Bureau r Schnlstraße 7.
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Politische Ueberstcht.
Gießen, 7. September.
Allseitiges Bedauern hat der Beschluß des Kaisers, von der Reise nach Ost- und Westpreußen abzusehen, hervorgerusen und speciell in den genannten Provinzen wird man sich schmerzlich enttäuscht sehen. Am meisten wird es indessen der allerhöchste Kriegsherr selbst beklagen, daß er diesmal nicht in Person, wie er nun seit einer langen Reihe von Jahren gewöhnt ist, den großen Herbstmanöoern seiner Truppen beiwohnen kann und nur der dringende Hmweir der Leibärzte, daß die Anstrengungen einer solchen Reise speciell in Anbetracht des Unfalles, der den Kaiser jüngst betroffen, zu groß sein würden, bestimmte den greisen Monarchen zum Verzicht auf seinen Lieblingswunsch'. Glücklicher Weise sind von dem Fall, den der kaiserliche Herr gethan, keine besonderen Nachtheile für seine Gesundheit zu befürchten und dürfte er die Folgen des Unfalles bald überwinden. Mit seiner Vertretung bei den Manöoern in Ostpreußen hat der Kaiser bekanntlich den Prinz-Regenten Albrecht von Braun- Ichmeig beauftragt. Oö der Kaiser wenigstens noch nach Stettin gehen wird, :ist einstweilen noch unbestimmt und so rückt denn auch die projectirte Zus am- wenkunst mit Kaiser Alexander III. in ungewisse Ferne. Allerdings Versichert man in Berliner Hofkreisen, daß trotz der veränderten Dispositionen Lie Eventualität der Zusammenkunft durchaus unberührt bleibe, indessen scheint sben diese Möglichkeit nach Allem, was man darüber hört, noch aus einem recht jshwachen Untergründe zu stehen und besonders lauten die Meldungen aus Petersburg sehr sceptisch. Es wird versichert, daß eine abermalige Begegnung zvischen Äaifer Wilhelm und dem Czaren in den russischen Gesellschaftskreisen «uf keinerlei Sympathien stoße und unter den gegenwärtigen Verhältnissen sei auch von dem Czaren selber ein so deutschfreundlicher Schritt, wie es ein Besuch kvuf deutschem Boden zur Begrüßung Kaiser Wilhelms wäre, nicht zu erwarten. Mun, trotzdem ist jedoch das allerletzte Wort in der Angelegenheit noch nicht Wsprochen.
Dem verunglückten Spiritusring wird jetzt von der Presse aller Parteien das Grablied gesungen und im Allgemeinen ist zu constatiren, daß hierbei ein gewisses Gefühl der Befriedigung über das Scheitern des Unter- . -nehmens obwaltet. Jedenfalls entrückt das Scheitern der Spiritus-Coalition — rmag man sonst über letztere denken, wie man wolle — der Tagesdiscussion Mnmehr einen Gegenstand, über welchen seit Wochen aus das Eifrigste hin- und Aerdebattirt worden war und die Ausbeutung der Frage zu Parteizwecken ist mun nicht mehr möglich — es dürfte dies wohl kein Schaden sein! Dafür wird jetzt die zuerst in der „Post" ausgetauchte Nachricht über die angeblich geplante Besteuerung ausländischer Fonds in der Presse lebhast erörtert und Wt man hervor, daß ja thatsächlich schon ein Reichsgesetz über die Besteuerung I rrembcr Werthe existire. Es wird also abzuwarten fein, worauf obige Meldung I m „Post", die übrigens von den „Berliner Polit. Nachr." bestätigt wird, eigentlich zielt.
Der bayerische Gesandte beim Vatikan, Gras Moy, hat fein I Entlassungsgesuch eingereicht und wurde dasselbe vorn Prinz-Regenten bereits I Nmehmigt. Ueber den Nachfolger Moy's scheint noch nichts Bestimmtes I Mjustehen. |
Waffenbrüderschaft sich auf s Neue documentirt. In den tonangebenden Wiener Blättern legte man denn auch der Mission des General-Quartiermeisters eine besondere Bedeutung bei und wird namentlich hervorgehoben, daß die Anregung zu der Entsendung de« Grasen Waldersee von österreichischer Seite ausae- gangen sei.
Der ossiciöse französische Telegraph hüllt sich über den Verlaus der famosen Probemobrllsirung in consequentes Stillschweigen, so daß man hieraus fa|t den L-chluß ziehen könnte, daß bei dem Experiment irgend etwas verkehrt gmge. Dem scheint jedoch nach privaten Berichten nicht so zu sein, e« soll im Allgemeinen Alles klappen und Die Franzosen dürsten also mit dem Verlause des Kriegsspieles an der oberen Garonne zufrieden sein. Nun, es wäre noch schöner wenn bei der Probemobilisirung nicht Alles wie am Schnürchen gehen wollte,' nc°L schon Wochen zuvor jede Einzelheit vorbereitet werden konnte; im Ernstfälle — hoffentlich ist derselbe noch fern — dürfte die Sache doch ein wenig anders ausfallen!
Das Pcoject der Entsendung des Generals Ernroth nach Bulgarien ist nach den Erklärungen des Brüsseler „Nord" einstweilen wieder auf- gestcckt worden; wahrscheinlich hat man sich in Petersburg überzeugt, daß bei den Mächten keine besondere Begeisterung für eine neue Kaulbarsiade herrscht. Da auch der Versuch der Pforte, Deutschland in den bulgarischen Wirren durch die Anrufung der Intervention des Fürsten Bismarck in den Vordergrund zu schieben, von Anfang an als mißglückt bezeichnet werden muß, so scheint die bulgarische Nffaire einstweilen wieder sich selbst überlassen zu bleiben. Es wird abzu warten sein, wie Fürst Ferdinand diese ihm gerade nicht ungünstige Situation auszunutzen verstehen wird. Wie aus Sofia gemeldet wird, soll in dem am Samstag abgehaltenen Mtnisterrathe beschlossen worden {ein, die Neuwahlen zur Sobranje aus den 9. October anzuberaumen und den Belagerungszustand auszuheben. Es deuten diese Maßnahmen der bulgarischen Regierung allerdings darauf hin, daß die bulgarischen Regierungsmänner entschlossen find, die Wiederherstellung legaler Zustände im Lande zu beschleunigen und dies kann ihre ! Stellung nach Außen hin nur verstärken.
Das durch Proklamation des Vicekönigs von Irland erfolgte Verbot des Meetings der National-Liga in Ennis, welches am Sonntag stattfinden sollte, hat nicht zu den befürchteten Unruhen geführt. Wie erinnerlich, hatten die nationalistischen Führer beschlossen, das Meeting trotz des Verbotes einzuberufen und in Der That geschah dem so, nur daß sich die Theilnehrner an der Versammlung an einem anderen Platze zusammensanden, als für das Meeting zuerst in Aussicht genommen war, da den betreffenden Platz Truppen- Abtheilungen besetzt hielten. Die bekannten parnellitischen Führer Dillen, Sullivan, O'Brien und Cox, sowie der radikale englische Abgeordnete Philipp Stanhope hielten Ansprachen, bis die Ankunst der Polizei und Militär das Auseinandergehen der Versammlung herbeisührte. Die Theilnehrner derselben suchten daraus in Ennis selbst — sie hatten sich vorher in der Nähe des Städtchens zufammengesunden — das Meeting fortzusetzen, leisteten aber, als die Polizei zur Räumung der Straßen schritt, der Aufforderung der Deputirten und der Geistlichen, keinen Widerstand zu versuchen, Folge und gingen ruhig auseinander. Dies beweist, daß die National-Liga gesonnen ist, dem gegen sie ergangenen Auflösungs-Decret zunächst nur passiven Widerstand entgegen* zusetzen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspon-errz - Bureau.
Berlin, 6. September. Seine Majestät der Kaiser, der gut geschlafen hat und zeitig aufgeftanden ist, beabsichtigt, heute Nachmittag nach Babelsberg überzusiedeln.
— Der Kaiser empfing heute den Polizeipräsidenten und nahm im Beisein des I Gouverneurs und des Commandanten militärische Meldungen entgegen. Alsdann hörte er den Vortrag Albedyll's und empfing den aus England zurückgekehrten Leibarzt des Kronprinzen, Generalarzt Dr. Wegner.
Berlin, 6. September. Das Kaiserpaar ist heute Abend 7 Uhr nach Babelsberg übergesiedelt.
— Die „Nordd. Allgem. Ztg." erwähnt die Meldungen englischer Blätter, insonderheit des Wiener Eorrespondenten des „Daily Telegraph" über eine angeblich bevorstehende Zusammenkunft des Kaisers und des Czaren in Stettin und bemerkt dazu : „Wie wir bereits mitgetheilt haben, ist in hiesigen unterrichteten Kreisen von einer Begegnung des deutschen und russischen Kaisers nichts bekannt.
Königsberg i. Pr., 6. September. Bet der heutigen Parade, die Se. Kgl. Hoheit Prinz Albrecht im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers abnahm, war das erste Armee-Corvs in zwei Treffen aufgestellt. Im ersten Treffen standen die gesammte Infanterie, ferner das ostpreußische Jägerbatatllon Nr. 1, die Unterofficterschule von Marienwerder, das ostpreußische Futzarttllerte-Regiment Nr. 1 und das oftpreußiscbe Pionierbataillon Nr. 1, im zweiten Treffen die gesammte Kavallerie, die Feldartillerte und der Train. Nachdem Se. K. H. die Fronten abgerttten war, fand ein zweimaliger Vorbeimarsch der Truppen statt. Prinz Albrecht äußerte sich hochbefriedigt und bemerkte, er glaube bestimmt annehnten zu können, daß Se. Majestät der Kaiser, wenn es Allerhöchstdemselben vergönnt gewesen wäre, die Parade abzunehmen, dasselbe günstige Urtheil gefällt haben würde. Jedenfalls werde er nicht verfehlen,/sofort Sr. Majestät telegraphisch über die vorzügliche Haltung der Truppen Bericht zu erstatten. — Morgen Vormittag fährt Se. K. H. zu den Corpsmanöoern bet Knöppelsdorf. Nachmittags 5 Uhr findet im königl. Schlosse Diner statt, zu welchem die Spitzen der Cioilbebörden geladen sind.
Danzig, 6. September. Prinz Albrecht antwortete auf eine telegraphische Anfrage, er werde nicht nach Danzig kommen.
3« Lüttich wurde am Sonntag der katholische Social.Congreß, « on ^mtttclbaren Anschluß an den Trierer Katholikentag, durch den Bischos v reti)ffnet' Der Congreß ist zahlreicher alr im vorigen Jahre be« 8,™ La ^rt der Telegraph alr mitanwesend den Cardinal von Rheim«, n Msten von Löwenstein, einen der Redner vom Katholikentag, sowie „meh< »mtsche Abgeordnete" auf. Der Lütticher Bischof sprach sich anerkennend , der belgischen Regierung und der Arbeits-Commission vorgeschla- m „politischen Gesetze au« uno betonte in seiner Rede überhaupt da« .,.7 st Wicht der Staates, zu Gunsten de« Arbeiter» einzugretsen, auch mLin“ m Redner die Pflichten der Arbeitgeber dar. Der ehemalige meinte, die Gesetzgebungen seien unzureichend, um ohne den socialen Krise« zu begegnen. — E« ist nicht ohne Bedeutung, m,,..1 .. Social-Congreß Heuer gerade aus belgischem Boden tagt.
’n dem Industrie. Belgien die Fürsorge der Staate« und der ,bie Arbeiter noch sehr im Argen und erst der vorjährige »weueraufstand legte der Regierung die Rothwendigkeit socialpolitischer Reformen t,, ' önmT es J?. Werbet nur bei Anläufen geblieben und die bezüglichen von fron |QTetn1xC^loffcnen G-setz- tragen den Charakter halber Maßregeln; e« m oa9tt nicht verwundern, daß es unter den belgisch-m Arbeitern fort und ^"Fleich nicht zu leugnen ist, daß hierbei politische Motive mit ^Echt empfängt die socialpoltttsche Gesetzgebung in Belgien von 6n gütlicher Congreß eine heilsame Anregung 1
leweien/^ den Lerbstübungen der österreichischen Armee entsandt Äsein.«General-Quarti-rmeister der deutschen Armee, Gras Waldersee, teil den «Lu» auf österreichischem Boden abgekürzt, Da seine Anwesenheit Hm TOH rnnT?” V Ostpreußen nothwendig ist. Er muß bereit« an !>« S ^nigrberg eintreffen und konnte er daher den Kaiser Franz L'J Ä 8“ 6e,n bevorstehenden Manöoern bet Neutra (Ungarn) begleiten.
Waldersee hat sich seitens de» Kaiser« Franz Josef, de« Erzherzog« Unb "derhaupt der leitenden militärischen Kreise Oesterreich« großer z.ichnungen zu erfreuen gehabt, durch welche indirect dis deutsch-österreMchs
Air. 208 Donnerstag den 8. September 1887
Meßen« Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.


