, geboren 1848 zu Bodo in Norwegen, jetzt in Düsseldorf. Der junge Mann sollte in Kopenhagen in eine Handelsschule treten, ging aber zur Kunst über und 1869 nach Düsseldorf an die Akademie, wo er bald ein großer Meister geworden ist.
Ein zweites Bild im Besitze des Herrn Reifenberg zeigt unS eine Frühlings- landschaft mit blühenden Bäumen und Gewächsen, von Albert Arnz in Düsseldorf.
Ein liebes, wohlthuendes Bild.
Diesem gegenüber erblicken wir mit Freude einen alten Bekannten von der Ausstellung im Juli im Saale der Realschule, Eonrad Wimmers: „Früh Morgens im Walde-, wo das Licht durch die Zweige bricht und überall auf den Thautropfen funkelt und herrliche Reflexe durch den feuchten Morgenduft auf die kräftigen Rosse und auf deren Führer wirft, der vor dem Kreuze am Wege seinen Hut andächtig zieht. Herr Director A. Heß hat das anmuthige Bild damals erworben und heute noch daneben die Portraits seiner Kinder, vor Jahren von Maler Horst ausgeführt, auf- gestellt, au8 welchen jetzt prächtige junge Leute geworden sind.
(Fortsetzung folgt.)
△ Mainz, 8. December. Laut telegraphischer Mittheilung von Leipzig hat das Reichsgericht in feiner heutigen Sitzung die von den Führern der hiesigen Socialdemokraten, Abgeordneten Jöst und Consorten, gegen das in dem Mainzer Socialisten- prozeß von der Strafkammer des hiesigen Landgerichts im October erlassene Urtheil eingelegte Revision verworfen und die Derurtheilten zu den Kosten der Revision condemnirt. Als Vertreter der Socialdemokraten fungirte in Leipzig der erst jüngst als Reichsgerichtsanwalt zugelassene Dr. Scherrer von hier.
— Der als Mitgründer und eifriger Förderer der Gabelsberger'schen Steno- graphen-Vereine auch über die Grenzen von Mainz hinaus bekannte und allgemein hochgeschätzte Schreiblehrer Ferdinand Werner von hier ist heute im Alter von 60 Jahren gestorben. Der Verschiedene versah während der letzten 10 Jahre die Stelle als Verwalter des hiesigen Waisenhauses, in welcher Eigenschaft er sich nicht nur die höchste Anerkennung Seitens der vorgesetzten Behörden erwarb, sondern auch eine derartige Herzensgüte offenbarte, daß die Zöglinge des Waisenhauses ihm ausnahmslos wahre kindliche Liebe entgegenbrachten.
— In Sachen der Ermordung des Müllers Fischer von Ginsheim sanden gestern von der Untersuchungsbehörde in Darmstadt hier und in Weisenau Zeugenvernehmungen statt, um festzustellen, wie weit die Angaben des der Thal verdächtigten inhaftirten Müllers Schröpfer von Bischofsheim, daß er zur Zeit des Verbrechens hier und in Weisenau gewesen, richtig sind.
. — Don dem Gärtner-Verein von Mainz und Umgegend veranstaltet, findet, wie früher schon erwähnt, in den Tagen vom 10. bis 15. o. M. in der „Stadthalle" hier eine große Blumen-, Pflanzen-, Obst- und Gemüse-Ausstellung statt, zu welcher nahezu 100 verschiedene Gruppen von Ausstellern aus ganz Deutschland bereits eingetroffen sind. Das Ehrencomitö der Ausstellung, welche am Samstag Morgen mit einer entsprechenden Feierlichkeit eröffnet wird, bildet der Gouverneur v. Winterfeld, Provinzialdirector Küchler, Oberbürgermeister Dr. Oechsner und Generalmajor Sichart v. Sicharthof.
Teplitz, 8. December. Das Waffernivevau im Dictoriaschacht erreichte die .Ginbruchstelle. Dasjenige der Stadtbadquelle ist um 4,30 Ctm. gesunken. Vorbereitungen zur Verlängerung des Saugrohres der Wafferhebemaschine sind getroffen. Der Giselaschacht ist wasserlos und fördert noch.
— Der Deutsche Brauerbund hat eine ausführliche Denkschrfft gegen die Erhöhung der Getreidezölle an den Deutschen Reichstag mit folgenden Erklärungen gerichtet:
1. Die in der Begründung zum Gesetzentwurf vom 25. November 1887 betteff end die Abänderung des Zolltarifs im Interesse der Landwirthschaft geltend aemachten Gründe sind in Beziehung auf die Rohstoffe der Brau-Industrie, der Gerste und des Malzes nicht zutreffend, da bei der Gerste die Eoncurrenz des Auslandes, sowie eine Ueberprobuction und Ueberschwemmung des Marktes keineswegs vorhanden ist.
2. Die Deutsche Brauerei-Industrie kann die Zufuhr von ausländischen Gersten- und Malzsorten nicht entbehren, da die einheimische Production von feinster Braugerste, zumal bei geringen Ernten, für den Bedarf nicht ausreicht und die leichteren Sorten für starke Exportbiere ein Aequtoalent nicht zu bieten vermögen.
3. Die Verteuerung der Bierproduction durch Erhöhung des Gersten- und Malzzolles, welche nicht auf das confumirenbe Publikum abgewälzt werden kann, wirb nicht nur eine finanzielle Schädigung ber Brauereien, sondern auch eine Verminderung der Qualität und namentlich eine Einschränkung des Exparts des deutschen Bieres zur Folge haben.
Wir erhielten nachstehende Zuschrift:
Gießen, 8. December 1887.
An die Redaction des „Gießener Anzeiger- hier.
In der Lokalnotiz Ihres geschätzten Blattes Nr. 284 über das 2. Concert des hiesigen Concertveretns können Sie nicht umhin, zu erwähnen, daß meinem Saale jegliche Ventilation fehle, wodurch an dem bett. Abend der Eoncertgenuß verkümmert worden sei.
Obschon das Gegentheil allgemein bekannt ist, so muß ich mich hiergegen entschieden, weil es die Unwahrheit ist, verwahren. Einem jedem Fremden kann doch diese Notiz nichts anderes besagen, als daß mein Saal überhaupt zur Abhaltung eines Concerts unbrauchbar sei.
Mein Saal hat eine ausgezeichnete Ventilation und ist noch niemals in dieser Hinsicht eine Klage laut geworden.
Wenn an dem Concertabend einem, oder gar einigen, geehrten Besuchern die Lust im Saale zu schwül geworden sein mag, so haben dieselben leider nicht in Erwägung gezogen, daß bei dem äußerst starken Besuch des Concerts und bei dem Brand von 100 Gasflammen die beste Ventilation eines Saales nicht ausreichen kann.
Selbst aber in diesem Falle sieben mir durch Oeffnung der Seitenflügel und Buffetthüre genügend die Mittel zu Gebote, sofort die ausreichendste Ventilation zu bewerkstelligen. Wäre ich an dem fraglichen Abend durch das Abschließen der Thüre gerade durch die maßgebenden Herren an der Abhilfe nicht gehindert worden, so wäre die denkbar bestelle Ventilation vorhanden gewesen.
Ich bitte um Aufnahme dieser meiner Erklärung in Ihrem nächsten Blatte und zeichne Hochachtungsvoll
C. Stein.
Literarisches.
— »Wie'S klingt am Rhei**. Mundartige Gedichte aus der hessischen Pfalz von Elard Brtegleb. In eleg. Ausstattung X 1.—, in Geschenksbund X 1,75. (Gießen, E. Roth. 1887.) Der Dichter, die Grenzen seiner Mundart für poetische Darstellung wohl erkennend, meidet das rein lyrische, wofür sich, abgesehen vom> Hochdeutschen, höchstens die süddeutschen Mundarten des Gebirglers eignen. Briegleb bringt, der episch breiten Behaglichkeit seiner Landessprache entsprechend, meist sogenannte humoristische Genrebilder, in denen die liebenswürdigen Seiten, sowie auch einige Schwächen dieses fröhlichen Volksstammes in der schönsten Beleuchtung erscheinen. „Ein Doktor nach meinem Sinn", der „Wissensdurst", „Barbier und Nachtwächter", „die Philoxera" seien hier nur genannt als die Besseren von den vielen Guten. Allen Freunden der mundartlichen Dichtung sei das Merkchen empfohlen. Bei derartiger inhaltvoller Lyrik sieht und empfindet man mehr als bei jenen hochdeutschen Dunst- und Nebelgedichten, welche zwar viel (meist nachgeahmtes!) Gefühl enthalten, aber so hohl und aufgeblasen nichtig sind, wie echte Berliner Windbeutel. (Berliner Romanzeitung.)
— Soeben erschien im Verlage von Kurt Anz, Werdau: ,3m Tonnen- schein* *. Ein Briefwechsel für junge Mädchen von L. v. Döring. Preis elegant gebunden mit Goldschnitt 4 X.
Dieses Büchlein von der auch anderweitig bereits rühmlich bekannten Verfasserin ist hervorgegangen aus wirklich Erlebtem und trägt davon den unverkennbaren Stempel an sich. Die Erlebnisse siud einfache, oft vorkommende, nichtsdestoweniger ber Aufmerksamkeit der weiblichen Jugend eine erfreulich anregende Lektüre. Der Ton der Ausdrucksweise ist innig und ganz für das Verständniß des in's Auge gefaßten Leserkreises ausklingend.
Wir können die Schrist mit Grund als ein angenehmes und nützliches Weihnachtsgeschenk für die weibliche Jugend empfehlen. Die äußere Ausstattung ist gefällig und ungewöhnlich geschmackvoll.
WeihnachtSltteratur. Als ein hervorragendes Erzeugniß der Weihnachtsliteratur darf in Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsfest das in dritter Auflage in E. A. Koch's Verlag in Leipzig erschienene Dichter-Album »HerzenSklLnge*, herausgegeben von Arnold Perls, bezeichnet werden. Dieses Buch bringt auf feinen prächtig auSgeftatteten Blättern echtes Gold unserer besten neueren Dichter und ist mit Recht den deutschen Frauen und Jungfrauen gewidmet. Erwähnt zu werden verdient auch, daß das umfangreiche, in Prachtband hergestellte Buch sich durch feinen billigen Preis von ähnlichen Werken vortheilhaft unterscheidet. Es ist von der Verlagshandlung und in allen Buchhandlungen für 3.60 X zu beziehen.
Aus Kindermund. Unter diesem Titel erschien soeben in der Bibliothek der Gesammtliteralur (Verlag von Otto Hendel in Halle a. S.) ein von Hulda Klönne herausgegebeueS Bändchen, welches von allen Kinderfreunden freudig begrüßt werden dürfte. Dasselbe ist ein reiches, systematisch geordnetes Repertorium kindlicher Naivität, ebenso sehr zur Heiterkeit wie zu ernstem Denken anregenb.
Lebeusversicheruugsbauk für Deutschland zu Gotha.
Stand Anfang December 1887.
Versichert waren 69,840 Personen mit 527,100,000 X. Neu beantragt wurden im vorigen Monat 346 Versicherungen über 2,707,500 X und zum Abschluß gelangten 343 Versicherungen über 2,496,000 X. Tie Zahl der angemeldeten Sterbefälle betrug 95 mit 650,900 Versicherungssumme. Im Ganzen wurden seit Beginn dieses Jahres 4532 Versicherungen über 33,405,300 X üumme beantragt und 3970 neue Versicherungen über 28,972,500 X abgeschlossen. Sterbefälle wurden in dem gleichen Zeiträume 1230 mit 8,625,500 X Versicherungssumme angemelbet. Die seit dem Bestehen der Anstalt ausgezahlten Versicherungssummen beziffern sich auf zusammen circa 183,580,000 X. Der Bankfonds beträgt jetzt ca. 141,000,000 X. Die Ueberschüsse werden voll und unverkürzt an die Versicherten als Dividende zurückgewährt. In diesem Jahre wird nach dem alten System eine Dividende von 43 pCt. ber Jahres- prämie und nach dem neuen „gemischten" System eine Prämiendividende von 33 pCt. und eine Reservedividende von 2,4 pCt. vertheilt.
In Procent der Jahresprämie ausgedrückt, berechnet sich im laufenden Jahre nach dem letzteren System die Gesammtdividende für die jüngsten dioidenbenberechlrgten Versicherungen auf 34 pCt., für die ältesten schon auf 125 pCt.
n a II praft.' Arzt und Geburtshelfer, Special-Arzt für Ge- lln llimrtanh schlechte, Haut- und Krauen - Krankheiten, Krank» Ul ■ UVul lUulL surl a. M., Stiststraße 22 I. Sprechst. tägl. von 10—1
* und 3—5 Uhr. Nach ausw. w. a. brieflich. 6973


