Ausgabe 
8.12.1887 Zweites Blatt
 
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LLL7.

Tonuerstag den S. December

Zweites Blatt.

Nr. L T

Amts- und Anzeigeblatt filt den Kreis Gießen

Srfödnt täglich mit Ausnahme deS MontagS.

Derreaur Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Df. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Darmstadt, 3. December. sPostpersonalnachrichten.j Smannt ift ber W= beTP?staMe'n^ Pfel in Grebenhain °l^dostverwalter.

Versetzt ist ber, Postinspector Borner von Darmstabt nach Koblenz behuss

Politische Ueberficht.

Gießen, 7. December.

Ueber bin Verlauf, dm die Verhandlungen über die Korn zoll-Vor­lage hi der ad hoc gewählten Reichstags-Commission nehmen werden, kann man verschiedene Anschauungen hören, die aber sämmuich darin überemstimmen, daß diese Verhandlungen schwieriger Natur sein werden. Wenn in der Som» Mission eine unbedingte Mehrheit für den Regierungs-Entwurf bestünde, so wäre natürlich das Endergebaiß der Berathungm schon jetzt klar, so aber zählt die Commission nur 12 entschiedene Anhänger der Vorlage 6 Deutschconseroative, 1 Freiconfervatioen, 3 Centrumsleut- und 2 Nationalliberale d neu 10 ent« Wedene Gegner der KornMe 5 Nationalliberale, 3 Freisinnige und 2 CenttuaiLleute gegenüberstehen; zwischen beiden Parteien giebt ei noch eine dritte Gruppe, welche mehr eine vermittelnde Stellung cinnimmt und zu welcher 1 N itionallideraler, 2 Freiconsero^tioe unb 3 Centrumsleute gehören. Bei dieser Sachlage ist demnach der Ausgang der Commissioni»Vrrhandlungen noch durchaus ungewiß, aber die Möglichkeit ist auch nicht aurgeschlosien, daß er in dec Commission überhaupt zu keiner Einigung uno also auch zu keinem Beschluß kommt, so daß alles Weitere der ferneren Berathung im Plenum über» laßen bleiben roüm. Vorsitzender der Commission ist der Centrums. Abgeord- ti te Freiherr v. Landsberg, ein unbedingter Freund der Vorlage.

Der Reichstag hat sich am Montag u. A. mit dem Gesetzentwurf, bett. den Verkehr mit Wein, beschäftigt. So zustimmend nun auch dieser Entwurf im Allgemeinen zu begrüßen ist, so entspricht er doch nicht allen Er» Wartungen unb namentlich enthält er keine klare Bestimmung darüber, ob auch die als Verbesserungen geltenden Methoden dec Weinbehandlung eine Straf» Larkelt in sich schließen. Der Eniwurs läßt im Großen und Ganzen die bezüg­lichen Bestimmungen dcs Nahrungsmittel-Gesetzes bestehen, wonach sogar das Gallisiren des Weines, also der Zusatz von Zucker zum Most, straffällig ist, während die oom Auslande eingehenden uns bereits gallisirten Weme ruhig als Naturweine verkauft werden dürfen. Hier enthält das Gesetz einen offenbaren Wioevspruch zu Ungunsten der deutschen Weinproducenten, ber auch in dem neuen Gesetzentwurf über den Verkehr mit Wein bestehen bleibt. Letzterer über» läßt die hetkele Frage, zu unterscheiden, was eine Verbefferung des Weines ist, dem Gerichte, während doch eine klare gesetzliche Bestimmung hierüber nothwendig ist; hoffentlich wird der Reichstag den vorliegenden Gesetzentwurf in dem ange­deuteten Sinne verbeffern. r , m ,<jri . m ,,

Das in parlamentarischen Kreisen vielfach verbreite Gerücht, der Re:chr» tagsmäsident Wedell»Piesdorf fei zum Nachfolger des Oberpräsidenten dec Provinz Sachsen, v. Wolf, designirt, der seinerseits den in den Ruhestand tretenden OberpMdcnten der Rbeinprovinz, v. Bardeleben, ersetzen soll, entbehrt vollständig der Bestätigung. Allerdings tritt Herr v. Bardeleben in nächster Zeit von seinem Posten zurück, aber über die Nachfolgerschaft ist zur Zeit noch nicht das Geringste bestimmt.

In der Samstagsitzung der bayerischen Abgeordnetenkammer erklärte der Minister des Innern gelegentlich einer Beschwerde des Abg. Salier wegen des Verbotes btt Vieheinfuhr aus Oesterreich, die Strenge sei absolut angezeigt, wenn man nicht überhaupt die privilegirte Stellung Bayerns bezüglich ber Vi-heinfuhr gefiihr-en wolle. Der Minister erklärt- ferner, die Aufstellung einer Berficherungi'SIatistik durch die Gefellfchuften fei augeordne!, dagegen fei eine landwirthfchastliche Verfchuldungr Statistik unmäzlich und nnzuo-rlcifftg. ,

Dis nächste Ausgabe des neuen Staatsoberhauptes von Frankreich miro die Bildung eines anderweitigen Cabinets sein, da die Mitglieder des Cabinels Rouvier, welche bisher die Geschäfte provisorisch noch weitergeführt batten, am Sonntag Abend beim neuen Präsidenten formell ihre Entlastung einreichten. Sobald das neue Ministerium gebildet sein wird, gedenkt der Prä­sident bei den Kammern die Votirung der provisorischen Budget-Zwölftel zu beantragen und alsdann die Session am 15. b. Mts. wegen der bevorstehenden Senatswahlen zu schließen. f

Obwohl in den Straßen von Paris am Tage der Präsidentenwahl lebhafte Erregung herrschte, ha! sich doch nirgends ein Einschreiten der Truppen nölhig gemacht; das Resultat der Wahl wurde überall mit sympathischen Kund» aebunaen für Sadi Carnot begrüßt. Die in Paris versammelt gewesenen Corps-Commandanten sind wieder nach ihren respectiven Commando»Sitzen zurückg^kehrt.,hurger Blätter drücken bei Besprechung des Ausganges der Präsidentenwahl in Frankreich ihre Befriedigung über denDurchfall" des BismarcksknechtL" Frrry aus. Eine Aenderung des bisherigen Verhältnisses Frankreichs zu Rußland erwarten die Blätter von der Präsidentschaft Sadi Carnot's nicht und erblicken sie in derselben nur ein zufälliges Ecgebniß. Der Grafchdanin" meint, es werde binnen Kurzem zu einem abermaligen Präsiden» tenwechfel kommen und würde die Republik alsdann ber Monarchie Platz machen müffen. Man kann gerade nicht behaupten, daß diese Auslastungen der Peters­burger Blätter für die französischen Republikaner allzu schmeichelhaft klängen.

Bremen 3. Decembe^ ttansMlanti^en Telegraph.) Der Postdampfer SkÄÄÄ ~wat'ift gestern 1 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newvork angekommen.

Uebernahme einer Postraihsstcllc; der Postinspector Hartmann von Hannover nach Darmstadt; der Postsecretär Schwel je von Gießen nach Halle (Saale) behufs Ueber­nahme einer Bureaubeamtenstelle 1. Clafse; der Postsecretär Gresser von Darmstabt nach Lall behufs Uebernahme der Dorsteherstelle bet dem Postautte daselbst; der Pofi- assiftent Wolf schm tdt von Hofgeismar nach Friedberg (Hessen).'

Gestorben ist der Ober-Postkommissarius a. D. Re en in Mainz.

Die Fraktionsliste des Reichstags ist erschienen. Von den 397 Mandaten ist eins, 2. Bromberger Wahlkreis, erledigt, Die Fraktionen haben folgende Mttglieder- zahl: Deutsch-Conservalive 76 und 2 Hospitanten; Reichspartei (Freiconscroative) 39; Centrum 98 und 3 (welfische) Hospitanten; Polen 13; Rattonalliberale 95 und 3 Hospitanten, darunter der neugewählte Abgeordnete für Straßburg, Dr. Petri; Deutsch-Freisinnige 34; Socialdemokratcn 11; bet keiner Fraktion 22. Die letzteren sind 14 Elsaß-Lothringer, die drei den Nationalliberalen nahestehenden Abgeordneten Dcahna, Hildebrand und Retemcyer, die Abgeordneten Dr. Böckel, Johannsen, Lang­werth v. Simmern, der klerikal-konservative Freiherr v. Hornstein aus Baden, endlich der Präsident v. Wedell-Pies^ors.

(Die Trichinenkrankheit im Dotgtlande.) Don dem bei Reichenbach liegenden Dörfchen Unterhainsdorf ist wegen der dort zum Ausbruch gekommenen TrtchinosiS in den lehtverflossenen Tagen viel geredet worden.

Am oberen Ende des Dorfes liegt dicht an der Landstraße ein kleines unansehn­liches Gasthauszum grünen Grund"' genannt. Dasselbe wird von einem jungen Fleischer Namens Otto Malz bewohnt. Dieser schlachtete am 29. September ein 80 Kilogramm schweres, von dem Viehhändler Großer in Reichenbach erworbenes Landschwein, aus dessen Fleisch Blutwurst, Leberwurst, zum großen Theile aber sogen. Bauernbratwurst fabricirt wurde, wobei sein Nachbar, der Weber Leonhard, mit thätig war.

Da eine gesetzliche Verpflichtung, ihre Schweine mikroskopisch untersuchen zu lassen, hier nicht besteht, und in Unterhainsdorf kein Trichinenschauer wohnt, vielmehr ein solcher erst in Reichenbach zu erlangen ist, darf man sich nickt wundern, wenn Malz das Fletsch und auch das von dem am 29. September geschlachteten Schweine nicht unrersuchen ließ. Malz ist aber zu wiederholten Malen und auch am erwähnten Tage von einem Lehrer, der bei ihm eingekehrt war, gebeten worden, seine Schweine mikroskopisch untersuchen zu lassen. Es geschah dies aber trotzdem nicht.

Das fragliche Schwein war anscheinend ganz gesund, wenrgstens sind keine Krankheitserschetnungen an ihm wahrgenommen worden.

Anfangs October erkrankten in dem erwähnten Dorfe mehrere Personen unter den Erscheinungen der Ruhrkrankheit; es stellte sich Erbrechen, Leibschmerz, Kopfweh und starke Diarrhöe ein. Diese Erscheinungen ließen aber nach, so daß sich die Patienten bald wieder wohl fühlten und ihre Arbeit aufnehmen konnten. Nach Verlauf von 6-8 Tagen stellte sich ein eigenthümlicher Schmerz in den Unterleibsmuskeln ein, der sich von Stunde zu Stunde weiter bis in die Enden der Gliedmaßen, ^utze und Hände verbreitete. Nun traten auck Muskelanschwellungen und Schmerzen in allen Gliedern, namentlich in den Zehen und Fingerspitzen ein. Es erkrankten immer mehr Personen und zwar nicht allein aus Unterhainsdorf, sondern auch aus den umliegenden Ortschaften Oberhainsdorf, Jrfersgrün, Hauptmannsgrün, Wernersgrun rc. wurden Erkrankungen gemeldet. Die Sache wurde immer bedenklicher.

Da alle Patienten Wurst von dem Fleischer Malz gegessen hatten und Mal; und der Weber Leonhard, welcher beim Schlachten geholfen hatte, miterkrankten, kamen die Aerzte auf die Idee, die Krankheit könnte Trtchinosis sein. Dr. Kramer in Reichenbach ließ deßhalb am 20. October bei dem Thierarzte Weber, ebendaselbst, einen kleinen, bei dem Fleischer noch vorgefundenen Rest Bauernbratwurst untersuchen, in welchem Trichinen in Masse oorgefunden wurden. Nun war das Rälhsrl gelöst.

Kurz darnach untersuchte man von einem Verstorbenen verschiedene Muskeltheile, in welchen man Trichinen in großer Menge fand.

Ich selbst - so schreibt ein berichterstattender Arzt -.habe 7 Kranke, einen Gutsbesitzer, einen Holzförster, eine Schuhmacherfamilie, den Fleischer Malz und Weber Leonhard besucht. Alle waren als schwerkrank zu bezeichnen. Sie sahen, da sie schon 3, bezw. 4 Wochen gelegen und nichts gegessen und getrunken hatten, ganz elend und abgezehrt aus, bei einigen waren die Arme, bei anderen die Fuße geschwollen, ihr Blick war stier, das Albmen beschleunigt, die Stimme schwach, kaum hörbar. Alle klagten über unsägliche Schmerzen in den Gliedern und über große Mattigkeit und Hinfälligkeit. Der heftigen Schmerzen wegen, sagten mir die Klagenden, war an Schlaf nicht zu denken. Die ick gesehen habe, hatten wahrend der letzten 3 Wochen kein Auge geschlossen. Alle Patienten fühlten fortwährend großen Durst; man flößte ihnen deßhalb kaltes Wasser, Eis und verdünnten Wein ein. ,

Geradezu herzzerreißend war das Bild bet_ dem Schuhmacher. In einer kleinen Hütte lagen in einem armselig ausgestatteten Stübchen Vater, Mutter und das sechs­jährige Söhnchen schwer krank darnieder. Die Frau mochte furchtbar leiden, denn sie war am schwersten krank; man wartete schon seit Stunden auf ihren Tod. Eine Dame, die zum Besuch war, reichte ihr eine Weintraube, davon riß die Strmue eine Beere ab; als sie dieselbe aber nach dem Munde führen wollte, entsiel sie ihr wieder. Neben der Mutter lag das 6 Jahre alte Kind, das kleine arme Wesen schien voll­ständig leblos, steif wie eine Puppe, es konnte nicht mehr sprechen und athmete nur n°$ fkhumch^ Mre aIten Weber Leonhard frug ich, ob er viel Schmerzen habe, da antwortete er mit ganz schwacher Stimme halb schluchzend^ und halb stöhnend.Ach ja, ich halte es nicht mehr aus, wenn doch der Tod käme.

Alle Patienten überhaupt wollen gern sterben, das äußerten die alteren und die nock sprechen konnten, wenigstens zum Oefteren.

Bei jedem der Kranken habe ich die größte Theilnahmlosigkeit gegen alles wahr, genommen, selbst die Meldungen, daß soeben wieder Bekannte gestorben seien, rufen keinerlei Eindruck hervor. Ich sollte noch mehr Kranke besuchen, nahm aber, was leicht erklärlich ist, davon Abstand. c r, Qnn <nrfnnf>n

Bis gestern Abend waren 21 Todesfälle gemeldet, wahrend über 200 Mrsonen krank sein sollen. Am meisten sind die Orte Unterhainsdorf, Jrfersgrün und Reichen­bach he^igesircht.^ , soweit ich es an der Medicin erkennen konnte, innerlich Chloralhydrat, äußerlich Chloroform mit Ol. Hyoscyam. zu Einreibungen.

Diesen Persänen, welche nur Blut- und Leberwurst gegessen haben, sind nicht erkrankt, weßhalb dieser Fall wiederum zur größten Vorsicht bei Zubnettung^und G n ß des Sckweinefleisckes mahnt. ___