Ausgabe 
9.10.1887 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagK.

rete vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Woche« - Ueberficht.

Gießen, 8. October.

lieber die Dauer der Herbstvilleggiatur des Kaiserpaares in Baden-Baden stnd noch durchaus keine Bestimmungen getroffen und dürsten in dieser Beziehung lediglich die Wttterungsverhältniffe entscheioend sein. Der Gesundheitszustand beider Majestäten ist ein gleich befriedigender und namentlich erfreut sich der Kaiser, obwohl die Witterung in den letzten Tagen nicht immer eine günstige war, des allerbesten Wohlbefindens. Zu der Zahl der Fürstlich­keiten, welche den Kaiserlichen Majestäten in deren Herbstrestbenz bislang ihre Aufwartung machten, gesellte stch in dieser Woche Prinz Ludwig von Bayern, welcher mit seinem Sohne, dem Prinzen Rupprecht, am Dienstag in Baden- Baden eintraf und alsbald vom Kaiserpaare empfangen wurde. Dcr Empfang, wie überhaupt der Verkehr zwischen den Majestäten und den bayerischen Prinzen trug einen sehr herzlichen Charakter und erhellt hieraus somit aus'« Neue die Intimität der Beziehungen zwischen unserem Kaiserhause und der bayerischen Migssamilie, die ja auch ihren bedeutungsvollen politischen Hintergrund haben.

Die Vorbereitungen zu der parlamentarischen Wtntercampagne im Reichstage wie im preußischen Landtage dürsten nun wohl endlich etwas schärfer betont werden, nachdem Anfang dieser Woche auch der Staats- secretär des Innern und Vorsttzende im Bundesrathe, Herr v. Bötticher, von feiner Urlaubsreise nach Berlin zurückgekehrt ist. Bislang war von den bezüg- lichen Vorarbeiten in den einzelnen Reichrämtern und den preußischen Ministerien noch nicht viel in die Oeffentlichkeit gedrungen und scheint es säst, daß jene sowohl für die Session des Reichstages als auch des preußischen Landtages noch durchweg im Anfangsstadium stehen. Hiermit hängt auch die Unsicherheit über die parlamentarische Lage zusammen, soweit es stch um die Einberufung der beiden Parlamente handelt und sowohl was den Zusammentritt des Reichstages als denjenigen des preußischen Landtages anbelangt, stehen sich widersprechende Gerüchte gegenüber, so daß da ausklärende Mittheilungen von competenter Seite wirklich einmal erwünscht wären. Jedenfalls wird stch aber ein Zusammentagen beider parlamentarischen Körperschaften auch diesmal nicht vermeiden laffen und wird man maßgebenden Orts in Berlin nur dafür Sorge zu tragen haben, daß die nun einmal nicht zu beseitigende Concurrenz zwischen den Parlamenten des Reiches und Preußens sich auf ein möglichst geringes Maß beschränkt. In­zwischen hat wenigstens der bayerische Landtag Muße, stch seinen Arbeiten widmen zu können, ohne Rücksicht aus das Reichsparlament nehmen zu müssen und ist anzuerkennen, daß seine Verhandlungen sich ruhig und glatt abwickeln. Nach den Versicherungen, welche Reichsralh wie Abgeordnetenkammer in ihren dem Prinz-Regenten überreichten Adressen niedergelegt haben, ist auch fernerhin eine sachliche und gedeihliche Abwickelung der Geschäfte im bayerischen Landtage zu erwarten, wobei frellich die Voraussetzung gilt, daß die alten Gegensätze zwischen der Rechten und der Linken der Abgeordnetenkammer rühm bleiben.

Im bayerischen Ministerium wird eine wichtige Veränderung signalistrt. Der KriegSminister v. Hetnleth soll beabsichtigen, seinen Poftm mit einer rein militärischen Stellung zu vertauschen und zwar mit dem General- commando des zweiten Armeecorps in Würzburg, lieber die Gründe, welche Herrn v. Heinleth zu diesem immerhin auffallenden Schritte veranlassen, ist noch nichts Weiteres bekannt, ebensowenig über seinen eventuellen Nachfolger.

Auf dem Gebiete des Parteiwesens ist aus dieser Woche ein nicht unwichtiges Ereigniß zu verzeichnen, als welches der am Montag und Dienstag in St. Gallen (Schweiz) stattgefundene Congreß von Dele- girten der socialtstischen Partei Deutschlands auszufassen ist. Die Verhandlungen erscheinen besonders deshalb bemerkenswerth, weil auf ihnen sich entschieden dieschärfere Richtung- der deutschen Soctaldemokratte geltend machte. Gegen die Vertreter der Partei im Reichstage wurde die charakteristische Be- Ichlverde erhoben, daß sie sich zu sehr um die parlamentarischen Geschäfte kümmerten und hierdurch die Frage derrevolutionären Revolution" vernach­lässigten. Dementsprechend genehmigte das Meeting eine Resolution, welche sich scharf gegen die opportunistische Politik der socialdemokratischen Reichstagsabge­ordneten und derenPactiren" mit anderen Parteien ausspricht, da hierdurch der revolutionäre Charakter der socialistischen Bewegung compromittirt werde. Weiter wurde auf dem Congreffe über die seit dem letzten socialdemokratischen Parteitage für Parteizwecke gemachten Ausgaben Rechnung abgelegt, woraus man ü- A. erfährt, daß stch die Gefammtausgaben auf 170,000 A belaufen, wovon allein 100,000 «A für Wahlen ausgegeben wurden. Den Verhandlungen wohnten etwa 80 Delegirte bei und prästdirten Singer und Hasenclever. Der Vorwurf, den die deutschen Socialdemokraten foebcn in St. Gallen durch ihre Delegirten gegen die socialdemokratischen Reichstagsabgeordneten erhoben haben, nämlich, daß dieselben viel zu viel aus denparlamentarischen Krimskram" gäben und zu wenig denrevolutionären Charakter" der deutschen Sozial­demokratie betonten, ist nicht neu. Um so mehr werden stch Herr Bebel und seine parlamentarischen Freunde dieses abermalige Mißtrauensvotum derGe­ooffen" merken.

Auf dem Gebiete der hohen Politik fand die Woche eine hochbe- oeutfame Einleitung durch den Besuch des italienischen Ministerpräsi­denten Crispi beim Reichskanzler in Friedrichsruhe. Kaum einen Tag lang isi der italienische Staatsmann der Gast des Fürsten Bismarck auf dessen lauen- burgischen Waldschlosse gewesen, um dann ungesäumt nach dem sonnigen Italien zurückzukehren, aber trotz der Kürze dieses Besuches ist die Welt einig in seiner

; Auffassung als eines schwerwiegenden politischen Ereignisses, welches noch jetzt in \ den Spalten der europäischen Presse widerklingt. Die Zahl der über die 5 Friebrichsruher Reise Crispis aufgetauchten Combinationen und Conjecturen ist selbstverständlich eine sehr große, aber aus der Fluth dieser Kommentare schält stch als fester Kern die Meinung heraus, daß die jüngste Ministerbegegnung von Friedrichsruhe zunächst und vor Allem die Befestigung des Bündnisses Italiens mit Deutschland und Oesterreich bedeutet. Herr Crispi selbst hat diese Auf­fassung in dem Gespräch, in welcher er stch auf seiner Rückreise in Frankfurt a. M. mit einem ihninterviewenden" Mitarbeiter derFr. Ztg " sehr zuvorkommend einließ, voll und ganz bestätigt. Bezüglich der bulgarischen Frage meinte Crispi hierbei, daß Italien nichts Anderes als die Aufrechterhaltung des Friedens und des europäischen Gleichgewichts wolle> daß er aber anderseits nie zugeben könne, daß aus dem mittelländischen Meere ein russischer See werde. Die Annahme der französischen Blätter, es habe sich in Friedrichsruhe hauptsächlich um die römische Frage gehandelt, bezeichnete Crispi als lächerlich. Uebrigens hat stch die französische Presse anläßlich des Besuches des italienischen Cabinets- chefs beim Fürsten Bismarck in eine nachgerade komisch wirkende Entrüstung gegen die Italiener hineingearbeitet und wird die Reise Crispis jenseits der Vogesen in einer Weise glossirt, welche das Nationalgesühl der Italiener tief verletzen muß und nur zu geeignet erscheint, der französischen Republik auch den letzten Rest von Sympathien, den sie noch bei der italienischen Nation genossen, zu rauben.

In Oesterreich ziehen vorläufig die Verhandlungen des ungarischen Reichstages die Aufmerksamkeit weniger aus sich, als dies von der galizischen Jnspectionsreise des Unterrichtsministers v. Gautsch gilt. Daran find die Czechenblätter Schuld, welche dem Minister nachsagen, er habe die Reise nur zum Vorwand genommen, um sich mit den maßgebenden polnischen Persönlich­keiten in der Mittelschu(frage gegenüber den Czechen zu verständigen. Wenn diese Auffassung richtig ist, so wäre die czechischerseits gefürchtete Verständigung zwischen Herrn v. Gautsch und den Polen eine ganz eclatante, denn Herr v. Gauiscd hat überall aus seiner Reise die beuEbar günstigste Aufnahme ge­sunden und die Verstimmung hierüber spiegelt sich in der czechischen Presse sehr deutlich wider. Jedenfalls kann der Unterrichtsminister der parlamentarischen Fehde, welche ihm czechischerseits schon längst angekündigt ist, mit großer Ruhe entgegensehen.

König Georg von Griechenland hat mit seiner Familie auf der Heimreise von dem Fredensborger Familientage in Wien eine größere Station gemacht. Hier pflog der griechische Herrscher wiederholt Unterredungen mit dem Grafen Kalnoky, die sich offenbar auf die Lage auf der Balkanhalbinsel bezogen haben.

Die Madagaskar-Frage zieht in der französischen Politik wieder einmal ihre Kreise. Zwischen dem französischen Ministerresidenten auf Mada­gaskar, de Vilers, und der Regierung der Howas ist es zu einem ernsten Con- flikte gekommen, da de Vilers die unumschränkte Oberleitung der auswärtigen Angelegenheiten der Madagassen beanspruchte, auf Grund des zwischen den Howas und Frankreich abgeschlossenen Friedensvertrags. Die madagassische Regierung weigerte sich jedoch, diesem Verlangen nachzukommen, woraus der französische Resident seine Flagge einzog, die Hauptstadt Antananarivo verließ und sich nach der Hafenstadt Tamatave begab. Nach einem in Paris aus Mozambique eingegangenen Telegramm wären zwar die officiellen Bziehungen zwischen dem Residenten und der Howas-Regierung wieder ausgenommen worden. Der Vorfall beweist aber doch, aus wie schwankendem Boden die Herrschaft Frankreichs auf Madagaskar steht.

Die Idee, einen russischen Statthalter in Begleitung eines türkischen Commiffars auf 4 Monate nach Sofia zu entsenden, ist der neueste Versuchs­ballon, den die russisch-türkische Diplomatie zur Lösung der bulgarischen Frage aufsteigen läßt. Bis jetzt scheint man sich aber durch dieses Project nirgends sonderlich aufregen zu lassen und große Aussichten auf Verwirklichung hat dasselbe in der That auch nicht es ist eben nur einschöner Gedanke", weiter aber auch nichts!

Vermischte-.

Höchst, 4. October. [Eöbtung.J In dem nahen Dorfe Unterltederbach spielte sich gestern Nachmittag ein Vorfall höchst trauriger und folgenschwerer Art ab. Zwei langjährige Freunde Namens Fischer und Koch, welche auch zusammen beim Militär gedient batten, wollten sich die Ueberzeugung verschaffen, daß sie die Handgriffe beim Gebrauche des Gewehres noch nicht verlernt hätten. Im Koch'schen Hause fand sich noch ein ganz altes Gewehr auf dem Speicher vor; dasselbe wurde von den beiden herunter geholt; Fischer trug das Gewehr und Koch ging voraus die Treppe hinab. Plötzlich entlud sich die Waffe und eine Kugel drang dem Koch durch den Hals, so daß er bald darauf starb. Niemand soll gewußt haben, daß das alte Gewehr geladen sei, wenigstens versichern dies sämmtliche Bewohner des Hauses. Der Thäter Fischer rannte in seiner Verzweiflung zum Bürgermeister, der ihn hierher zum richter bringen ließ. Dort wurde er aber unter den vorliegenden Verhältnissen und da keine Verdachtsgründe für einen Fluchtversuch vorliegen, wieder entlassen, ye trostlose Wittwe und zwei unerzogene Kinder beklagen aber den Verlust des Gatten, Vaters und Ernährers. Fischer ist noch unoerheirathet. ,

Waldenburg t. Schl., 2. October. Vor einiger Zeit war einem h»e>igen Bürger auf Grund einer Beschwerde eines Nachbars von der Polizei ausgegeben worden, zur Vermeidung von Strafe den zu seinem Hühnerstande^e^rtgen Habn zu beseitigen oder dafür zu sorgen, daß die Nachtruhe Anderer durch das Krähen deS Hahnes nicht gestört werde. Die Folge davon war eine abermalige Beschwerde, vorauf der Eigenthümer des Hahnes in eine Polizeistrafe von 5 A genommen wurde, wo-