Ausgabe 
7.4.1887 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 82 Erstes Blatt. Donnerstag den 7. April 1887^

Aints- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen.

V'

I

Itv. .

W

A

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Klagen und sonstige Erklärungen und Anträge sind bei unseren Gerichtsschreibereien an allen Wochentagen Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr Vorzubringen. Wer einen Amtsrichter sprechen will, ohne vorgeladen zu sein, hat sich Mittwochs Vormittags einzusinden.

Gießen, den 2. April 1887. Großherzogliches Amtsgericht.

Langsdorfs.

Politische lieberficht*

Kietzen, 6. April.

Heber die diesjährigen Reisen des Kaisers steht noch nichts Bestimmtes fest, nur das Eine ist bekannt, daß der Monarch am 5. September in Königsberg eintrifft, um von dort aus den Manöoern des 1. Armee-Corps beizuwohnen; von Königsberg gedenkt sich der Kaiser nach Stettin anläßlich der Hebungen des 2. Armee«Corps zu begeben. Selbstverständlich hängt die Auf­rechterhaltung dieses Programms ganz von dem Befinden der hohen Herrn ab. Dagegen vernimmt man, daß etwa um Mitte April die gesammte kronprinz- llche Familie zu einem mehrwöchentlichen Ausenlhalte in Ems eintrifft und daß Jber Kronprinz selbst eine Kur gebrauchen wird.

Die Neuregelung der elsaß-lothringischen Angelegen­heiten will noch immer nicht in Fluß kommen, scheint, als ob sich in den Berliner maßgebenden Kreisen in dieser Frage zwei Anschauungen entgegenstehen. Es heißt nämlich, daß einerseits die gänzliche Umänderung der jetzigen staats­rechtlichen und politischen Stellung Elsaß-Lothringen» befürwortet werde, während man anderseits vorschlage, Elsaß - Lothringen als besonderes Staats­wesen im Reiche, aber in modificirter Form, sortbestehen zu lassen. Nach welcher Richtung hin die schließliche Entscheidung fallen wird, bleibt abzuwarten, immerhin läßt sich bereits übersehen, daß der Verbleib der Statthalterschaft, und zwar auch ferner in den Händen des Fürsten Hohenlohe, gesichert ist, sodaß Sie Gerüchte über die Wiedereinsetzung eines bloßen Oberprästdiums in Straß­burg als hinfällig zu betrachten wären. Dagegen soll der bisher von Herrn D. Hofmann verwaltete Posten eines besonderen Staatssecretärs für die Reichs­lande in Wegfall kommen und würden demnach dessen Functionen mit denjenigen des Statthalters verschmolzen werden. Weiter verlautet, daß die seitherigen elsaß-lothringischen Unter - Staatssecretäre v. Mayr (Finanzen und Domänen) und Ledderhose (Handel, Gewerbe und Landwirthschast) zur Disposition gestellt und daß zu ihren Nachfolgern der bisherige Bürgermeister von Straßburg, Back, und resp. der Regierungs-Präsident Studt in Königsberg ernannt worden seien. Im Uebrigen erhält sich die Angabe, daß demnächst Bundesrath wie Reichstag mit den reichsländischen Angelegenheiten besaßt werden sollen.

Im Reichstage wird gleich nach der Osterpause eine Vorlage, betr. den Ausbau einiger im militärischen Interesse wichtigen süddeutschen Eisen­bahnlinien unter finanzieller Bethetligung des Reiches, eingebracht werden. Mit der Vorlage soll sich auch eine für nächsten Monat bevorstehende außer­ordentliche Session des badischen Landtages beschäftigen.

Gras Schuwalosf, der russische Botschafter in Berlin, hat sich nach Petersburg begeben. Ob seiner Reise politische Motive zu Grunde liegen ober ob zu chr Familien'Angelegenheiten Veranlassung gegeben haben, wie von einer Seite verlautet, muß einstw.'ilen dahingestellt bleiben.

Herr v. Keudell, der seitherige deutsche Botschafter in Rom, überreichte am Samstag dem König Humbert sein Abberufungsschreiben und wird er in diesen Tagen die italienische Hauptstadt verlassen. Bei der Be­deutung, welche der deutsche Botschafterposten am römischen Hose gerade unter den obwaltenden politischen Verhältnissen besitzt, erscheint eine rasche Mederbe- schung desselben dringend geboten, dennoch scheint die Personensrage noch nicht gelöst zu sein. Das Gerücht, wonach der Botschafter in Konstantinopel, Herr v. Radowitz, zum Nachfolger Keudell's aus ersehen sein solle, wird von compe- tenter Seite als durchaus unbegründet bezeichnet und allerdings ist Herr o. Radowitz, da er als hervorragender Kenner der orientalischen Verhältnisse gilt, von seinem Slambuler Posten kaum abkömmlich. Ein anderes Gerücht, wonach der Staatssecretär des Aeußern, Graf Herbert Bismarck, für den römi­schen Botschafterposten designirt sei, verdient wohl nur als Curiosum erwähnt zu werden.

Petersburger Privat-Meldungen zufolge ist der Streit zwischen Giers und Katkow dahin zum vorläufigen Austraq gebracht worden, daß der Czar Herrn Katkow wegen feiner ungenirten Kr k der bekannten deutsch­freundlichen Erlässe imRegier.-Boten" einen Vern., s hat ertheilen lassen. Die Affaire wäre demnach, äußerlich betrachtet, zu Gu.-sten des leitenden russi­schen Staatsmannes verlaufen, aber mit dem Herrn Katkow zu Theil gewor­denen ,. Rüffel" ist der Kampf zwischen den beiden Richtungen in der russischen Politik offenbar nicht beendigt, sondern nur vertagt worden. Daß Herrn Katkow au» seiner fortgesetzten Opposition gegen die von Herrn v. Giers vertretene Politik weiter nichts Nachtheiliges erwächst, als eine einfache Vermahnung, sich etwas zu mäßigen, ist jedenfalls für feinen Einfluß bezeichnend und für letzteren spricht auch die Art und Weise, in welcher sich osficiöse Petersburger Stimmen über denFall Katkow contra Giers" äußern. Eine solche findet fich in der Polit, Corresp.", es heißt da u. A., daß nicht Übersehen werden dürfe, welche

Verdienste sich Herr Katkow um Rußland durch seine publicistische Thätigkeit erworben habe. Namentlich wird aus seine entschlossene Stellungnahme gegen­über dem letzten polnischen Ausstande wie der nihilistischen Agitation hingewiesen und hieraus gefolgert, daß sich Herr Katkow durch diese Stellungnahme in der That da» Anrecht auf eine gewisse Schonung seitens der Regierung erworben habe. Nun, es ist ja bekannt, wie Katkow dieses Anrecht in seinerMosk. Zeitung" auszunutzen versteht und so wird ihm denn auch die erhaltene Ver­mahnung keine besonderen Schmerzen machen!

Die Reconstituirung des italienischen Cabinet» Depretis durch den fignalisirten Eintritt der Herren Crispi und Zanardelli kann noch immer nicht als eine vollzogene Thatsache betrachtet werden, vielmehr schweben hierüber noch die Verhandlungen. Es scheint, daß über gewisse Fragen bet inneren wie äußeren Politik noch kein volles Einverständniß zwischen ben beiden Führern der italienischen Kammer-Opposition und den Herren Depretis und Robilant zu erzielen gewesen ist. Inzwischen werden jedoch die Meldungen über die angebliche Abneigung Crispis gegen den festen Anschluß Italiens an Deutsch­land und Oesterreich entschieden mobificirt, im Gegentheil, der Hauptsührer der italienischen Opposition soll ein warmer Freund Deutschlands fein und sich voll­ständig zustimmend über die Erneuerung der mitteleuropäischen Tripel-Allianz geäußert haben. Immerhin steht zu vermuthen, daß es noch gewisse Schwierig­keiten zu beseitigen giebt, welche sich dem definitiven Eintritte Crispis und feine» Freundes Zanardelli in» römische Cabinet entgegenstellen.

Die afghanische Grenz frage wird demnächst Gegenstand neuer Verhandlungen zwischen England und Rußland sein, welche in Petersburg geführt werben sollen. Es handelt sich noch um die Feststellung der neuen afghanisch- turkmenischen Grenze für eine gewisse Strecke des Amurlauses, Die als geeig­neter Flußübergang strategischen Werth besitzt und die Russen beanspruchen die­selbe für die Turkmenen, die Engländer für den Emir von Afghanistan. Nach den in London wie in Petersburg vorherrschenden Dispositionen kann nicht bezweifelt werden, daß dort wie hier die ernstliche Absicht besteht, das lang­wierige afghanische Grenzregulirungs-Geschäft endgültig zum Abschluß zu bringen und so steht auch eine Verständigung üben den noch streitigen Theil der neuen afghanisch-turkmenischen Grenze zu erwarten. Die Gerüchte über die zum heiligen Krieg" gegen Rußland auffordernde Proklamation des Emirs Abdur- rhaman sind ja foeben gleichzeitig von englischer wie von russischer Seite als belanglos bezeichnet worden und selbst wenn in Afghanistan neue Unruh n herrschten, so würden sie den Charakter der russisch-englischen Beziehungen vor­läufig unberührt lassen. An und für fich betrachtet, mögen in Afghanistan die Zustände wie immer geartet fein Europa kümmert sich darum sehr wenm. Allgemeinere Tragweite erhalten die dortigen Vorgänge einzig und allein durch den Rückschlag, den sie vielleicht auf die Gestaltung des englisch-russischen Ver­hältnisses auszuüben vermöchten und die bevorstehende Wiederaufnahme der Ver­handlungen über die afghanische Grenzfrage in Petersburg zeigt, daß biefts Verhältniß gegenwärtig durchaus ungetrübt ist.

Deutschland.

Darmstadt, 5. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädlgst geruht:

Am 16. März den Lehrer an der Vorschule des Gymnasiums zu Gießen Philipp Jacobi zum Lehrer an der Realschule zu Alzey, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an, zu ernennen.

Italien.

Rom, 4. April. Die amtliche Zeitung meldet: Der König nahm b*e Demission der Minister Robilant, Ricotti, Tajanl und Genala an und ernannt? Depretis unter Erhebung von dem Posten als Minister des Innern zum Mi­nister des Auswärtigen/ Crispi wurde zum Minister des Innern ernann-, Bertole Viale zum ftrtegminifter, Zanardelli zum Justizminister und Saracc.'» zum Minister Der öffentlichen Arbeiten, die übrigen Minister behalten tue Portefeuilles. Die neuen Minister legten Abends 6V2 Uhr den Eid in Hände des Königs ab. In einer heute Nachmittag stattgehabten Sitzung < Ministerraths wurde beschloffen, die Kammer am 18. d. Mts. wieher yi e ir nen; sodann wurde über die Reihenfolge der parlamentarischen Aroei : handelt. Cocco Ortu ist zum Unter-Staatsfecrelär im Justizmimstenu ; '

worden, die übrigen Unter-Staatssecretäre sollen noch vor dem M der Kammer ernannt werden.