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M. 233 Freitag den 7. Oktober 1887.

(y)ieß en et Anzeiger

Aults- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraßc 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gießen, 6. October.

Die Friedrichrruher Reise de« italienischen Minister- mrisidenten Crispi beherrscht augenblicklich noch vollständig die politische Sesammtlage. Nur kurz ist der Ausenthalt de« italienischen Staatsmannes in dm lruenburgischen Sommerheim unsere» Reichskanzler» gewesen, im Gegensätze m dem vor wenigen Wochen vorangegangenen Besuche de« Grasen Kalnoky. Am Sonnabend Abend tras Crtrpi, von seinen Secretären begleitet, in Fried- lichsruhe etil und schon am Montag Morgen traten die italienischen Gäste die Rückreise nach ihrer sonnigen Heimath an, aber diese verhällntßmäßig nur kurze Dauer de» Besuche« Crirpir beim Fürsten Bismarck ändert an der hohen poli­tischen Bedeutung dieser ziemlich überraschend gekommenen Ereignisse» nicht«. Fast einstimmig wird die Deutschlandsahrt de« römischen Cabinetches» in Deutsch, land, wie in Oesterreich und Italien al» eine neue, gewichtige Frtedenrbürgschast begrüßt und dieser Auffassung entspricht in der That der innige Anschluß Italien« an die deutsch-österreichische Allianz, wie solcher in der Friedrichrruher Reise der leitenden österreichischen Siaatrmanne» zum prägnanten Aurdruck gelangt ist, vollkommen. Da« Bündniß zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien trägt einen ausgesprochenen Friedenscharacter und die Schlußwendung bti Artikel», welchen dieRisorma", da» Organ Crtrpi«, dem Friedrichrruher Besuche der letzteren widmet, bestätigt nur diese Anschauung, indem dar Blatt Meßt, daß Ertrpt zum Wohle der Vaterländer auf der Basis der Völkerrecht« imb der Verträge mitwirken und demnach den Frieden sichern, nicht aber den Stieg vorbereiten werde. Welche speciellen Fragen zwischen Birmarck und Crirpi zur Erörterung gelangt sind, läßt sich sür nicht Eingeweihte ebensowenig mit »estimmtheit beurtheilen, alr dier bei der neulichen Begegnung zwischen dem Kanzler und dem Grasen Kalnoky der Fall war, nur erfährt jetzt die zuerst ausgetauchte Annahme, die Reise Crirpir habe namentlich eine Vermittelung zwischen Italien und dem Vattcan durch Fürst Birmarck zum Zweck gehabt, entschiedenen Widerspruch. Wenn man irgendwo über den Besuch Crirpi» beim deutschen Kanzler nicht besondere entzückt ist, so hat die» von der französischen Presfe zu gelten, welche ihre Verstimmung über da» Ereigniß nur schwer ver­bergen kann, war sich freilich begreifen läßt, man wird sich indessen jenseitr der Bogesen wohl oder übel mit der Reise Crirpi» alr einem Factum abfinden müssen, an dessen Friedenrbedeutung nicht herumgenörgelt werden kann.

Prinz Ludwig von Bayern, welcher bei den Herbstmanöoern der deutschen Flotte bekanntlich der Gast der Kaisers gewesen ist, tras am Dtenrtag in Baden-Baben ein und stattete dem Kaiser seinen Dank für seine Stellung L la suite der Seebataillon» ab. Zugleich stellte Prinz Ludwig den Kaiserlichen Majestäten seinen ältesten Sohn, den Prinzen Rupprecht, vor. klebrigen» ist als ein weiterer Nachklang au» der Zeit der Theilnahme der Prinzen Ludwig an bin Flottenübungen die Verleihung der Großkreuzes der bayerischen Militär- »erbienstordenr an den Ches der Admiralität, von Caprivi, zu verzeichnen.

Der bayerische Cabinetrches, Herr v. Lutz, feierte am vorigen Sonn- abend sein 20jährige» Ministerjubiläum, war den bayerischen Blättern aller Parteirichtungen Anlaß zu eingehenden Besprechungen der ministeriellen Thätigkeit des Jubilars gegeben hat. Die liberale Presse hebt hierbei mit Mtmen Worten hervor, was Herr v. Lutz zuerst als Justiz-, später alr leitender Minister Bayerns für sein Heimathland wie für dar Reich geleistet hat und selbst Blätter, welche, wie dar MünchenerFremdenblatt" und da«Vaterland" de» Herrn Dr. Sigl, mehr ober weniger im Lager der politischen Gegner bei bayerischen Mintsterpräflbenten stehen, erkennen die Leistungen Herrn v. Lutz offen an. Jebenfallr ist Herr v. Lutz ein ebenso energischer wie aufrichtiger Träger bei Reichrgedankenr, ohne hierbei mit seinen Pflichten al» bayerischer Minister ln Conflict zu kommen und so schließt man sich auch im übrigen Deutschland bem Wunsche der bayerischen Presse an, daß Herrn v. Lutz noch eine lange Dhäügkeit in seinem Amte beschieden sein möge.

3m Thronsaale des Münchener Residenzschlosses vollzog sich am Montag in feierlicher Weise die Ueb er gäbe der von den beiden Häusern des bayerischen Reichsrathes als Antwort auf die Thronrede beschlossenen Adressen. Die Überreichung derselben an den Prinz-Regenten Luitpold geschah durch je eine Deputation des Reichsrathes wie der Abgeordnetenkammer und verlasen die beiderseitigen Präsidenten, v. Franckenstein und v. Ow, die Adressen. Dieselben 4aracteristren stch im Allgemeinen als eine Loyalität-- und Ergebenheits-Kund­gebung beider Kammern, in welcher die Bereitwilligkeit der Reichsräthe und er Abgeordneten zur gewissenhaften gesetzgeberischen Weiterarbeit zum Ausdruck kommt.

, Im äußersten Osten des Reiches, in der Stadt Memel, fand am Montag ^rine erhebende Erinnerungsfeier statt, welche dem vor 80 Jahren erfolgten Ein­tritt Kaiser Wilhelms in die Front der Armee galt. Die Feier 'vollzog stch vorwiegend im militärischen Rahmen, aber unter allgemeinster Theil- "ahme der Bevölkerung, die Stadt war durchgängig festlich geschmückt.

Der Streithandel Deutschlands mit Malietoa, dem Be- errscher Samoas, hat jetzt eine sehr einfache Lösung gesunden, indem Malietoa, uer stch an die Deutschen ergeben hatte, aus das KriegsschiffAdler" geschafft W fortgeführt wurde. Die .Engländer und Amerikaner aus Samoa scheinen «M Verthetdigung ihres bisherigen Schützlings keine Hand gerührt zu haben, lvar jedoch weiter mit der braunen Majestät geschehen soll, ist noch unbekannt.

Deutschland.

Darmstadt, 5. October. Militärdienstnachrichten. Dr. Ra­benau, Stabs- und Bats.-Arzt vom 2. Bat. 2. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Großherzog) Nr. 116, zum Ober-Stabsarzt 2. Kl. und Regts.-Arzt des 2. Großh. Mecklenburg. Drag.-Regts. Nr. 18, Dr. Proelß, Asfistenz-Arzt 1. Kl. vom 2. Garde Ulanen-Regt., zum Stabs- und Bats.-Arzt des 2. Bats. 2. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Großherzog) Nr. 116, Dr. Platz, Unterarzt der Res. vom 1. Bat. (Gießen) 2. Großh. Hess. Landw.-Regts. Nr. 116, zum Assistenz-Arzt 2. Kl. der Res. befördert; Greifenhagen, Asststenz-Arzt 2- Kl. vom 2. Großh. Hess. Ins.-Regt. (Großherzog) Nr. 116, kommandirt bet der Marine, zur Marine versetzt.

Berlin,^ 4. October. Reichskommissar und Unterstützung sür die Ausstellung in Melbourne. Dem Bundesrath ist folgende Mittheilung zugegangen:Die Colonialregierung von Victoria hat beschlossen, im Jahre 1888 zur Feier des hundertsten Jahres der Gründung der ältesten Colonie Australiens Neu-Süd-Wales, eine internationale Ausstellung in Melbourne abzuhalten. Diese Ausstellung soll am 1. August 1888 er­öffnet, am 31. Januar 1889 geschloffen werden und neben dem gesammten Gebiete der Industrie und der Landwirtschaft auch die bildenden Künste um­fassen. Das Programm der Ausstellung, welches über das Unternehmen und namentlich über die Ausstellungsbedingungen nähere Auskunft gibt, ist den verbündeten Regierungen bereits mitgetheilt worden. Die Regierung von Victoria hat der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß eine rege Betheiligung deutscher Aussteller stattfinden werde. Auch in den gewerblichen Kreisen Deutschlands wird der Ausstellung anscheinend ein lebhafteres Interesse entgegengebracht. Der Centralverein für Handels-Geographie und Förderung deutscher Interessen im Auslande hat in einer am 15. April d. I. abgehaltenen Hauptversammlung die Angelegenheit einer Erörterung unterzogen und dabei Resolutionen gefaßt, in welchen von der Annahme ausgehend, daß eine ausgewählte Betheiligung an der fraglichen Ausstellung im Interesse unseres Exporthandels geboten sei, dem Wunsche Ausdruck gegeben wird, es möge eine wirksame materielle Unterstützung der deutschen Aussteller, sowie die Entsendung einer Ausstellung--Commiffars von Seiten des Reiches erfolgen. Diesen Resolutionen hat stch auf Anregung des Centralvereins, abgesehen von zahlreichen Gewerbetreibenden, auch ein Theil der Vertretungen des Handels- und Gewerbestandes angeschloffen. Zur Be­gründung wird daraus hingewiesen, daß durch die Ausstellungen zu Sidney und Melbourne in den Jahren 1879 und 1881 dem deutschen Gewerbe und Handel namhafte Vorlhetle erwachsen seien. Seitdem habe stch unser dortiges Absatz­gebiet beständig erweitert. Bei den Anstrengungen, welche seitens anderer Nationen sür die nächstjährige Ausstellung in Melbourne gemacht werden, sei zu befürchten, daß ein Theil der seitherigen Errungenschaften verloren gehen werde, wenn die deutsche Industrie jetzt zurückstehe. Letzterer sei aber ein ihrer Bedeutung angemessenes Auftreten nur dann möglich, wenn ihr von Seiten des Reiches in ähnlicher Weise Unterstützung zu Theil werde, wie dies bei den früheren australischen Ausstellungen geschehen sei. Wenngleich ein stcherer An­halt dafür, in welchem Umfange eine Betheiligung deutscher Aussteller zu er­warten ist, zur Zeit noch fehlt, so wird doch mit Rückficht darauf, daß der Termin zur Anmeldung für die Melbourner Ausstellung am 31. October d. I. abläust, schon jetzt eine Entscheidung darüber zu treffin sein, ob jener aus den betheiligten Kreisen hervorgegangenen Anregung Folge gegeben werden soll. Unter den Maßregeln, welche in dieser Beziehung von Seiten des Reichs er­griffen werden können, wird, wie bei früheren australischen Ausstellungen, in erster Linie die Vertretung des Reichs durch einen Commissar in Frage kommen, welchem die zweckmäßige Organisation der deutschen Betheiligung, die wirksame Vertretung der Rechte der Aussteller, sowie die Verwerthung der aus der Aus­stellung stch darbietenden Wahrnehmungen obliegen würde. Außerdem wird zu erwägen sein, ob und in welchen Grenzen etwa eine materielle Unterstützung der Aussteller durch theilweise Uebernahme, sei es der Transport-, sei es der E:n- rtchtungs- oder Beaufstchtigungskosten, angezeigt erscheint. Der Bundesrath wird ersucht, über die obigen Fragen Beschluß fassen zu wollen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. «Korrespondenz- Buren«.

Berlin, 5. October. Die Strafkammer des Landgerichts verurtheilte den Stations-Assistenten Arnold wegen Gefährdung eines Eisenbahntransports durch Unter­lassung pflichtmäßiger Sorgfalt, wodurch am 19. Juni die bekannte Katastrophe bei Wannsee herbeigeführt wurde, zu einjährigem Gefängniß.

Berlin, 5. October. Heute Nachmittag 3 Uhr fand auf dem Matthaikirchhofe die Beisetzung Langenbeck's und seiner vor zwei Jahren ihm vorausgegangenen Gattin statt. Die Särge waren auf das Reichste mit Palmen und Kränzen geschmückt, darunter Kränze und Palmenwedel vom Kronprinzenpaar, den Adjutanten des Kaisers, dem badischen Gesandten von Btberstein, von der deutschen chirurgischen Gesellschaft, dem hiesigen ärztlichen Bezirksvereine, von Stabsärzten, Sanitätsofficieren in Metz unv Mainz. Das Osfictercorps des Rheinischen Ulanenregiments Nr. 7 hatte besonders schöne Kranze niedergelegt. Im Trauergesolge befanden stch außer den nächsten An­gehörigen die sämmtlichen in Berlin und Potsdam anwesenden Adjütomten des Karsers und des Kronprinzen, zahlreiche Ofstciere aller Grade, darunter die Gmerale WrMen und Sasse, ferner die Minister Lucius und Goßler. Bon der chirurgischen waren die Professoren Volkmann, Bergmann und Bardeleben entsandt. Die berliner Universität war vertreten durch den Rektor Professor Vahlen, die Professoren Dubois-