Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Zum üslerseste 1887
Göthe sagt
Aus
Berlin, 7. April. Im kaiserlichen Palais fand heute Vormittag die Feier des heiligen Abendmahls statt, an welcher der Kaiser, die Kaiserin, das kronprinzliche Paar, die hier anwesenden Mitglieder des königlichen Hauses, sowie die vorgestern ein- gesegneien Prinzessinnen Sophie und Margarethe theilnahmen. Nachmittags machte der Kaiser eine Spazierfahrt.
Straßburg i. E., 7. April. Der Reichstagsabgeordnete Kabl6 ist heute gestorben. ______
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Gießen, 9. April. Zu Ostern, dem schönen Frühlingsfeste, entbehrt die Statur leider noch jeden Schmuckes, dieweil der Lenz sich Heuer etwas verspätet und der Kalendermacher dem Feste seinen Platz gar frühe im Jahre angewiesen Hal. Wenngleich sich auf dem Wiesenplane bereits ein Frühlingsregen bemerkbar macht und auch die Knospen an den Sträuchern vereinzelt hervorbrechen, so ist doch im Allgemeinen noch wenig von dem Nahen der „blühenden, goldenen Zeit" zu verspüren; selbst der Vögel munterer Sang verstummt und die kleinen Sänger suchen Schutz auf den kahlen Bäumen gegen die schon einige Tage anhaltenden rauhen Winde. Bei solcher Witterung ist natürlich an den Aufenthalt im Freien nicht zu denken und die Hoffnungen der Kinder, am Osterfeste sich im Grünen tummeln zu können und mancher Erwachsenen, die da dachten, nach langer Winternacht endlich einen Gang „hinaus in die blühende Welt" zu machen, sind arg getäuscht worden; hoffen wir deshalb, daß der Lenz recht bald das Versäumte nachholen und uns durch viele schöne Frühlingstage entschädigen möge!
—* Am 7. d. M. hatte der Kaufmännische Verein seine ordentliche Generalversammlung, welche ziemlich stark besucht war. Der Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden wurde beifällig ausgenommen und constatirte derselbe recht günstige Resultate. Unter Anderen ist die Ausdehnung der Bibliothek zu erwähnen, welche jetzt über 600 Bände umfaßt. p c mx,rr _Wf
Das Resultat der hierauf folgenden Vorstandswahl war: Herr Wklh. Koser, Vorsitzender, Herr Wilh. Hanstein, Stellvertreter, Herr Ernst Wiegelmann, Schriftführer, Herr Th. Krahnefuß, Cassier, Herr W. Wagner, Bibliothekar.
Mit Freuden wurde begrüßt, daß die Herren Wilh. Hanstein und Wilh. Käser, einem allgemeinen Wunsche Rechnung tragend, von ihrer bis in letzter Stunde aufrecht erhaltenen Erklärung, keine Wiederwahl anzunehmen, Abstand nahmen; bleibt doch hierdurch die Leitung des Vereins in anerkannt bewährten Händen.
—* Die Kaufmännische Kranken- und Begräbnißkasse (e. H.) Gießen hatte am 4 April ihre zweite ordentliche Generalversammlung mit der bekannt gegebenen Tagesordnung. Der von dem Vorsitzenden erstattete eingehende Bericht zeigt ein zufriedenstellendes Bild der Entwickelung im abgelaufenen Geschäftsjahre. Der Mitgliederstand hat sich gehoben und das Vermögen einen Zuwachs von JL 706.90 zu verzeichnen. Das letztere beträgt hiernach JL 1202.38, wovon JL 1050 verzinslich angelegt sind. Außerdem ist die Sicherheit erhöht durch eine Garantiezeichnung von JL 500. An Krankenlohu wurde im abgelaufenen Geschäftsjahre gezahlt JL 598.33 und seit Bestehen bis zum Ablauf desselben JL 828.66. Auf diese Resultate kann die Kasse angesichts ihres erst IVrjährigen Bestehens mit Befriedigung zurückblicken.
Bei der Vorstandswahl gingen aus der Wahl hervor die Herren Wilh. Koser im Hause Earl Emmelius, Vorsitzender, Jac. Jung, im Hause Gg.Phil.Garl, Cassier, Hch. Wagner, Gewerbebankrechner, Schriftführer, Carl Heil jun., Prokurist der Aktien- brauerei hier, G. M. Minoprio, Agent, Moritz Krämer, Polizeisecretair, Carl Kormann, nn und" wünschen wir, daß sich dieses gemeinnützige Institut immer günstiger
eutmickettr^moge.^ Zeiten Osterfeiertage findet in Ste in^s S^albau^ettr
Parteitag der deutsch-freismmgen Partei: desGroßherzogthums sta - D Tage: abgeordneten Munckel und Eugen Richter haben ihr Crscheu zugesagt.
Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrrvürdiger Nacht, Sind sie alle an's Licht gebracht.
Licht, mehr Licht! bleibt der Rus der strebenden Menschheit. Licht und Frieden! Arbeit und Segen! Erholung und Glück! Zu Ostern lassen wir hinter uns, was Kopf und Herz dumps bedrückt, was an Sorgen und Trübsal aus uns lastet, und wenn auch nur für die Festzeit, — es bleibt uns als Gewinn ein neuer Trost, eine neue Hoffnung und neuer frischer Muth.
Gerade in unserem politischen Leben ist neues Vertrauen von unschätzbarem Werthe. Wenn wir in der Natur alles neu werden und alles seine Bestimmung erfüllen sehen, ohne Zwist, ohne Hader, ohne Verleumdung und Verketzerung, so möchte man wohl hoffen, daß auch im politischen Leben einst ein neuer Lenz, eine neue Aera der Gerechtigkeit erblühte. Ja, auch der Menschheit wird einst ein Ostern werden, von welchem an alle für alle arbeiten und sich nicht mehr aus das Bitterste befehden werden. Schon das wäre eine herrliche Osterfreude, wenn die Gegner sich einten, das Wohl des Vaterlandes über alles zu stellen und sich nicht mehr zornigen Gemüthes, umflorten Auges und mißtrauischen Sinnes entgegenzutreten, sondern den Glauben an die guten Absichten anderer ehrlichen Leute zu erringen.
Wir dürfen freilich nicht vergessen, daß im S« >en der Menschheit nicht wie in der Natur aus einmal und nicht alle Jahre alles neu werden kann. Unsere kirchliche, sociale, wirthschastliche und religiöse Arbeit, die Richtungen der mannigfachsten Culturstrebungen, ja auch sie keimen und wachsen und blühen einst, aber ein Jahr ist zuweilen nur ein Sandkorn in der Wüste der ewigen Zeit. Immer von Neuem aber predigt uns Ostern ein neues Leben, das Licht und die Auserstehung. Wir dürfen nicht verzagen. Klarer und ruhiger ist es bei uns schon um Vieles geworden, seitdem das junge Deutschland seine Auferstehung feierte, und wenn die Sonne des Friedens auch nicht überall leuchtet, so mag es auch daran liegen, daß immer neue und große Ausgaben an das Reich herantreten. So Vieles ist neu geworden und noch mehr in die Rumpel
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz - Bureau.
Varel, 8. April. sReichstagswabl.^ Nach amtlicher Feststellung wurde der Rechtsanwalt Träger mit 9544 von 17,307 Stimmen gewählt. Thünen erhielt 7753 Stimmen.
Wien, 8. April. Das „Fremdenblatt" wird von kompetenter Seite daraus aufmerksam gemacht, daß die stückweisen Erzählungen, namentlich ausländischer Blätter, über die einzige Besprechung des Ministers des Auswärtigen, Grafen Kalnoky, mit dem bulgarischen Justizminister Stoilow nicht als richtige Darstellung der Unterredung zu betrachten seien.
Schlüsselburg, 8. April. Der Eisgang der Newa hat heute begonnen.
D-r Gedanke der Auferstehenr tritt unr in einer Zeit besonders nahe, in welcher Kriegsbesorqniffe uns lange umfangen und unsere Seelen mit Unsicherheit und Betrübniß erfüllt hatten. Zu Ostern sprengt die Natur die Fesseln der winterlichen Erstarrung, mit dem Tage, da der Ruf, „Christ ist erstanden ertönte, war der Ostertog der Beginn der Zeit, in welcher die Grabernacht durch die Auferstehung gebrochen, da» Dunkel durch die Ostersonne gelichtet und dar bange Herz getröstet und froh und frei ward. In Bezug auf manche große Frage der Menschheit und der Menschlichkeit kündete dar Osterleuchten einen Fortschritt der Cultur und seit 16 Jahren war der göttliche Friede auch den Völkern zu Theil geworden. Da auf einmal schreckten unr die Anzeichen neuer Unruhen zwischen großen Nationen; es schien als sollte die Kriegrfurie eine neue schreckliche Wanderung beginnen und die Kriegsfackel quer durch Europa tragen. Gottlob ist es den Leitern der Geschicke der Völker gelungen, uns den Frieden zu erhalten und jenes Schreckniß zu bannen, das der Dichter furchtbar nennt, weil es die Heerde und den Hirten schlägt. Nicht in die düstere Nacht des Kriegsverhängnifles stnd wir hineingetrieben, sondern wir wandeln im Lichte der Ostersonne auf friedlichen Fluren und erhoffen noch eine lange Dauer der Völkerfriedens. .. m ,,
In unser Ostergebet klingt dieser vornehmste Donk an bte Vorsehung hinein: er giebt unr Anlaß zu besonder, freudiger Feststimmung, denn nicht» stände mehr im Widerspruche mit der sonnigen Werdelust in der Natur, als die Zerstörung, die den Menschen selbst, die Krone der Schöpfung, und alle edlen Werke des Friedens bedroht, nicht» zeigte sich mehr al» Gegensatz des trösten« den Auferstehungs-Gedanken», als ein neues irdische» Kämpfen, dessen blutige Bahn durch Reihen von Gräbern bezeichnet würde. Wie groß ist dem Ehrgeiz um Ruhm und Macht gegenüber die Harmonie im Gedanken an Gott und da» wahre Christenthum, wie erhaben bietet seit Jahrtausenden die Natur dar Vor« bild der seelischen Einklänge» in allen ihren wunderbaren, jährlich sich friedlich erneuenden und ewig sich vervollkommnenden Neuschöpfungen, wie athmet so sehr alle» Frieden und Lust, allüberall, „wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Oual."
Das gnadenreiche Auferstehungssest erhält feine wahre Weihe durch die Ruhe, die es wie eine grüne Oase hineinstellt in die Wüste des Alltagslebens. Die Ruhe gestattet Erholung und gebiert auf's Neue die altdeutsche Wanderlust; die Menschen streben hinaus in's Freie, denn, wie der Altmeister
Gefunden: 1 Taschentuch, 1 Hut, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Nadelbüchse, 1 Paar Strümpfe, 1 Kinderkragen.
Gießen, am 9. April 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius
kammer der Weltgeschichte geworfen worden. Uns lebt noch die alte Kraft des Kaisers und seiner Paladine, uns blüht ein großes, erstarkendes Reich, uns leuchtet die Sonne edlen Menschenthums, und darum haben wir allen Grund zum Danke gegen die Vorsehung, die uns bisher so wohl geführt, allen Anlaß zur Freude an reger Arbeit im öffentlichen Leben und alle Hoffnung zu weiterem Gedeihen unseres geliebten Vaterlandes. Furchtlos können wir der Zukunft entgegenschauen, so lange wir in Demuth von Gott, in Treue gegen den Kaiser und in Liebe zum Reich ehrlich weiter arbeiten. Dann wird, dann muß auch uns ein Ostern blühen, dessen Sonne reinem Volks wohl und edler Humanität leuchtet, ein Fest, das uns die Auferstehung bringt, nicht nur im kirchlichen Gefühl, im Anschauen der Natur, sondern auch in den Seelen, die dem Grabe des Hasses und der Zwietracht, dem Elend und der Unzufriedenheit, dem Aberglauben und der Dummheit entflohen sind. In dieser Hoffnung erklinge unser Ostergruß hinaus in die Welt: „Fröhliche Ostern! Glückliche Feiertage!"
sie sind selber auferstanden Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, dem Druck von Giebeln und Dächern,


