Nr. io«. Drittes Blatt. Sonntag den 8. Mai 1887.
<f)id>ciwr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag».
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Landwirthschaftliche s.
Frankfurt a. M., 3. Mai. Die Vorbereitungen für die erste Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft sind nunmehr in vollem Gange. Nach Schluß des Anmeldetermins ergab sich eine Betheiligung, welche alle ursprünglich gehegten Erwartungen übertrifft.
Namentlich wird die Abtheilung der Rinder aus allen Theilen Deutschlands auf's Reichlichste beschickt sein, vorwiegend jedoch, wie sich aus der Lage Frankfurts ergibt, von Bayern, Württemberg, Baden und Hessen. Auch die Gerätheabtheilung verspricht eine der reichhaltigsten zu werden, welche seit geraumer Zeit an einer Stelle vereinigt war.
In Folge desien mußte der ursprünglich vorgesehene Raum nach verschiedenen Seiten ausgedehnt werden.
Die Localitäten und der schöne Platz des landwirthschaftlichen Vereins von Frankfurt genügten weitaus nicht. Ein großes Stück Land hatte herangezogen werden müssen, wobei allerdings die örtlichen Verhältnisse es nicht gestatteten, dem jetzigen Ausstellungsraum eine abgerundete Gestalt zu geben. Der ganze Platz zerfallt jetzt in zwei große Halsten, die westliche für die Thierausstellung, die östliche für bte Gerathe- ausstellung bestimmt. Auf letzterer erheben sich bereits die Schuppenbauten für bte unter Bedachung zu bringenden Geräthe, auf ersterer sind 11 lange Schuppen für Schafe und Schweine errichtet. „ „ . . . „ „
In der großen Halle werden die Producte Aufstellung finden, vor derselben soll der große Ring sowie die Tribüne den größeren Theil des Hofraumes einnehmen. Hinter der Tribüne, seitlich von derselben auf dem Platze östlich von Halle und Ring und endlich in dem die beiden Haupttheile der Ausstellung verbindenden schmalen Felde werden in 25 Schuppenräumen die Rinder untergebracht werden.
Drei Hauptrestaurationen werden sich auf dem Platze befinden. Die erste in den unteren Räumen der großen Halle, direct im Anschluß an die Productenausstellung. Vor derselben und in unmittelbarer Verbindung mit dem großen Ring befindet sich ein Musikpavillon. Die zweite liegt in der westlichen und die dritte, ebenfalls mit einem Musiktempel ausgestattet, an der östlichen Seite des großen GerLtheplatzes.
Die Anstrengungen, welche die Deutsche Landwirthschafts-Gesellschaft in Verbindung mit den localen Vereinen macht, um in würdiger Weise die Aufgabe einer nationalen deutschen landwirthschaftlichen Ausstellung zu lösen, verdient ohne Zwetter den Erfolg, den wir dem Unternehmen im Interesse der Landwirthschaft und unfc c Stadt wünschen.
Frankfurt a. M., 6. Mai. sAusstellung der SDeutfcben
Gesellschaft zu Frankfurt a. M.j Die landwirthschaftliche Ausstellung, bereitungen sich feit einiger Zeit in großartigem Maßstabe ^flen , entfalten, wird sich von anderen landwirthschaftlichen Ausstellungen i fahren
unterscheiden. Die Gesellschaft, welche nach dem kurzen Bestand von rau» /« in allen Theilen Deutschlands bereits gegen 4000 ^titOli"bfantnHun0 abhält aus gLnz SStl! y SÄttÄfe« L CÄ
Sofalel
Gießen, 7. Mai. sVierte Sitzung Großh. Handelskammer.^ Gegenwärtig waren die Herren F. C. B. Koch, Heichelheim, Klingspor, Kraatz, Schirmer und Zinßer.
Die Auslegung des Art. 185 a poa. 1 und 2 des Actiengesetzes in Bezug auf den Begriff „Herstellungspreis", wie sie von der Handelskammer Braunschweig in einem bereits mitgetheilten Circular im Gegensätze zur Auslegung in einer ober- gerichtlichen Entscheidung vorgeschlagen worden ist, findet die Billigung der Kammer. Der Ausschuß des Deutschen Handelstags hat jedoch dem Ersuchen der genannten Handelskammer, ein gemeinsames Vorgehen her Handelskammern in der angeregten Frage zu veranlassen, nicht entsprochen; und zwar wurde die Verfolgung des Antrags Braunschweig deshalb abgelehnt, weil der Jnstanzenzug des gerade in Betracht kommenden concreten Falls noch nicht erschöpft sei, und es erforderlich erscheine, eine endinstanzliche Entscheidung abzuwarten, welcher Anschauung sich die Kammer anschließt.
Die Großh. Handelskammer Bingen hat dem Reichstage eine Petition, das Gesetz vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungs- und Genußmitteln und Verbrauchsgegenständen betreffend, unterbreitet mit dem Anträge:
„Baldthunlichst eine Ergänzung der Bestimmungen des Gesetzes vom.
14. Mai 1879 in Bezug auf den Verkehr mit Wein geneigtest zu beschließen."
In der Eingabe der Bingener Handelskammer wurde zwar anerkannt, daß das Nahrungsmittelgesetz insofern von günstiger Wirkung gewesen sei, als es den Verkauf von Kunstweinen, d. h. von auf sogenanntem kalten Wege hergestellten weinähnlichen Producten fast gänzlich ausgerottet hat; in Bezug auf den übrigen Verkehr mit Weinen wurde jedoch dem Gesetze eine ungünstige Wirkung zugeschrieben, indem hier die Fassung und Interpretation der gesetzlichen Bestimmungen insbesondere mit Rücksicht auf die Definition des Wortes „Wein", wie sie in den Materialien zum Nahrungsmittelgesetz gegeben und den gerichtlichen Urteilen zu Grunde gelegt werde, |u einer Unsicherheit der ganzen Weinbranche geführt habe, und eine bei geringen Jahrgängen durchaus nothwendige Verbesserungsmethode durch die Beschränkung illusorisch gemacht werde, daß die Behandlungsweise dem Käufer bis zum Consumenten angegeben werden müsse. Man beschloß die Eingabe in geeigneter Weise zu unterstützen.
Es wird der Kammer eine Warnung vor gewissen Geschäftsverbindungen in Mexiko mitgetheilt. Anfragen, ob sich gegen eine bestimmte Firma Bedenken ergaben, sollen zunächst an die Kammer gerichtet werden.
Auf das Gesuch der Handelskammer um Wiedereinführung von Schnellzügen zwischen Deutz-Köln und Gießen wird von der Königl. Eisenbahndirection Köln ein vorläufig abschlägiger Bescheid ertheilt.
Der Vertreter der Kammer in dem Bezirkseisenbahnratbe des Bezirks Hannover reserirte über die am 16. März abgehaltene Sitzung des Eisenbahnraths. Aus den Beschlüssen desselben ist hervorzuheben, daß die Einbeziehung der Erzversandstationen Hungen, Lich, Grünberg und Mücke in den (Nothstands-) Ausnahmetarif vom 1. August 1886 für Beförderung von Eisenerz im Verkehr von und nach verschiedenen Stationen der Etsenbahndirectionsbezirke Elberfeld, Frankfurt a. M, Hannover und Köln (rechtsrh.), sowie der Eisern-Siegener und Rheine-Diemethal-Bahn einstimmig befürwortet wurde. Ebenso sprach man sich, wenn auch nicht einstimmig, für die Aufnahme der Stationen Gelnhausen, Friedberg und Warstein in den Nothstandstarif aus. Ferner war zu bemerken, daß nach dem zur Genehmigung vorgelegten Sommer- fahrplan auf der Strecke Cassel—Frankfurt die Schnellzüge 303 und 304 versuchsweise in Butzbach anhalten werden, und Courierzug 308 in Friedberg.
Zur Lage der Landwirthschaft.
Geh. Regierungsrath Professor Dr. H. Settegast richtet folgendes offenes Schreiben an den Landes - Oekonomierath Dr. R. Weidenhammer, Generalsecretär der landwirthschaftlichen Vereine für das Großherzogthum Hessen:
Berlin, 28. April 1887. Hochgeehrter Herr! Es durfte Ihnen bekannt sein, daß auf Veranlassung des Herrn Ministers für Landwirthschaft, Domänen und Forsten, -Dr Lucius, das preußische Landes-Oekonomie-Collegium sich in den letzten Jahren em- aehend mit der Frage beschäftigt hat, auf welchem praktischen Wege ein so tiefer Einblick in die landwirthschaftlichen Zustände der preußischen Monarchie zu gewinnen, um darauf ein Urlheil zu begründen, ob und in welchem Umfange die landwirthschaftlichen Verhältnisse sich von ihrer wünschenswerthen Lage entfernt haben, event. durch welche Mittel die Wiederherstellung der letzteren angebahnt und durchgefuhrt werden könne. Das Landes-Oekonomie-Collegium hat in Verfolg seiner mehrjährigen Beratungen und Beschlüsse den Herrn Minister gebeten, durch eine im Wesentlichen nach dem Muster der im Großherzogthum Baden 1883 veranstalteten Enquete und im Besonderen nach einem von dem Professor Dr. v. Minskowski in Breslau entworfenen Plane und Programm der bezeichneten Aufgabe näherzutreten. Der Herr Minister ist diesem Vorschläge auch durchaus gewogen, es läßt sich daher erwarten, daß es seinem energischen Willen gelingen wird, die sich solchem Werke entgegenstellenden Schwierigkeiten in nächster Zeit fortzuräumen. Ich persönlich halte mich überzeugt, daß dadurch über alle die Punkte, welche die nicht abzuleugnende Nothlage der Landwirthschaft in Preußen mefcr oder weniger beeinflussen und unter Umständen verschulden, mehr Licht verbreitet werden wird, wodurch auch die Heilmittel gegen die etwaigen herrschenden Leiden des landwirthschastlichen Gewerbslebens leichter erkennbar gemacht werden. Selbstverständlich mußte daher der Vorgang in Ihrer engeren Heimath. die dortige Veranstaltung einer landwirthschaftlichen Enquete, mein lebhaftes Interesse erwecken. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie mir durch gütige Uebersendung der hochoerdienstoollen Arbeit- Die landwirthschaftliche Enquete im Großherzogthum Hessen, •eranftaltet vom Großh. Ministerium des Innern und der Justiz in den Jahren 1884, 1885 und 1886, einen Einblick in die Methode der dortigen Untersuchungen, sowie in die Ergebnisse derselben verschafft haben. f
Was zunächst die Methode der Erhebungen und insbesondere die fragen anbetrifft, durch deren Beantwortung die Grundlage für die Beurtheilung der herrschenden landwirthschaftlichen Zustände im Großherzogthum Heffen gewonnen werden soll, so -stehe ich nicht an, diesen Theil des Programms als durchaus gelungen zu bezeichnen. Die Fragestellung ist erschöpfend, ohne überladen zu fein, sie ist durchsichtig, einfach wnd alle in Betracht zu ziehenden Kernpunkte treffend, auch so gefaßt, daß darin der Zwang zur unzweideutigen Beantwortung liegt. In den Fragen spricht zu uns die gründliche Vertrautheit mit der ganzen Mannigfaltigkeit der Kräfte, auf deren Zusammenwirken ein nach allen Richtungen erfreulicher Landwirthschaftsbetrieb beruht. Die den dortigen Commissaren ertheilie Instruction für die Ausführung laßt an Deutlichkeit überhaupt und besonders in Betreff der Aufstellung praktischer Gesichtspunkte Nichts zu wünschen übrig. k v . n
Ich wende mich nun zu den Ergebnissen der Enquete, deren Zusammenstellung die Gesammtlage der Landwirthschaft in Hessen klarstellen und darüber Auskunft geben soll, ob und inwieweit durch Umgestaltung bestehender Verhältnisse, bezw. durch Becin- stus'sung oder Eingreifen von der einen oder anderen Seite die wirtschaftliche Lage Ser Landwirthe einer Besserung entgegenzuführen wäre. Da mag es denn in erster .Linie zur Beruhigung dienen, daß auch die Enquete im Großherzogthum Hessen bte schwere Sorge und düstere Befürchtung Derer nicht bestätigt, welche pessimistisch den deutschen Landwirthschaftsbetrieb weit und breit in unheilvolle Zustände verstrickt und von unausbleiblichem Zusammenbruch bedroht erachten, wenn die Agrargesetzgebung und Wirtschaftspolitik durch außerordentliche Maßregeln nicht sofort Abhilfe schaffen. Es ist wahr, trübe genug sieht es da und dort aus, aber ebenso wahr ist, daß die Silberigen deutschen Enqueten mit Einschluß der jetzt in Hessen veranstalteten nichts weniger als denen Recht geben, die von einem beschränkten Beobachtungsfelde aus die landwirthschaftliche Gesammtlage durch den letzten Schluß „untröstlich ist es aller- wärts" charakterisiren zu dürfen vermeinen. Dieses Urtheil, an sich schon unzutreffend, erweist sich besonders verfehlt, wenn es die Gründe für herrschende Nothstände nicht in der Verkehrtheit wirtschaftlichen Gebührens, sondern vor allem in Um- und Zuständen erblickt, die ganz außerhalb der Selbsthilfe des Landwirths liegen. Noch ist c5 "Niemanden geglückt, die von mir früher einmal aufgeworfene Frage zu beantworten, wo'es eine Gegend, einen Ort, ja auch nur eine Einzelwirtschaft gebe, die dem Schicksal des Niederganges oder Zusammenbruchs der Oeconomie anheimfallen mußte, obgleich der Grund und Boden nicht zu theuer erkauft oder erpachtet war; es an hinlänglichem Betriebskapital nicht mangelte; der Bewirtschaftung des Gutes eine zweckmäßige Organisation zu Grunde lag; die Oekonomie mit Intelligenz, Umsicht, Ordnung und Fleiß geführt wurde; die Lebenshaltung des Wirths nicht über seine Verhältnisse Hili ausging. Bis jetzt, so sagte ich 1885 und kann es hier wiederholen, hat es selbst dem verbittertsten Pessimismus nicht glücken wollen, Fälle dieser Art namhaft zu machen und damit die Regel umzustoßen, daß landwirthschaftliche Unternehmungen vom Mißlingen nicht bedroht sind, wenn ihnen obige Bedingungen festen Bestandes zu Statten kommen, d. h. wenn sie Forderungen erfüllen, welche das heutige Gewerbsleben zum Gelingen einer Unternehmung als selbstverständlich erachtet.
Gewiß winkt den Staatsregierungen noch eine schöne, die allgemeine Wohlfahrt fordernde Aufgabe, durch gesetzgeberische Akte dort, wo es fehlt und angebracht ist, dem wirthschaftlichen Aufschwünge Stützen zu verleihen. Deßhalb schließe ich mich auch aus voller Ueberzeugung den Nathschlägen an, welche die dortige Enquete für das mögliche und rathsame Eingreifen der Staatshilfe zu machen sich veranlaßt gesehen hat. Aber alle Maßregeln von dieser Seite würden erfolglos sein, wenn die durchdachten praktischen Vorschläge der Enquete für die auf Selbsthilfe beruhenden Verbesserungen der Technik und Oekonomie unbeachtet verhallen Zollten. Es sind goldene Worte, mit denen der 9. Abschnitt des 1. Bandes Ihres o n genannten Werkes die Betrachtungen über die Rentabilität des landwirthschaftlichen Betriebes schließt:
„Es war gewissermaßen eine geschichtliche Notwendigkeit, daß die heutige Krisis über die Landwirtschaft hereinbrach und daß sich an dieselbe alle die Ausschreitungen hefteten, welche in der Vertretung und Förderung der landwirthschaftlichen Sonder- Interessen im Gegensatz zur Beobachtung des Gemeinwohles zu Tage getreten sind; beim hierdurch war es wohl möglich, in allen Kreisen der gegenwärtigen Bevölkerung der Erkenntniß Bahn zu brechen, daß das Gedeihen der Landwirthschaft mehr noch vielleicht wie das irgend eines anderen menschlichen Beschäftigungszweiges abhängig ist von der Vermehrung ^a^s^egierung und den Männern, welche ihr bei der Veranstaltung und Durchführung der Enquete zur Seite gestanden haben, gebührt jene Anerkennung, we che in ihrer Schlichtheit alles sagt: Sie haben sich für ihr Vaterland in engerer und Weiterer Bedeutung des Wortes wohlverdient gemacht.


