reichs einmischen und weise jede Solidarität mit Straßenrednern zurück, welche die ernstesten Interessen ihres Landes einzig dazu opfern, um von sich selbst reden zu machen. Bezüglich der Wahl Carot's und des Rücktritts Grevy's betont das „Journal de St. P4tersbourg", daß die Gesetzlichkeit dabei allerdings geschädigt worden sei - jetzt, wo die Ruhe wieder hergestellt worden sei, bleibe zu wünschen, daß Frankreich seinen Staatschef mit Achtung umgebe und das Parlament sich seiner verantwortlichen Pflicht erinnere und Carnot unterstütze, in Ruhe zu regieren und den Frieden zu sichern.
Washington, 6. December. Der Kongreß wurde gestern eröffnet. Die Botschaft des Präsidenten wird für heute erwartet. Carlisle (Demokrat), welcher wieder zum Sprecher des Repräsentantenhauses gewählt wurde, hielt eine Ansprache, worin er hauptsächlich die Nothwendigkeit einer Revision der fiskalischen Gesetze und einer Herabsetzung des Tarifs heroorhob, um eine große und gefährliche Anhäufung des Geldes im Staatsschätze zu verhüten Palmer kündigte eine Bill an wegen Einschränkung der Einwanderung. Danach soll jeder Einwanderer durch ein Zeuaniß des amerikanischen Consuls seines Distriktes darthun, daß er des amerikanischen Bürgerrechts würdig sei; andernfalls sei er an der Landung zu verhindern.
Washington, 6. December. Die Botschaft des Präsidenten an den Congreß ist außergewöhllnch kurz und sie erörtert ausschließlich die Finanzlage. Die Wichtigkeit einer sofortigen Action zur Verminderung des Ueberflusses in der Staatskasse und zur Verhinderung weiterer Geldanhäufung in derselben wird besonders heroorgehoben. Die Botschaft besagt, der Ueberschuß des Staatsschatzes werde am 30. Juni 140 Mill. Dollars betragen und es sei absolut nothwendig, diesen Ueberschuß, dessen Anhäufung eine Gefahr für das Land sei, herabzumtndern; er schlage dem Congretz vor, die Abgaben auf Tabak, Wein und Spirituosen beizubehalten, im Uebrigen den Zolltarif unter möglichster Berücksichtigung der Interessen der amerikanischen Industrie und der amerikanischen Arbeiter anderweit zu gestalten. Aus Rücksichtnahme auf diese Interessen dürften jedoch die amerikanischen Industriellen nicht etwa das Recht herleiten, übertriebene Vortheile zu beanspruchen; die Herabsetzung des Tarifs müsse eine solche sein, daß sie weder der Beschäftigung noch den Lohnbezügen der Arbeiter Eintrag lhue. Er sei für die Aufhebung oder Ermäßigung der Wollzölle, ebenso für eine radikale Herabsetzung der Zölle auf von amerikanischen Industrien verarbeitete Rohstoffe oder für deren zollfreie Einfuhr und bitte den Congreß, diese wichtige Frage ohne alle Parteirücksichten zu erwägen.
Briefe aus San Remo-
(Nachdruck verboten.)
IV.
(Von unserem Special - Correspondenten.)
E. C. San Remo, 4. December.
Jupiter Pluvius treibt Heuer an der Riviera sein tolles Spiel. Kaum haben wir uns einige Tage an dem warmen Sonnenschein erquickt, da fährt er mit rauher Hand dazwischen und öffnet die Schleusen des Himmels. Der Sturm peitscht das Meer auf, das seine schäumenden Wogen gegen die Küste treibt, die gelben welken Blätter der Platanen wirbeln im Winde, der Rrgen fällt in Strömen nieder . . . An solchen Tagen wie gestern braucht man nicht Hypochonder zu sein, um sich einer griesgrämigen Stimmung hinzugeben .... Da tönen zuin Ueberfluß noch die getragenen Klänge eines Trauermarsches von der Straße herauf — ein Leichenzug bewegt sich an der Villa Cirio vorbei durch die Via Vtttorio Emanuele, der Kronprinz tritt an's Fenster und schaut ernsten Blickes dem feierlichen Conduct nach. Man erweist einem alten pensiontrten Osficier die letzte Ebre. Unter Vorantriit einer Militärkapelle folgen Deputationen verschiedener italienischer Regimenter tn ihrer kleidsamen Uniform, Kapuzinermönche in großer Zahl, brennende Kerzen, die aber der Wind und Regen verlöscht, in den Händen tragend, murmeln die Sterbegebeie . . . Das Volk läßt entblößten Hauptes den Letchenconbuct vorbetpassiren und verneigt sich gläubig vor dem Bilde des Erlösers, das auf hohem Krcuze vorangetragen wird. Leise verhallen die Klänge in der Ferne, der Kronprinz zieht sich vom Fenster zurück, das anhaltende Regenwetter verbietet ihm die gewohnte Ausfahrt.
Das Allgemeinbefinden des Kronprinzen ist fortgesetzt ein gutes zu nennen und wenn auch die Aerzte über den eigentlichen Stand des Leidens das tiefste Stillschweigen bewahren, so ist man doch allgemein der Ansicht, daß kein Grund zu unmittelbarer Besorgniß vorliegt. Möchte die Vermuthung, die ich in meinem letzten Briese ausaesprochen, doch das Richtige getroffen haben-
In das ewige Einerlei des Tages brachte am Donnerstag das Vorbeipassiren des deutschen Mtttelmeergeschwaders eine willkommene Abwechselung. Wie ich aus der heute eingetroffenen Post ersehe, liegen darüber in deutschen Blättern schon ausfübr- liche telegraphische Berichte vor; den großartigen Eindruck des Schauspiels, das die Lüste erfüllende Jubelgeschrei unserer Theerjacken, das von der Küste aus freudig erwidert wurde, die tiefe Rührung des Kronprinzen, die sich seiner bemächtigte, als er von dem Balkone aus grüßend mit der Hand winkte — zu schildern — dazu ist die Sprache zu arm. Zu bedauern blieb nur, daß die Schiffe nicht hier vor Anker gingen und unsere Landsleute an's Land setzten. Beim schäumenden Gerstensafte, der zwar nicht in der gleichen Güte und zu demselben billigen Preise wie in der Heimath hier in verschicnenen CafS's als „echt bayrisch" verschänkl wird, hätte es sich einige Stunden so hübsch von der fernen Heimath plaudern lassen.
Rach dem gestrigen Sturm und Regen war heute wieder besseres Wetter ein- getreten und der Kronprinz benutzte den Vormittag, um einen Gang in die alte, theils noch in Trümmern liegende Altstadt zu machen. Ich folgte ihm in gemessener Ent- ernung und war Zeuge, wie sein herzgewinnendes Wesen die einheimische Bevölkerung, die der deutschen Sprache schon das Wort „Kronprinz" abgelauscht, gefangen' nahm, wie sie sich männiglich freute, von einem Gruße des Kronprinzen beglückt worden zu fein.
L. v. S.
I o { a h i
Gießen, 7. December. Im Erker der Reiber'schen Möbelhandlung am Seltersweg findet sich soeben ein Oeldruckblld, betitelt „In höchster Roth", ausgestellt, welches die Aufmerksamkeit aller Vorübergehenden zu fesseln geeignet erscheinen dürfte. Wir sehen hier in höchster Roth ein gestrandetes Schiff, welchem eine wackere Rettungsmannschaft zur rechten Zeit Hilfe bringt. Das Bild selbst ist ganz vorzüglich her- gestellt und dürfte sich auch als Weihnachtsgeschenk eignen, zumal mit einem Verkauf desselben ein kleiner Procentsatz deS Erlöses in die Kasse der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger fließt. Eine allenfallsige Bestellung wird der hiesige Vertreter der Gesellschaft, Freiherr v. Jungenfeld, gewiß gerne entgegennehmen.
Gießen, 7. December. (Theater.) Wegen der Vorbereitungen zu vr.Oscar Blumenthal's neuester Dichtung „Ein Tropfen Gift" bleibt das Theater am Donnerstag geschlossen. Das hochinteressante Stück, welches überall sensationellen Beifall gefunden hat und gegenwärtig über säinrnllichc deutsche Bübnen geht, wird unserem Publikum am Freitag Abend zum ersten Male vorgeführt.
Am Samstag findet eine Schüler-Vorstellung für die Zöglinge der hiesigen höheren Schulen statt und gelangt gelegentlich derselben der mit so großem Beifall aufgenommenc „Königslieutenant" von Carl Gutzkow zur Aufführung. Die Vorstellung beginnt um 6 Ubr und kostet ein Schülerbillet 50 Pfg.
Vermischte S.
△ Mainz, 6. December. Gelegentlich einer gestern stattgehabten Besichtigung unseres Theaters auf dessen Feuersicherheit durch die städtische Theatcrdeputation sprach man sich, unter voller Anerkennung der hier getroffenen Sicherheits- und Lösch- maßregeln, einstimmig dahin aus, daß als definitiver Schutz gegen Feuersgefahr einzig electrische Beleuchtung anzusehen sei und daß deßbalb deren Einführung in dem hiesigen Theater angestrebt werden müsse. Die städtische Commission faßte in dieser Beziehung keinen bestimmten Beschluß, sondern wird sich zunächst erst darüber verlässigen, wie sich die electrische Beleuchtung bei anderen Theatern bewährt hat und welchen Kostenaufwand deren Einführung hier erfordern soll. Von dem Resultate dieser Voruntersuchung hängt es ab, ob die Deputation bei der Stadtverordnetenversammlung die Einführung des electrischen Lichtes im Theater befürwortet.
A Main», 6. December. Im Auftrage des Kriegsministeriums in Berlin fand letzter Tage durch Vertreter der hiesigen Conservenfabrik und des Proviantamts eine Besichtigung der in Bischofsheim von der Firma Koch hier angelegten Hammelsschlächterei statt. Hauptsächlicher Zweck der Besichtigung war, zu prüfen, ob sich diese neue Anstalt, welche binnen Kurzem bedeutend vergrößert werden soll, im Falle einer Mobilmachung für die militärische Verproviantirung verwenden läßt.
— In dem nahen Kastel stürzte heute Morgen ein 4jähriges Kind durch das Fenster von dem dritten Stockwerk eines Hauses auf die Straße, ohne sichtbare Verletzungen davon zu tragen.
A Vom Rhein, 6. December. Der von Mainz kommende Schleppdampfer „Tauerei Köln I" ist heute Vormittag tn Bingen aufgefahren und erhielt Leckage. Tie Auspumpungsarbeiten werden mit allem Eifer betrieben, um die gefperrte Fahrstraße möglichst rasch wieder frei zu machen.
Literarische».
— In der I. Ricker'schen Univ.-Buchhandlung dahier steht eine französische Ausgabe der Illustrationen A. Menzels zu den Werken Friedrich» des Großen zur Ansicht. Es ist nicht nöthig, dies Kunstwerk des ersten deutschen Malers zu empfehlen, welches sich zumal hier in prächtiger Ausstattung bietet. Die Gelegenheit zur Erwerbung eines unvergänglichen Schatzes, in welchem König und Künstler sich die Hand reichen, wird kein Liebhaber vorübergehen lassen, besonders wo der Preis durch günstige Umstände von 50 auf 25 gesetzt werden konnte.
firür den Weihnachtstisch. Zu den sinnigsten und vornehmsten Weihnachtsgeschenken gehören offenbar diejenigen literarischen Erzeugnisse, welche dazu bestimmt sind, die edelsten Empfindungen im menschlichen Herzen wackzubalten und den Geist auf das Schone und Edle zu richten. Rach dieser Richtung hat C. A. Koch's Verlagsbuchhandlung (I. Sengbusch) in Leipzig eine Reihe sehr glücklicher Griffe gethan, indem sie von zwei der beliebtesten Schriststellerinnen, Elise Polko und Helene S t ö k l, mehrere Werke herausgab, welche in reizender Mannigfaltigkeit jeden Weihnachtstisch zieren und jedes Herz erfreuen dürften. Diesen Werken voran steht zumal Elise Polko's Buch „Born Herzen zum Herzen" (Leipzig, C. A. Koch's Verlag. Preis eleg. geb. 2 40 vM), in welchem ein lierempfindendes Frauengemüth in ebenso anmuthiger als sinniger Weise das berühmte Thema vom menschlichen Herzen und seinen Räthseln behandelt. Daran reiht sich von derselben Verfasserin ein ganz neues, reizendes Geschenk, eine »Damenschreibmappe" mit Sprüchen für das weibliche Leden und Auszügen aus Der Blumen- und Fächersprache (Leipzig, C. A. Koch's Verlag. Preis elcg. ausgestattet 3 Jfc).
Handel und Verkehr.
— (Weihnachtssendungen.) Das Reichs-Postamt richtet auch in diesem Jahre an das Publikum das Ersuchen, mit den Weihnachtssendungen bald zu beginnen, damit die Packetmassen sich nicht in den letzten Tagen vor dem Feste zu sehr zusammei - drängen, wodurch die Pünktlichkeit in der Beförderung leidet. Die Packeie sind dauerhaft zu verpacken. Dünne Pappkasten, schwache Schachteln, Cigarrenkisten :c. sind nicht zu benutzen. Die Aufschrift der Vackete muß deutlich, vollständig und haltbar hergestellt sein. Kann die Aufschrift nicht in deutlicher Weise auf das Packet gesetzt werden, so empfiehlt sich die Verwendung eines Blattes weißen Papiers, welches der ganzen Fläche nach fest aufgeklebt werden muß. Am zweckmäßigsten sind gedruckte Aufschriften auf weißem Papier. Dagegen dürfen Formulare zu Post-Packetadressen für Packetaufschriften nicht verwendet werden. Der Name des Bestimmungsortes muß stets recht groß und kräftig gedruckt ober geschrieben sein. Di« Packetaufschrift muß sämmtliche Angaben der Bcgleitadrcsse enthalten, zutreffendenfalls also den Franko- vermerk, den Nachnahmebetrag nebst Namen und Wohnung des Absenders, ben Vermerk der Eilbestellung u. f. w., damit im Falle des Verlustes der Begleitadresse das Packet auch ohne dieselbe dem Empfänger ausgehändigt werden kann. Auf Packeten nach größeren Orten ist die Wohnung des Empfängers, auf Packeten nach Berlin auch der Buchstabe des Postbezirks (C„ W. SO. n. f. w.) anzugeben. Zur Beschleunigung des Betriebs trägt es wesentlich bei, wenn die Packete rrankirt ausgeliefert werden. Das Porto für Packete ohne angegebenen Werth nach Orten des Deutschen Reichs- Postgebiets beträgt bis zum Gewicht von 5 Kg. 25 H auf Entfernungen bis 10 Meilen, 50 H auf weitere Entfernungen.
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